Jahrgang 
1868
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Was? wiederholte der Andere ſchärfer.

Ihre Frau Schweſter iſt außer ſich über die Sache!

Ueber welche Sache? Daß die Leute beſtändig den Schwanz einer Geſchichte vor dem Kopf auftiſchen! murrte der Fabrikant.

Und Sie wiſſen auch noch nichts davon, mein Fräu⸗ lein? wandte der Barbier ſich an die junge Dame, die ihn indeß ohne Antwort ließ. Brauſewetter machte eine heftige Bewegung, der ein Donnerausbruch des Zornes folgen ſollte; Naſcher kam ihm jedoch mit geläufiger Zunge zuvor:

Geſtern alſo in der Theeſtunde, während Frau Kühl bei Frau Biberſtein war, hat Herr Kühl einen neu zu uns verſetzten Regierungsrath als Miether in ſeine Bel⸗Etage auf⸗ genommen. Was ſagen Sie dazu?

Einen Regierungsrath? fragte zweifelnd, indem er den Kopf zurückwarf.

Es iſt kaum zu glauben, aber es iſt ſo, beſtätigte der Berichterſtatter,einen Regierungsrath, den das Miniſterium erpreß geſchickt, um ſich über die Stimmung der Gemüther in unſerer Stadt zu unterrichten

Alſo Vermehrung der Polizei? ſiel der Hörer ein.

Natürlich! eiferte der Barbier.Es wird ſeine Auf⸗ gabe ſein, die Misvergnügten zu erforſchen und von oben her wird man dann ſchon Mittel finden, uns die gewünſchte Ergebenheit mit Gewalt einzuimpfen. Ich habe aber bereits

Was Sie haben, kümmert mich nicht, ſchnitt ihm Brauſewetter den Faden ab.Die politiſche Urtheilsloſigkeit meines Schwagers kenne ich, allein daß er einem zur Unter⸗ drückung jeder freien Regung berufenen Staatswerkzeuge Ein⸗ tritt in ſein Haus und gar Wohnung gewährt, das hätte ich ihm nicht zugetraut! Ich werde mich augenblicks ankleiden und zu meiner Schweſter gehen. Ohne dem Barbier für ſeine Mittheilung zu danken, verließ er das Zimmer durch eine Seitenthür.

Livia trat jetzt dem Neuigkeitskrämer einen Schritt näher: Wer hat Sie denn angeſtellt, meinem Vater zuzutragen, was bei unſern Verwandten geſchieht?

Naſcher trat ebenfalls einen Schritt vor, verbeugte ſich und nahm die dritte Tanzpoſition an:Ich wußte, es würde Herrn Brauſewetter intereſſiren, und ich möchte mich Herrn Brauſewetter ſo gern in jeder Hinſicht gefällig zeigen.

Das iſt recht ſchön und gut, es gibt aber auch falſche Gefälligkeiten, Herr Naſcher! Ich ſehe infolge Ihres Eifers mit Furcht die Eintracht unſerer Familie bedroht.

Mein Gott, vertheidigte ſich der Barbier,Herr Brauſewetter hätte die Sache ja doch erfahren!

Aber durch Tante oder Onkel Kühl ſelbſt! entgegnete Livia zurechtweiſend.

Frau Kühl würde ſie ihm noch entrüſteter vorgetragen haben! 2

Doch der Onkel wäre dann zugegen geweſen, Um ſeine Gründe darzulegen, die ihn zur Aufnahme des Regierungs⸗ raths beſtimmt, und Papa hätte ſich vielleicht begütigen laſſen. Wurzelt ein Verdruß erſt bei ihm ein, ſo ſei der Gegenſtand groß oder geringfügig, die Verſöhnung hält un⸗ endlich ſchwer. Sie ſollten das wiſſen, Sie kennen ihn lange genug!

Naſcher klemmte, während die junge Dame aigrirt hin und her ging, mit ſeiner Linken den Scheerbeutel feſter unter die rechte Achſel und drückte die dadurch freigewordene Hand auf die Herzgegend:Mein Fräulein

Das Fräulein hörte ihn nicht.Ich weinte mich blind, überwürfen fich die beiden Männer, die mir ſo nahe ſtehen, einmal ernſtlich!

Mein Fräulein S

Sie hörte ihn wieder nicht.Woher wiſſen Sie denn übrigens, Herr Naſcher, mit was für Inſtructionen der neue Regierungsrath ausgerüſtet iſt?

Man erzählte mirs, rapportirte der Schaumſchläger, im Elephanten, wo er die erſten zwei Tage ſein Abſteige⸗ quartier genommen.

Brauſewetter noch

Kreiſe

Er wird das Dienſtperſonal dort, verſetzte Livia,

unzweifelhaft in ſeine Amtsbefugniſſe eingeweiht haben. Sie barbieren ja wohl die Fremden in dem Hotel? fügte ſie hinzu. Ich beſuche allerdings die Gäſte des Morgens. Hat denn nun der Mann ein als ob die Stadt ſich auf Böſes von ihm gefaßt machen müßte? Naſcher warf ſich in die Bruſt:Ich kenne ihn nicht.

Als Bürger und Innungsmeiſter hierorts habe ich abgelehnt,

ein Organ der neuen Regierung zu raſiren!

So? ſprach Livia erregt weiter,Sie kennen den Herrn nicht, colportiren aber unverbürgte Gerüchte, die von vornherein Haß gegen ihn erwecken?

Ich begreife nicht, äußerte der Mann des Scheer⸗ meſſers niedergeſchlagen,woher Ihr ungewöhnliches Intereſſe, mein Fräulein, für die Perſon des

Sie ließ ihn nicht enden.Meine Theilnahme iſt wohl ſehr natürlich! Die Beamten der Krone finden ſammt und ſonders keine beneidenswerthe Stellung in unſern Mauern. Ich kann mir vorſtellen, der arme Regierungsrath iſt ein be⸗ jahrter Herr, der nun mit Weib und Kind

O bitte, berichtigte der Tageschroniſt,er iſt unbe⸗ weibt!

Deſto übler für ihn, klagte Livia,wenn er allein ſteht! So bietet ihm nicht einmal ſeine nächſte Umgebung Troſt für den verbannungsähnlichen Zuſtand, worin er hier leben wird.

Erlauben Sie, mein Fräulein, begann der Barbier, Damen ſelbſt Damen von Ihrem Eſprit ſind zu wenig mit den politiſchen Nothwendigkeiten vertraut. Um der Krone zu zeigen, mit welchen Augen wir die Vollziehung der Annexion betrachten, müſſen wir uns ſtreng zugeknöpft halten und dürfen keinem Mitgliede irgend einer Staatsbehörde das geringſte geſellſchaftliche Recht einräumen. Nur die ent⸗ ſchiedenſte, ſo zu ſagen hermetiſche Abgeſchloſſenheit unſerer

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Was bedeutet hermetiſch, Herr Naſcher? unterbrach

ſie die Rodomontade, der ſie bis dahin mit verwundertem Auge und Ohr gefolgt war.

Was hermetiſch bedeutet, mein Fräulein? wiederholte der aus dem Contert Gebrachte, ſeine Cravatte hin⸗ und her⸗ ſchiebend.Urſprünglich bedeutet es: luftdichte Ofenthüren!

Livia biß ſich abgewendet auf die Lippe, ihr Unmuth war verrauſcht unter dem Einfluß der unfreiwilligen Komik Naſcher's, der ſelbſtzufrieden hoch aufathmete und ſeine Stirn⸗ löckchen drehte. Da die junge Dame die eingetretene Pauſe

nicht abkürzte, fühlte er ſich dazu verpflichtet und ſetzte den

rechten Fuß elegant auswärts:Mein Fräulein, hätte ich übrigens denken können, durch die Neuigkeit, die ich Herrn Brauſewetter gebracht, Ihnen im Mindeſten zu misfallen, ſie wäre nie über meine Lippe geſchlüpft! 8

Man merkt, lächelte Livia,daß Sie in Paris conditionirt haben.

Es freut mich außerordentlich, erwiderte Naſcher ver⸗ klärt,wenn mein Weſen die Spuren des Aufenthalts in der Weltſtadt trägt. Man eignet ſich den wahrhaft feinen Schliff nirgend gründlicher an als am Geſtade der Seine.

Auch die gewählten Ausdrücke, wie es ſcheint, ver⸗ ſetzte Livia mit trockenem Ernſt.

Ich habe ſtets Gewicht darauf gelegt, antwortete er geſchmeichelt.

Es thut ſehr wohl, gut ſprechen zu hören! bemerkte das Mädchen.

Ihr Lob machte ihn kühner. unſer Gefühl, mein Fräulein?

Wirklich? fragte ſie ſchalkhaft.

Sie zweifeln? O, wenn ich es zum Beiſpiel wagen dürſte, vor Ihnen mein Gefühl in Worte zu kleiden

Befindet Ihr Gefühl ſich in ſo dürftigen Umſtänden? forſchte ſie mit einer Ironie, die dem Barbier trotz ihrer Klarheit entging.

Im Gegentheil, mein Fräulein, verſicherte er.Ich fürchte nur gewiſſe ſociale Schranken.

Wie unſer Accent, ſo

Indeß da wähtend.

mein