Jahrgang 
1868
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was ſollen die armen Kinder auch von Dir denken, wenn Du die Hände in die Taſchen ſteckſt, ärgerlich im Zimmer hin- und hergehſt und ausrufſt:Soll mir noch'mal Einer mit Jeruſalem kommen!

Ich fürchte ſehr, alle dieſe Unternehmungen werden den Un⸗ glauben in der Chriſtenheit befördern, ſie werden unſere Heiligthümer zertrümmern, die frommen Stätten profaniren, und da wir einmal am Materiellen, am Gelde hängen, die Religion für immer unter⸗ graben. Und was nutzen da alle Maßnahmen unſerer frommen Ver⸗ eine und Geſellſchaften noch! Sagt einem Menſchen, es ſei ein Steinbruch von Schweizerkäſe entdeckt worden, er wird eine Actie darauf nehmen; ſagt ihm, er ſolle ſich an einem edlen Werk zur Rettung einiger tauſend Seelen betheiligen, er wird das ſehr übel nehmen.

Nie iſt es mir klar geweſen, was eigentlich die engliſche Miſ⸗ ſionsgeſellſchaft mit allen den Tractaten zu erreichen gehofft hat, die ſie während der Weltausſtellung auf dem Marsfelde vertheilt hat. Man berechnet jetzt, daß dieſe Geſellſchaft zwölf Millionen die⸗ ſer Tractate in allen nur denkbaren lebenden Sprachen gedruckt, an alle Angehörige aller Nationen vertheilt hat, deren ſie überhaupt nur habhaft werden konnte. Ihre Colporteure, d. h. ihre Boten ſind uicht faul, uicht ökonomiſch geweſen; ich allein habe während meiner Beſuche auf dem Marsfelde mindeſtens vierzig oder funfzig dieſer kleinen Broſchüren erhalten, die ich aus Höflichkeit nicht zurück⸗ weiſen konnte und die alle die Ueberſchrift trugen:Glaubſt du an Gott? Willſt du ſelig werden? Liebſt du deinen Nächſten? oder was es ſonſt für indiscrete Fragen gab, die auf der Stelle zu beantwor⸗ ten mich in einige Verlegenheit geſetzt haben würden.

Zwölf Millionen! Und man denke ſich, die Miſſionsgeſellſchaft hat ihren ganzen Vorrath nicht einmal umſonſt loswerden können, denn als die Ausſtellung geſchloſſen ward, nachdem die Boten jedem Vorübergehenden die Tractate, um damit zu räumen, dutzendweiſe in die Hand geſteckt hatten, da fand man, daß noch zweimalhundert⸗ tauſend Tractate übrig geblieben waren!!!

Ich bin trotz meiner funfzig Tractate nicht frommer geworden, Andre auch nicht, denn ich ſehe ſie nach wie vor dieſelben gottloſen Werke üben; was alſo hat das Alles genutzt, und wär' es nicht beſſer geweſen, man hätte das Geld, das dieſe Schriften gekoſtet, an die Armen gegeben, oder ihnen ein Brod anſtatt des Papiers ge⸗ reicht?

Doch, reden wir von weltlichen Angelegenheiten.

Geſtern ward mir eine ſeltſame Ueberraſchung zu Theil. Ich ſitze morgens da und denke an nichts Böſes; da kommt mein Burſche, meldet mir einen Beſuch und gibt mir eine Karte, auf der mit Blei geſchrieben ſteht:Dr. Gr. m aus London.

Laß den Doctor hereinkommen! ſage ich, und ſiehe da, vor mir ſteht eine noch junge Dame in einfachem dunklem, aber elegan⸗ tem Anzuge, redet mich franzöſiſch mit engliſchem Dialekt an und übergibt mir den Brief eines Freundes aus London.

Natürlich blicke ich noch immer zur Thür, um das Eintreten des Doctors zu erwarten, bitte die junge Dame, Platz zu nehmen und öffne den Brief.

Der Doctor ſelbſt ſtand vor mir. Mein guter Freund ſchreibt mir: Dr. Gr... m, die junge Dame, die er an mich zu adreſſiren ſich erlaube, wünſche als Aerztin aus London die pariſer mediziniſchen Anſtalten zu beſuchen, ich möge ihr zu Dienſten ſein, wo ich könne.

Ich hatte alſo ein lebendiges Exemplar der weiblichen londoner Aerzte vor mir, von denen ich geleſen! Mit Verwunderung blickte ich mir meinen Doctor an; ein Scherz lag mir auf der Zunge. Aber ſie erwiederte meinen Blick mit einem ſolchen Ernſt, mit ſolcher wiſſenſchaftlicher Würde, daß mir die Laune verloren ging.

Dr. Gr.. m iſt ein junges Weib von vielleicht 28 Jahren. Sie iſt nicht ſchön, aber ſie hat feine engliſche Züge, ein ſchönes großes Auge, ſchön geſchnittene Lippen und eine ſchlanke, zarte Figur. Und dieſes zarte Weſen iſt Doctor der Medizin und Chirurgie! Sie will hier in den Kliniken Kranke und Leichen be⸗ ſehen, will die Anatomie beſuchen, und ſie ſieht doch ſo intereſſant aus, iſt ſo liebenswürdig in ihrer Unterhaltung, hat ein Auge, das ſeelenvoll in die Welt hinein blickt, daß ein Geſunder ihr kaum den Puls anvertrauen könnte, ohne ihn ſchneller und lauter ſchlagen zu hören! Es iſt unglaublich, auf was für Ideen die Frauen gerathen, denn Dr. Gr. m ſagt mir, es ſeien außer ihr wohl noch an funfzig ſolcher weiblichen Aerzte in London!

Paris, im November. Hans Wachenhuſen. Die Parade vor dem Circus.

Gemälde von Paul Meyerheim.

Es giebt ein altes Bänkelſängerlied, welches diewahre und ſchreckliche Begebenheit, von der es ſingt, mit der Strophe ſchließt: Weil er hatt' auf dieſer Welt Keinen Silbergroſchen Geld,

Drum erſchlug er dieſen Mann; Jeder nährt ſich, wie er kann!

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empfehlen wollen.

An diesJeder nährt ſich, wie er kann! wird män unwill⸗ kürlich erinnert, wenn man das Meherheim'ſche Gemälde ins Auge faßt, wovon derHausfreund heut ſeinen Leſern ein verkleinertes Abbild bringt. Der noch junge Künſtler hat ſich namentlich als hu⸗ moriſtiſcher Thiermaler einen Namen gemacht, und auch auf unſerm Bilde liegt in den Thiergeſtalten ebenſo viel Komik wie in den menſchlichen Figuren darauf und daneben. Wir haben hier eine Geſellſchaft ſogenannterengliſcher oderſpaniſcher Bereiter vor uns, wie ſie zu den Jahrmärkten in kleinen Provinzialſtädten erſcheint und ihre Bretterbude unter dem NamenCircus aufſchlägt. Der Director der Truppe weiß, daß er nicht, wie ſeine glücklicheren Col⸗ legen Renz, Wollſchläger, Loiſſet u. A. in den Hauptſtädten Europas, einfach ſeine Ankunft anzukündigen braucht, um das Publikum herbei⸗ zulocken, ſondern daß er zu ſtärkern Mitteln ſeine Zuflucht nehmen muß. Die Leute in kleinen Städten und auf dem platten Lande ſind mistrauiſch gegen dieKunſt, noch mistrauiſcher gegen die Künſtler; deshalb iſt es nothwendig, ihnen Vertrauen einzu⸗ flößen. Zu dem Behuf wird ein halbes Dutzend Stadtpfeifer, reſp. Dorfmuſikanten, deren Einer der großen Pauke mächtig ſein muß, auf ein erhöhtes Gerüſt vor den Circus gepflanzt und erhält die Aufgabe, zuvörderſt die Ohren der Einwohner zu kitzeln. Iſt das Conzert im Freien von dem gewünſchten Erfolg begleitet, das heißt: nähern ſich Zuhörer, ſo ſorgt der ſchlaue Director dafür, daß auch die Augen derHerrſchaften geweidet werden. Er führt im Ath⸗ letencoſtüm den alten Schimmel heraus, auf welchem ſeine Frau Venus und ihr Sohn Amor ſich präſentiren. Dabei befreundet er ſich in eigner Manier mit der neugierigen Jugend des Orts, indem er den ihm zunächſt ſtehenden kleinen Barfüßler unter angemeſſenen Späßen am Ohrläppchen zupft, bis Alt und Jung lacht und in eine Stimmung geräth, die zur Zahlung des Eintrittspreiſes in den Eircus geneigt macht. Dann rückt er mit Stentorſtimme die Leiſtungsfähig⸗ keit des Gauls, der Dame und des Wunderkindes in ein glänzendes Licht, weiſt hinter der Frau Venus auf denMarſchall der den hartmäuligen Rappen durch die Kraft ſeiner Lenden zu bewegen ſucht, daß er den Schimmel kameradſchaftlich behandelt und nicht ſtößt; denn das alte Thier kann wenig Stöße vertragen. Des⸗ gleichen lenkt der Director die Blicke auf den kecken Ponh und den ebenſo kecken Knaben, der ihn verkehrt ohne Sattel reitet, während der wohldreſſirte weiße Pudel,der bei der Vorſtellung durch Feuer ſpringen und auf zwei Stühle zugleich klettern wird, vorläufig zu ſeinem Privatvergnügen einen Satz in die Luft unternimmt, bei wel⸗ chem der Ponh eine boshafte Abſicht auf ſeine Naſe zu wittern ſcheint, aus dem Innern des Circus trottet noch eine Ritterin hoch zu Roß heraus, um Anziehungskraft zu üben. Sie würde ihrer gra⸗ ziöſen Geberde nach viel lieber ſchlafen gehen, aberdie Arbeit wie Seiltänzer und Kunſtreiter ihre Produktionen nennen geht der Erholung vor, und ſie muß die Augen gewaltſam öffnen, indeſſen das hochzuverehrende Publikum ſie freiwillig aufreißt, weil der Di⸗ rector ihm den Genuß prophezeit, dieſe auf den Gaul gegoſſene Dame durch vierundzwanzig Tonnenreifen ſpringen zu ſehen, deren größter kaum den Umfang ihrer Taille haben ſoll.

Natürlich glaubt der biedre Kleinſtädter, daß ihn hinter der ge⸗ heimnißvoll verſchleierten Bretterwand noch hundert andere Wunder erwarten, und das geſchminkte Elend erreicht ſeinen Zweck,die Bude wird voll, wie der Direetor triumphirend ſagt.

Niemand hat das Leben und Treiben dieſer von Flecken zu Flecken, von Land zu Land herumreitenden Geſellſchaften wahrer und zugleich ergötzlicher geſchildert, als der jetzt greiſe Karl von Holtei in ſei⸗ nem dreibändigen RomanDie Vagabunden ein Werk, das wir bei dieſer Gelegenheit Jedem, der es noch nicht lennt, beſtens Freilich kann der Schriftſteller auch die Schatten⸗ ſeiten, die Tragik der zigeunerhaften Kunſtfahrten nicht verſchweigen, aber eben der beſtändige Wechſel des Lächerlichen und Herzergreifenden giebt dem Buch einen Reiz, wie wenige Romane ihn üben. Auf einer Seite weinſt Du vor Mitleid, lieber Leſer, und auf dem näch⸗ ſten Blatt lachſt Du Thränen; alſo laß Dich's nicht verdrießen, ein paar lange Winterabende an die Lectüre derVagabunden zu wa⸗ gen; Du wirſt es demHausfreund danken, daß er Dich darauf auf⸗ merkſam gemacht! O6

Unſer verehrter Mitarbeiter George Hiltl, der Verfaſſer vonGefahrvolle Wege(Berlin, Th. Lemke) undDer böhmiſche Krieg(Bielefeld, Velhagen& Klaſing), hat als Anerkennung für letzteres Werk vom König von Preußen die goldene Medaille mit dem Bildniß deſſelben erhalten. Wir haben auf beide Werke bereits wieder⸗ holt hingewieſen und empfehlen dieſelben auch heute wieder unſern Leſern angelegentlich. Ein neuer Roman, dem ein gewaltiger hiſto⸗ riſcher Stoff zur Grundlage dient, befindet ſich bereits unter der Feder des beliebten und bekannten Schriftſtellers.

Der beſchreibende Text zumMarktſchiff auf der Donau folgt in nächſter Nummer.

Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.