Jahrgang 
1868
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hatten, und leicht berechneten wir, daß der Vorſprung, den ſie vor uns hatten, noch um fünf oder ſechs Meilen ver⸗ größert worden war. Sie genoſſen eben den Vortheil, die Nächte mit zu Hülfe nehmen zu können, während wir nur auf die Tageszeit angewieſen waren, ein um ſo größerer Unterſchied, als die Tage ſehr heiß waren und ſich mehr, als die Nächte, zur Raſt eigneten.

So gelangten wir an den Miſſiſſippi, ohne daß wir den Räubern auch nur um eine Meile näher gerückt wären. Zwar fanden wir immer noch glühende Kohlen auf ihren verlaſſenen Feuerſtellen, allein was wollte das ſagen? Zwölf bis vierzehn Stunden waren jedes Mal verſtrichen, ſeit ſie ſcheidend die Aſchenhaufen auseinander geriſſen, und ſechs bis ſieben Stunden mußten wir unabweislich unſern Thieren Ruhe gönnen, bevor wir unſere Arbeit wieder aufnehmen durften. Erſt am Miſſouri gewannen wir etwa fünf Stunden gegen ſie, was wir darauf zurückführten, daß ihnen das Ueber⸗ ſchreiten des Stromes größere Mühe verurſacht hatte, als uns, die wir ohne Gepäck denſelben mit geringem Zeitverluſt kreuzten.

Bis dahin hatten wir vergeblich nach Merkmalen ge⸗ forſcht, die Margareth vielleicht für uns zurückgelaſſen hätte. Wir wunderten uns darüber nicht, da es keinem Zweifel unterlag, daß das arme Kind aufs ſchärfſte bewacht wurde und jedes von ihr herrührende Erkennungszeichen von ihren Peinigern wieder ſorgfältig vernichtet worden war.

Beim Ueberſchreiten des Miſſouri hatte ſie indeſſen dennoch Gelegenheit gefunden, ihre Wächter zu täuſchen. Auf dem Treibholzfloß, welches man augenſcheinlich zum Ueber⸗ ſetzen ihrer Perſon über den Strom flüchtig zuſammengefügt, und welches wieder zu zerſtören oder in die Strömung zurück⸗

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zuſchieben, man der Zeiterſparniß wegen unterlaſſen hatte, entdeckte ich einen ſchmalen Streifen ihres Kleides, welchen ſie, nur wenig auffällig, um einen halb ins Waſſer hinein⸗ ragenden Zweig geſchlungen und feſtgeknüpft hatte.

Die gute kleine Margareth! Sie wußte, daß ich ihr bis ans Ende der Welt nachfolgen würde; ebenſo wußte ſie, daß ſie mir eine unendliche Freude durch dieſes einfache Zeichen bereitete. Anders dachten ihre Peiniger. Da ſie ſo lange unbeläſtigt geblieben waren, wähnten ſie unſtreitig, daß wir umgekehrt ſeien, denn deutlich erkannten wir, daß nach Ueberſchreitung des Miſſouri, offenbar um ihre Pferde zu ſchonen, ſie eine bedeutend gemäßigtere Gangart gewählt hatten. Dagegen hatten ſie die Vorſicht beobachtet, bei ihrem jedesmaligen Aufbruche eine Schildwache auf der verlaſſenen Lagerſtelle oder auf einem in der Nähe befindlichen höheren Punkte aufzuſtellen, die ſich ihnen erſt nach Ablauf mehrerer Stunden wieder anſchloß. Letzteres diente dazu, auch unſere Vorſicht zu verdoppeln; denn gelang es dem feindlichen Späher einen Blick auf uns zu erhaſchen, ſo waren wir verrathen, und ſie auf ihren beſſeren Pferden auf der unabſehbaren Ebene einzuholen wäre zur Unmöglichkeit für uns geworden. So weit unſere Blicke nunmehr auf der endloſen Prairie reichten, reichten ja auch die unſerer Feinde, nur genoſſen wir von jetzt ab den Vortheil, nicht mehr ſtreng an die uns leitenden Spuren gebunden zu ſein. Wir kannten die von ihnen inne gehaltene Richtung, und da genügte es, daß wir ihre Fährten nur gelegentlich berührten; im Uebrigen durften wir den unſeren Zwecken entſprechenden Waſſerläufen nachfolgen, deren zum größten Theil bewaldete, freilich nur ſchmale Thal⸗ ſenkungen uns den beſten Schutz gegen Späheraugen boten.

(Fortſetzung folgt.)

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Der erſte Zukunſtsmuſiker.

Humoreske von E. Lewh.

Jweites Kapitel. Die unterbrochene Serenade.

Zum zweiten Male hatten die Leipziger Gelegenheit, Priepitzers hehre Naturmuſik zu genießen, doch diesmal nicht im Bierhausgarten zu Gohlis, ſondern in einer engen winkligen Gaſſe, vor einem ſtattlichen Hauſe, das im Innern auf das Eleganteſte eingerichtet war. Was die Welt an Porzellan, Teppichen, Rococomöbeln und Schlafröcken Erhabenes geſtaltet hat, war darin aufgeſtapelt, Alles athmete Bequemlichkeit und Eleganz, ſogar die Küchenmädchen durften nur in Glace⸗ handſchuhen die Töpfe waſchen.

Der Bewohner dieſes Hauſes war der Polizei als Muſiker und Dichter gemeldet, hatte jedoch noch nie Etwas gedichtet oder componirt. Aber im Hochgefühle ſeiner Talente, und durchdrungen von dem Genie, das ihm innewohnte, wußte er, daß er ſpäter einmal Etwas ſchreiben und componiren werde, was die Nachwelt noch über den harmoniſchen Dreiklang der Sphären erheben wird. Er wußte ſchon damals, daß er der Erfinder einer neuen Muſik ſei und als Märtyrer der⸗ ſelben der heiligen Cäcilia ihren Platz im Himmel ſtreitig machen werde, das Alles, und noch vielmehr wußte er, und deshalb ſuchte er ſchon auf Erden ſeine Wohnung himmliſch einzurichten, und deshalb verachtete er alle die alten Stümper, den zopfigen Bach, den faden Mozart, den langweiligen Hahdn. Er ließ es aber nicht blos bei der ſtillen Verachtung be⸗ wenden. Er lieh ſeinem Grimme auch Worte, geſprochene, ge⸗ ſchriebene und gedruckte, und ſuchte dieſe Götzen vom Piedeſtal, auf das ſie Dummheit und Nachäfferei geſtellt, herunterzu⸗ werfen.

Die Welt blieb aber dumm.

Statt dankbar die Bemühungen des Profeſſors anzuerken⸗ nen, ſchalt und ſpottete man ihn, und auch die heutige Serenade war von ſeinen Feinden ihm zum Torte beſtellt worden.

Sie wollten ihm den Vorgeſchmack einer ohne Noten nach ganz neuen Geſetzen componirten Urmuſik beibringen, und hierzu hatten ſie Priepitzer engagirt.

Abermals wurdedie Wahl des Königs Darius im Griechenland gewählt Abends greinte die Clarinette Priepitzer's, gackerte die Geige der Peppi und zirpte die Harfe der Mariandl, während der böhmiſche Wenzel abwechſelnd mit Bombardon und Trompete das große Vieh erſetzte. Auch diesmal waren die Anſtrengungen des Orcheſters vom ge⸗ wohnten Erfolge begleitet, die ganze Nachbarſchaft ſtimmte den ſympathiſchen Tönen zu, die Hähne krähten, die Hennen gackerten, die Pferde wieherten, die Katzen miauten, die Hunde heulten und die liebe Straßenjugend ſchien rein ver⸗ rückt geworden zu ſein. Sie tanzte wie toll auf der Straße um das Orcheſter und blies und pfiff in den originellſten Variationen die Naturſtimmen nach, welchen der Profeſſor, deſſen Haupt in dieſem Momente ſichtlich von einer Märtyrer⸗

krone umfloſſen ſchien, am offenen Fenſter ruhig ſinnend

lauſchte. Als der Jubel der geſammten Natur die Wahl des Königs Darius verkündete, zuckte auf einmal ein hell⸗ leuchtender dämoniſcher Strahl über ſein blaſſes Antlitz. War das Lob? War das Tadel? Was hatte dieſes Aufblitzen ſeiner ſonſt ſtets gelangweilt ſcheinenden Phyſiognomie zu bedeuten?

Priepitzer und ſein Orcheſter haben es nie erfahren, denn im ſelben Momente erſchien die Scharwache, trieb das Gaſſenvolk auseinander und arretirte wegen nächtlicher Ruhe⸗ ſtörung die Künſtler.

Drittes Kapitel. Die Generalprobe.

Muſiker ſtimmen ihre J ente, Kunſtfreunde, Neu⸗ gierige, Kritiker und Jene, die Alles früher ſehen müſſen als