Jahrgang 
1868
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Margareth! Wo iſt Margareth?* rief ich auf dem

Gipfel meines Entſetzens mit einer Stimme aus, die den Aermſten mindeſtens vorwurfsvoll geklungen haben muß; denn mir war in jenem Auginblicke, als hätte ich das Recht beſeſſen, Margareth von ihnen zurück zu fordern. Als aber wiederum nur klägliches Wimmern als Antwort ertönte und ich infolge deſſen ſchärfer hinüberſpähte, entdeckte ich, daß allen Dreien in grau⸗ ſamſter Weiſe mittels Knebel der Mund geſchloſſen war und man ebenſo ihre Körper an die Bettſtellen feſtgeſchnürt hatte. Die Unglücklichen, es war ihnen jegliche Möglichkeit genommen geweſen, ſich zu befreien oder auch nur ihre Lage zu er⸗ leichtern, und wie zum Hohne hatte man die Decken über ſie hingeworfen, damit ein zufällig Eintretender nicht ſogleich den ganzen Umfang der unmenſchlichen Mishandlung erkenne.

Beim Anblick der unſäglichen Leiden, denen die alte Frau und die beiden Mädchen unterworfen waren, vergaß ich auf Augenblicke meine Angſt um Margareth. Mit ſchnellen Schnitten löſte ich die Banden und Knebel, allein was half es? Die Unglücklichen befanden ſich in Folge der furchtbar durchlebten Nacht in einem ſolchen Zuſtande, daß ſie nur in kaum verſtändlichen Andeutungen über ihre Erlebniſſe zu berichten, noch weniger aber ſich zu erheben vermochten. Nur ſo viel erfuhr ich, daß Margareth unverletzt geblieben und von indianiſchen Kriegern gewaltſam entführt worden ſei.

Ich war dem Wahnſinn nahe; hätte ich meiner erſten Eingebung Folge geleiſtet, dann wäre ich blindlings davon geſtürzt, um auf den hinterlaſſenen Spuren den grauſamen Räubern nachzueilen und zu ſpät einzuſehen, daß es mir ohne die entſprechenden Mittel nie möglich ſein würde, dieſelben einzuholen oder ihnen ihre Leute ſtreitig zu machen. Außer⸗ dem drangen mir aber auch die Klagen der drei Frauen zu Herzen, die, noch immer hülflos, in Mitleid erregender Weiſe nach Waſſer verlangten.

Die Bitten und das Jammern der armen Opfer brachten mich wieder einigermaßen zur Beſinnung, gaben mir jenes Gefühl von Theilnahme zurück, welches angeſichts des eigenen, unerſetzlichen Verluſtes, von mir gewichen war. Und dennoch führte ich alle meine Bewegungen taumelnd aus, als hätte ich mich unter dem Einfluſſe ſinnberauſchender Getränke befunden. Ich holte Waſſer und ſonſtige Erfriſchungen her⸗ bei, welche die kleine Häuslichkeit aufzuweiſen hatte, und ſo verging wohl eine halbe Stunde, als lautes Pferdegetrappel mich nach der Hausthür hinrief, wo meine Lebensgeiſter durch das Eintreffen meiner Brüder mit Haller und deſſen Söhnen wieder einigermaßen angeregt wurden. Das Fehlen meines Vaters begriff ich; er war bei der Mutter und zum Schutze des Reſtes unſerer Habe zurückgeblieben, wogegen die Uebrigen, das Zutreffende meiner Befürchtungen einſehend, ſich gleich nach mir auf den Weg begeben hatten.

Die Scene, welche nunmehr folgte, war eine ergreifende. Doch wozu ſoll ich Alles wiederholen, was an jenem ver⸗ hängnißvollen Morgen verhandelt und geſprochen wurde? Wozu die Befürchtungen und Hoffnungen, Ermuthigungen und Troſtesgründe noch einmal aufzählen, die ſich von allen Seiten kreuzten und vielfach gegenſeitig widerlegten? Für mich gab es keinen Troſt mehr! Und Hallers? Bei allen Verluſten, die auch ſie erlitten hatten, erfüllte ſie das be⸗ glückende Bewußtſein mochten um Margareth auch heiße Thränen fließen daß keins ihrer näheren Familienmit⸗ glieder fehlte, und Alle, wenn auch krank und erſchöpft, dem Leben und den Ihrigen erhalten geblieben waren. O, in jener Stunde, als die Männer ſich mit zärtlicher Beſorgniß und ängſtlicher Liebe um Gattin, Mutter und Schweſtern be⸗ wegten, empfand ich ſo recht, wie unendlich, wie namenlos elend ich geworden war! Meine Klagen dagegen waren ver⸗ ſtummt; um meine Bruſt hatte es ſich wie Eis gelegt, mein Herz war erſtarrt; nur einen Gedanken kannte ich noch, den Gedanken, Margareth zu retten, ſie wiederzugewinnen und furchtbare, blutige Rache an Denjenigen zu nehmen, die ſtörend in ihr und in mein Lebensglück eingegriffen hatten, blutige Rache für jedes Haar, welches auf ihrem theueren Haupte gekrümmt werden würde. Errieth ich doch den Ur⸗

heber ſo vielen Jammers; Tomaſo Urbano und ſeine india⸗ niſchen Genoſſen und kein Anderer konnte es geweſen ſein; und ſie zu finden? Hahaha! Ich würde ihr Verſteck errathen haben, und wäre ich über ihre hundert Ellen tief vergrabenen Leichen hingeſchritten!

Indem der Fallenſteller dies mit faſt kreiſchender Stimme ausrief, wanderten ſeine ſeltſam glühenden Blicke im Kreiſe herum. Seine wettergebräunten Züge hatten ſich tiefer ge⸗ röthet; feſter umſpannte die rechte Fauſt den zufällig in ſeiner Hand befindlichen Feuerbrand, und denſelben hoch empor⸗ ſchwingend, zeigte er das Bild eines Mannes, der im Begriff ſteht, einen ſich vor ihm windenden Feind zu vernichten, zu zerſchmettern.

Athemlos blickten Alle zu dem wild aufgeregten Greiſe hinüber; Niemand wagte, ſeinen Ideengang zu unterbrechen oder beruhigende Worte an ihn zu richten. Als ob die vor ſechsundvierzig Jahren empfundenen Regungen, in welche er ſich ſo lebhaft hineingedacht hatte, und die ihn heute wie da⸗ mals zu überwältigen drohten, Allen geheiligt geweſen wären, herrſchte ringsum achtungsvolles Schweigen.

VI.

Allmählich ging die Wildheit, die ſich in des Greiſes Zügen ausprägte, in einen weichen Ausdruck über. Seine Hand begann zu zittern, ſein Haupt neigte ſich ſchwer auf die Bruſt, und ein kleines Heer von Funken empor ſendend, fiel der glimmende Feuerbrand auf die flackernden und kohlen⸗ den Reiſer.

Jahre kommen, Jahre gehen, begann er nach kurzem Sinnen mit einer Stimme, die ſeinem wehmüthigen Geſichts⸗ ausdrucke entſprach,bergab fließen die Waſſer, ihre ſchmalen Rinnen zu breiten Schluchten erweiternd, und langſam aber ſicher bröckelt die Zeit die lehmigen Vorgebirge der Rocky⸗ Mountains nieder. Meine Augen ſahen den(Schornſtein⸗ Felſen» um funfzig Fuß höher, als er heute noch iſt; die Zeit ändert und verändert Alles, nur auf mich hat ſie nicht einzuwirken vermocht. Wer hätte es gedacht? Ich glaubte, das Gefühl des Rachedurſtes ſei mit der Stillung deſſelben auf ewig ſchlafen gegangen, und nun muß ich alter Mann erleben, daß es noch einmal mit derſelben Gewalt empor⸗ lodert, wie damals bei dem verzweifelnden Jünglinge! Die ſechsundvierzig Jahre, wo ſind ſie geblieben? Sie waren nur ein Tag meines Lebens, aber ein langer, trüber, düſter um⸗ wölkter Tag.

Doch die Bilder, die ich heraufbeſchworen, müſſen her⸗ unter von meiner Seele. S gibt mir Erleichterung; nur nach⸗ denken werde ich zuweilen müſſen, um jedesmal die richtigen Worte zu treffen, und ſcharf muß man ſpähen, um die Fährte eines Comanche von der eines Kiowas zu unterſcheiden und das Alter derſelben aus der Lage des niedergedrückten Graſes und der Größe der an demſelben haftenden Thautropfen zu be⸗ rechnen aber ich träume wieder, ſchaltete der Fallenſteller hier ſchwermüthig lächelnd ein,mein Geiſt weilte am Fuße der Rocky⸗Mountains ich wollte ja erzählen und mich meiner Pflicht gegen Euch entledigen.

Dabei hob er halb drohend, halb abwehrend ſeine magere Hand empor, um Hooker, der ihn unterbrechen wollte, am Sprechen zu hindern, und dann fuhr er fort:

Wenn uns damals noch irgend Etwas eine gewiſſe Beruhigung gewähren konnte, ſo war es der Umſtand, daß, wie die ſorgfältigſten Nachforſchungen ergaben, weitere Gefahren den Anſiedelungen nicht drohten. Nachdem der teufliſche Plan geglückt war und man ſich Margareth bemächtigt hatte, lag kein Grund mehr vor, eine Gegend länger unſicher zu machen, die man alle Urſache hatte, ängſtlich zu meiden. Die ſtreit⸗ fähigen jungen Leute unſerer Farmen waren daher zu Hauſe überflüſſig geworden, und noch heute erwärmt es mein altes Herz, wenn ich mir vergegenwärtige, mit welchem Eifer ſich alle ſogleich bereit elare mich in der Verfolgung der

lhinterliſtigen Räuber zu unterſtützen, und demnächſt ſchleunigſt

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