Jahrgang 
1868
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liebten nach Hauſe bringen. Wie vft ſie Beide in den Schnee gefallen ſind, hat Niemand verrathen, aber unzweifelhaft er⸗ wies ſich Jungfer Martha als durchaus geeignet, ſeine Begleiterin durchs Leben zu werden, denn ſie ſchleppte ihn ohne ſonderlichen Schaden bis vor ſeine Thür und lehnte ihn dort wohlbehalten an die Wand, bis ſie ſeine alte Mutter herausgeklopft hatte. Wie ſollte Klaus eines ſo ſtarken und liebevollen Beiſtandes ſich beſſer vergewiſſern, als indem er die hübſche Schulzentochter heirathete. Als ſie ihn das erſte Jahr nach Hauſe gebracht hatte, war ſein Hof verſchul⸗ det, doch half der Schwiegerpapa, deſſen Hülfe auch das zweite und dritte Jahr noch vorhielt. Der brave Schulz ſtarb indeſſen am Schlag, als des weiland reichen Klaus Bauernhof von den zahlreichen Gläubigern verkauft wurde.

Der erſte Zukunftsmuſiker.

Humoreske von C. Lewh.

Klaus machte ſich nichts daraus, denn er zog nunmehr in den S mit dem er noch ein paar Jahre für ſeinen ewigen Durſt Pausreichte. Dann wurde er ein ärmerer Schlucker, als Hans Jörge je geweſen war, da ihm das unveräußerliche Kapital fehlte, das Jener in ſeinem Fleiß und in ſeinen Fähigkeiten beſaß.

Bedarfs noch der Erwähnung, daß Liſel und Hans Jörge ein glückliches Paar wurden? Doch, denn außer den ſtarken Söhnen, welche dieſem Bunde entſproßten, entblühte ihm auch ein liebliches Töchterlein, an Reiz und Laune der Mutter gleich und wie ſie die Königin der heimiſchen Faſt nachtluſt. Aber Lieſel die zweite hat noch Keinen gefn den, dem ſie es geſtatten mochte, ihr ein Glas Warmes anzubieten.

R. Menger.

Erſtes Rapitel.

die wal des köniks Dahrius im Grichenlant.

In dem Bierſchanklocale zu Gohlis bei Leipzig wurde eine große Muſikproduction des rühmlichſt bekannten böhmiſchen Orcheſters, dirigirt vom Kapellmeiſter Herrn Johann Priepitzer, ausgeführt. An allen Wänden klebte folgender Anſchlag⸗ zettel:

ſenẽnEknnn iet Gietige erlaupniß!

Die weltbekannte brzesnitzer Muſi⸗ kappele wirth die ere haben Vor einem

vererunkswirtiken Sohen Adel und p. J. Buplikhum Außufiren: die wal des köniks Vahrius im Grichenlant, bewirgt durch Ein fert

Rroßes Ohrathorium in der nathur⸗ muſik, kumponiert von S. Rappelmeiſther Priepitzer.

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I. Abteilunk. Introdukzion, Raos und BZinfonie ausgedrikkt durch den morgen Geſank aller vegel und Thire. I. Abteilunk. Der Sonnen Aufgank unt die wal des keniks durch einen ſchiemel. III. Abteilunk. kenale, Simne der Katur über die wal, welche der ſchiemel getroffen hat. Lintritt fir ſtandes Perſohnen nach belieben, die Serren Militärs Zalen die Sälfte. NB. Die zetel werden wider ab⸗ gehult.

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Wer war Priepitzer? Ein urwüchſiges Talent, ein ver⸗ kanntes Genie erſter Größe. Priepitzer blies nicht nur ohne

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Noten, er componirte auch ohne dieſe wunderlichen Hühner⸗ füße von Noten, die dem wahren Genie nur hindernd ent⸗ gegentreten. Er blies ſeine Compoſitionen ſeinem Orcheſter ſo lange vor, bis es ſie dem Gehöre nach aufgefaßt hatte und mit ihm im Ouartett ausführen konnte.

Priepitzer hatte die Naturmuſik erfunden, welche darin beſtand, jede Empfindung durch beſtimmte Töne auszudrücken, und dadurch nicht blos die Menſchenherzen zu Rührungs⸗ thränen, oder zum Lachen zu zwingen, ſondern auch in den Thieren Theilnahme am Kunſtgenuß zu erwecken, welche ſie durch ihre Laute zu erkennen geben würden.

Die erſte Idee der Naturmuſik war in Priepitzer durch denCarneval von Venedig, den er von einem reweß Violinvirtuoſen gehört hatte, rege geworden. Dieſes reiſen⸗ den Künſtlers Hauptforce beſtand in den Variationen, in denen er das Grunzen der Schweine, das Gluckſen der Henne, das Krähen des Hahnes, das Miauen der Katzen und des Katers ſo naturgetreu nachahmte, daß alle Schweine, Hähne und Katzen der Nachbarſchaft rebelliſch wurden, und ihren

Beifall der Geſchicklichkeit und Kunſt des Virtuoſen in lohem Grade zollten. Auch Priepitzer ward ganz begeiſtert von Leſen

neuen Ideen. Er beſchloß die Variationen zum Thema zu machen, und da er fand, daß die Clarinette, nächſt dem Dudelſacke, das beſonders geeignete Inſtrüment ſei, um alle freudigen und Schmerz⸗Empfindungen des Herzens auszu⸗ drücken, ſo wählte er dieſes Inſtrument, dem er durch ſtete

Uebung bald alle natürlichen und unnatürlichen Naturlaute

zu entreißen gelernt hatte.

Nachdem er dieſen Grad der Meiſterſchaft erklommen, duldeke es ihn nicht mehr in ſeiner Heimat. Das Erzgebirge war zu arm, um ſein Genie zu belohnen; er engagirte ein Orcheſter und zog in das Ausland nach Sachſen. Dieſes Orcheſter war drei Mann ſtark, wovon zwei Frauen⸗ zimmer waren, nämlich die Harfenmariandl und die Geigenpeppi. Der dritte Mann war eigentlich auch kein Mann, ſondern nur ein böhmiſcher Trompeterbub, Namens Wenzel, der zur Abwechſelung auch ein von ſeinem Groß⸗ vater ererbtes Bombardon blies.

Das Orcheſter war klein, aber es erfüllte ſeinen Zweck,

als Folie zu Johann Priepitzer's Virtuoſität zu dienen, voll⸗ ſtändig.

Auf dem Wege nach Leipzig componirte Priepitzer ſein ewiges Werk, ſein OratoriumDie Königswahl, und blies es ſeinem Orcheſter ſo lange vor, bis dieſes es nachſpielte. So pünktlich, als gälte es ein frommes Gelübde zu erfüllen, hielt das Orcheſter und ſein Dirigent auf der Reiſe vor jedem Gaſthofe an, um zuerſt zu ſpielen dann abzu⸗ ſammeln. Oft erhielten ſie eine Gabe, noch öfter wurden ſie davon gejagt.

In Gohlis ſollten ſie ihren erſten Triumph feiern. Als

Priepitzer der Compoſiteur und Erfinder der Naturmuſik,