Jahrgang 
1868
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Ordnung gröblich verſtößt, über den wird einfach eine Art Lynchjuſtiz gehalten, wie überhaupt die Cultur eines Hinter⸗ pommern von der eines Hinterwäldlers im fernen Weſten nicht weſentlich verſchieden iſt.

Der landesübliche Hopſer war wieder einmal zu Ende. Der Baſſiſt lehnte ſein Inſtrument in die Ecke und ſchritt zur Schenke, wo ihm der Wirth für die Energie, mit der er ſeinen Bogen gehandhabt hatte, ein Achtel Branntwein eredenzte. Die beiden Fiedler warfen einen Blick wilden Verlangens herüber und machten ſich dann gleichfalls auf, um ihr Deputat an Lob und Branntwein in Empfang zu nehmen. Um den dampfenden Göttertrank am Ende der Schenke hatte ſich mittlerweile eine Gruppe juuger Leute ge⸗ ſammelt, meiſtens blond, wie das Stroh, das ſie zu dreſchen pflegten, und alle bemüht, von einem jungen Mädchen, das in ihrer Mitte ſtand, ein freundliches Wort oder wenigſtens einen holden Blick zu gewinnen.

Die Dirne war's in der That werth, daß ſich die Jugend des Dorfs mit ihr beſchäftigte. Hoch und ſchlank aufgeſchoſſen und doch von einer Fülle, deren ſchwellende Contvuren das knappe Kleid kaum zu bergen vermochte, trug ſie das Haupt mit natürlicher Anmuth und zugleich mit dem ſichtlichen Bewußtſein, daß keine der anderen Dorfſchönen ſich mit ihr meſſen konnte. Ihr Haar war ſchwarz wie ein Raben⸗ flügel und ihr Auge blau wie ein Maienhimmel, ihre Taille ſchlank wie die Weidengerte und ihr Buſen voll wie die Mondesſichel. Ihre Hand hätte einen Cadetten mit Sack und Pack über die Hecke geworfen, wie einen hohlen Kürbis, aber ſie war klein wie die einer Stiftsdame; ihr Fuß ſtampfte den Boden wie ein Dragonerfuß; doch konnte er ſelbſt in dem groben Schuhwerk nicht eine gewiſſe Eleganz verleugnen, der man ſonſt nur da zu begegnen pflegt, wo die Veranlagung zur Einkommenſteuer nicht mehr zu umgehen iſt.

Willſt einen Pfannkuchen, Liſel? fragte Einer der Anbeter.

Kann mir ſelbſt einen kaufen, wenn ich Hunger hab'! entgegnete ſie und rümpfte ihr niedliches Näschen.

Doch ein Glas Warmes verſchmähſt du nicht, bat ein Anderer.

Iſt mir ſo ſchon brühſiedenheiß, lachte ſie und ließ ihr Auge nach dem Platz neben den Fiedlern ſchweifen, wo ein großer und ſtattlich aufgeputzter Burſch neben einer blon⸗ den Dirne ſaß, die nach der Liſel wol die ſchönſte in der Geſellſchaft ſein mochte.

Der Verſchmähte folgte der Richtung ihres Blickes.

Aha! rief er aus.Siehſt nach dem reichen Klaus, e Schulzens Martha ſitzt? Der kommt heut nicht,

iſel!

Der reiche Klaus hatte indeſſen ſelbſt dieſen Blick be⸗ merkt und kam doch.

Willſt mit mir tanzen? fragte er.

Dann hätteſt du früher aufſtehen müſſen, Klaus, ſagte ſie etwas ſchnippiſch und machte ihm einen Knix, daß die Röcke, die den Knöchel und etliche Zoll anſchwellender Fortſetzung frei ließen, am Boden ſich aufſteiften,hab' mich ſchon längſt mit allen jungen Leuten verſprochen; nur du biſt nicht gekommen, und der da drüben, der überhaupt nicht tanzt.

Der da drüben ſaß in der andern Ecke des Zimmers, den Fiedlern gegenüber, und ſtarrte verdroſſen vor ſich hin. Offenbar hatte ihm irgend etwas die Laungverdorben und es wäre ihm lieb geweſen, wenn ersirgendwen dafür hätte verantwortlich machen können. Auch er war ein ganz hübſcher Burſch mit braunem lockigen Haar und dito Schnurrbart. Sein Geſicht aber war etwas blaß, vielleicht verkümmert, und der düſtere Blick ſeiner dunklen Augen verlieh ihm ein eigen⸗ thümliches Intereſſe, wenigſtens für Jeden, der nicht wußte, wo ihn der Schuh drückte. Doch die blonden Mädchen ringsum wußten es insgeſammt und deshalb erregten die dunklen Augen nicht ihr Intereſſe, wie es ſonſt wol der Fall geweſen wäre, wenn ſie einem Fremdling angehört und den

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da drüben die Luſt am Leben vergällte in der Sorge um ſeinen tief verſchuldeten Bauernhof.

Der reiche Klaus warf einen hämiſchen Blick hinüber und ſagte zum Liſel:

holen?

Wenigſtens war er bis jetzt ſo dumm, es nicht zu wagen! entgegnete das Liſel.

Der Schlucker! rief der reiche Klaus.

Kannſt auch noch ſolch ein Schlucker werden, wenn dir's Vieh fällt und die Scheune abbrennt, ſagte ſie trocken, ich mag's nicht leiden, daß man Einen gering achtet, wenn er Unglück gehabt hat. Der Hans Jörge iſt ſo brav wie Einer und braver als Mancher; ich muß ihn doch kennen, da ſein Gehöft an unſeriges ſtößt!

Die Fideln kreiſchten von Neuem zum Tanz und der Baß brummte ſeinen Segen dazu.

Ein Mal herum, Liſel! bat Klaus und wollte den Arm um ihre Taille legen.

Sie ſchlüpfte ihm fort wie ein Aal und bog ſich in den Arm des Burſchen hinein, der ihr den Pfannkuchen angeboten hatte, und dem ſie zu dieſem Tanz verſprochen war.

Dann holſt du mich, wenn die Mädchen auffordern! ſchrie Klaus ihr nach.

Wirſt auch damit kein Glück haben! gab ſie zurück.

So nimm meinetwegen den da drüben! rief er giftig.

Könnt' allzeit eher möglich ſein, lachte ſie und ſchoß mit ihrem Tänzer in den Wirbel hinein, der auf dem be⸗ wußten Durchmeſſer von ſechs Fuß ſchon wieder dahinraſte.

Der reiche Klaus ging nicht zu Schulzens Martha zurück, ſondern ſuchte ein Domicil neben dem Göttertrank und goß ſchnell einige Gläſer hinunter. Er war jetzt mindeſtens ſo verdrießlich wie Hans Jörge. Auch Jungfer Martha, des Schulzen Tochter, glaubte einen vollwichtigen Grund zu haben, ſich ärgern zu dürfen und infolge deſſen ihren Mismuth auf ein unſchuldiges Haupt ausgießen zu ſollen. Sie flüſterte ihrer Nachbarin zu:

Sie mal, wie die Liſe tanzt, das unverſchämte Geſchöpf. Die Röcke fliegen ihr, daß man die Kniekehlen ſehen kann. Sie iſt ſtolz auf ihre dicken Beine.

Liſel's Körper war allerdings nicht nach den Proportionen der Mediceiiſchen oder Thorwaldſen ſchen Venus conſtruirt, ſondern mehr nach der ſatteren Form der Ariadne, aber die jüdiſche Kunſtkennerin in Frankfurt a. M. hat doch die Ariadne ſelbſt ganz wunderſchön und nurdas Naxos, auf dem ihr üppiger Leib ruht, gräulich gefunden. Alſo Reſpect vor dem, was Liſel ſehen läßt. Die Schulzentochter vergißt, daß ſie ſelbſt noch mehr zeigt, wenn ſie mit hochgeſchürzten Röcken Gras ſchneidet oder Kartoffeln hackt. Doch ſie hat ein Recht, ſich zu ärgern und misgünſtig zu ſein, denn der reiche Klaus ſcheint bei dem Göttertrank ihrer vollſtändig vergeſſen zu haben ſein Kopf glüht wie eine Bombe, und der Wirth betrachtet ihn mit einiger Scheu, als ob er eine Exploſion beſorge.

Liſel tanzte indeſſen mit ausbändiger Luſt und Leiden⸗ ſchaft. Drei Burſche hatte ſie, ſo zu ſagen, todtgetanzt und der vierte ſchnappte nach Luft. Ihr ſelbſt flog der Buſen wie ein Weberſchiff, doch raſte ſie fort. Endlich ſchwieg die Muſik und nun ſank ſie ſelbſt ganz erſchöpft auf die nächſte Bank und drückte die Stirn an die Wand und beide Hände aufs Herz. Sie konnte kaum ſprechen, doch ihre Augen glänzten in verdoppeltem Feuer, als ob ſie ſagen wollten: Bald geht's wieder los und dann bin ich erſt recht dabei. Ich hab noch lange nicht genug.

Willſt du jetzt ein Glas Warmes? fragte ihr letzter Tänzer.

Nein, nein! keuchte ſie. Dann kam ihr ein plötzlicher Einfall, der ſie lachen machte:Eins könnt mich doch reizen. Von Euch will ich nichts, denn Ihr bringt kein Opfer. Wenn mir aber der Hans Jörge eins geben ließ, ja, dem möcht's ſauer werden und dann nehme ich's an. 3

Schluß auf ein anderes Unglück geſtattet hätten, als es dem

Der Burſche glaubte einen Capitalſpaß zu machen, wenn

Der da wird's doch nicht wagen, dich zum Tanz zu