— 132„—
Löwenjagd darſtellt. Unglücklicherweiſe langte er gerade an, als Cameron verhaftet worden war. Trotzdem ward er vom Könige empfangen und präſentirte dieſem den Teppich.
„Wie impertinent dieſe Engländer ſind!“ ſagte Theodor zu ſeinen Offizieren,„da kommt ſo eben einer, um mir durch ein Gemälde voraus zu ſagen, daß die Türken mich tödten werden! Seht ihr hier den Mann mit dem Tarbuſch(Gerard trug auf dem Teppich das Zuavencoſtüm), der auf den Löwen zielt? Wer iſt der Löwe Aethiopiens? Ich bin es! Bis die Türken mich aber getödtet haben werden, ſchließt dieſen Un⸗ verſchämten in Ketten!“
„Aber was habe ich denn gethan?“ rief der Irländer betroffen aus.„Nichts haſt du gethan,“ antwortete der Ne⸗ gus ſanfter;„aber da ich deinen Conſul in Eiſen gelegt, kannſt du mich unmöglich lieben, und wer mich nicht liebt, der darf nicht frei umher gehen.“
Zwei Monate nach ſeiner Einkerkerung erhielt Cameron einen Kettengenoſſen— es war der Günſtling des Königs. Derſelbe, damals bei der Gefangennahme des Conſuls nicht anweſend, war zum Negus gegangen und hatte ihn im Na⸗ men der Civiliſation um Freilaſſung des Conſuls und ſeiner Gefährten erſucht. Theodor ließ ihn anſtatt jeder Antwort mit dem Conſul zuſammen einſperren.
Inzwiſchen waren auch die Zuſtände im Innern Abyſſi⸗ niens ſehr mislich geworden. Die Grauſamkeiten des Negus hatten Revolten hervorgerufen. Theodor mußte ſich 1864 zu neuen kriegeriſchen Maßnahmen entſchließen und auf dieſem Kriegszuge wurden die gefangenen Europäer natürlich der Armee nachgeführt.—
Auch das engliſche Gouvernement war inzwiſchen um ſeinen Conſul ernſtlich beſorgt geworden. Die Königin Vie— toria ſchrieb mit eigener Hand an den Negus und forderte mit höflichen Worten die Freilaſſung ihres Agenten. Dieſer Brief aber, der im Sommer 1864 in Aegypten anlangte, ward als nicht zweckmäßig in ſeiner Faſſung nach London zurückgeſchickt, um dort den nöthigen Aenderungen unterworfen zu werden. Inzwiſchen verſuchte das britiſche Conſulat in Alexandrien durch Vermittelung der chriſtlichen Biſchöfe auf den Negus einzuwirken; umſonſt. Mr. Raſſam, der Agent der britiſchen Poſten in Aden, ein Levantiner und Schützling Englands, der ſich auch durch die Nachgrabungen von Ninive einen Ruf gemacht, brachte jetzt ſelbſt einen neuen Brief der Königin an den Negus. Mit dem kleinen Dampfer Dalhouſie in Maſſahua eintreffend, ſandte er einen Agenten an den König und ließ um ein Geleite erſuchen. Theodor empfing dieſen Agenten ſehr artig und verſprach auch das Geleite, er⸗ klärte aber ſogleich, er werde den Conſul nicht in Freiheit ſetzen. Der Dalhouſie lag Monate lang im Hafen von Maſſa⸗ hua, während die Abyſſiniſche Frage, von der engliſchen Preſſe angeregt und im Volke populär gemacht durch die Mutter des Conſuls und die Gattin des Miſſionärs Stern, vor das Parlament kam und eine lebhafte Debatte veranlaßte.
Im Hauſe der Lords war es Lord Ellenborough, der das Miniſterium beſchuldigte, es ſei zu langſam in Beantwor⸗ tung des Briefs des Negus vom Jahre 1862 geweſen, habe Theodor dadurch gereizt und die Verhaftung des Conſuls herbeigeführt. Layard wies im Namen des Gouvernements dieſe Beſchuldigung zurück und wälzte die Schuld auf das heftige Benehmen des Conſuls gegen den Negus.
Die Frage ward im Hauſe der Gemeinen am 30. Juni 1865 wieder aufgenommen, und dieſes Mal übernahm Lord John Ruſſell die Beantwortung. Dieſe fiel ſehr bitter aus; in ſeinem Eifer gegen die Oppoſition vergaß er, daß, wenn der verhaftete Conſul in ſeinem Amtseifer ſeine Befugniſſe überſchritt und dadurch ſeine Freiheit eingebüßt, derſelbe doch im Intereſſe Englands und in ſeinem Eifer für Ausbreitung des engliſchen Einfluſſes gehandelt habe.
Immerhin verſprach das Gouvernement, es werde nichts verſäumen, um ein günſtiges Reſultat zu erzielen. Diejenigen, welche die abyſſiniſchen Angelegenheiten kannten, theilten frei⸗ lich die Zuverſicht des Gouvernements nicht; deſto angenehmer wurden ſie aber überraſcht, als zwei Monate ſpäter(am
4. September) Mr. Raſſam in Suez mit der freudigen Nach⸗ richt eintraf, daß Cameron aus ſeinen Ketten befreit und der Negus ihn(Mr. Raſſam) einlade, ihn auf der Route nach Aegypten zu beſuchen, da der Tigris augenblicklich in den Händen der Rebellen ſei.
Dieſe Wendung überhob das Auswärtige Amt, das muthige Anerbieten zu acceptiren, welches ihm im Monat Au⸗ guſt zwei Reiſende gemacht hatten, die in den Regionen des Rothen Meeres ſehr bekannt waren, nämlich der Reverend Pal⸗ grave, ein Forſcher Arabiens, und Dr. C. Beke, bekannt durch ſeine Reiſen in Abyſſinien. Dieſe hatten ſich anheiſchig ge⸗ macht, mit Theodor über die Befreiung Cameron's, Stern's und ihrer Leidensgenoſſen verhandeln zu wollen.
Leider beſtätigte ſich die frohe Nachricht keineswegs, und wir wiſſen, daß heute erſt das engliſche Gouvernement zu ernſtlichen und kriegeriſchen Maßregeln gegen den Negus ſich entſchloß.
König Theodor iſt, um auf ſeine Perſon zurück zu kom⸗ men, eine Art Cromwell, an welchen ſeine ganze Carriere und ſein Weſen erinnern. Er kennt keine eigentliche Reſidenz und führt ein ununterbrochenes Feldleben. Streng in ſeinen Anforderungen hinſichts der Etikette gegen ſich ſelbſt im Coſtüm an keine Regel und trägt ſtets eine Art Negligé, das ihn übrigens ſehr gut kleidet. Ein ſimpler Sol⸗ datenrock, ein Pantalon und ein Gurt, in welchem ſeine Pi⸗ ſtolen und ein engliſcher Säbel ſtecken, darüber eine Chama, eine geſtickte Toga, das iſt ſeine gewöhnliche Kleidung, ſelbſt wenn er ſich von ſeinen Großen in ſeidenen Gewändern um⸗ geben ſieht.
Sein Zelt(denn er lebt immer in einem ſolchen) iſt überaus einfach, während ſeine Reſidenzen, wie Magdala und Devra⸗Tabor, die er zuweilen beſucht, von franzöſiſchen und indiſchen Seidenſtoffen ſtrotzen. Im Felde trägt er einen großen und ordinären Soldatenſchild, während an ſeiner Seite der Page mit dem mit blauem Sammt bezogenen und mit kaiſerlichen Lilien beſäeten Paradeſchild reitet.
Aus Theodor's Weſen ſticht eine ſeltſame Vereinigung von Sanftmuth und wilder Kraft hervor. Stolz, heftig, zer⸗ ſtreuungsſüchtig, beherrſcht er doch ſeine Leidenſchaften ſo weit, daß dieſe ihn nie über die Grenzen hinaus treiben, welche er ſich ſelbſt geſett. Man behauptete, er ſei dem Trunk ergeben; das iſt jedoch Verläumdung, denn er iſt mäßig, ißt wenig, trinkt zwar mehr, nie aber iſt er wirklich betrunken geweſen. Auf ſein öffentliches Leben haben die Weiber niemals irgend welchen Einfluß gehabt, mit Ausnahme freilich einer einzigen, ſeiner geliebten und betrauerten Tzoobedje, die er abgöttiſch geliebt. Sie war die treueſte Gefährtin ſeiner Unglückszeiten; als er ſie vor acht Jahren durch den Tod verlor, erblickte er darin eine Züchtigung des Himmels dafür, daß er in God⸗ jam eine Frau lebendig hatte verbrennen laſſen.
Um ſich mit der Familie Oubié zu vergleichen, die An⸗ ſprüche auf den Thron geltend machte, vermählte ſich Thev⸗ dor vor ſechs Jahren mit der Tochter des Oubie, der ſchönen Toroneſche, welche in ganz Abyſſinien als das Muſter aller Prinzeſſinnen galt. Geiſtreich, unterrichtet, liebenswürdig, beſaß ſie nur einen Fehler, einen Stolz, wie er in allen her⸗ vorragenden abyſſiniſchen Familien zu finden iſt. Jahre lang herrſchte zwiſchen Theodor und ſeiner zweiten Gattin das ſchönſte Einberſtändniß, bis eines Tages dieſelbe am Oſter⸗ feſte die Freilaſſung einiger Häuptlinge verlangte, die den Oubic's ſehr treue Anhänger waren.
„Was ſoll das heißen?“ rief Theodor,„wärſt du im Stande deinen Vater mir vorzuziehen?“
„Vielleicht!“ antwortete das ſtolze Weib. Kaum aber hatte ſie geſprochen, als ihr Theodor eine ſchallende Ohrfeige verſetzte. Ihr Vater, mit dem der König ſo lange im Frie⸗ den gelebt, ward in Ketten gelegt und ſchmachtet noch heute in denſelben.
In ſeinem Weſen und in ſeinen Gebräuchen ſucht Theo⸗ dor die alten Könige der Heiligen Schrift nachzuahmen. Er beginnt ſeine Decrete mit den Worten:„Im Namen des Va⸗
ters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes.“ Wenn ihm die
———
Andere, bindet er
—
—


