Jahrgang 
1868
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Margareth war bei der traurigen En nicht weniger entſetzt, als ich ſelbſt. Betrachtete ſie ſich och bereits als ein Mitglied der Familie meines Vaters. Ihre erſte Regung war, mich zu begleiten; nur durch dringendes Zu⸗ reden vermochte ich ſie dazu, ſich nach Haller's Farm zu be⸗ geben, die in geringer Entfernung ſichtbar vor uns lag.

Vielleicht wäre es beſſer geweſen, ſie hätte mich be⸗ gleitet; doch wer kann es wiſſen? Wo das Schickſal ſich gegen das Lebensglück der Sterblichen verſchworen hat, da weiß es ſie auch zu finden, und vergeblich ſuchen dieſe ihm auszu⸗ weichen.

Wir trennten uns. Margareth flog auf ihrem grauen Renner der nahen Farm zu, während ich mein Pferd in wilder Haſt, immer in geradeſter Richtung, auf die ſchwarze Rauchſäule zutrieb. Ich flog dahin, wie auf den Schwingen einer Waldtaube; und dennoch, wie lang, wie endlos erſchien mir der Weg, den ich vor wenigen Stunden erſt ſo heiter, ſo zufriedenen Herzens zurückgelegt hatte! O, es iſt ſchmerzlich, das in Aſche zerfallen zu ſehen, woran man ſo viele Jahre hindurch arbeitete und ſparte! So dachte ich während meines wilden Rittes im Sinne meiner armen Aeltern; und dennoch, was ſind ſelbſt ſchwer erſetzliche irdiſche Güter gegen das Leben eines einzigen Menſchen?

Kaum dreiviertel Stunden mochte verfloſſen ſein, als ich vor dem Hofe meiner älterlichen Hütte von dem ſchäumen⸗ den Pferde ſprang. Der Abend war bereits herein gebrochen, aber weithin erhellten die brennenden Trümmer von Stall und Haus die Umgebung. Nur ein Schuppen, in welchen wir den Hauptfuttervorrath zur Ueberwinterung unſeres Vieh⸗ ſtandes untergebracht hatten, ſtand noch. Wurde dieſer ein Raub der Flammen, dann ſtand uns ein trauriger Winter bevor, indem wir gezwungen geweſen wären, uns eines großen Theils unſeres Viehs zu entäußern.

Schon aus der Ferne erkannte ich meinen Vater und meine Brüder, ſogar meine alte Mutter, wie Alle ihre Kräfte vereinigten, wenigſtens dieſen letzten Reſt unſeres ſchwer er⸗ worbenen Eigenthums zu retten. Mit Eimern und ſonſtigen Gefäßen eilten ſie zwiſchen dem nahen Bache und der Brand ſtätte her, um die dampſenden Holzwände des ſeit mindeſtens zwölf Jahren ausgedörrten Schuppens immer wieder zu be⸗ feuchten und dem ſchließlichen Aufflammen deſſelben vorzu⸗ beugen. O, es war eine entſetzliche Scene, die rauchenden Trümmer, der rothe Schein und dazu die verzweiflungsvollen Geſichter meiner Aeltern und Brüder! Und unſere Rinder und Pferde waren herbei geeilt und ſtarrten brüllend und ſchnaubend in die Flammen, als hätten ſie mit uns über den jähen Untergang unſeres Wohlſtandes trauern und, um unſer Unglück zu vervollſtändigen, ſich blindlings in die Glut ſtürzen wollen. Und dann meine Mutter, die gute, alte, zärtliche Frau, wie ſie über ihre Kräfte arbeitete und aus ihren treuen Augen eine ſo wilde Verzweiflung ſprach, eine zu wilde Ver⸗ zweiflung, als daß ſie vermocht hätte, durch lautes Jammern ihrem ſich zuſammenſchnürenden Herzen Luft und Bewegung zu verſchaffen! Gute alte Frau, dein Bild, wie du mir da⸗ mals erſchienſt, hat mir ebenfalls in meinen nächtlichen Träumen vielfach vorgeſchwebt, es ſchwebte mir ebenfalls vor, als ich

Hier ſtockte der greiſe Erzähler wieder; ein heftiges Beben durchlief ihn; doch dieſe Anwandlung von Schwäche gewaltſam niederkämpfend, fuhr er mit leiſer, gedämpfter Stimme fort, als ob er in ein Selbſtgeſpräch vertieft ge⸗ weſen wäre:

Die Rache iſt ſüß, aber nicht edel; mag es darum ſein. Meinen Eid mußte ich halten; über die Verräther iſt ihr eigenes Blut gekommen.

Als ich auf der Brandſtätte eintraf, erfüllte mich nur der eine Gedanke: zu helfen und zu retten, und ſchon in der nächſten Minute hatte ich einen Eimer ergriffen, mich mit Aufbietung aller meiner Kräfte an der Arbeit des Löſchens betheiligend. Schwerlich würde es uns indeſſen geglückt ſein, den Schuppen unverſehrt zu erhalten, wäre das Blockhaus nicht bereits zu einem glühenden und dampfenden Scheiter⸗

haufen niedergebrannt geweſen, und wäre der Abendwind, der uns am meiſten bedrohte, nicht allmählich eingeſchlummert. Die Ausſicht auf Erfolg aber ſtählte unſere Kräfte, und als eine halbe Stunde ſpäter Haller mit ſeinen Söhnen eintraf, da bedurfte es keiner großen Anſtrengungen mehr, das Feuer vollſtändig zu bewältigen.

S iſt ſeltſam, wir hatten, ausgenommen unſeren Vieh⸗ ſtand, faſt unſere ganze bewegliche Habe verloren, und denn⸗ noch hätten wir laut aufjubeln mögen, wenigſtens noch ſo viel vor dem Verderben bewahrt zu haben. Doch ſo iſt der Menſch in ſeiner Kurzſichtigkeit; er hadert mit der Vorſehung und jubelt zugleich, unbekümmert darum, daß in demſelben Augenblick, nur auf einer andern Stelle, vielleicht der Wetter⸗ ſtrahl mit vernichtender Gewalt auf ihn niederfährt.

Obwol wir die Gefahr von dem Schuppen abgewendet hatten, gönnten wir uns während der ganzen Nacht weder Raſt noch Ruhe. Jeder von der Hitze emporgewirbelte Funke konnte den Brand aufs Neue entzünden; außerdem waren wir genöthigt, unſere Aufmerkſamkeit den Thieren zuzuwenden, die, von paniſchem Schrecken ergriffen, die Brandſtätte wild um⸗ tobten. Erſt gegen Morgen, als ſchwerer Thau ſich auf die verkohlenden Balken ſenkte und nur noch ſelten einzelne Flämmchen über den ſchwarzen Schutt tanzten, kamen wir ſo weit zur Beſinnung, daß wir über die Entſtehungsart des Brandes unſere Vermuthungen ausſprachen.

Das Unglück war zwar geſchehen und es änderte nichts an der Sache, ob wir die Urſache des Feuers kannten oder nicht, allein man ſucht ſich doch gern zu überzeugen, daß tadelnswerthe Fahrläſſigkeit nicht der Grund des erlittenen Schadens geweſen iſt. Nach manchem Hin⸗ und Herreden ſtellte es ſich heraus, daß Niemand einen Vorwurf verdiente. Niemand hatte ſich mit Feuer außerhalb des Hauſes befun⸗ den, und aus dem Schornſtein konnten keine Funken gezündet haben, indem dieſelben ſonſt eine Strecke gegen den Wind hätten fliegen müſſen. Der Brand war nämlich auf der Windſeite des Hauſes in einer großen Anhäufung trockenen Maisſtrohs entſtanden, die leider ſo nahe den Blockwänden lag, daß dieſe binnen kurzer Friſt davon ergriffen werden mußten. Meine Aeltern und Brüder aber befanden ſich um dieſe Zeit innerhalb des Hauſes bei ihrer Abendmahlzeit, und genügte der Zeitraum von etwa einer Viertelſtunde, den Brand entſtehen und zu einem ſolchen Umfange anwachſen zu laſſen, daß ſie, als ſie nach der erſten Entdeckung ins Freie hinausſtürzten, ſogleich die Unmöglichkeit einſahen, das Haus

nebſt den meiſten in demſelben befindlichen Gegenſtänden zu

retten..

Als es heller geworden war, begaben wir uns gemein⸗ ſchaftlich nach der Stelle hin, auf welcher das Feuer ausge⸗ brochen ſein mußte. Eine beſtimmte Abſicht leitete uns dabei nicht; wie hätten wir auch in dem Aſchenhaufen, zu welchem das Maisſtroh zuſammengeſunken war, noch irgend einen Aufſchluß über die Entſtehungsart des Feuers zu finden er⸗ warten können? Und dennoch, als wir auf die zugängliche Seite des Aſchenhaufens herumtraten, entdeckten wir Etwas, das uns mit einem unheimlichen Gefühl des Grauens er⸗ füllte. Ein Bündelchen dürren Graſes lag hart am Rande des Aſchenhaufens; daſſelbe war halb verkohlt und verſengt; nur der Riemen, der feſt um daſſelbe geſchnürt geweſen, hatte bewirkt, daß der dem Winde zuaekebrte Theil unverſehrt ge⸗ blieben war. Es waltete alſo tein Zweifel mehr: böswillige Hände hatten das Feuer angelegt. Erſtaunen betrachteten wir dieſen Beweis der uns von unbe⸗ kannten Seite her nachgetragenen feindlichen Gefühle; hatten wir doch nie mit Jemanden im Unfrieden gelebt, daß wir uns eine derartige Handlung zu erklären vermocht hätten.

Traurigen Herzens ſetzten wir endlich unſere Forſchungen fort, und wären wir noch von Zweifel befangen geweſen, ſo hätten ſie bis auf den letzten ſchwinden müſſen, als wir gleich darauf die Knieabdrücke eines Mannes entdeckten, der behutſam bis zu dem Maisſtroh herangekrochen war und dann, nach Ausführung ſeiner ſchmachvollen That, ſich in der⸗ ſelben Weiſe rückwärts entfernt hatte. Erfüllt von den böſeſten

Stumm vor Schreck und

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