Jahrgang 
1868
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Fäden einen Cocon und verharrt in demſelben etwa drei Wochen. Dann, im goldenen Strahl der Sonne durchbricht ein neugeſtaltetes Leben die Hülle; ein zarter, wunderlieblicher kleiner Schmetterling, eben jene gleichſam ätheriſche Florfliege, ſchwebt davon beſtimmt zu einem nur kurzen Daſein der Liebe, Wonne und Sorge für die Nachkommenſchaft.

In dieſer Weiſe wechſeln in einem Sommer mehrere Generationen, ſowol der Florfliegen als auch der Marien⸗ käferchen, und beide ſind ſo liebliche und nützliche Geſchöpfchen, daß wir wohl hoffen dürfen, unſere Schilderung werde ihnen recht viel neue Freunde gewonnen haben, die ſie fortan zu würdigen, zu hegen und zu benutzen verſtehen.

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Die Gottesurtheile der Ueger Weſtafrikas und der Eingeborenen von Mndagascar.

Von Profeſſor Dr. Henkel in Tübingen.

Verſchiedene Reiſende und Schriftſteller, die die Sitten und Gebräuche der Negerſtämme von Weſtafrika ſchildern, erwähnen des ſonderbaren Gebrauchs, den die Schwarzen von gewiſſen giftigen Pflanzen machen, um angeklagte Verbrecher, namentlich Hexenmeiſter, zu überführen oder deren Unſchuld darzuthun, was ſelbſtverſtändlich in den Händen der den Act leitenden Prieſter liegt und lediglich von der größeren oder geringeren Sympathie der letzteren für den Angeklagten oder von der Größe der gemachten Geſchenke abhängt. Es ſteht uns nicht zu, über dieſen nur auf Betrug und Aberglauben beruhenden Gebrauch ein verdammendes Urtheil zu fällen, denn dieſelbe Albernheit beſtand, allerdings in weſentlich anderer Form, noch im Mittelalter bei chriſtlichen Völkern, und im Alterthum bei den Juden wurde das ſogenannte Fluchwaſſer zur Ueberführung von Ehebrechern gereicht.

Die Stämme am Gambiafluſſe gebrauchen zu dieſem Zweck die Rinde eines ſchmetterlingsblütigen Baumes, ge⸗ nannt Cassa oder Sassa, im Syſtem: Erythrophlacum guineense Don genannt.

Dieſelbe iſt außen graubraun, borkig, faſt ½ Zoll dick, auf dem Querſchnitt durch ſtark verholzte gelbliche Zellen in einer rothbraunen Rindenſubſtanz geſprenkelt, von bitter zuſammen ziehendem Geſchmack und färbt, in Waſſer eingeweicht, daſſelbe tief braunroth.

Nach Winterbottom wird die Giftprobe an dem Ver brecher in folgender Weiſe angeſtellt: Zuerſt erfolgt die Be kanntmachung, daß ein Verbrecher derſelben unterworfen werde, und der Stamm verſammelt ſich am betreffenden Tag zahl⸗ reich am bezeichneten Orte. Die Rinde wird vor den Augen der einen Kreis bildenden Verſammlung gepulvert und eine Handvoll des Pulvers unter Waſſer gerührt, bis letzteres wie Seife ſchäumt. Nach eigenthümlichen vorhergegangenen Ceremonien trinkt der Angeklagte wiederholt möglichſt raſch eine Calabaſſe, gefüllt mit dem Giftwaſſer, aus, jedes Mal etwa acht Unzen. Mitunter ſoll der Tod ſchon nach der vierten Calabaſſe erfolgen, dagegen auch oft deren acht bis zehn nöthig ſein, ehe ein Reſultat erfolgt, was natürlich von den größeren oder kleineren Mengen der betreffenden Rinde herrührt, die der mit der Leitung der Probe beauftragte Medicinmann zuſetzte. Treten heftige Schmerzen in dem Unterleib ein, ohne daß Erbrechen oder Durckfall erfolgt, ſo wird der Angeklagte für ſchuldig erklärt und, wenn er mit dem Leben davon kömmt, als Sklave verkauft. Gibt er das Gift ſofort wieder von ſich, ohne weiteren Schaden zu leiden, ſo gilt derſelbe als unſchuldig, wenn nicht das Gift noch nach⸗ träglich ſeine Wirkung innerhalb vierundzwanzig Stunden äußert, was auch noch als Beweis der Schuld angeſehen wird. Es ſcheint, daß die Wirkung in dieſen Fällen weniger von der Conſtitution des einen oder anderen Angeklagten ab⸗ hängig iſt, ſondern daß vielleicht gleichzeitig oder vorher ge⸗ reichte Brechmittel den gewünſchten Erfolg beeinfluſſen. Ge⸗ naueres über die giftigen Beſtandtheile dieſer Rinde iſt nicht bekannt, indem bis jetzt erſt geringe Proben von zweifelhafter Aechtheit nach Europa gelangten.

In Alt⸗Calabar an der Küſte von Weſtafrika dient zu gleichen Zwecken der Samen einer gleichfalls ſchmetter⸗ lingsblütigen Pflanze, welche bisher in Europa unbekannt,

erſt vor wenigen Jahren in Edinburg aus Samen gezogen, durch Balfour als Physostigma venenosum beſtimmt wurde. Letztere ſoll ſich beſonders in der Nähe von Attarpah und Oldtown finden, an andern Orten aber auf Befehl des Königs ausgerottet worden ſein; alle Samen der vorhandenen Pflanzen mußten nach Angabe des Miſſionärs Waddell früher dem Könige in Verwahrung geliefert werden. moderne Medicin ſich der Wirkung der Samen in der Augen⸗ heilkunde zu bedienen angefangen hat, gelangt bereits eine größere Anzahl davon auch nach Europa. Dieſe Samen ſind von höchſtem Intereſſe, indem dieſelben, faſt durchaus geſchmacklos, leicht

in verbrecheriſcher Abſicht jeder beliebigen Speiſe beigemengt

werden könnten, ohne im geringſten Verdacht durch auffallen⸗ den Geſchmack zu erregen, ferner weil ſie nach Verſuchen an Thieren, anſcheinend ohne irgend eine Schm erzäußerung

hervorzurufen, tödten und zwar einfach durch Lähmung der

Herz⸗ und Athmungsorgane, ohne etwa auftretende Krämpfe, und endlich, weil bis jetzt wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden iſt, die Gegenwart dieſes Giftes im Körper chemiſch nach⸗ weiſen zu können. Es iſt deshalb auch die größte Sorgfalt im Verkehr mit dieſen ſogenannten Cakabar⸗Bohnen geboten, daß ſelbe nicht in verbrecheriſche Hände gelangen können. Die Früchte dieſer Pflanze ſind 7 Zoll lang, enthalten aber nur 23 Samen, welche durchſchnittlich etwas über ½ Loth wiegen; ſie ſind elliptiſch, etwas abgeflacht, 1 ½ Zoll lang, bis % Zoll breit, ſchwach bogenförmig gekrümmt, auf der Seite, mit welcher ſie durch den ſogenannten Nabelſtrang(wie unſere Bohnen) an der Hülſe angeheftet ſind, gerade oder wenig ausgeſchweift in mit einem ziemlich breiten, gefurchten, glänzend ſchwarzen Nabel verſehen, welcher in der Mitte eine rothe Linie trägt und um Dreiviertel des ganzen Randes herum⸗ läuft. Die Samenſchale iſt rauh, wenig glänzend, die Farbe tief chocoladebraun, gegen den Rand heller; der Kern iſt derb, mehlig, hornartig, gelblichweiß, von fadem bohnen⸗ artigen Geſchmack, ohne Geruch. Neben den gewöhnlichen Beſtandtheilen der gewöhnlichen weißen Bohnen fand die chemiſche Analyſe noch etwas fettes Hel und einen kryſtalliniſchen, ſehr giftigen Stoff von ſchwach bitterem Geſchmack, Eſerin (nach dem in Afrika gebräuchlichen AusdruckEſere für die Pflanze ſo genannt), welchem die giftige Wirkung der Samen zuzuſchreiben iſt. Der berühmte britiſche Toricologe Chriſtiſon wäre beinahe das Opfer ſeiner Unvorſichtigkeit geworden, als er die Samen erhalten hatte und dieſelben für gänzlich un⸗ ſchädlich hielt, da er keinen irgend auffallenden Geſchmack be⸗ merken konnte, während doch faſt alle Pflanzengifte enthalten⸗ den Objecte bitter ſchmecken. Er beſchreibt ſeinen Zuſtand als allmälig zunehmendes Schwächegefühl, Unfähigkeit ſich zu bewegen, ohne jeden Schmerz und ohne Trübung des Bewußt⸗ ſeins; nur das zufällige Hinzukommen ſeines Sohnes, der ſofort die nöthigen Gegenmittel reichte, rettete Chriſtiſon das Leben, da er, nicht im Stande ſich von ſeinem Sitz zu erhe⸗ ben, ſelbſt kein Hülfsmittel ergreifen konnte. Der Umſtand, daß anſcheinend der Tod ſchmerzlos bei vollem Bewußtſein eintritt, veranlaßte ſogar ſchon engliſche Philanthropen(2) dieſes Mittel zur Vollſtreckung der Todesſtrafe zu empfehlen. Ueber die eigentliche Darreichung bei den Gottesurtheilen der Neger jener Gegend iſt nichts bekannt geworden; in der Augen⸗

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