Jahrgang 
1868
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ſchließlich das alles mit theurem Geld bezahlen, mit ſo theu⸗ rem Geld, daß in vielen Fällen der Anfang zum Ruin einer Familie ſich ſehr leicht von ihren Sommerfriſchen herdati⸗ ren läßt.

Ganz anders iſt es freilich mit denen, denen ein glück⸗ liches Geſchick geſtattet, draußen mitten zwiſchen den ewigen Bergen auf eigenem Grund und Boden zu ſitzen, die alle die Reize desZuhauſe mit in die herrliche Nathr unſerer Alpen hineintragen können. Die gehören freilich zu den Auserwählten des Lebens, und bei denen hat die Sommer⸗ friſche wohl eine Bedeutung und mag ſie erfriſchen an Leib und Seele. Was haben wir für Paradieſe zwiſchen unſern ewigen Bergen, welche reizende Winkel an unſeren blauen Seen! Das wiſſen die Tauſende der Angehörigen des Nord⸗ deutſchen Bundes, die Jahr aus Jahr ein unſer Baiern be⸗ ſuchen, recht gut und locken immer aufs Neue andere Tau⸗ ſende an, ſodaß die norddeutſche Völkerwanderung von den ſpeculativen Gaſthausbeſitzern im Hochland als feſteſter Po⸗ ſten im Budget angeſehen wird.

Das hat ſogar Er und mit Ihm auch Sie gefunden, als ſie Beide bei Franz Joſephus, dem Herrlichen, den be⸗ rühmten Beſuch in Salzburg machten und ſtaunenden Blickes durch unſere herrlichen ſüddeutſchen Gauen fuhren. Sie ge⸗ ruhte ſogar vollſtändig außer ſich zu ſein über die Schönheit Salzburgs, und erklärte, ſie würde wieder kommen. Ob ſie vielleicht im Stillen daran gedacht hat, den heiligen Vater, wenn es ihm in Rom zu warm geworden ſein wird, die alte Juvavium, in der uns ja überall die Bedeutung des Krumm ſtabes entgegengrinſt und deren katholiſches Ausſehen ihrem allerhöchſten katholiſchen Herzen ſehr wohl gethan zu haben ſcheint, als Reſidenz zu geben? Ha, wie würden da die alten Wolf Dietrich und Marcus Sittich in ihren Marmorgrüften lachen und was würde Kaiſer Carolus im Untersberg für eine Freude haben! Dieſe Salzburger Entrevue, wie ſie of⸗ ficiell getauft wurde, kam gerade ſo recht in die ſaure Gur⸗ kenzeit. Außer der Cholera war gar kein anſtändiger Geſpräch⸗ ſtoff mehr vorhanden, und immer konnte man doch auch nicht von Pettenkofer und Desinficiren reden. Jetzt erſchien in München der kaiſerlich⸗franzöſiſche Train, vorläufig noch ohne Inhalt, er mußte erſt bis Salzburg Probe fahren, ob der kaiſerliche Siegeswagen auch auf deutſchen Bahnen laufen könne. Da konnte man nun ſchon von der Pracht der Ein richtung des Kaiſerzuges ſprechen. Wißbegierige Correſpon⸗ denten, denen bekanntlich keine Thür feſt genug iſt, drangen nicht nur bis in das wandelnde Schlafgemach der Kaiſerin Eugenie vor und beſchrieben ebenſo naiv als pikant die La⸗ gerſtätte der kaiſerlichen Venus, beſangen mit glühenden Far⸗ ben die ſchwellenden Kiſſen, welche das beneidenswerthe Loos haben, die noch immer ſchwellenden Formen der ſchönen Eu⸗ genie zu tragen, nein ihrer Indiscretion öffneten ſich ſogar die Gemächer, die der kleine Fuß der blonden Spanierin immer nur allein betritt und die verſchämte Advokaten und Notare bei Ankündigungen von Zwangsverſteigerungen von Häuſern und liegenden Gründen nie ohne Beiſetzung der bei⸗ den kleinen Buchſtaben s. v. zu beſchreiben pflegen. Was wollte neben der Beſchreibung dieſer myſteriöſen Orte noch der Telegraph des Kaiſers ſagen, mit dem er nicht nur ſei⸗ nen Adjutanten, ſondern auch dem Koch und dem Zugführer auf 10 Fuß Entfernung die deutlichſten elektriſchen Befehle mit fabelhafter Geſchwindigkeit zublitzen konnte. Und doch muß dieſer Telegraph gar nicht ſo ohne geweſen ſein, denn unſere Majeſtät, der König Ludwig II., hat ſofort Ordre ge⸗ geben, an ſeinem königlichen Train auch eine derartige Ein richtung anzubringen.

Der Train fuhr wieder zurück, man hatte die Gewiß⸗ heit, er konnte bis Salzburg laufen. Noch unterhielten wir uns über dieſe kleinen Gemächer der franzöſiſchen Kaiſerin, da traf ſchon die Kunde ein: jetzt kommt Er ſelber. Jetzt ging der Teufel auf den Bahnen los. Soweit die Schienen von Straßburg bis Salzburg laufen, und es iſt eine gewal⸗ tige Strecke, wurden ausdauernde Spaziergänger engagirt. Es wurden nämlich jedem Bahnwärter noch ſechs Gehülfen

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beigeſellt, welche mit ihm die gemeſſenſten Befehle erhielten, fortwährend ihre Strecken abzugehen und zwar bei Tag und Nacht. Dieſes krampfhafte Spazierengehen ſollte nämlich verhindern, daß nicht irgend ein enragirter ſüddeutſcher Geg⸗ ner der Napoleoniſchen Politik, irgend ein heißblütiges Mit⸗ glied unſerer Fortſchrittspartei, geſtärkt durch die Stuttgarter Reſolutionen, mit denen man gerade damals Napolevn ſo empfindſam kränken wollte, eine Brücke abbräche, einige hun⸗ dert Schienen aushöbe, einige Dämme ruinirte oder ſonſtwie dem kaiſerlich-franzöſiſchen Train das Fortkommen erſchwerte.

Noch ſchlimmer war es auf den Bahnhöfen, die Er paſ⸗ ſiren mußte. Da war alles auf's Strengſte abgeſperrt, überall Polizei, wohin man ſah. Wir waren ordentlich er⸗ ſtaunt über dieſe Maſſe von Gensdarmen und ſtellten tief⸗ ſinnige Unterſuchungen darüber an, wo dieſe Leute ſich früher alle verborgen haben könnten, denn es war doch ſchwerlich anzunehmen, daß ſich dieſe achtbare Kriegerklaſſe über Nacht ſo unglaublich vermehrt haben ſollte. Mit großer Mühe er⸗ hielten ſelbſt wir Leute von der Preſſe Zutritt zu dem In⸗ nern des vollkommen abgeſperrten Bahnhofes, und das allge⸗ meine Mistrauen war ſo groß, daß ein höherer Polizeibeam⸗ ter, dem ich aus langen Jahren ſtändigen Verkehrs intim befreundet war, mich die ganze Zeit durch mit ſo feindſeligen und mistrauiſchen Blicken maß, als wolle er durch meinen Rock hindurch den Revolver ſehen, den ich auf Ihn vielleicht abdrücken könnte. Und ich armer unſchuldiger Menſch in⸗ tereſſirte mich nächſt Seiner Phyſiognomie doch hauptſächlich nur für die ſchöne Spanierin und ihre famoſe Chauſſure, welche die ganze männliche Bevölkerung von Süddeutſchland über 15 Jahre ſo ſehr aufregen ſollte!

Er kam, der Zug nämlich, und brachte Ihn und Sie. Aber auch der Moment ging vorüber, und was ich von Ihm und Ihr geſehen habe, will ich lieber für mich behalten und keine vergeblichen krampfhaften Verſuche machen, über Seine häßliche Viſage und Ihreſinnliche Erſcheinung noch neue geiſtreiche Apergus zu machen, ich habe davon ſelber bis zum Ekel genug in den Zeitungen geleſen.

Wir Münchner Journaliſten waren ſehr beſcheidener Na⸗ tur und beſchränkten uns ſo ziemlich auf die Mittheilungen der Thatſachen: Sie ſind angekommen, ſehen ſo und ſo aus und ſind wieder abgefahren. Das Kaiſerpaar hatte, wahr⸗ ſcheinlich infolge einer Ahnung unſerer Harmloſigkeit, deshalb auch einen ganz vertrauensſeligen Ausdruck. Er und Sie konnten freilich nicht wiſſen, daß in Salzburg die ſtoff⸗ hungrigen Correſpondenten und Feuilletoniſten zu Tauſenden auf ſie lauerten und daß ſie mit dem erſten Fuß auf Salz⸗ burger Boden von einer erbarmungsloſen Menge umgeben waren, der keine ihrer Handlungen, ſelbſt diejenigen, die ſich am wenigſten für die Heffentlichkeit eigneten, verborgen blieb.

Ich war ſpäter in Wallbrunn. Die Kaiſerin putzte ſich die Naſe der Neid muß ihr zugeben, daß ſie das graziös und mit ungemeiner Lieblichkeit that um mich herum kratz⸗ ten aber bereits 30 bis 40 Bleiſtifte und verzeichneten den hiſtoriſchen Moment.

Der Kaiſer Napoleon äußerte etwas zur Kaiſerin Eli ſabeth, deutete auf den Untersberg hin und huſtete. Sofort ziſchelten Hunderte um mich herum, ſie alle commentirten den bedenklichen Huſten, die eigenthümliche Geſte auf den Untersberg und die Bedeutung beider unumſtößlicher That⸗ ſachen für den europäiſchen Frieden.

Die Zeitungen in dieſer Zeit zu leſen war bedenklich. Auf jeder Seite ſpazierten die Stiefeletten der Kaiſerin Eu⸗ genie und ihre Fortſetzungen nach oben herum, alle Feuille⸗ tons berichteten nur von den Röcken der Kaiſerin Eliſabeth, den rothen Hoſen des Kaiſers Napoleon und den Uniformen des Kaiſers Franz Joſeph.

Niemals hätte ich geglaubt, daß die Futterale ſtaubge⸗ borener Menſchen, wenn ſie auch auf noch ſo hohen Thronen ſitzen, für die civiliſirte Welt ein ſo ungeheures Intereſſe haben könnten, denn im Grunde genommen bleibt eine entſchuldige, ſchöne Leſerin Hoſe immer doch nur eine Hoſe, gleichviel, ob ein Kaiſer oder eine Kaiſerin drin ſteckt. Dieſe

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