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„„Nein, kein Eulenruf», pflichtete Margareth mir bei; dann ſchwieg ſie, aufmerkſam mein Benehmen beobachtend.
„Wir hatten unſere Pferde angehalten und lauſchten. An eine unmittelbare Gefahr dachten wir nicht, um ſo weniger, als Haller's Farm im Bereiche unſerer Stimmen lag; allein ſelbſt ich, für den indianiſches Gellen nicht drohender als Eulenruf und Wolfsgeheul, fühlte mich von einem mir uner⸗ klärlichen Argwohn beſchlichen. ss iſt ſeltſam, und oft habe mir zu enträthſeln geſucht, warum gerade dieſes Signal einen ſo eigenthümlichen Eindruck auf mich ausübte. An Ahnungen habe ich nie ſo recht feſt geglaubt, und dennoch, was war es, das mich an jenem Abende bis ins Herz hinein wie ein Kind erbeben machte?
„Wir waren eben im Begriff, unſern Weg fortzuſetzen, als aus weiter, weiter Ferne, in der Richtung von meines Vaters Farm her, durch die Entfernung zwar gedämpft, aber deutlich vernehmbar, ein ähnlicher Ruf zu uns herüber drang, der ſich in kurzen Pauſen ebenfalls dreimal wiederholte.
„Wie erleichtert, wenn auch gegen heimliches Mistrauen ankämpfend, ſeufzte ich auf, und indem ich die Pferde antrieb, bemerkte ich ſorgloſen Tones: a's ſind wieder Rothäute in der Nachbarſchaft eingetroffen; ohne Zweifel alte Bekannte, die ſich, ähnlich einer zerſtreuten Heerde Prairiehühner, zuſammen⸗ locken.
„„Und du fürchteſt ſie nicht?* fragte Margareth jetzt beunruhigter.
„„Warum ſollte ich ſie fürchten? rief ich lachend aus; die Jowa's und Miſſouri's, die zuweilen unſere Gegend durch⸗ ſtreifen, haben, ſo lange ich zu denken vermag, noch nie ernſte Veranlaſſung zu Mistrauen gegeben. Sie kommen und gehen wohl etwas geheimnißvoll, allein abgerechnet, daß ſie uns einige Dutzend Hirſche fortſchießen, beläſtigen ſie uns in keiner Weiſe.»“
„Margareth gab ſich mit meiner Erklärung zufrieden, doch beſtand ſie bei meinem Abſchied darauf, ich möge nicht auf demſelben Wege zurückreiten, ſondern einen Umweg ein⸗ ſchlagen, auf dem ich ſicher ſei, den ungebetenen Gäſten nicht zu begegnen. Ich verſprach es heilig, wofür ich das Gegen⸗ verſprechen erhielt, daß ſie ſich in nächſter Zeit nicht ohne männlichen Schutz von der Farm fortbegeben wolle. Außer⸗ dem theilte ich Haller und ſeinen Söhnen unſere Entdeckung mit, woran ich, für ſie ſehr befremdend, die dringendſten Mahnungen zur Wachſamkeit und Vorſicht ſchloß. Meine Aengſtlichkeit erklärten ſie lachend dadurch, daß ich Margareth noch wenige Wochen vor der Hochzeit zu verlieren fürchte. Im Uebrigen billigten ſie meine Umſicht; trotzdem wagte ich nicht, ſie um eine Büchſe zu bitten, ich fürchtete eben, ver⸗ ſpottet zu werden.
„Nach kurzer Raſt begab ich mich auf den Heimweg. Anfangs mich auf Seitenpfaden haltend, bog ich doch ſehr bald in den Hauptweg ein, wo ich mein Pferd zur größten Eile antrieb. Mir war, als ob mir Jemand zugeflüſtert und gerathen habe, die Gangart meines Pferdes zu beſchleunigen, um baldmöglichſt nach Hauſe zu gelangen. Der Gedanke an eine drohende Gefahr war immer feſter in mir geworden, und nicht eher fühlte ich mich von dem auf mir laſtenden Bann befreit, als bis ich auf unſern Hof ſprengte und in der Haus⸗ thür meine Aeltern und Brüder mir entgegentraten.
„Sie ſprachen ihr Befremden über meine unſinnige Haſt aus, und ſelbſt als ich ihnen über die Anweſenheit von Ein⸗ geborenen berichtete, erntete ich nur Neckereien für meine über⸗ große Aengſtlichkeit ein.
„Weißt du von Indianern zu erzählen, hieß es, eſo haben wir dafür Beſuch von einem Weißen gehabt, mit dem wir während deiner Abweſenheit ein Stündchen aufs Angenehmſte verplauderten.»
„Auf meine Frage nach dem Fremden erfuhr ich, daß ungefähr zu derſelben Zeit, zu welcher ich den erſten Eulen⸗ ruf vernahm, ein Reiſender auf den Hof geritten ſei und um eine Erſriſchung für ſich und ſein Pſerd gebeten habe.
„Dem Pferde hatte man einige Maiskolben vorgeworfen,
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den Fremden ſelbſt dagegen hereingenöthigt und gebeten, ſich an der gemeinſchaftlichen Abendmahlzeit zu betheiligen.
„Freimüthig, wie die Gaſtfreundſchaft angeboten wurde, war dieſelbe auch angenommen worden. ſich mit den Manieren eines gebildeten Mannes zu meinen Aeltern an den Tiſch, und nicht lange dauerte es, da hatten ſie ſich in ein ſo lebhaftes Geſpräch vertieft, wie mein Vater ſich nicht entſann, ſeit vielen Jahren geführt zu haben. Merk⸗ würdiger Weiſe waren, wie ich aus den Mittheilungen der Meinigen entnahm, vorzugsweiſe die Verhältniſſe meines Vaters Gegenſtand der Unterhaltung geweſen, wogegen der Fremde ſeine eigene Lage gar nicht berührte und nur höchſtens einige politiſche Nachrichten von geringer Wichtigkeit vortrug. So war es denn gekommen, daß man von ihm weiter nichts wußte, als daß er er im Staate Ilinois lebe und auf dem Wege nach St.⸗Louis ſei, um daſelbſt einen Verwandten zu beſuchen. Im Uebrigen beſchrieb man ihn mir als einen noch jungen Mann, von kleiner, unterſetzter Geſtalt mit pech⸗ ſchwarzem gelocktem Haar, lebhaften und ſehr klugen ſchwarzen Augen und auffallend dunkler Geſichtsfarbe, die indeſſen nichts mit dem Braun der Abkömmlinge der Negerraſſe gemein hatte. Auch wollte man in ſeiner Ausſprache einen gewiſſen fremdländiſchen Accent bemerkt haben, der indeſſen bei ſeinem freundlichen und zuvorkommenden Weſen mehr eine Zierde als ein ſtörender Mangel für ihn geweſen ſei.
„Nachdem er wohl eine Stunde bei meinen Aeltern ver⸗ weilt, war er, trotz der dringenden Einladungen, zu über⸗ nachten, aufgebrochen. Er gab vor, noch in derſelben Nacht das nächſte Städtchen erreichen zu müſſen, wo eine paſſende Gelegenheit zur Weiterreiſe ſeiner harre.
„Im Begriff, davon zu reiten, hatte er ſich noch einmal an meinen Vater gewendet, ihm die herzlichſten Glückwünſche für das ihm leider unbekannt gebliebene Brautpaar über⸗ tragend.
„Ja, ſo genau hatte der Fremde mit ſeinem einſchmeicheln⸗ den Weſen meine Aeltern ausgeforſcht, und was er noch nicht wußte, das verſtand er mit durchtriebener Schlauheit ſogar im Augenblick des Scheidens aus ihnen herauszulocken, näm⸗ lich den Zeitpunkt der Hochzeit, die, je nachdem es die Feld⸗ arbeiten geſtatteten, gleich nach Errichtung der neuen Block⸗ hütte folgen ſollte.
„Auch auf Haller und ſeine Familie war das Geſpräch gelenkt worden, und auf Margareth, die meine Mutter dem Fremden als einen Engel an Schönheit und Herzensgüte ſchilderte.
„„Nun, vielleicht erſcheine ich unverhofft zu der Feſtlichkeit,
um eine Stelle als Trauzeuge zu übernehmen! hatte der Fremde im Davonreiten ausgerufen.
„„Nicht viel Feſtlichkeit!v hatte mein Vater geantwortet; (eine heitere Fahrt zur Stadt zum erſten beſten Notar, und die Geſchichte iſt abgemacht!““.
Der Fremde ſpornte ſein Pferd und verſchwand gleich darauf im Walde, mit ſich aber nahm er eine genaue Kennt⸗ niß unſerer ganzen Familienverhältniſſe, während wir nicht einmal ſeinen Namen erfahren hatten.
Innerlich tadelte ich wohl die Offenherzigkeit meiner Aeltern, doch beſaß ich zu viel Ehrerbietung vor den guten Alten, als daß ich gewagt hätte, meine Misbilligung laut auszu⸗ ſprechen. Und was konnte es im Grunde ſchaden, daß man ſich in Ausübung der Gaſtfreundſchaft zu weit hatte fortreißen laſſen? Auch würde ich ſchwerlich etwas Auffälliges darin ge⸗ funden haben, wäre meine Stimmung nicht bereits durch das Vorhergegangene beeinflußt geweſen. Ich konnte mich näm⸗ lich von dem Verdacht nicht losſagen, daß der Eulenruf in näherer Beziehung zu dem ſeltſamen Beſuch geſtanden, und auf der ganzen Wegesſtrecke zwiſchen den beiden Farmen Indianer auf Rufesweite vertheilt geweſen, um dem Fremden zu verkünden, wenn er, ohne von mir geſtört zu werden, bei meinen Aeltern ankehren könne. Klang mir doch das geheimniß⸗ volle Signal die ganze Nacht hindurch in den Ohren, und in meinen Träumen verfolgte mich wie ein drohendes Geſpenſt die furchtbare Schreckensgeſtalt des unbekannten Fremden.
Der Fremde ſetzte


