Jahrgang 
1868
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auf der Reiſe alles aufzuzeichnen, was ihnen begegne. Da der Negus nichts weiter aus ihr herausbringen konnte, ſo ließ er die beiden Damen frei und vereinigte in Gondar(ſſeiner Reſidenz) einen Gerichts⸗ hof, beſtehend aus allen Europäern Abyſſiniens.

Stern und Roſenthal, bei denen man die gravirendſten Papiere gefunden hatte, wurden citirt. Man las ihnen die Papiere des Proceſſes vor und der Negus fragte die Geſchworenen, welche Strafe die Geſetze Europo's für Denjenigen dictire, der in ſolcher Weiſe von einem gekrönten Haupte ſpreche.

Den Tod, antwortete Waldmeier, der Präſident der Commiſſion, ohne Zögern.Aber wir rufen die Gnade Ew. Majeſtät an für die ſchuldigen Fremden, die mehr aus Unwiſſenheit als aus böſer Abſicht

efehlt.

Pieſer anſcheinend für die Gefangenen ſo verhängnißvolle Aus⸗ ſpruch war in den Augen deſſen, der den Negus kannte, wirkſamer als ein langes Plaidoyer, das den König nur gereizt und die Ange⸗ klagten ſammt den Richtern ins Verderben geſtürzt hätte.

Gut, ich werde menſchlich ſein, fuhr Theodor fort. Ich ändere die Todesſtrafe, die du verlangſt, in Ketten für Stern und Roſenthal. Und ſich zu dem Letzteren wendend:Wie konnteſt du ſo leichtſinnig ſein, einen Fürſten zu verurtheilen, den du gar nicht kennſt, und Thatſachen, die dir nur vom Hörenſagen bekannt ſind!

Roſenthal erwiderte, daß nur die Veröffentlichung ſeiner Notizen ihn wirklich ſchuldig machen könne.

Du weißt wahrſcheinlich nicht, fuhr der Negus fort,daß das Geſetz unſers Staates dir einen Recurs übrig läßt. Ich werde mich freuen, wenn du ihn als Mann von Herz ergreifſt! Du haſt das Recht, von mir ſo viel Schlechtes zu ſagen als du willſt, wenn du bereit biſt, deine Meinung im Sattel, mit dem Schwert in der Hand, gegen einen meiner Ritter zu vertheidigen. Willſt du?

Der arme Roſenthal, der all ſein Lebtag nur die Bibel gehand⸗ habt hatte, erſchrak natürlich vor dieſer Rechtswohlthat und verzichtete auf dieſelbe.

Was den Negus am meiſten in den ergriffenen Papieren erzürnt hatte, das waren nicht die Barbareien, die er ſeit zwei Jahren im Kampfe gegen die Rebellen verübt haben ſollte, ſondern die Aeußerung: er ſei der Sohn eines Kouſſo⸗Händlers.

Wer hat dies den Europäern verrathen können? rief er. Kein Anderer als Einer von Gondar, dieſer Prieſterſtadt, die mir ſchon lange ein Gräuel.

Und die arme Stadt, die ſchon ſeit drei Monaten von ſeiner

Armee ausgeſogen worden, ſie ward der Plünderung übergeben, nach⸗ dem ihr zwei koloſſale Steuern auferlegt waren, die ſie nicht mehr zahlen konnte; die Soldaten erhielten die Erlaubniß, die Stadt zu eſſen, und ſie thaten es mit grauenhaftem Appetit.

Im nächſten Artikel Weiteres und Ausführliches über das Schick⸗ ſal dieſer und ſo mancher anderer europäiſcher Gefangenen, die auf Theodor's Befehl in Ketten geſchloſſen wurden und noch in denſelben ſchmachten.

Vom Büchertiſch.

Blüten aus dem Garten der Kindheit. Ueber die Ent⸗ wickelung der Seele des Kindes. Von Ferdinand Altmüller, Pfarrer zu Ropperhauſen in Heſſen. Mit einem Titelbilde.

Hersfeld 1867.

Böttrich und Hvehl. Den jungen Schößling kann man ziehen und biegen, wie man will; er iſt ein fügſames Material in der kundigen Hand des Gärtners. Hat der Stamm aber Feſtigkeit gewonnen und den Charakter des Bäumchens angenommen, dann wächſt er empor mit allen Knorren und Krümmungen und wieder⸗ ſteht allen Verſuchen, ihm dann noch die ſchöne und edle Geſtalt zu geben, zu der man vorher mit leichter Mühe ihn heranbilden konnte. Ebenſo verhält es ſich mit dem Kinde, mit deſſen Erziehung man beginnen muß, bevor es ſein Pflanzenweſen abgelegt hat. Leider pflegen die Aeltern dieſen Zeitpunkt viel ſpäter anzunehmen, als er in Wahrheit eintritt, und das Kind mit ſeinen liebenswürdigen Unarten ſo lange heranreifen zu laſſen, bis die Knorren und Krümmungen, in die ſich ſein inneres Leben hineingewachſen hat, nicht mehr zu ebnen ſind. Jede vernünftige Erziehung fängt an, wo man in dem Kinde das Bewußtſein ſeines Daſeins aufdämmern ſieht, nicht erſt wenn ſein Unterſcheidungsvermögen und die erſten Kenn⸗ zeichen eines eigenen Willens wahrgenommen werden, denn lange bevor dies äußerlich erkennbar wird, hat es ſchon im Stillen ſeine Wirkſamkeit geübt und das junge Leben mit Eindrücken aller Art und oft genug nicht nach der wünſchenswertheſten Richtung hin erfüllt. Das Erziehungsweſen gerade für die jüngſten Jahre iſt von ſo großer Wichtigkeit, daß man verpflichtet iſt, jeder pädagogiſchen Schrift, die von redlichem Streben erfüllt iſt, eine ernſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken. Unſer Autor, der ſein Werk ſehr bezeichnend Blüten aus dem Garten der Kindheit betitelt hat, gibt keine gelehrten Abhandlungen, ſondern Darſtellungen in volksthümlichem Tone und von einem gewiſſen literariſchen Reize, der durch eine faſt übergroße Fülle von Citaten dunch alle Kapitel hin feſtgehalten wird.

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Die erſte Theil iſt mehr der äußeren Schilderung des Lebens im Paradies der Kindheit gewidmet uud ſchlägt nur in dem Kapitel vomheiligen Taufquell den Ton an, der für den zweiten Theil, in welchem die Entwickelung der Seele des Kindes dargeſtellt wird, der weſentlich beſtimmende iſt. Die Erziehung zu Gottesliebe und Gottesfurcht iſt das Ziel, das dem Autor als das höchſte gilt; der theologiſch-pädagogiſche Standpunkt iſt demnach der vorwiegende, doch möchten wir gleich hinzufügen, daß er nicht von dem Eifer zorn⸗ müthiger Orthodorie, ſondern wahrer und milder Frömmigkeit erfüllt iſt und damit auch frei denkende Kreiſe nicht zurückſtoßen wird. Die echt chriſtliche Moral iſt ſtets eine wahre Wohlthat für das Herz und Gemüth des Kindes und eine Grundlage für den Kampf des Lebens, die ihren Segen bewährt, auch wenn die Erkenntniß des Geiſtes die Blüten des holden Wunderglaubens längſt abgeſtreift hat.

Ordnung und Schönheit am häuslichen Heerd. Haus⸗ haltungskunſt und Geſundheitspflege. Den deutſchen Frauen ge⸗ widmet von Dr. Wilhelm Hamm. Jena. Herrmann Coſtenoble.

Anſtatt der gebräuchlichen Lieder und Anthologien, die deutſchen Frauen und Jungfrauen gewidmet werden, endlich einmal ein Buch, das ihre ganze und ungetheilte Erkenntlichkeit herausfordert. Ob⸗ gleich die Widmung nicht den Männern gilt, wollen auch wir dieſem Dankvotum uns anſchließen. Glücklicherweiſe beſitzen wir ja noch eine Neigung für den häuslichen Heerd und ſehen es gern, wenn die Liebenswürdigkeit unſerer Damen in dieſer Neigung uns beſtärkt und den Comfort des Lebens ſchafft, in welchem Huld und Schönheit noch holdſeliger erſcheinen und der Reiz der Laune und ſinnigen Unterhaltung noch reizender wird. Wir empfehlen demnach vor allen den verehrten Müttern zukünftiger Hausfrauen den reichen In⸗ halt dieſes Buches, damit ſie ſich beſtreben, aus ſeinen Lehren ihre Töchter für den Beruf vorzubilden, ſich und den einſtigen Gatten das Leben möglichſt angenehm zu machen. Natürlich kann jede Frau kochen, es kommt nur darauf an, wie? Oder ein Frühſtück, Diner und Souper arrangiren, doch pflegt eine Jede ihre eigene Methode zu haben; Thee und Kaffee ſieden, allein bei der Einen mundet's beſſer als bei der Andern; Einkäufe des häuslichen Bedarfs beſorgen, aber nicht immer in billigſter und rationellſter Weiſe. Genug, es gibt offenbar für dieſe anſcheinend leichteſten Dinge eine Steigerung vom Schlechten bis zum Beſten und damit einen Anreiz zum Studium, das ſich nicht blos auf die Auswahl des Bedarfs für Küche und Keller erſtrecken ſoll, ſondern auch auf die Eigenſchaften, die den einzelnen Stoffen aus Thier- und Pflanzenreich eigenthümlich ſind. Dazu kommt, daß die deutſche Frau nicht bloß am Heerde walten, ſondern auch der Genius des traulichen Zimmers und der ganzen geordneten Wirthſchaft ſein ſoll. Welche Fülle von Pflichten in Bezug auf Wäſche und Heizung, Licht und Luft, Wohnung und Hausrath! Ihre Wirkſamkeit kann das beſte Präſervativ gegen Doctorrechnungen und Apothekerquittungen ſein, aber freilich, ſie muß wiſſen, was nutzt und was ſchadet, und was ſie nicht weiß, erlernen. Es iſt immerhin keine Kleinigkeit,Ordnung und Schönheit am häuslichen Heerd zu erhalten, doch thut's ein eifriges Studium in dieſem Werke, das Dr. Wilhelm Hamm zuerſt unter dem TitelAgathobiotik in der illuſtrirten ZeitſchriftUeber Land und Meer alsBriefe an eine deutſche Frau erſcheinen ließ und das ſeitdem, wie es überhaupt großen und verdienten Anklang gefunden hat, in einer Ueberſetzung auch den ſpaniſchen Damen, denen es ſicher nichts ſchaden dürfte, zugänglich gemacht worden iſt.

Ranken. Gedichte von Adolf Bekk. Zweite Auflage. Peſt. Wien, Leipzig. A. Hartleben's Verlag, 1867.

In unſern Tagen iſt es jedenfalls ein ſehr günſtiges Zeichen, wenn eine Gedichtſammlung ihre zweite Auflage ankündigen kann, und in der That darf Herr Adolf Bekk Anſpruch erheben, namentlich in der rein lhriſchen Form unſern überreichen Liederſchatz noch mit einigen duftigen Blüten verſehen zu haben. Tiefe Empfindung in anmuthiger Form, wie in dem GedichteUrmythe, oder auch ſcher⸗ zende Grazie, wie in dem ſinnigen LiedeHuldarike, ſind die Weſen⸗ heiten ſeines Talentes; einige epiſche Verſuche haben Schwung und Wohllaut in Strophenbau, leiden aber daran, daß die Motive zu unklar gehalten ſind und daß der Faden der Fabel unter einer über⸗ wuchernden Lyrik allzu ſehr verdeckt iſt. M.

Damen⸗Almanach. Notiz- und Schreibkalender für das Jahr 1868. Berlin. Haude und Spener'ſche Buchhandlung.

Unter den uns vorliegenden Damen⸗Almanachs nimmt der er⸗ wähnte einen der beſten Plätze ein. Er iſt zart und duftig, wie er in die Hand des ſchönen Geſchlechtes paßt, ausgeſtattet; darin befindet ſich ein von Hermine Stilke gezeichnetes, allerliebſtes Buntdruckbild, Raum zu Notizen für jeden Tag des Jahres, zu Adreſſen, Ausgaben und Einnahmen, eine Genealogie der europäiſchen Regentenhäuſer, und noch viele andere ſchöne und nützliche Dinge, die im Verein das Werkchen zu einem reizenden und brauchbaren Taſchenbuche m

Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21.

Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen. Haupt⸗Erpedition und Druc bei F. A. Brochaus in Leipzis⸗