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ſich nicht verkennen; der Lady eiferſüchtige Augen bemerkten gar bald, daß neben dem Intereſſe für die Kunſt das weit größere, ihr gefährlichere, für den Gegenſtand der Kunſt, die Baronin ſelbſt, des Malers Hand geleitet hatte.
Dieſes Intereſſe und der Baronin Tugend waren genug, um in der Lady den Entſchluß zu befeſtigen, jener vor der Welt einen Eklat zu bereiten.
„Auch mich“, unterbrach die Lady die lange Pauſe der Betrachtung des Gemäldes,„hat der talentvolle Maler, unſer gemeinſamer Freund“— ſie betonte dieſe Worte mit einer gewiſſen verletzenden Schärfe,„porträtirt; ich würde mich unendlich freuen, wenn Sie das Bild eines Blickes würdig hielten. Es befindet ſich gegenwärtig in meinem Hauſe, ver⸗ ſprechen Sie mir Ihren Beſuch.
Die Baronin wollte einer beſtimmten Antwort ausweichen, die Lady beſtürmte ſie aber ſo mit Bitten, bis Jene ihren Beſuch auf den dritt⸗nächſten Tag zuſagte.
Ueberglücklich entfernte ſich die Lady.
Dies Verſprechen war kaum gegeben, als ein Gefühl nicht recht gehandelt zu haben, oder doch wenigſtens ſich über⸗ eilt zu haben, die Baronin beſchlich.„Wen frage ich um Rath?“ rief ſie aus;„ach ihn“, ſetzte ſie im Augenblick freudig erregt, hinzu.
Daß mit dieſem„ihn“, der Notar gemeint ſei, ließ ſich dieſer nicht träumen, wenn er ſchon in einem traumähnlichen Zuſtand daheim in ſeiner fünften Etage an dem mit grünem Tuche überzogenen Schreibtiſch ſaß, der, wie ſein Herr von der Notariatspraxis ausruhte, wie ſein Herr Spuren altern⸗ der Tage zeigte.
Wer war der Gegenſtand ſeiner traumähnlichen Stimmung? Marie's Porträt.
Obſchon er ſie ſelbſt gebeten hatte, der öffentlichen Be— wunderung den Genuß der Betrachtung zu gönnen, war er doch jetzt innig erfreut, daß die Baronin ſeiner Bitte nicht willfahrt hatte. War er doch außer dem Schöpfer des Kunſt⸗ werkes der Einzige, dem es vergönnt war, in dieſem reinen Spiegelbilde, an dem Seelenadel dieſes Angeſichts ſich zu er⸗ freuen. Und das Bild der Lady— ſprach er weiter bei ſich— welchen Eindruck muß dieſes machen? Hätte ich doch während es ausſtand, mich auf die Galerie verfügt. Warum ich es nicht gethan habe, weiß ich heute ſelbſt nicht. Wenn man beide Gemälde zur Vergleichung neben einander ſehen dürfte, es wäre ein intereſſantes Charakterſtudium.“
Im Augenblicke klopfte es leiſe an die Thür, die Baronin trat ein.
„Welche unerwartete, aber große Freude machen Sie mir durch Ihren Beſuch, wertheſte Freundin! Was führt Sie her, womit kann ich dienen?“
Dies waren die Fragen, die mit anderen ähnlichen In— halts der Notar nicht ſchnell genug vorbringen konnte.
„Ich begehre Ihren Rath, mein theurer Freund.“
„So gut ich ihn habe“, erwiderte der Notar.
Die Baronin berichtete nun von der Lady Einladung in ihr Haus.
„Was ſoll ich thun?“
„Hingehen.“
„Aber nicht ohne Sie.“
„Ohne mich? Bedenken Sie meine Erſcheinung in dem Cirkel! Auch iſt an mich keine Einladung' ergangen.“
„„Sie ſind mein Cavalier“, erwiderte die Baronin, in⸗ dem ſie ihm die Hand reichte.„Zudem, erzählt ja das ge⸗ ſchwätzige Paris, hält die Lady offenen Hof in ihrem Salon, was hätten Sie zu bedenken? Ich, ein Neuling in der Welt,
bedarf eines Führers, eines Beſchützers, wen Beſſeren könnte
ich wählen als Sie. Nun?“
Der Notar, dem der vorhin nur leiſe ausgeſprochene Wunſch, das Portrait der Lady zu ſehen, auf dieſe Weiſe erfüllt werden ſollte, ſagte ſeine Begleitung zu.
Am beſtimmten Tage fuhren Beide vor dem Hotel der Lady vor. Dieſe, in eben ſo reicher als geſchmackvoller Parure empfing die Baronin auf das Herzlichſte.
„Mein Freund, der Notar Steculé“, ſtellte dieſe vor.
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„Sind mir nicht unbekannt und doppelt willkommen, da er ein Gut beſitzt, um das ich ihn beneide: Ihre Freundſchaft.“
Die Lady ſprach dieſe wenigen Worte mit ſo großem Liebreiz, daß der Notar das Vorurtheil, das er gegen die Weltdame hatte, im Stillen ihr abbat.
Der im Salon um das Gemälde der Lady in Be⸗ wunderung verſammelte Kreis von Herren löſte ſich beim Eintritt der Baronin in Gruppen, deren Erſtaunen und Bewundern über die Erſcheinung der liebreizenden Dame noch größer war.
Man verglich unwillkürlich dieſe mit der Lady im Por⸗ trait, vor dem jetzt die Baronin und der Notar ſaßen.
Pierre, dem die Lady dieſen Beſuch abſichtlich ver⸗ ſchwiegen hatte, war nach dem Boulogner Hölzchen ge⸗ fahren.
„Ach, wie ſchön!“ rief die Baronin in ungeſchminkter Freude aus,„man kann daran ſich nicht ſatt ſehen.“
Still verhielt ſich der Notar. Verhehlte er ſich ſchon keineswegs, daß auch dieſes Bild mit derſelben Meiſterſchaft gemalt ſei als das der Baronin, ſo mußte er ſich doch ſagen, daß in dieſem Portrait unter dem Liebreiz der Frauenſchöne das ganze ſinnliche, ränkevolle, weltluſtige und weltkranke Paris verborgen ruhe, daß gleichſam eine Warnung durch das Gemälde gehe. Zeigte nicht ſchon die mehr ruhende als ſitzende Stellung auf den verführeriſchen Kiſſen der ſchwellen⸗ den Seide die gefahrbringende Sirene an?
Der Lady Augen funkelten im Kreiſe der Männer um⸗ her, überall dieſe Bewunderung für ſie? nein, für die Baronin.
Die Eiferſucht erhob das Meduſenhaupt höher. Hätte Jemand in dieſes Geſicht prüfende Blicke geworfen, er würde den Plan, den ſie gegen die Nebenbuhlerin zur Ausführung bringen wollte— deren Tugend zu verdächtigen, am liebſten zu vernichten— deutlich geleſen haben.
„Sie würden mich“, nahm ſie das Wort„durch die Belobung meines Portraits tief beſchämen, wenn ich nicht glücklicher Weiſe alles Schmeichelhafte dem Maler zutheilen könnte.“
„Und wo iſt Herr Laroſſe?“ fragte der Notar.
„Ausgefahren“, antwortete die Lady.„Unſer lieber Freund hat Künſtlerlaunen. Seit er das Bild unſerer liebens⸗ würdigen Baronin gemalt, erkenne ich ihn nicht wieder. Wenn ich mich nicht täuſche, leidet er an einem Herzfehler, hoffen wir, daß dieſer keiner ſchlimmeren Krankheit Vor⸗ bote iſt.“
Die Wangen der Baronin überlief eine brennende Röthe.
„Vielleicht“, fuhr die Lady, welcher dies nicht entgangen war, fort,„vergönnt er uns ſpäter noch die Ehre ſeines Beſuches, ich fürchte nicht, daß ſeine Abweſenheit die Freude unſeres Cirkels mindere, oder wohl gar ſtöre. Ehe Sie ein⸗ traten“, ſagte ſie zur Baronin gewendet,„beſchäftigte uns die Beantwortung einer zufällig aufgeworfenen Frage. Da wir alle an der Löſung derſelben uns verſucht haben, ſo iſt es nicht mehr als gerecht, daß wir auch von Ihrem Gerichts⸗ hof, wertheſte Baronin, darüber eine Sentenz vernehmen.“
„Und die Frage iſt?“ unterbrach ſie dieſe.
„Eine an ſich ſehr einfache, meine Beſte. Wer iſt beſſer daran: wer liebt ohne Gegenliebe, oder geliebt wird, ohne zu lieben?“
Aller Augen richteten ſich auf die Baronin.
„So weit ich zu urtheilen vermag“, antwortete ſie,„iſt
es eine Wahl zwiſchen zwei Uebeln; ich würde das Lvos
desjenigen, der, ohne geliebt zu werden, liebt, vorziehen.“ „Warum?“ fragte man faſt zu gleicher Zeit. „Weil ich lieber ein Almoſen gebe als beanſpruche.“
Lady.
Das gnal ein gemeinen Bravo, ſelbſt der Notar nickte ſehr beifällig und ſprach vor ſich hin:„Eine pikante Antwort aus liebreizendem
Munde.“ ₰
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„Ihnen gebührt der Preis“— rief applaudirend die
Zeichen ihres Beifalles galt als Signal eines all⸗
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