Jahrgang 
1868
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war, daß der jeweilige Beſitzer für das Seelenheil des Erb⸗ laſſers jährlich zweihundert Meſſen leſen laſſen müſſe. Auf den Rath Engländer's wurde nun in der Gratzer Zeitung eine Annonce des Inhaltes eingeſchaltet, daß zweihundert Meſſen an den Mindeſtfordernden zu vergeben ſeien. Es ſollen auch wirklich Offerte von Geiſtlichen eingelaufen ſein, welche ſich erboten, die Meſſen ſtatt um dreißig Kreuzer(Conventions⸗ münze), dem Normalpreiſe, um zwanzig, ja um zehn Kreuzer

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zu leſen, ſo daß das Servitut nun von hundert Gulden jähr⸗ lich auf den dritten Theil dieſer Summe herabſchmolz. Unter ſeine Stammgäſte zählte Engländer ſehr viele hochgeſtellte Perſönlichkeiten, reiche Fremde, insbeſondere Ruſſen und Offi⸗ ziere(der Mannſchaft war der Beſuch ſeiner Localitäten zeit⸗ weiſe unterſagt), ſo auch den Feldmarſchall⸗-Lieutenant Kou⸗ delka, welcher vor Kurzem wegen gemeinen Betrugs mit vielem

Eelat inhaftirt wurde. D

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S

Lady und

ßaronin.

(Aus den Papieren eines Malers von Moritz Horn.) (Fortſetzung.)

Die Lady war ausgefahren, als Laroſſe nach ihr fragte. Sie kehrte ſpät zurück, Pierre begrüßte ſie. Auf ihrer ſonſt freien, flatterhaften Stirne zeigten ſich Wolken des Unmuths.

Das angeknüpfte Geſpräch begann fort und fort zu ſtocken; Pierre war zu ſehr mit der Erſcheinung der Baronin beſchäftigt und hörte kaum, welche Novitäten die Lady aus der Stadt mitzutheilen bemüht war, er bemerkte auch den lauernden Blick nicht, welcher der nächſten Frage vorausging.

Wie hat Ihnen, rief ſie, ſehr ſchnell ein begonnenes Geſpräch plötzlich abbrechend,die Baronin** gefallen?

Sie wiſſen? fuhr Pierre, jedoch ſogleich ſich mäßigend, auf.

Ein Zufall führte meinen Lakai mit einem Auftrage in die zweite Etage, als Sie mit Ihrem alten, würdigen Notar in die erſte eintraten.

Ich will nicht fürchten, daß ſie meine Schritte außer dem Hauſe bewachen laſſen.

Wie kommen Sie auf dieſe Idee? fragte etwas piquirt die Lady.

Brechen wir davon ab, ſagte Laroſſe.Bedarf ich doch das Wohlwollen meiner Herrin zu dem Urlaub, den ich mir von morgen an, wenn auch nicht für den vollen Tag, doch für deſſen größten Theil erbitten muß. Ich bin beauf⸗ tragt, das Portrait der Baronin zu malen.

Die Lady erbleichte, faßte ſich aber ebenſo ſchnelbwvieder.

Dann wünſche ich Ihnen viel Glück. Gute Nacht, mein Freund, ich bin müde. Sie reichte ihm die Hand, die er heute mehr aus Gewohnheit als aus Neigung küßte, lehnte in die Sofaecke zurück, wobei der kleine Fuß im wei⸗ ßen ſeidenen Schuh unter der wenig gehobenen Robe aus karmoiſinrothem Sammt hervor ſich ſchob und ſchloß die Augen.

Pierre kehrte auf ſein Zimmer zurück.

Er ſtellte in Gedanken beide Frauenerſcheinungen gegen⸗ über. Die Vergleichung fiel zu Gunſten der Baronin aus, ja, jetzt wurde ihm der Zug in dem Geſicht der Lady klar, die Eiferſucht hatte jene Linie gezogen, die in das ſchöne Geſicht etwas Dämoniſch⸗Sinnliches brachte.

Sollte er offen, ſollte er ſogleich mit der Lady brechen, zurückkehren aus dem Lurus ſeiner Wohnung, aus dem Schoße des Reichthums in die kleine, beſcheidene Etage, der äußern Welt um ſeiner innern willen entſagen? Es gebrach ihm an Muth, und welche Ausſichten hatte er, in den Beſitz der Baronin zu kommen? Führte ihn nicht hier der Druck an die geheimnißvolle Thür jederzeit zu dem Genuſſe weiblicher Schönheit, oder war es dieſer Genuß vielleicht ſelbſt, der ihm verwerflich, zwecklos, kleinlich vorkam, ohne den Adel einer

auf höhere Seelenzwecke gegründeten Verbindung?

Deutlicher als je ließ ſich heute das Kniſtern im Neben⸗ gemach hören. Die beredte Mahnung glitt aber an ſeiner gehobenen Seelenſtimmung ab. Ohne mit ſich zu einem klaren Abſchluſſe zu kommen, entſchlief er ſpät unter unruhigen Träumen.

Am andern Tage erwartete die Baronin ihn bereits in dem zum Portraitiren ausgewählten beſtimmten Zimmer.

nung mitgebracht und legte ſie der Baronin mit der Frage vor, ob ſie in ſolcher oder ähnlicher Situation gemalt zu ſein wünſche.

Marie blickte es lange an, Röthe überlief ſie, ſehr ernſt ſagte ſie:Dieſe Stellung gehört zu ſehr der Mode an.

Sie wählte eine andere.

Wie vor der Lady ſtand vor der Baronin Pierre an der Staffelei; nicht die Glut erregter Sinne, die wohlthuende Wärme einer innigen Hinneigung zu dem Gegenſtande ſeines Bildes erfüllte ihn. Jetzt, wo er in dieſem reinen, durch keine unedle Leidenſchaft bewegten, durch ein friedliches Seelenleben verklärten Angeſicht ſtudiren durfte, jetzt fühlte er den Künſtler und die Reinheit der Kunſt bis in das tiefſte Herz.

Selige Tage waren ihm die, an denen er mit Innig⸗ keit an ſeinem Werke ſchaffen konnte.

Wie natürlich war die holde Dame in ihrem Weſen!

Wenn er die Sitzung aufgehoben hatte, weil er, um an dem Bilde nachzuarbeiten, des Originals weiter nicht be⸗ durfte, dann ſaß er oft minutenlang vor dem Portrait ver⸗ ſunken, Plane faſſend und aufgebend.

Oft, wenn er dann wieder angeſtrengt malte, als wollte er dadurch den Sturm der Leidenſchaft beſchwören, trat die Baronin ein.

Ich bin ein wenig neugierig und möchte Ihre Schöpfung belauſchen, belauſchen aber kann man nur, wenn der zu Be⸗ lauſchende nichts davon weiß oder wiſſen will. Ich bitte, wiſſen Sie nichts davon und ſtören Sie mir das Vergnügen nicht. Pierre gehorchte.

So fiel zwiſchen Beiden kein Wort, leis wie ſie gekommen, ging ſie wieder.

Nach einigen Wochen war das Gemälde beendigt, kein Portrait im gewöhnlichen Sinne, denn der Maler hatte der Baronin den Vordergrund angewieſen und im Hintergrunde den Landſitz ausgezeichnet copirt.

Garten ſitzend, dargeſtellt. Ein Käſtchen mit dem herausge⸗ fallenen Schmuck an Spangen, Ketten, Ringen lag am Boden, es diente dem Fuß, der allerdings an Zierlichkeit dem der Lady nicht nachſtand, ja zu ſeinem Vortheile wetteiferte, zum Schemel. Ich möchte dieſes Bild auf der Ausſtellung neben dem der Lady haben, das ſich bereits dort befindet, ſagte Laroſſe zu ſeinem Freunde, dem Notar,ich aber mag ie Bitte an die Baronin nicht wagen, ſie wird ſie abſchlagen; verſuchen Sie es, gelingt es Jemanden, ſo gelingt es Ihnen Die Hoffnung ſchlug fehl, die Baronin geſtaktete die Ausſtellung nicht. S

ſilbiger, noch verſchloſſener, ja, er wird jetzt öftervr, nter dem Vorgeben ſich unwohl zu fühlen, die Kreiſe, welche die 66 jetzt öfterer als früher in ihrem Hauſe zu verſamnſeln p egte,. Als Pierre nach langer Zeit einen ſolchenKünſt ler⸗ abend, wie jene Verſammlungen genannt wurden, beſuchen

Pierre hatte von dem Bilde der Lady eine kleine Zeich⸗

mußte, brachte die Lady das Geſpräch auf das Portrait der 4

Die Dame war in Lebensgröße auf einer Bank im

Nachdem Pierre das Bild gemalt, wurde er noch ein⸗