—
Auch in deutſchen Zeitungen wurde damals viel Un⸗ wahres über das Ende Chiavone's und noch mehr über meine Betheiligung daran geſchrieben, und ich kannte die biedere, deutſche„Quelle“ recht wohl, welche von Rom aus jenen Unrath in die vaterländiſchen Blätter ergoß.
Aber auch von ganz wackeren Männern wurde die Meinung ausgeſprochen: wir hätten doch wohl das Blutver⸗ gießen vermeiden können.
Dieſe Herren vergaßen eben, daß der vogelfreie„Brigant“ keine Zucht⸗ und Correctionshäuſer zur Verfügung hatte, in welchen er Verräther und Mörder lebenslänglich einſperren oder— gar beſſern konnte. In ſicherer Ferne laſſen ſich über den hartgeſotteſten Mörder oder Verräther gar leicht die humanſten, mildeſten Ideen pflegen; in der gefährlichen Nähe aber bekommt das bibliſche„Liebe deine Feinde“ einen ebenſo unheilbaren als heilſamen Riß. Noch ſei es mir ge— gönnt, an dieſem Orte eine publiciſtiſche Infamie zu brand⸗ marken, welche ein gewiſſer Iſidor Matthus in einer Broſchüre über Italien an mir und meinen alten Kameraden beging.
102„—
In dieſer ganz nach officiell⸗italieniſchen Quellen verfaßten Schrift wird auch der„Brigantaggio“ in ebenſo lügen⸗ hafter als umſtändlicher Weiſe beſprochen und ſchließlich der nach dem Generale Borges am meiſten hervorragenden Führer folgendermaßen gedacht:„Die Triſtany, Kalkreuth, Zimmer⸗ mann, Crveco, Chiavone u. ſ. w. waren nichts als gewöhn⸗ liche Wegelagerer.“ Es bedarf der ganzen Gewiſſenloſigkeit eines feilen Regierungsſkriblers, um ohne Unterſuchung, ohne Beweis eine Anzahl Männer zu beſchimpfen, die man niemals gekannt, und von deren Wirken man nichts weiß, als was der Feind darüber verbreitet. Ich würde es nicht übers Herz bringen können, dieſen„geweſenen Artillerie⸗Offizier“ Iſidor Mattyus zu beſchimpfen, wenn die Verleumdung, die er ſo grund- und gewiſſenlos gegen mich und meine ehrlichen Kampfgenoſſen ſchleudert, mir nicht bewieſe, weß Geiſtes Kind er iſt.
Wien, im Oktober 1867.
Ludwig Richard Zimmermann.
Wiener
Briefe.
R
Die Theaterſaiſon beginnt.— Stilübungen der Herrenhausmitglieder. tinus.— Der Statthalter von Bengalen vor H. Laube. ſtedt.— Gallmeherſtandale im Karltheater.— Das Jahrmarktsfeſt zu Das Joſephſtädter⸗Theater.— Das Harmonietheater, die
— Freiherr Münch-Bellinghauſen und Laube.— Brutus und Cvlla⸗
— Burgtheater⸗Demonſtrationen.— Der Exfortſchrittsnachtwächter Hofrath Dingel⸗
Plundersweilern.— Statiſtik des Karl⸗ und des Wiedner⸗Theaters.—
Bühnen der Vororte Wiens, die Singſpielhallen und das Theater in Meidling.— Schrankſitzung der Gebrüder Davenport.— Fräulein Revah.— Leopold und Sigmund E
ngländer.— Minuendvlicitation von zweihundert
Seelenmeſſen.— Feldmarſchall-Lieutenant Kondelka wegen Betrug verhaftet.
L. Zu Ende ſind die ſchönen Abende, an denen man nach Schluß des erſten Actes dem Redactionsdiener die ver⸗ trauliche Mittheilung machte:„Wenzel, ich fahre auf das Land, und werde das Referat durch einen Commiſſionär ex⸗ pediren. Bleiben Sie im Theater und berichten Sie in der Druckerei recht ausführlich, ob etwa der Kronleuchter von der Decke herabgeſtürzt iſt und ein paar leere Parterrebänke zer⸗ ſchmettert hat, oder die erſte Heldin den erſten Liebhaber zur Abwechſelung nur auf die Hühneraugen tritt, ſtatt ihn zu küſſen.“— Jetzt muß man ſitzen und ſchwitzen bis der letzte Hervorruf den Vorhang zum letzten Male in die Höhe ge⸗ zerrt hat. Iſt doch bereits ein, wenn auch kleiner Theil der„Herren“ vor dem 1. November, dem Tage Aller⸗ heiligen und vfficiellem Beginne der Saiſon, in Wien einge⸗ troffen und beſchäftigt ſich, wie uns Augenzeugen verſichern, während der Sitzungen des hohen Hauſes mit der Stiliſirung ſchöngedachter Herzensergüſſe an unterſchiedliche Monumental⸗ geſtalten, deren Piedeſtal das Podium der Theater bildet. Zur Beſorgung dieſer Billetdour dürfte wohl der Herrenhäusler Münch⸗Bellinghauſen die geeigneteſte Perſönlichkeit ſein, und ſich durch ſolche Liebesdienſte unter den maßgebenden Kreiſen raſch neue Freunde erwerben. Alte Freunde dürfte er ohnehin wenige gehabt, und dieſe durch die Tartüfferie verſcherzt haben, mit der er zuerſt Laube verdrängte, um dann officiell zu publiciren, daß„er durch Laube's Rücktritt ge⸗ nöthigt worden ſei, die Direction des Burgtheaters perſönlich zu übernehmen.“ Die Publiciſtik zauſt ſeine reichsfreiherrliche Gnaden, wie die Meute den gehetzten Eber, und das Theater⸗ publikum tritt offen für den ohne die ſonſt übliche Zuthat von Orden und Titeln nach achtzehnjähriger ausgezeichneter Dienſt⸗ zeit kurzweg penſionirten Laube ein. Bei der erſten Vor⸗ ſtellung von„Brutus und Collatinus“, der letzten unter Laube's Direction, wurde jedes Wort, das halbwegs eine Auslegung zu Gunſten des alten Heinrich geſtattete, ſtürmiſch bejubelt. Das Drama ſelbſt wurde vom Publikum ſehr freund⸗ lich aufgenommen, dagegen von der Kritik in der verſchieden⸗ artigſten, oft geradezu contradictoriſchen Weiſe beurtheilt. Im Großen und Ganzen iſt man der Anſicht, daß hier ein Meiſter⸗ werk vorliege, und Lindner es gar nicht Noth habe, das deutſche Nationalgefühl für ſich anzurufen und auf die Rück⸗
Dichter gern und freiwillig angedeihen läßt. Die wegwerfende verächtliche Sprache Frenzel's und Gottſchall's iſt unver⸗ ſtändig und unwürdig und hat dabei nicht einmal die kleine Tugend der Hriginalität für ſich. Aus der Polemik Heine's mit Börne geſtohlene Phraſen, wie„Brutus iſt bei L. ein Hanswurſt des Forums und ſoll eine Hundekomödie ſpielen“, beweiſen nichts als den hohen Grad der Selbſtüberſchätzung des Kritikers, der Alles verdammt, was zu groß iſt, um ſich mit ſeinem literariſchen Centimeterband ausmeſſen zu laſſen.— Eine der erſten Vor⸗ ſtellungen unter dem neuen Generalintendanten und Director, auch Theaterdichter und Regiſſeur war der„Statthalter von Bengalen“, als deſſen bis dahin anonhmen Verfaſſer der Theaterzettel nun Heinrich Laube nennt. Nach Schluß des erſten Actes ging ein Sturmesruf nach Laube durch das Haus, der ohne Unterbrechung fortdauerte, bis der zweite Act begann, und als in der erſten Scene deſſelben La Roche die Worte zu ſagen hat:„Wenn ich's verhindern könnte, wär's nicht geſchehen“, wurde von Neuem applaudirt, was ſich bis zum Schluſſe der Vorſtellung noch öfter wiederholte.— In der Hofoper haben Dr. Franz Dingelſtedt und ſeine Gemahlin, geborene Fräulein Lutzer, den Commandoſtab übernommen— für wie lange— das weiß der Himmel allein. In Stutt⸗ gart, München, Wien, Weimar hat der„Exnachtwächter“ Heine's ſeiner Zeit nicht lange geraſtet, vielleicht ſetzt er dem⸗ nächſt die„langen Fortſchrittsbeine“ wieder in Bewegung, um dem von ihm ſo holdſelig geſchilderten Wien,„der ge⸗ fährlichen Sirene, der Venus⸗Prieſterin, der Buhldirne, die den grünen Gürtel des Glacis gelöſt, Arm und Buſen jedem Wunſch entblößt, und doch ein Ziel, das Götter ſelbſt verſucht“, da Dingelſtedt bekanntlich kein Gott, ſondern nur Hofrath iſt, den Rücken zu kehren, falls er es nämlich nicht vorzieht, Generalintendant, Unterſtaatsſecretär oder Leiter des Preßbureau für in⸗ und ausländiſche Reclame zu werden.— Das Karltheater hat bereits den in jeder Saiſon unvermeid⸗ lichen Gallmeyherſkandal überſtanden. Fräulein„Pepi“ vulgo Joſephine Gallmeyer machte ſich in Peſth, Prag und Lemberg die Privatunterhaltung, das Wiener Publikum in Couplets oder Vierzeiligen zu verhöhnen und wurde dafür beim erſten Wiederauftreten mit Ziſchen empfangen. Sie ertemporirte:
ſichten hinzuweiſen, welche man anderswo dem heimiſchen
„Wenn mich das Wiener Publikum nicht mag, ſo wird wohl mein Director ſo taktvoll ſein, mir das fernere Auftreten zu
ecſa Kam und Der noth Schi zufü Pri jed Kri kan gus Ber
von


