Jahrgang 
1868
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zurückkehren. Mittlerweile war aber Moliné ſchon im Thal⸗ grunde angelangt und trat auf kaum dreißig Schritte von Chiavone auf den Costa führenden Pfad heraus. Entſetzt prallte Chiavone zurück und ſchien fliehen zu wollen. Aber

Moliné machte kaltblütig und ohne ein Wort zu ſprechen, eine

einladende Handbewegung gegen unſer Lager hin, während ſeine Abtheilung das Gewehrfertig nahm. Solcher Ein ladung widerſteht kein Feigling; Chiavone ſchlug daher ohne Widerrede den Weg nach den Baracken ein, und Moliné gab nun Manuel das Zeichen zur Rückkehr.

Einer der Guiden wußte unterwegs zu entkommen, und brachte dem oberhalb der Costa wartenden Lieutenant Capucci die Nachricht von dem Misgeſchicke Chiavone's. Dieſer feige Schurke kehrte darauf ſchleunigſt, ohne auch nur den geringſten Verſuch zur Befreiung ſeines Führers zu machen, in die Montagne di Sora zurück. Ich glaube, ihm kam die Gefangen⸗ nehmung Chiavone's ganz erwünſcht; denn er war jetzt ſelbſt ſtändiger Führer einer mehr als hundert Mann ſtarken Bande und konnte nun auf eigene Rechnung arbeiten. Noch heute ſchmerzt es mich bitter, daß ich dieſen Allerſchlechteſten unter den ſchlechten Kerlen nicht erſchießen oder hängen laſſen konnte.

Auf dem Wege zum Lager mußte Chiavone an jener Stelle vorüber, wo er vor einem Monate mich, den Einzelnen, ſo treulos überfallen, und wo ſeine Feigheit mein beſter Schutz geweſen. Ob er wohl jener häßlichen Stunde ge dachte?

Der vollen, ihm drohenden Gefahr war ſich Chiavone jetzt noch nicht bewußt, weil er von der Entdeckung ſeines Verrathes und dem Schickſale Teti's nichts wußte. Es mochte ihm wohl jämmerlich zu Muthe ſein, als er vor uns hintrat; aber er hoffte gewiß, ſich durchzulügen.

Wir hatten, als wir Molins geſehen, unſere Waffen in Ruhe geſetzt, und Chiavone, hierdurch ermuntert, trat näher, küßte die Hand Triſtany's und ſagte keck:er komme gerade, um ſich dem Generale zur Verfügung zu ſtellen.

Gut, ſagte Triſtany,darüber wollen wir in der Hütte weiter ſprechen. Kommen Sie.

Bevor Chiavone eintrat, erkannte er unter unſeren Leuten einen gewiſſen de Marco, der bei Teti Horniſt geweſen.

Ah! rief er, und ſein blaſſes Geſicht verzerrte ſich; ah, trombetta(Trompeter), wie kommſt du hierher?

Ich bin mit Teti gekommen, antwortete de Marcv.

Mit Teti? Ja, aber, wo iſt denn der Teti? fragte Chiavone, wohl ſchon das Schlimmſte ahnend.

Das werden Sie ſogleich erfahren, ſagte Triſtanh.

Gefolgt von ſeinem Buſenfreunde und Leibguiden Fer⸗ dinando Lombardo, trat jetzt Chiavone in die Baracke. Die übrigen Guiden blieben, noch immer bewaffnet, aber unſtellt von unſeren Leuten, vor der Thüre.

Chiavone war mit Revolver, Meſſer und einem pracht⸗ vollen Stutzen mit ſogenanntem Drahtlaufe(den man einſt von Rom für mich geſendet) bewaffnet und ziemlich fein in die Nationaltracht der Abruzzeſen gekleidet. An ſeinen Fingern glänzten goldene Ringe und an ſeiner Weſte zwei ſchwere, goldene Ketten. Auch ſein Leibguide Lombardo trug einen ver⸗ hältnißmäßigen Luxus zur Schau.

Da wir eine Weile gar nicht an die Entwaffnung unſerer Gefangenen dachten, wurde Chiavone wieder etwas zuverſicht⸗ licher und begann läſterlich über Teti zu ſchimpfen, der mit mehr als dreißig Mann von ihm deſertirt ſei und ſo wol ihn als uns an die Piemonteſen verrathen wolle.

Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, ſagte ich u ihm:

Legt Eure Waffen weg, Chiavone.

Die Wirkung dieſer Anrede war eine entſetzliche; der Elende geberdete ſich gerade ſo oder noch ärger, wie einſt Teti. Ich überließ ihn den Anderen, eilte hinaus und rief auch den Guiden zu:A basso i fucili!(Nieder die Ge⸗ wehre!)

Die Kerle ſchienen nichts Anderes zu glauben, als daß ich ſie ohne Weiteres maſſacriren laſſen wolle, ſie ließen laut ſchreiend ihre Gewehre fallen und ballten ſich auf einen Haufen

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zuſammen, wie Schafe im Gewitter.

Aber es fiel auch ein Schuß, und die Kugel pfiff hell zwiſchen mir und dem

Lieutenant Manuel hindurch. Einige meiner Leute hatten be⸗ merkt, von wo der Schuß ausgegangen war und faßten einen

kleinen, ſchwarzen, ſchielenden Kerl, dem ich im Vorjahre ein⸗

mal dreißig oder vierzig Stockſtreiche hatte geben laſſen. Er warf ſich vor mir nieder und ſchwur bei allen Heiligen: ſein Gewehr habe ſich durch die Erſchütterung entladen, als er es weggeworfen. Ob es ſich ſo verhalten, oder ob er abſichtlich geſchoſſen, das war in dem großen Durcheinander allerdings nicht beob⸗ achtet worden, und ich begnügte mich daher, dem Menſchen zu ſagen: Du biſt nicht nur ein ſchlechter, ſondern auch ein dummer Kerl; denn du verſtehſt nicht einmal zu zielen. Er zuckte zuſammen, als wenn ich ihn gebiſſen hätte und ſeine Augen ſchielten reines Gift; denn für ſolche Schufte gibt es keinen ärgeren Schimpf als das Prädicatdumm. Mittlerweile hatte man Chiavonen das über Teti ge⸗ fällte Urtheil vorgeleſen und ihm ſeine eigenen Briefe an den Genannten gezeigt. Er wälzte ſich laut jammernd am Boden und ſchwur: er ſei unſchuldig; Alles ſei das ſchändliche Werk Teti's geweſen u. ſ. w. Der Leibguide Lombardo, jener grau⸗ ſame und ſonſt ſo übermüthige Schurke, der faſt zwei Jahre lange den verderblichſten Einfluß auf Chiavone geübt hatte, kauerte jetzt halb beſinnungslos in einem Winkel, und ich habe ihn den ganzen Abend über nicht das Auge erheben geſehen. Mit der Dunkelheit trat außerhalb desHauptquartiers unter Triſtäny's Vorſitze ein Kriegsgericht, beſtehend aus dem Oberſtlieutenant Caſtagna, Major Caſtilli, den Kapitäns Alvarez und Sarracino und mir zu mündlicher Beſchlußfaſſung zuſammen. Einſtimmig wurde gegen Chiavone und Lombardo auf Todesſtrafe erkannt; dann aber machte der alte, ängſtliche Caſtagna den Vorſchlag: man ſolle, um das Aufſehen bei Freund und Feind zu vermeiden, bekannt machen, daß die beiden Verurtheilten an die päpſtliche Gensdarmerie abge⸗ liefert würden. Darauf ſolle man ſie über die römiſche Grenze transportieren und unterwegs im Walde erſchießen. Dieſe echt ſicilianiſche Schleicherei empörte mich ſo, daß ich, über alle Schranken desParlamentarismus hinweg⸗ ſpringend, rief:So bringen Banditen ihre Opfer um, nicht aber ehrliche Offiziere ihre Verräther. Wir haben Chiavone nach Recht und Gewiſſen verurtheilt, und ſo mag auch alle Welt es erfahren, daß wir ihn erſchoſſen haben! Ich erkläre den Vorſchlag dieſes Herrn für unſerer unwürdig und verlange, daß Chiavone, ſo wie Teti, auf offenem Wege und neapolitaniſchem Boden, mit unſerem Urtheile auf der Bruſt, hingerichtet werde! Ich drang mit meinem Proteſte nicht durch; nur Alvarez

ſtimmte mir bei; Triſtany und die Anderen aber riethen zur Vorſicht und erklärten den Vorſchlag Caſtagna's für zweck

mäßig. Ich konnte dagegen nichts thun, als meinen Proteſt wieder⸗ holen, was die bedächtigen Alten nicht irre machte.

Als ich nach einem Viſitirungsgange durch das Lager wieder in die Baracke trat, fand ich dort vier oder fünf unſerer Leute, welche Chiavone die bitterſten Vorwürfe über dieſe und jene Gewaltthat machten, die er einſt an ihnen, ihren Angehörigen oder Bekannten begangen. Ich machte der häßlichen und unnützen Scene ein raſches Ende, indem ich die Schreier hinausjagte, und gab der Wache den ſtrengen Befehl, für die Ruhe, ſowie die etwaigen Bedürfniſſe der Gefangenen zu ſorgen. Dann legte ich mich Chiavone gegen⸗ über nieder. Dieſer rückte alsbald heran und ich merkte ſo⸗

gleich, daß ihn der alte Caſtagna bereits über das ihm bevor⸗

ſtehende Schickſal getäuſcht hatte. Signor maggiore, ſagte er, mich ſcharf anblickend, was wird mit mir geſchehen?.

Ihr habt es ja gehört, fiel der nebenſitzende Kapitän

Sarracino ein;die Papalini(Päpſtlichen) werden Euch ein⸗ ſperren. Ah, entgegnete Chiavone;Euch glaube ich nichts,

wa der au