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winterlicher Ruhe ein, und mit dieſen die Zeit, die ſich am meiſten zum Lernen und Nachdenken eignet.'s war'ne ſchöne Zeit, ſelten, daß durch böſes Wetter unſere regelmäßigen Zu⸗ ſammenkünfte geſtört wurden; wir waren ja abgehärtet, und um auch nur die kleinſte Belehrung von Margareth zu empfangen, hätte ich mit Freuden im tollſten Schneeſturm einen Ritt um die ganze Welt herum gewagt. So lernte ich denn auch ſehr ſchnell ſchreiben, wie ich mich im Leſen
vervollkommte und das, was ich las— wir hatten freilich nur eine kleine Auswahl von Büchern— zu verſtehen mich befleißigte. Doch das war es nicht allein, womit ich mein
Wiſſen bereicherte, ſogar meine Sprache und mein Benehmen ſuchte die kleine Margareth zu bilden und zu verfeinern. Aber auch darin beobachtete ſie gütig die unverdienteſten Rückſichten. Eine angemeſſene und dankenswerthe Zurechtweiſung betrachtete ſie ſelbſt als Härte; ſie wollte meine Gefühle ſchonen, als ob ein niedriger, halbwilder Farmerburſche viel Zartgefühl be⸗ ſeſſen hätte— und wo ſie an mir Etwas zu tadeln fand, da kleidete ſie ihre Ausſtellungen in Gleichniſſe, indem ſie mir von andern Leuten erzählte, wie dieſelben ſich in einem ähn⸗ lichen Falle benommen hätten. Und mit redlichem Eifer be⸗ herzigte ich derartige Ermahnungen, und wie ſie ſelbſt zugab, mit dem beſten Erfolg, denn als das erſte Frühlingsgrün den letzten ſchwindenden Schnee durchbrach, da hatte ich mich ſo ſehr verändert, daß ſelbſt meine Freunde mich nicht wieder erkannt haben würden, wären ſie nicht in unſerm täglichen Verkehr ganz allmählich mit dieſer Wandlung vertraut gewor⸗ den. Wenn ich jetzt, nach ſechsundvierzig Jahren mühevol— len Umherirrens in den unwirthlichſten Wildniſſen, trotzdem ich ſelten einen andern Menſchen, ahs Eingeborene ſah, nicht wieder in meine urſprüngliche Derbheit zurückgeſunken bin, ſo kann das nicht befremden: Die Lehren, die ich während meines Zuſammenſeins mit Margareth empfing, hatten ſich zu tief in meine Seele eingeprägt, um wieder verwiſcht werden zu können; und vergeſſen? Wie hätte ich vergeſſen können, was ich während eines beinah halben Jahrhunderts mir täglich wiederholte! Trotz meiner Einſamkeit, trotz meines ſeltenen Verkehrs mit weißen Menſchen iſt mir Alles, was ich einſt von ihr lernte, nur noch geläufiger geworden. Arme, kleine Margareth! Wenn ſie jetzt vor mich hinträte, würde ſie gewiß meinen Ausſpruch bekräftigen, gewiß mit der Art zufrieden ſein, in welcher ich ihre Unterweiſungen beherzigte und heilig hielt. War ſie doch ſchon damals mit mir zufrieden; denn als wir eines Abends luſtwandelnd über die bekannte liebe Lichtung ſchritten— die Bäume ſtanden in ihrem ſchönſten Blätterſchmuck, die Luft war erfüllt vom Duft der Blumen, und gerade wie heute ſangen die Fröſche und Grillen im luſtigen Chor— da ergriff ſie freundlich meinen Arm, und ſich zutraulich an mich anſchmiegend, ſprach ſie folgende Worte: „Lieber Sam, es iſt jetzt beinahe ein Jahr, daß du, deinem Verſprechen getreu, mein aufrichtiger Freund geweſen biſt; ich bin aber auch nicht minder deine aufrichtige Freundin geblieben. Wie lieb du mich gehabt, das haſt du am deutlichſten dadurch bewieſen, daß du deine rauhen Sitten ablegteſt und dich da⸗ durch auch für andere Lebensverhältniſſe als die eines Grenzers befähigteſt. Ich bin weit entfernt davon, dir ein anderes Loos als das eines Farmers zu wünſchen; aber auch dem weſtlichen Anſiedler gereicht ein höherer Grad von Bildung nicht nur zur Zierde, ſondern auch zum Vortheil. Ja, Sam, aus dem etwas rauhen Waldrieſen iſt ein Mann geworden, der ſich nicht zu ſcheuen braucht, ſelbſt in die höchſten Geſell⸗ ſchaften einzutreten. Es gibt wohl gelehrtere Menſchen, allein keinen, der ſeine Stellung in der Welt ſo gut ausfüllte als du. Du haſt von mir gelernt, ich weiß es, aus Liebe zu mir haſt du gelernt; nun aber kann ich nicht länger deine Lehrerin ſein. Aber deine Frau kann ich werden, lieber Sam, deine treue Frau, die Freud und Leid gewiſſenhaft mit dir theilt und nicht aufhört, dich bis an ihr Lebensende zu lieben, das heißt, Sam, wenn es dir recht iſt.»
„So ſprach Margareth, und ihre Stimme bebte, daß ſie die letzten Worte kaum hervor zu bringen vermochte. Ich ſelbſt aber, als ſie nach der herzinnigen Einleitung darauf
hindeutete, daß ſie aufhören müſſe, meine Lehrerin zu ſein, fühlte, daß mir das Blut in den Adern zu Eis erſtarrte. Erſt als ſie mir vorſchlug, mein Weib zu werden, ein Glück, welches in meinen heißeſten Gebeten vom lieben Gott zu er⸗ flehen ich nicht gewagt haben würde, durchzuckte es mich wieder wie neu erwachendes Leben.
„Kaum weiß ich mir noch meinen nächſten Gedanken zu vergegenwärtigen, nur das weiß ich, daß ich vor ihr auf den Knieen lag, meine Hände, wie vor dem Altar des Herrn er⸗ hebend, und daß ſie mich zu ſich emporzog und— o Mar⸗ gareth, Margareth! Warum konnte ich nicht mit dir gehen!“ rief der Fallenſteller hier plötzlich ſo ſchmerzerfüllt aus, daß es mich, und gewiß auch die andern Anweſenden eiſig kalt durchrieſelte.
Mehrere Minuten verrannen, während welcher der Greis ſichtbar nach Faſſung rang; dann aber ſeinen zuſammenge⸗ ſunkenen Körper mit einer heftigen Bewegung emporrichtend, fuhr er mit ſeltſamer, faſt umheimlich gedämpfter Stimme fort:
„Arm in Arm wandelten wir der älterlichen Hütte zu. Wir ſprachen nur wenig; ich war ſo tief bewegt, als ob ich mich in einer Kirche befunden hätte; ich konnte mein Glück nicht faſſen, nicht begreifen, daß gerade ich dazu auserkoren ſei, Margareth einſt mein Weib nennen zu dürfen. In dieſer Weiſe ſprach ich mich auch ihr gegenüber aus; Margareth aber küßte mich innig, und ihre Arme um meinen Hals legend flüſterte ſie mir zu:„Denkt mein ungläubiger Waldrieſe denn, ich wolle ſein Weib werden, nur um ihn, und ihn allein glücklich zu machen? Nein, auch ich will glücklich ſein, und das kann ich nur durch dich, du guter, treuer, du aufrichtiger Sam.? Und dann küßte ſie mich wieder, und weiter wander⸗ ten wir der alten trauten Blockhütte zu.
„Wir hatten keinen Grund, uns des zwiſchen uns ge⸗ troffenen Uebereinkommens zu ſchämen; daher war denn auch unſer Erſtes, daß wir uns meinen Aeltern als Brautleute vorſtellten, um von ihnen dafür unter Freudenthränen und den heißeſten Segenswünſchen in die Arme geſchloſſen zu werden. Sie ſowol als auch meine Brüder und Bekannte mußten es indeſſen ſchon geahnt haben, denn aus den Reden Aller leuchtete hervor, daß ihnen das glückliche Ereigniß nicht ſo überraſchend komme, wie vor allen Dingen mir ſelber.
„Und dennoch, wie ſchnell und wie leicht fand ich mich in die neue Lage! Abend nach Hauſe begleitete, ſprachen wir ſo ruhig über unſer neues Verhältniß, als ob wir ſchon ſeit Monden verlobt ge⸗ weſen wären. Nur ihre Hand hielt ich auf dem ganzen Wege, und ihr Muſtang und mein Brauner ſchritten ſo bedächtig neben einander her, daß man hätte glauben mögen, unſer Ueber⸗ einkommen ſei ihnen nicht fremd geweſen, und ſie hätten die wohl⸗ überlegte Abſicht gehabt, uns die innige Annäherung nach beſten Kräften zu erleichtern. Und dabei war es rührend, zu beob⸗ achten, mit welcher freundlichen Hingebung Margareth ſich beſtrebte, das Gefühl einer gewiſſen Unterwürfigkeit, welches ich immer noch nicht ganz beſiegen konnte, aus meiner Bruſt zu verſcheuchen. Sie ſprach, als ob nicht ich, ſondern ſie ſelbſt die größte Urſache gehabt hätte, einem gütigen Geſchick für die glückliche Fügung aus tiefſtem Herzensgrunde zu danken⸗ Sie betheuerte, daß es ſtets ihr ſehnlichſter Wunſch geweſen,
eine Farmerfrau zu werden, und daß ſie dafür, daß ich unſere Hauptarbeitskraft liefere, ein paar hundert Dollars beſitze, die
uns zum Ankauf eines Streifens Prairielandes und zur erſten Einrichtung ſehr zu Statten kommen ſollten.
Vater, keine Mutter, keine Geſchwiſter beſitze, denen ſie ihre Liebe habe zuwenden können, daß ich ihr fortan Aeltern und nähere Angehörige erſetzen, und dafür ihr ungetheiltes Herz mit ewig und unveränderlich angehören würde. Während ſie dies ſagte, perlten die hellen Thränen über ihre Wangen, aber ihr Mund lächelte, und ihre Augen ſtrahlten, daß ich den warmen Glanz derſelben in meiner Seele fühlte und, überwältigt durch ſo viel Glück, ebenfalls die Thränen der Rührung nicht zurückzuhalten vermochte; und bei Allem, was ihr und mir heilig, ſchwur ich, ſie zu lieben, ſo lange der
Als ich Margareth noch an demſelben
Und dann wies ſie darauf hin, daß ſie allein in der Welt daſtehe, keinen


