Hluſtrirtes Vollsblatt.— Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
XI. Jahrgang.
1868. 7.
Der Fallenſteller.
Erzählung aus dem nordamerikaniſchen Grenzleben. Von Balduin Möllhauſen.
(Fortſetzung.)
m folgenden Tage, als ich noch darüber grübelte, wann
und wo ich Margareth das nächſte Mal wiederſehen
würde, traf ſie ſelbſt vor unſerer Blockhütte ein. Ich ſprang hinzu, um ihr aus dem Sattel zu helfen, doch bevor ich ſie erreichte, ſtand ſie auf der Erde, mir mit frohem Lachen die Zügel des grauen Muſtang zuwerfend.
„„Ihr mögt ihn immerhin abſatteln und zu Eurer Heerde jagen, ſagte ſie freundlich,«denn nicht ohne Vor⸗ bedacht bin ich ſo früh gekommen!? Und ſich zu meinen Aeltern und Brüdern wendend, fuhr ſie in derſelben heitern Weiſe fort:„Ich beabſichtige nämlich, heute etwas länger hier zu verweilen; Ihr ſeid unſere nächſten Nachbarn, und da wünſche ich einen engeren geſelligen Verkehr zwiſchen den bei⸗ den Farmen herzuſtellen, ich könnte ja ſonſt zu dem Glauben gelangen, ich ſei in den abgeſchiedenſten Winkel der Rocky⸗ Mountains verſchlagen worden. Und dann bedenkt nur den langen Winter, wie einförmig und langweilig würde er uns dahin ſchleichen, wollten wir wöchentlich nicht mehrere Male zuſammen kommen.»
„Mit ſolchen Worten begleitete Margareth ihren Ein⸗ tritt in unſer Haus. Wie herzlich dieſelben aber aufgenommen wurden, das bewieſen die große Lebhaftigkeit meines gewöhn⸗ lich ſehr ernſten Vaters, mit der er Margareth's Vorſchlag begrüßte, und die Thränen der Freude und der Rührung, die in den Augen meiner alten Mutter glänzten, als ſie, ge⸗ mäß einer jetzt faſt vergeſſenen Sitte, das liebe Mädchen um— armte und küßte.
„Ja, eine ſolche Erſcheinung, wie Margareth ſie bot, war für uns auf der Grenze der Wildniß ein Ereigniß; durch ihr liebevolles Weſen aber rief ſie den Eindruck hervor, als ob ein Engel unter uns getreten wäre, uns nicht nur er⸗ freuend, ſondern auch belehrend und den Geiſt erfriſchend. Denn bei dieſem erſten Beſuch aus freien Stücken blieb es nicht, ſondern dieſelben wiederholten ſich ſo oft— bald bei uns, bald bei Haller— wie nur immer die gerade fälligen Arbeiten es geſtatteten, bis es zuletzt den Anſchein gewann, als wären die beiden Familien in Eine verſchmolzen geweſen. Doch wo wir auch zuſammentreffen mochten, Margareth war und blieb der ſegensreich wirkende Mittelpunkt, um den ſich Alles bewegte und der jeden Einzelnen, gleichſam unbewußt, lenkte und leitete und damit auch bildete. Wie wäre es uns
Wachenhuſen's Hausfreund. XKI. 3. „
früher wohl eingefallen, uns an der lieblichen Vertheilung von Wald und Prairie anders als mit Rückſicht auf die zur Urbarmachung günſtige Lage zu ergötzen? Wie hätten wir uns der Bewunderung einer ſchönen Blume, oder der Beobachtung des merkwürdigen kleineren Thierlebens hin⸗ gegeben, wenn Margareth uns nicht auf Alles aufmerkſam gewacht hätte? Und dies geſchah nicht etwa in der Weiſe eines Lehrers, nein, gewiß nicht;aber wenn ſie ſich freute, glaubte Jder, ſich mitfreuen zu wüſſen, und bevor noch der erſte Ein⸗ druck abgeſchwächt war, fragten wir uns verwunderungsvoll, wie in aller Welt wir ſo lange blind und unempfindlich gegen die uns umgebenden zahlloſen Naturſchönheiten hatten ſein können. Selbſt das rauhe Aeußere, welches ſich von dem Grenzleben nur ſchwer trennen läßt, büßte viel bon ſeinem unfreundlichen Charakter ein und wich mehr und mehr vor milderen Sitten. Der Zwang, den wir uns anfangs Margareth gegenüber auf⸗ erlegten, verlor ſchnell das Unbequeme, um endlich zur Ge— wohnheit, zur andern Natur zu werden. Ja, derartig war der Einfluß, den Margareth auf Alle, die mit ihr in Berührung kamen, ausübte, daß wer von ihr ſprach oder ihrer auch nur gedachte, dem ſchwebte gewiß ein frommer Wunſch auf den Lippen für ſie, durch deren ſinniges Walten das Leben für uns eine ganz andere, eine edlere Bedeutung gewonnen hatte.
„So verſtrich der erſte Sommer.
„Wenn auch Alle mehr oder minder von dem Beiſpiele Margareth's Vortheil zogen, ſo gab es in unſerm Kreiſe doch Keinen, der es mir im Begreifen und Lernen zuvor gethan hätte. Freilich, ſo wie ich-konnre auch Keiner die kleine Mar⸗ gareth lieben und verehren, konnte Keiner mit ängſtlicher Sorg⸗ falt in ihrem Augen zu leſen und zu errathen ſuchen. Meine Brüder und die Haller'ſchen Leute zu übertreffen, wäre zwar ſchon allein Grund genug für mich geweſen, alle meine Kräfte in der Verfolgung meines Zieles aufzubieten, denn ich beſaß mehr Eitelkeit, als ſich vielleicht für einen armen Farmer⸗ burſchen geziemte; allein ich hätte es nie ſo weit gebracht, wäre ich nicht wachend und träumend von dem unerſchütter⸗ lichen Verlangen beſeelt geweſen, nur der kleinen Margareth Wohlgefallen zu erwerben. Und ſie verſtand mich; ſie las in meinen Herzen, und mehr als mit allen Andern beſchäftigte ſie ſich mit meiner Ausbildung, ohne jemals Ungeduld oder Misvergnügen zu verrathen.
„Der Sommer und ein Theil des Herbſtes gingen da⸗ hin. Es ſtellten ſich die langen Abende und die kurzen Tage
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