Jahrgang 
1868
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Feuilleon

Das Innere der Marienkirche zu Bergen.

Es gibt zahlloſe Ortſchaften des NamensBergen in Deutſch⸗ land. Aber gerade das Bergen, welches wir heut im Sinne haben, liegt nicht in Deutſchland, ſondern in Norwegen, war indeß auch dort Jahrhunderte lang faſt als deutſche Stadt zu betrachten; denn der Hanſabund hatte ſich hier mit ſeinenComptoirs niederge⸗ laſſen und den Ort zu einem der wichtigſten Stapelplätze für ſeinen großartigen Handel gemacht. Von einem Verkehr, wie damals, iſt nun freilich heutzutage nichts mehr in Bergen zu ſpüren, der Handel iſt zum Fiſchkram herabgeſunken, doch noch immer führt ein Theil der Stadt die Bezeichnungdeutſches Viertel, und unſere Marienkirche, die darin liegt, heißt im Volke noch ſchlechtwegdie deutſche. Sie iſt eins der älteſten Bauwerke, die Norwegen überhaupt aufzuweiſen hat; ihre Grundſteinlegung fällt ins zwölfte Jahrhundert, und in der Ausführung zeigt ſie ein keineswegs wohlthuendes Gemiſch des Rund⸗ und des Spitzbogenſtils. Es wird abwechſelnd norwegiſch und deutſch darin gepredigt, wie in manchen Gegenden der Lauſitz deutſche und wendiſche Predigten wechſeln. Den Chorbogen der Marienkirche trägt ein Maſtbaum, woran ein Erucifix in Naturgröße hängt; vor dieſem ſchwebt ein goldener Pantoffel, der jedenfalls den päpſtlichen Schuh bedeutet, deſſen Sohle von kaiſerlichen Händen in den Steigbügel ge⸗ hoben wurde, als an der Macht des heiligen Stuhls noch nicht ge⸗ rüttelt war, wie ſeit der Reformation. Alle Wände der Kirche ſind mit großen Votivbildern geſchmückt, ſo genannt von votum(Gelübde), weil die Seefahrer jene Sitte, die ſchon im alten Rom herrſchte, nach⸗ zuahmen pflegten: nämlich vor einer größeren Reiſe zu geloben, daß ſie nach glücklichem Ausgang ihres Unternehmens der Kirche, reſpective dem Schutzheiligen, aus Dankbarkeit ein Bild widmen wollten, wie die Römer dergleichen in den Tempeln zu Ehren ihrer Götter auf⸗ hängten. Die Bilder in der Marienkirche ſtellen in der Regel eine Scene aus der bibliſchen Geſchichte dar, unter welcher eine Inſchrift angebracht iſt; den Schluß bildet das Portrait des Gebers.

Wir wollen uns jedoch nicht eingehender mit dieſen Wandzierden beſchäftigen, ſondern nur von der hervorragendſten Merkwürdigkeit ſprechen, welche die deutſche Kirche in Bergen enthält.

Wird anderwärts ein Kindlein über die Taufe gehalten, ſo weiß Jedermann, daß die Pathen an den Taufſtein zu treten haben, auf dem das Waſſerbecken unverrückbar feſtſteht. Hier aber ſucht der Fremde dieſen wichtigen Apparat vergebens, die Taufzeugen ſtehen da und ſcheinen nicht zu wiſſen, woran ſie ſind. Da thut ſich die Sakriſteithür auf, der Prediger erſcheint an der Schwelle, und in demſelben Augenblick brauſt vom Gewölbe herab ein Engel, von einer Staubwolke umgeben. Verzieht ſich der Flor, ſo ſchwebt das Himmels⸗ kind in angemeſſener Höhe und bietet ſeinem unſchuldigen irdiſchen Vrüderlein das Becken dar. Der Küſter füllt das bedeutungsvolle Gefäß mit der üblichen Brunnenflut, die heilige Handlung geht vor ſich, und ſobald der Diener des Herrn gethan, was ſeines Amtes iſt, ſchwebt der Engel wieder empor, zwar nicht zu ſeligen Gefilden, doch bis an die Decke der Wölbung und harrt dort geduldig auf das nächſte Menſchenkind, das zur Freude chriſtlicher Aeltern auf den Armen der Hebamme den gleichen Weg, wie ſein Vorgänger, antritt.

Wir bedauern, daß eine ſo poetiſche Einleitung der Tauf⸗ Ceremonie nur dem kleinen Theil der Erdbewohner zu Gute kommt, der in Bergen hauſt; wir möchten aber deſſen ungeachtet nicht in der norwegiſchen Küſtenſtadt geboren ſein und leben, und die Mehrzahl unſerer Leſer wird ſicherlich unſer Gefühl theilen, wenn ſie hört, daß der Refrain des Liedes, welches Shakeſpeare den Narren inWas Ihr wollt am Schluß des Luſtſpiels ſingen läßt, dort zur fürchter⸗ lichen Wahrheit wird:

Der Regen, der regnet jeglichen Tag!

Auch die beiden ſchönſten Punkte Deutſchlands, Heidelberg und Salz⸗ burg, ſtehen in dem Ruf, daß es in ihnen täglich wenigſtens ein Mal regnet; aber erſtens iſt der Regen im deutſchen Süden warm und weich, und zum Andern darf es in Bergen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ſiebzehn Mal regnen, die Leutchen nennen das doch noch einen ſchönen Tag, Es wird alſo wohl ſchwerlich Jemand unter uns lüſtern ſein, ihre häßlichen Tage kennen zu lernen.

O.

** Noch einmal der Zuaven⸗Heiland.

Vor Kurzem erzählte ich dem Leſer von dem wunderthätigen Zuaven in einem der Arbeiterviertel von Paris; ich fügte hinzu, daß Meiſter Jakob wahrſcheinlich das ihm von einem Fabrikanten einge⸗ räumte Zimmer verlaſſen und in das Hotel des Grafen Chauteau⸗ villard überſiedeln werde, der ihm einen Theil dieſes Hotels offerirt.

Graf Chateauvillard beſtätigt dies jetzt ſelbſt in einem Briefe, deſſen Inhalt gleichſam eine Beſtätigung aller über dieſen Zuaven courſirenden Erzählungen iſt. Der Graf ſchreibt an einen der Pariſer Redacteure:

Mein Herr, ich habe allerdings dem Zuaven Jakob einen Theil meines Hauſes angeboten, aber nur für den Fall, daß er genöthigt ſein könnte, ſein Quartier von la Roguette zu verlaſſen.

Der Himmel behüte mich, ihn ſeinen armen Kranken entziehen

zu wollen, die ihn übrigens ſchon zu finden wiſſen würden. ihm dieſes Anerbieten aus Dankbarkeit und Humanität macht.

Man hatte mir von ihm ſo Ungewöhnliches erzählt, daß gelähmt wie ich bin, ſeinen Curen beiwohnen wollte. meine Frau mit mir, da dieſe ſtets leidend iſt; ich ſah.

In der Straße la Roquette Nr. 80 angelangt, verließ ich, ge⸗ ſtützt auf meinen Diener und einen braven Arbeiter, den Wagen. Beide führten mich zu der Manufactur des Herrn Dufahet. So kam ich an die Thür eines kleinen Hofes und hier verlangte ein unbeſtechlicher Invalide mir meine Nummer ab.

Mein Secretär kannte zufällig den erſten Gehülfen des Herrn Dufahet, der dem Zuaven ſo bereitwillig ſein Haus eingeräumt, und ſo ward mir der Eintritt in den Hof dann ermöglicht. Hier ſah ich eine Menge von Kranken; man ſagte mir, es ſei Princip des Zuaven, den ſchwerſten Kranken den Vortritt zu geben.

Meine Frau brach in Thränen aus, als ſie alle dieſe Unglück⸗ lichen ſah. Wir fanden eine Dame, die ihre Tochter hierher gebracht. Letztere war gerade vorgelaſſen worden, und zwar ohne die Mutter, da man nur die Kranken zuläßt. Wirklich ſah ich auch das Mädchen alsbald heraustreten. Auf den Arm eines Mannes geſtützt war ſie hinein getreten, leichten Schrittes erreichte ſie den Fiaker, der ſie her⸗ geführt.

Ich ſah auch einen Mann mit ſchiefem Hals, der gelähmt hinein gegangen, und freudig herausſprang in die Mitte der Bewohner dieſes Viertels, die ihn ſeit lange als einen Unglücklichen kannten.

Endlich wurden auch wir in das Zimmer geführt. Hier ſah ich, durch die Arbeiter des Herrn Dufahet und ihn ſelbſt hereingetragen, die leidenden, gelähmten und verkrüppelten Weſen, ſah, wie man die Hülfloſen neben einander auf die Stühle ſetzte.

Als das Zimmer von Unglücklichen gefüllt war, trat der Zuave

herein. Daß Niemand eine Frage an mich richte, ſonſt gehe ich!» Er ging an den Kranken vorüber und

waren ſeine erſten Worte. Tiefe Stille herrſchte. nannte Jedem ſein Leiden. Ohne einen von ihnen zu berühren, ſagte (Stehen Sie auf!? Und die Unglücklichen er⸗ Ich ſelbſt gehörte zu ihnen und richtete mich ohne

Ich ge⸗ ich, Ich nahm hören Sie alſo, was

er zu den Gelähmten: hoben ſich. Mühe auf.

Nach zwanzig Minuten befahl er uns, zu gehen. gingen ſie Alle.

Meine Frau wollte, ihm ihren Dank ausſprechen, er wehrte ihr aber.(Draußen warten noch andere Kranke, ſagte er.«Sie ſind geheilt. Das genügt. Gehen Sie!»

Als ich draußen war, drängte man ſich um mich; Alles be⸗ ſtürmte mich mit Fragen. Ohne Stütze, ohne jede Hülfe, wie neu ge⸗ boren erreichte ich meinen Wagen, der mich in einiger Entfernung erwartete.

Wir Beide, meine Frau und ich, befinden uns ſeitdem vor⸗ trefflich.

Noch eins muß ich erwähnen. So viel Arme ſich auch in dem Faubourg zuſammenfinden, keiner dieſer Elenden ſtreckt uns die Hand entgegen; es ſcheint faſt, als vergeſſe hier jeder ſein eigenes Leiden, um ſich über die Hülfe zu freuen, die Andern geworden. Gewiß, es iſt das der Einfluß der Uneigennützigkeit und Aufopferung, mit welcher ein Mann wie Jakob ſich der leidenden Menſchheit widmet.

So weit das Schreiben des Grafen Chateauvillard. Man ſieht, nur die Kranken werden zugelaſſen, nur auf ihr Urtheil, ihre Aus⸗ ſage hin kann man von der Wunderthätigkeit des Zuaven ſprechen, und in der That iſt ja auch niemand beſſer geeignet, über dieſelbe ein Urtheil zu fällen, als gerade ſie. W.

Die Portale der Notre⸗Dame.

Nach einer Zeitungsnachricht ſoll die mittlere Thür des Portals der Notre⸗Dame⸗RKirche zu Paris aufgeſtellt werden.

Es iſt dies nicht ohne Wichtigkeit, nicht eine einfache Anzeige öfſentlicher Arbeiten. Die mittlere Thür des Portals der Notre⸗Dame! Es gibt vielleicht noch heute Leute, die uns ſagen werdendas iſt unmöglich, das Portal von Notre⸗Dame hat von Anfang an nur zwei Seitenthüren gehabt und wird nie mehr bekommen. Wir be⸗ finden uns nämlich hier einem ſehr alten Aberglauben gegenüber deſſen Erzählung ſehr intereſſant iſt.

Die beiden Seitenportale ſind ſehr merkwürdig; das Holz ver⸗ ſchwindet unter zahlloſen Verzierungen in geſchmiedetem Eiſen von ſehr zarter Arbeit und reicher Ornamentik. Wan ſchreibt dieſelben ge⸗ wöhnlich einem Schloſſer, Namens Biscornet, Biscornette oder Biscorne zu, und die Stadt Paris hat vor einigen Jahren dieſem Künſtler zu Ehren einer Straße ſeinen Namen gegeben⸗

Die Geſchichte dieſes Biscornet iſt von Aberglauben und Legen⸗ den ſtark durchwebt, und es exiſtiren viele Verſionen, die man zum großen Theil in den Pariſer Chroniken findet. Hier möge die⸗ jenige einen Platz finden, welche ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht in einer Schloſſer⸗Familie vererbt hat.

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