Nun erzählte der Sicilianer noch eine lange Geſchichte: wie ich ihm vor einigen Monaten einer„kleinen Plünderung“
wegen hundert Stockſtreiche habe geben laſſen, woran er faſt
geſtorben, und wie er ſeitdem geſchworen habe, das Seinige zur Vernichtung der Fremden beizutragen.
Fazio verleumdete ſich da ſelbſt; denn er hatte ſich, ſo⸗ lange ich ihn kannte, keines einzigen Vergehens ſchuldig ge— macht;— aber er ſprach mit ſo überzeugender Kraft und ſeine vorigen Mittheilungen trugen auch ſo ſehr den Stempel der Wahrheit, daß die beiden Banditen nicht mehr zweifel— ten, einen der Ihrigen vor ſich zu haben.
„Gut“, begann Teti nach kurzer Berathung mit Deſiate, „gut, wir glauben dir; aber merke dir: wenn du uns ver⸗ räthſt, ſo entgehſt du der Kugel nimmer!“
„Diavolo, wenn Ihr Euer Mistrauen nicht laſſen könnt, ſo behaltet mich hier; mir iſt's gleich“, entgegnete Fazio gereizt.
„Nein, mein Freund“, ſagte Teti verſöhnlich;„du wirſt uns im Lager der Fremden beſſere Dienſte leiſten können; und du wirſt auch ſehen, daß wir nicht undankbar ſind.“
Es war eine eigene Paſſion Teti's, ſich bei aller Welt in den Geruch der Dankbarkeit zu ſetzen.
Es wurde nun beſchloſſen, daß Fazio mit ſeiner Pa⸗ trouille heimkehren und uns über ſeinen Beſuch in der Costa del fago berichten ſolle. Dabei ſolle er die vortreffliche, antichiavoniſtiſche Geſinnung Teti's und ſeiner Leute rühmen und endlich im Geheimen bei unſerer Mannſchaft für Chia⸗ vone werben. Teti werde uns unterdeſſen in Freundlichkeit hinhalten, ohne jedoch ſeine Truppe in unſer Lager zu füh⸗ ren, wie er es mir zugeſagt hatte.
„Es war von dir eine große Dummheit, dem Tedesco (Deutſchen), das zu verſprechen“, ſagte Deſiate.
„Freilich war es das“, knurrte Teti;„aber es iſt ge⸗ ſchehen, und wir müſſen jetzt auf gute Ausreden bedacht ſein.“
Das war im Weſentlichen der Rapport meines Sergeanten.
„Eh bien, mon général?“ wandte ich mich zu Triſtany.
„Carajo, Freund Peſſimiſt, Sie haben Recht gehabt!“ rief er;„ich brauche Ihnen keine Inſtructionen zu geben; verfügen Sie das Nöthige nach Ihrem Ermeſſen.“
Ich traf ſogleich außerordentliche Vorſichtsmaßregeln für die Nacht, die übrigens ruhig verging, und ſandte am 24. früh ein zweites Schreiben Triſtany's an Teti, welches den gemeſſenen Befehl zum Einrücken enthielt.
Teti's ſchriftliche Antwort hierauf war ein Wuſt nichts⸗ ſagender Phraſen und gipfelte in der ſonderbaren Erklärung: er habe erfahren, daß Chiavone ebenfalls unter den Befehl Triſtany's treten wolle, und bitte um die Erlaubniß, dieſe Eventualität abwarten zu dürfen.
„Ihr Sergeant hat geſtern gut berichtet“, ſagte Triſtany zu mir, als er den Brief geleſen.
In dieſem Augenblicke führte man zwei Bauern aus Morino(im Rovedothale) herein, die uns weinend erzählten: Teti habe vorgeſtern im Rovedothal 28 Kühe geraubt— das einzige Eigenthum ihrer und vier anderer armer Fami⸗ lien von Morino. Er habe hierfür hundert Thaler und drei — goldene Ringe als Löſegeld verlangt; ſie hätten aber nur die Ringe und vierzig Thaler auftreiben können, und als ſie damit heute früh zu Teti gekommen ſeien, habe er Ringe und Geld genommen, die Kühe aber— behalten. Er habe ſie überdies mishandelt und ihrer Jacken beraubt. Sie beriefen ſich auf das Zeugniß einiger meiner Leute, und dieſe beſtätigten auch, daß ſie treue Anhänger unſerer Partei ſeien.
„Signor Tedesco“, riefen ſie mir zu,„in unſern Dör⸗ fern ſagen die Leute, daß Ihr keine Räuber in den Bergen duldet, daß Ihr ein(Engel für die Guten⸗, aber auch ein „Teufel für die Schlechten“*) ſeid— jetzt helft uns, und ſechs arme Familien werden Euch ſegnen!“
*) Dieſen Ruf hatten mir meine Leute bei den Bewohnern der Grenzgegenden verſchafft.„Il nostro commandante è mezzo angelo, mezzo diavolo“(unſer Commandant iſt halb Engel, halb Teufel), ſagten ſie und fügten erläuternd hinzu:„Angelo pei Poni, diavolo pei cattivi“(Engel für die Guten, Teufel für die Schlechten).
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„Meine Freunde“, entgegnete ich,„Euer Vertrauen ſoll nicht getäuſcht werden. Ihr ſollt Euer Eigenthum wieder haben und erfahren, daß der General Triſtany und ich keine Räuber in den Bergen dulden.“
„Herr“, wandte ich mich an Triſtany,„machen wir jetzt ein Ende mit dieſen Banditen.
Er nickte mir zu, und ich traf ſogleich die nöthigen Maßregeln zur Gefangennehmung der Bande Teti⸗Deſiate.
Wenige Minuten ſpäter ging meine Truppe unter Füh⸗ rung des Kapitäns Duc und der Lieutenants Moliné und Manuel nach der Costa del fago ab. Der Sergeant Fazio machte den Wegweiſer.
Die Truppe ſollte das Bivouak Teti's im weiten Bogen umgehen und dann von jener Seite her auf daſſelbe anmarſchiren, von welcher Chiavone kommen mußte, wenn er ſich mit Teti vereinigen wollte. In der Nähe des Bivuaks ſollte die Truppe von zwei Seiten und in vollem Laufe vorgehen, die Banditen zur Ergebung auffordern und jeden Widerſtand
Leiſtenden niedermachen. Nach Beendigung der Affaire ſoll⸗
ten die beraubten Bauern ihr Eigenthum vollſtändig zurück⸗ erhalten und ſechs Mann unter dem Sergeanten Fazio als Beobachtungspoſten an Ort und Stelle zurückbleiben.
Dieſe Inſtruction wurde von den braven Offizieren bis auf den Buchſtaben genau und glücklich befolgt. Unſere Leute gelangten unangehalten bis dicht vor das Bivouak, in welchem gerade fröhlich getafelt wurde, und drangen mit fer⸗ tigem Gewehre, unter dem Rufe:„A basso le arme!“(Nie⸗ der die Waffen!) von zwei Seiten ein. Die Ueberrumpelung war vollſtändig; nur Wenige, worunter Deſiate, machten an⸗ fangs Miene, ſich zu wehren, ſtreckten aber auch das Gewehr, als ſie ſich allerſeits von drohenden Büchſenmündungen um⸗ geben ſahen.
In der Nähe des Lagers wurden die noch übrigen 26 Kühe gefunden und nebſt Löſegeld Ringen und einer hin⸗ reichenden Entſchädigung für die bereits geſchlachteten zwei Stück ſogleich an die glücklichen Eigenthümer übergeben. Zu⸗ gleich wurde den Bauern bedeutet, daß ſie in kürzeſter Friſt erfahren würden, wie wir die Räuber beſtraften.
Ich lag in ungeduldiger Erwartung in der Baracke, als man die Rückkunft unſerer Truppe ſignaliſirte, und alsbald traten, die Hände kreuzweiſe übereinandergebunden Teti und Deſiate herein, während draußen die Truppe mit den übri⸗ gen Gefangenen aufmarſchirte.
Freundlicher Leſer, der du niemals einen wilden, ſchlech⸗ ten Menſchen im Delirium der Todesangſt geſehen, wünſche ſolchen Anblick auch ferner niemals zu haben! Es iſt ein ent⸗ ſetzliches Schauſpiel, das Mark und Bein erſchüttert, die Seele mit Grauſen füllt, aber— kein Mitleid erwecken kann. Dein Ohr gellt von dem Geſchrei und Gewinſel eines ſolchen Elenden, dein Auge ſchaudert vor dem Anblicke eines
ſcheußlich verzerrten Geſichtes; aber dein Herz bleibt kalt;
denn aus dem ganzen wilden Lärm klingt kein einziger ſympathiſcher, rührender Ton an es heran.
Eine ſolche Scene war es, welche jetzt in unſerm„Haupt⸗ quartiere“ ſpielte, ein würdiges Object für den Pinſel eines Höllen⸗Breughel!
Während Deſiate in trotzigem Schweigen verharrte und von Zeit zu Zeit lauernde Blicke umherwarf, ſtürzte ſich Teti wie wahnſinnig zur Erde nieder, umklammerte unſere Füße und ſchrie, heulte und wimmerte:„Non mi fucilate! non mi fucilate!... Non posso muorire!... Non voglio morire!“(Erſchießt mich nicht! Erſchießt mich nicht!.. Ich kann nicht ſterben!.... Ich will nicht ſterben!)
Ich habe die Wirkungen der Todesangſt ſchon auf gar manchem Geſichte beobachtet; aber in ſolch' unbeſchreiblich und unbegreiflich miſerabler Geſtalt ſah ich ſie nur noch einmal und zwar bei— Chiavone!—
Triſtany erhob ſich unter allen Zeichen des Ekels und verließ die Hütte. Das ſteigerte noch die wilde Angſt Te⸗ ti's, und er klammerte ſich nun mit ſolcher Heftigkeit an mein krankes Bein, daß ich vor Schmerz faſt ohnmächtig wurde. „Ihr habt mich zweimal mit kaltem Blute verrathen,
Tei“
chob gund
Man dies
chen ſprn wie bevor
hober hlice Gna obe aus we
tun


