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So lange der Farmer ſprach, beobachtete der Fallenſteller ſein Geſicht mit einer Art von Spannung; als er aber ge⸗ endigt, flog ein dankbares, wehmüthiges Lächeln über ſeine gerunzelten Züge.„Ihr wollt mir ſchmerzliche Betrachtungen erſparen“, hob er an,„s iſt dies rechtſchaffen und freundlich von Euch gedacht; allein glaubt Ihr etwa, daß wenn ich ſchweige, auch meine Gedanken ſtille ſtehen; oder wenn wir unſere Unterhaltung auf andere Dinge überlenken, meine Gedanken meinen Worten folgen? Nein, nein; ſechsundvierzig Jahre hindurch ſind die traurigen Rückerinnerungen mein einziger Genuß geweſen; ſie ſind mir zur Gewohnheit, zur Nothwendig⸗ keit geworden, und wenn ich dieſelben jetzt offenbare, ſo iſt's kaum etwas Anderes, als daß ich laut denke, wie ich in meiner Abgeſchiedenheit wohl tauſend Mal gethan. Und dann wollte
Wie alle die wohlthätigen edeln Erzeugniſſe der Pflan⸗ zenwelt, welche im höchſten Alterthum ſchon das Menſchen⸗ geſchlecht auf ſeinem Entwickelungsgange zur Cultur beglei⸗ ten, ſich eng mit den religiöſen Vorſtellungen der Völker verknüpfen, wie das Griechenvolk in ſeinem heiligen Oelbaum ein Geſchenk ſeiner Schutzgöttin Athene, im Weinſtock eine Gabe des Dionyhſos, der ihn von ſeinen fabelhaften Zügen im fernen Indien heimbrachte, und in dem nährenden Wei⸗ zenhalm eine Spende der milden Ceres erkannte, ſo haben auch die Ahnen unſeres Volks das liebliche Pflänzchen der Spinnerinnen, den Flachs, unter den Schutz ihrer großen Göttin Freya geſtellt. Ihr, die noch heute in vielen Gauen unſeres großen Vaterlandes im Munde und in den Sagen des Volks als Perachta oder Bertha, als Hulda oder Frau Holle fortlebt, war der zarte, ſchlanke, fröhlich grünende Halm geheiligt, der auf ſeiner Spitze die wundervollen Blü— tenſterne von der Azurbläue des Himmels trägt; ſie iſt nach der Mythe das vollkommenſte Vorbild der rüſtig ſpinnenden Hausfrau, die nach dem Worte des Dichters ohne Ende die fleißigen Hände regt. In der Phantaſie des Volks lebte ſie nur als Spinnerin; wenn ſie nach der Weihnachtswoche ihren ſegnenden Umzug durchs Land antrat, war das Katzenge⸗ ſpann, welches ihren Wagen zog, mit Strängen von blühen⸗ dem Flachs angeſchirrt; in ihrer Hand ruhten als ihre Sym⸗ bole der aufgerüſtete Rocken und die eilenden Spindeln. In dieſen feſtlichen Tagen wurden zu Ehren der hohen Schir⸗ merin in Hütten, Burgen und Schlöſſern(denn auch die Fürſtentöchter ſpannen, wie wir aus dem Nibelungenliede und aus der Gudrun wiſſen) mächtige Rocken glänzenden Flachſes von allen Frauen und Mägden neu aufgeſteckt; denn ſo verlangte es nach dem frommen Glauben, der ſich tief hinein bis in die chriſtliche Zeit erhielt, die Göttin, welche ihre Dienerinnen zur Arbeit gerüſtet antreffen wollte. Wenn
ſie es ſo traf, dann half ſie auf geheimnißvolle Weiſe bei nächtlicher Weile den fleißigſten Dirnen bei ihrer Arbeit, ſprach ihren Segen über das Haus und ſchenkte ihren Lieb⸗ llingen Spindeln, die in wunderbarer Schnelle ſchwirrten und ſich drehten; den Faulen aber zerzauſte und verwirrte ſie das Geſpinſt, wenn nicht noch härtere Strafen ihrer harrten. Nun begann im frohen Verein vieler Genoſſinnen unter Ge⸗ ſang und Wechſelrede ein munteres Wettſpinnen, welches bis zur Faſtnachtszeit dauerte, wo man die Heimkehr der Göttin von ihrem Umzuge beging. In dieſer heiligen Zeit mußte aller Flachs abgeſponnen ſein, alle Arbeit mußte ruhen, und die leeren Rocken und Spindeln wurden ſorgfältig vor der 6öttin verſteckt. Jahrhunderte lang haben ſich in Deutſch⸗ land dieſe gemeinſamen feſtlichen Spinnabende und Spinn— nächte erhalten, und dieſe Stätten vor allem ſind es geweſen, wo die beiden koſtbarſten Schätze unſeres Volks⸗ thums, die wir vor allen Völkern der Erde voraus haben,
ich Euch dadurch auch einen Beweis meiner Dankbarkeit liefern.
s iſt zwar noch viel, was ich mitzutheilen hätte, aber die Nacht iſt milde und freundlich, und dann möchte ich auch gern—*nalter Mann hat manchmal ſeine eigenen Anſichten— daß wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile und der Eine oder der Andere von Euch wandelt bei der morſchen Eiche vorüber und ſeine Blicke ſtreifen den theuren Namen, daß er ihr und mir einen freundlichen Gedanken ſchenke, ſich einzelne meiner Erlebniſſe, wenn auch nur flüchtig ins Gedächtniß zurückrufe.“
Hooker gab nunmehr offen ſein Verlangen zu erkennen, die Geſchichte zu Ende zu hören; ein beifälliges Murmeln
bekundete, daß alle Anweſenden mit dem Anſiedler einver⸗
ſtanden ſeien, und der Fallenſteller, nachdem Ruhe einge⸗
treten war, nahm den Faden ſeiner Erzählung wieder auf. (Fortſetzung folgt.)
Der Flachs und die Spinnerin.
Von Dr. Georg Pritzel.
das deutſche Volkslied und das deutſche Märchen gehegt, ge⸗ pflegt und uns überliefert worden ſind. Bis in unſere Tage hinein haben ſich Spuren dieſes uralten Volksbrauchs erhal⸗ ten; noch heute nennen die Landmädchen im Hildesheimſchen und im Fürſtenthum Grubenhagen die erſte volle Woche nach dem Neujahr die„Raumweke“, d. h. die Ruhmeswoche. In dieſer Woche eine möglichſt große Maſſe Garn geſponnen zu haben, iſt der höchſte Ehrgeiz dieſer Mädchen. Durch kein anderes Geſchäft, durch keine Zerſtreuung, durch keine Ver⸗ lockung laſſen ſie ſich von ihrem Vorhaben abbringen; kaum gönnen ſie ſich Zeit zum Eſſen und zur nöthigen Nachtruhe; jede ihrer Arbeit drohende Störung wiſſen ſie mit dem einen Wort abzuweiſen:„ek spinne mine raumtäl“, d. h. ich ſpinne meine Ruhmzahl. So erzählt Schambach in ſei⸗ nem trefflichen Wörterbuch der niederdeutſchen Sprache. Es iſt vorgekommen, daß Mädchen in dieſer einen Woche 32 Löpe (das Lop zu 10 Gebinden gerechnet) geſponnen haben. So ragen vereinzelte Reſte uralter Volksſitten in unſere Neuzeit hinein, wo das Spinnrad, von der Maſchine verdrängt, ſchon zu den Seltenheiten gehört, vielleicht in nicht zu ferner Zeit ſchon unter die Alterthümer gerechnet werden wird Ja wol, die Zeit iſt hin, wo Bertha ſpann!*)
Daß in der Kunſt des Spinnens, welche den Mädchen
von zarteſter Jugend auf gelehrt wurde, es neben den Schnell⸗“
ſpinnerinnen auch Virtuoſinnen gab, deren Geſpinſt durch unglaubliche Feinheit die Bewunderung der Beſchauer und Kenner erregte, konnte bei der häufigen Uebung nicht fehlen. Auch die vollkommenſte Maſchine wird niemals jene erſtaun⸗
lich feinen Geſpinſte der ſinnbegabten Menſchenhand hervor⸗
bringen können, von denen die Chroniken erzählen, daß man zehntauſend Fäden durch einen Fingerring ziehen konnte, und die für würdig erachtet wurden, als eine köſtliche Verehrung der Majeſtät deutſcher Kaiſer und Kaiſerinnen dargebracht zu werden. Der Zauber des ſcheinbar Unbegreiflichen legte die⸗ ſen Gebilden in der Meinung des Menſchen einen ungemein hohen Werth bei. So war es auch mit dem Garn, welches kleine Mädchen unter ſieben Jahren geſponnen hatten, dem ſogenannten Siebenjahrsgarn. Ein Hemd von ſolcher Lein⸗ wand ließ nach dem Volksglauben den Träger in den Wellen des Waſſers nicht untergehen, brachte ihm Geſundheit und Glück; ein mit ſolchem Garn geladenes Gewehr ſandte die Kugel unfehlbar ihrem Ziele entgegen, ja auf einem ſolchen Linnen legte die Hausnatter, wenn man ihr eine Schale mit Milch hin⸗ ſtellte, ihr glückbringendes goldenes Krönchen ab. Noch aus⸗ geprägter ſpiegelt ſich der mächtige Aberglaube der Zeit in der Sage vom Nothhemde, welches den Beſitzer unverwund⸗ bar, hieb⸗ und kugelfeſt machte. In einer Nacht mußte es
*) Auch der Italiener ſagt, wenn er von den Zeiten des großen Olim ſpricht:„Nel tempo ove Berta filava“.
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