hätte; aber erſt als ihm die untrüglichſten Beweiſe geworden waren, daß der Tochter ſeines leiblichen Bruders gerade in ſeinem eigenen Hauſe die größte Gefahr drohe, entſchloß er ſich dazu, ſie aus ſeiner Familie zu entfernen.
„Eine kurze Abweſenheit des alten Urbano war nämlich von einer Bande Comanche⸗Indianer dazu benutzt worden, zur Nachtzeit in ſein Haus einzudringen und ſich Margareths zu bemächtigen. Nur ſeine unerwartete Heimkehr verhinderte, daß ſeine Schutzbefohlene in die Gebirge und dann wer weiß, wohin entführt wurde. Die Indianer, die er möglichen Falles zum Sprechen gebracht hätte, entkamen leider, doch er ſowol wie Margareth bezweifelten keinen Augenblick, daß der Entführungs⸗ verſuch nur auf Anſtiften Tomaſo's unternommen worden ſei. Tomaſo aber befand ſich zu derſelben Zeit ſchon ſeit Wochen auf einem ſeiner Streifzüge, wie man anfänglich glaubte, und kehrte, offenbar um den Verdacht von ſich abzuwälzen, erſt nach Ablauf von drei oder vier weiteren Wochen ins älter⸗ liche Haus zurück. Als er in Santa⸗Fe eintraf, war die erſte Nachricht, die ihn erreichte, daß ſein Vater ſich einer Karavane zur Reiſe nach den Vereinigten Staaten angeſchloſſen und ſeine Brudertochter mitgenommen habe. Ueber das End⸗ ziel von ſeines Vaters Reiſe vermochte ihm Niemand Aus⸗ kunft zu ertheilen, doch wußte er leider nur zu genau, daß Margareth kaum wo anders, als in dem Hauſe ihrer Ver⸗ wandten mütterlicher Seits, alſo bei unſerm Nachbar Haller, eine Zufluchtsſtätte gefunden haben könne.
„Und ſo verhielt es ſich in der That. An jenem Tage, als ich Margareth zum erſten Mal ſah, hatte ſie ſeit einer Woche bei Haller ihren Wohnſitz aufgeſchlagen und ſich nicht nur mit ſeltener Fügſamkeit bereits an die ihr fremden Ver⸗ hältniſſe gewöhnt, ſondern auch die Herzen Aller, die mit ihr
in Berührung kamen, gleichviel, ob Verwandte oder Bekannte, für ſich gewonnen.
„Der alte Urbano dagegen befand ſich ſchon wieder auf dem Heimwege. War es ihm auch ſchwer geworden, ſich von dem lieben Kinde zu trennen, ſo gewährte es ihm auf der andern Seite eine innere Befriedigung, Margareth allen
ferneren Nachſtellungen entrückt und bis zu einem gewiſſen Grade deren Zukunft ſicher geſtellt zu haben.
„Außer dem grauen Muſtang, den Margareth ſchon in Santa⸗Fe vielfach geritten, hatte ihr Onkel ihr beim Abſchied auch noch einige hundert Dollars, als den letzten Reſt ihres
väterlichen Erbtheils, eingehändigt. Ich habe indeſſen Veran⸗ laſſung zü glauben, daß Urbano das Geld aus eigenen
— Mitteln zahlte, um ſeinen Liebling wenigſtens einigermaßen
unabhängig von andern Menſchen hinzuſtellen. Jedenfalls verdiente er die treue Anpänglcteih welche Margareth ihm auch in der Ferne bewahrte, wie ich ſelber ſeiner, obwol er längſt in Staub und Aſche zerfiel, bis zu meinem letzten Athemzuge mit Dankbarkeit und Hochachtung gedenken werde.
„Dies wäre alſo Margareth's Lebensgeſchichte bis zu dem Tage, an welchem ſie mir auf der lieblichen Waldblöße erſchien“, ſchaltete der Fallenſteller mit ruhiger, faſt rauher Entſchiedenheit ein.„Was ich eben erzählte, erfuhr ich von ihr ſelbſt, als ich ſie auf ihrem Heimwege begleitete. Was ſie nicht offen ausſprach, errieth ich, und was ich nicht gleich errieth, reimte ich mir ſpäter zuſammen, ſo daß ſich keine Ungenauig⸗ keit in meinen Bericht eingeſchlichen haben kann. Für mich aber waren ihre Mittheilungen eine Quelle inniger Freude, indem ich begriff, daß nur das ungebundenſte Vertrauen ſie dazu bewegte, ſo offen und rückhaltslos vor mir zu ſprechen. Wohl warf ich mir die Frage auf, ob ſie einen andern Menſchen nach einer Bekanntſchaft von wenigen Stunden in derſelben Weiſe bevorzugt haben würde, doch erſtickte ich dergleichen Gedanken ſchnell wieder, weil ich fühlte, daß mein Blut da⸗ bei in Wallung gerieth, und ich keinem andern Sterblichen einen ſolchen Vorzug gönnte.
„Ja, wir plauderten wie die Kinder mit einander; ſie in ſchöner, gewählter Weiſe, als ob ſie ihre Worte aus einem Buche abgeleſen hätte, und ich ſah wieder einfach und derb, wie ich es in Wald und Flur nicht anders gelernt hatte. Daß ſie den zwiſchen uns beſtehenden Unterſchied nicht bemerkte
oder wenigſtens großmüthig überſah, brachte mich ſchnell über die erſte Schüchternheit hinaus, und indem ſich meine Scheu verlor, wuchs auch meine Ueberlegung, ſo daß ich mich nach ihr zu bilden und meine Gedanken eifrig in die beſtmöglichſten Formen zu kleiden ſuchte. Meine Verſuche mögen freilich ſchwach genug ausgefallen ſein, ſie würden ſogar die Spott⸗ luſt manches andern Menſchen herausgefordert haben, allein auf ihrem lieben, theuren Antlitz war nichts von Spottluſt zu entdecken. Wohl lächelte ſie zu meinen Bemerkungen, aber es war ein gütiges, aufmunterndes Lächeln, ein Lächeln, welches mir warm bis in die Seele eindrang und mich zu neuen Verſuchen und Anſtrengungen ermuthigte. Dann ſagte ich ihr, daß ich Samuel heiße, welchen Namen ſie ſehr ſchön fand, und um meinen guten Willen zu beweiſen, betheuerte ich, daß ſie in unſerer Gegend gegen alle feindlichen Nachſtellungen ſo ſicher ſei, als ſchwimme ſie in einer Arche hoch oben auf den rothgoldenen Abendwolken, und daß ich ſie beſchützen wolle gegen alle Vettern und Indianer der Erde. Ferner hob ich hervor, daß ich auf hundert Ellen dem Hirſch das Auge aus dem Kopfe ſchieße, mein Meſſer durch ein zölliges Brett ſtoße, und auf einen Hieb mit meiner Axt jeden Baum von der Dicke eines ſtarken Mannesarms wie einen Strohhalm durch⸗ ſchneide. Ja, ſolch Zeug ſchwatzte ich, und zu jeder neuen Bemerkung hatte ſie ein neues herziges Lächeln, und jedes neue Lächeln machte meinen Muth wachſen, ſo daß es mir zuletzt unerklärlich erſchien, wie ich überhaupt nur die geringſte Scheu hatte empfinden können. Ging meine Kühnheit doch endlich ſo weit, daß, als wir beim Einbruch der Dämmerung Haller's Farm vor uns liegen ſahen, ich plötzlich mein Pferd anhielt und ſie bat, ein Gleiches zu thun.
„Theure kleine Margareth! Meiner Aufforderung leiſtete ſie Folge, als ob es gerade ſo und nicht anders hätte ſein müſſen, und furchtlos ihre wunderbar klaren Augen auf mich richtend, fragte ſie, ob ich ſchon umkehren wolle.
„„Nein, Miß Margareth», antwortete ich frei, obwol mir das Herz heftig ſchlug, und zugleich riß ich den abgetragenen Filzhut von meinem verwilderten langen Locken,«was ich zu offenbaren habe, kann zwar jeder Menſch wiſſen, allein ich bin nicht im Stande, es noch eine Minute länger bei mir zu behalten. Miß Margareth!“ wiederholte ich noch einmal,«Ihr ſeht mich unbedeckten Hauptes vor Euch; es iſt ſonſt nicht meine Art, den Hut vor den Leuten zu ziehen, ich thue es aber jetzt, weil mir iſt, als ſpräche ich vor dem lieben Gott. Und ſo ſage ich Euch denn, daß von allen Menſchen, die ich je in meinem Leben ſah,— ſind freilich nicht viele, die ich kennen lernte— ich Euch am meiſten liebe und verehre; ja ich liebe Euch ſo ſehr, daß Ihr mein Leben von mir fordern dürft, ohne dabei zu befürchten, eine Fehlbitte zu thun. Ihr ſeid ſchön, Ihr ſeid lieblich, doch das iſt's nicht allein, was mich drängt, meine Gedanken über Euch auszuſprechen, ſondern die Großmuth, mit der Ihr auf einen armen Farmerburſchen niederblickt, der ſo tief unter Euch ſteht, wie der Mond und alle die lieben Sterne von uns entfernt ſein mögen. Ja, Miß Margareth, nur das wollte ich Euch ſagen; denkt darum nicht ſchlechter von mir, denn indem ich meine Gedanken vor Euch offen darlege, bezwecke ich weiter nichts, als Euch den höchſten, in meiner Macht liegenden Beweis zu liefern, daß Ihr in allen Wechſelfällen des Lebens, was es auch immer betreffen möge, unbedingt auf mich rechnen könnt. Betrachtet mich als Euern Freund, als Euern Diener, und wenn Ihr nicht wünſcht, daß ich glauben ſoll, mich Euch gegenüber ungebührlich betragen zu haben, ſo laßt es heute nicht das letzte Mal geweſen ſein, daß Ihr mein älterliches Haus betratet.
„Als ich dieſes mit einer mir heute noch unerklärlichen Geläufigkeit geſagt hatte, richtete ich meine Blicke noch feſter guf Margareth's Augen. Ein Gefühl des Erſtaunens und des Schreckens über meine Kühnheit ergriff mich, und kaum würde es mich überraſcht haben, wenn Margareth, anſtatt mir zu antworten, in Verachtung ihr Pferd gewendet und ſchweigend davon geritten wäre. Ich begann mit mir zu hadern, weil ich befürchtete, durch meine anmaßende Zudringlichkeit jeden


