Jahrgang 
1868
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Die Wahnſinnige im Schloſſe von Teroueren.

Von Brüſſel führt der Weg durch ein dichtes Gehölz nach einem kleinen hübſchen Dorfe, das heißt Teroueren. Das Schloß dieſes Dorfes gehört den Königen von Belgien, es war von 1815 bis 1830 die Lieblingsreſidenz des Königs Wilhelm I., ſtand aber während der Regierung des Königs Leopold I. ganz verlaſſen da. Nur dann und wann fiel es während der letzten Jahre dem Grafen von Flandern ein, mit ſeinen Hunden im benachbarten Walde zu jagen.

König Leopold war ein mehr als ſparſamer Mann; die Leute

des Dorfes behaupten, er habe während ſeiner vierunddreißig Jahre langen Regierung in dieſer ſeiner großen Beſitzung nicht einen ein⸗ zigen Stuhl repariren laſſen, das Schloß alſo iſt innen verwahrloſt genug und das Mobiliar in einem troſtloſen Zuſtande.

Seit Kurzem iſt es der unfreiwillige Zufluchtsort einer unglück⸗ lichen Frau geworcen, die es mit dem unglückſeligſten Thron ver⸗ tauſcht, der je einem gekrönten Haupte zur Folter geworden. Es iſt das vierte Schloß, das dieſe Unglückliche bewohnt, die viermal auch den Namen wechſelte. Sie nannte ſich in Laeken Prinzeſſin Charlotte, in Miramar Erzherzogin von Oeſterreich, in Mexico die Kaiſerin, und jetzt in Teroueren haben ihr die Bauern den Namendie Wahn⸗ ſinnige gegeben.

Die Pſychologen, die Seelenkenner haben die Erfahrung gemacht, daß ein menſchlicher Berſtand, wenn er von der Nacht des Wahn⸗ ſinns ſich umdüſtert, am leichteſten wieder geklärt werde, wenn man den Unglücklichen an die Stätte zurückführt, an welcher er ſeine Kind⸗ heit verlebt, an jene Stätte, wo noch kein Misgeſchick ihn verfolgte, wo er in kindlicher Sorgloſigkeit nur die freundlichſten, wohlthuendſten Eindrücke in ſich aufgenommen, wo Alles ihm lachte, Alles nur Sonne, kein Schatten war.

Sie mögen wohl Recht haben und die Erfahrung hat, wie ge⸗ ſagt, ihnen auch ſchon Recht gegeben. Aber wie weit iſt der Weg vom Kinde bis zum Erwachſenen und wie oft fährt die Hand des Schick⸗ ſals rauh und ſchonungslos über den Spiegel, auf dem ſich dieſe Lichtgeſtalten der Kindheit erhalten, um ſie endlich ganz zu ver⸗ wiſchen.

Die Erfahrung lehrt auch, daß man am tiefſten fällt, wenn man am höchſten geſtiegen, und hochfliegende Geiſter fühlen nicht nur den Fall ſelbſt, ſondern auch die Schmach ihres Sturzes.

Prinzeſſin Charlotte wollte Kaiſerin werden; man weiß, daß Sie es war, die ihren Gatten drängte, die mexicaniſche Dornen⸗ krone anzunehmen. Jetzt iſt Max ein blutendes Opfer ſeines guten Willens geworden und Charlotte iſt die Wahnſinnige von Teroueren.

Als die Kaiſerin von Mexico, die ſchöne ſtolze Frau, ſah, daß die Wogen der Revolution um ihren Thron zuſammenſchlugen, machte ſie ſich auf, ſie fuhr über den weiten Ocean, um in Paris, in Rom um Hülfe zu bitten.

Aber in Paris fand ſie nur Achſelzucken, denn Frankreich ſah ſelbſt ein, daß es in ein Weſpenneſt geſtochen, und der Kaiſer ſann dar⸗ über nach, wie er ſich und ſeine Armee aus der Affaire ziehe, und in Rom konnte Charlotte keine Hülfe finden, denn Maximilian hatte das Verſprechen nicht gehalten, das er der Kirche gegeben, und die Kirche war es, die ihn zuerſt verließ.

Verzweiflung ſtürzte die unglückliche Kaiſerin dem Wahnſinn in die Arme, und als Geiſteskranke brachte man ſie nach Miramar, dem reizenden Schloß am Meeresſtrande, in welchem Maximilian ſich ſo ſorglos allen ſeinen kleinen Lieblingsbeſchäftigungen hingab, ehe er ſich überreden ließ, das zügelloſe, in allen Laſtern verſunkene Volk der Mexicaner auf den richtigen Weg führen zu wollen.

Alle Hoffnungen für die Wiederherſtellung der Unglücklichen ſcheiterten. Der Gedanke, man wolle ſie vergiften, verfolgte ſie unauf⸗ hörlich; ja man behauptete von manchen Seiten, es ſei ihren Fein⸗ den wirklich gelungen, ihr vor jenem ſüdamerikaniſchen Gifte einzu⸗ flößen, das nicht tödtet, aber zu unheilbarem Wahnſinn führt.

Die Aerzte riethen endlich, ſie in die Arme ihrer Familie, an den Ort ihrer Kindheit zurückzuführen, und ſo geſchah es.

Nach dem Schloſſe Laeken wollte man ſie führen, wo ſie heran⸗ gewachſen war, aber bei beſſerer Ueberlegung wagte man es nicht. Was hätte auch hier in dieſem Schloſſe auf Charlotte einen wohl⸗ thätigen Einfluß üben können.

Während der ſiebzehn Jahre, welche ſie in dieſem Schloſſe ver⸗ brachte, war ihr ja kaum eine freudige Stunde vergönnt geweſen!

Die Geſchichte erzählt uns von unglücklichen Frauen auf den Thronen oder in nächſter Nähe derſelben, die noch ſchwerer geprüft

Feunilleon

Leben diejenigen Momente hervor zu ſuchen, welche ſie zu dieſer geiſtigen Umdüſterung führen konnten; man iſt vielleicht ſogar berechtigt, in ihren zarteſten Lebensjahren ſchon eine Vorbereitung zu dieſem ſchreck⸗ lichen Zuſtande zu ſuchen, dem ſie verfiel, als ſie Alles verloren ſah, woran ihr Ehrgeiz, ihr Stolz ſich geheftet.

Charlotte iſt wohl niemals in ihren Kinder⸗ und Mädchenjahren glücklich geweſen. Ihre Kindheit verbrachte ſie bei ihrer Mutter, einer unglücklichen Frau, die das Kind nur beten lehrte, denn ſie ſelbſt fühlte ſich verlaſſen und abgeſtoßen durch den kälteſten und eigenfüchtigſten der Gatten, die Mutter ſtarb nach langer Krankheit, und Charlotte war allein in dem großen Schloſſe von Laeken.

Sie führte ein ſtilles, troſtloſes Daſein. Faſt. elf Jahre alt, als ihre Mutter ſtarb, dachte Niemand daran, ihr eine heitere Ge⸗ ſpielin zu geben. Sechs Jahre verbrachte ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, zwiſchen dem Grabe ihrer Mutter und einem Vater, der nur ſelten nach Laeken kam und wenn er kam, Alles um ſich her erzittern machte.

Charlotte war als Mädchen von ſiebzehn Jahren hoch und ele⸗ gant gewachſen; ein ſchöner Mund, eine Adlernaſe, klare große Augen mit ſanftem, aber unruhigem Blick, kaſtanienbraunes Haar zierten dieſen ſchönen Kopf; in ihrem ganzen Weſen lag eine liebens⸗ würdige Zurückhaltung.

Allein, immer allein durchſtreifte ſie den Park, das Dorf, die Wälder; ſie hatte Niemanden, dem ſie ſich mittheilen konnte, Nie⸗ manden, der mit ihr hätte fühlen können, und in dem Weſen ihres Vaters lag es nicht, der Tochter Vertrauen einzuflößen. Ein ge⸗ wiſſer Schmerz, eine ſichtbare Trauer war immer in ihren Augen zu leſen.

So ward ſie endlich dem Erzherzog Maximilian verlobt. An der Seite eines ſchlanken jungen Mannes mit blondem Haar, der die Admirals⸗ Uniform trug, erſchien ſie als Braut vor der neugierigen Menge auf dem Balcon des Palaſtes in Brüſſel, und wenige Tage darauf ver⸗ ließ ſie mit ihm das Vaterland, das ihr der Freuden ſo wenig ge⸗ boten hatte.

Als ſtolze Gattin eines öſterreichiſchen Prinzen ſchied ſie, und zehn Jahre ſpäter kehrte ſie wieder als eine arme Wahnſinnige.

So gab man ſie dieſem Vaterlande wieder zurück. Aber Niemand ſah dieſe Rücktehr. Zur Nachtzeit bewegte ſich ein geſchloſſener Wagen langſam dem Weg nach Teroueren zu. 5

Wird ſie hier geneſen? Und weshalb hier wahrſcheinlicher als anderswo? Es iſt nichts in dieſem Schloſſe, was wohlthuend auf ihren umnachteten Geiſt wirken, nichts, was liebe Erinnerungen in ihr wachrufen könnte, denn ſie hat ſchwerlich deren überhaupt aus ihrem Vaterlande mitgenommen.

Ein tragiſches Geſchick, das über dem Leben dieſes armen Weibes waltet! Ein hiſtoriſches Drama der großartigſten Proportionen, das ſich vor unſern Augen für die ganze Nachwelt abgewickelt! 2

Heinrich IV., König von Frankreich, begünſtigte ſpäter ſeinen Jugendgenoſſen, den Kammerjunker d'Aubigne, inſofern, als er ihn ſtets um ſich litt. Doch das war auch ſein ganzer Vorzug, während andere Perſonen mit reellern Gnadenbeweiſen überſchüttet wurden. D'Aubigns beſchwerte ſich darüber, und Heinrich kaufte in der Bude eines Malers ſein Bild, um es ihm zu ſchenken. DAubigné fiel es gar nicht ein, das ſchlechte Bild zu nehmen, er ließ es, wo es war, und ſchrieb nur eine für den König wenig ſchmeichelhafte Bemerkung darunter. Als der König ſich am Abend gelegt und dAubigné ihn ſchlafend glaubte, ſagte er zu ſeinem Collegen, der mit ihm im Zimmer des Königs ſchlief: Laforce! gefin der undankharſte Menſch auf Erden! Was ſagſt du? fragte der ſchon halb ſchlafende Laforce. Tauber Menſch! rief der noch wachende König,er ſagt, ich ſei der undankbarſte Menſch auf Erden Schlafen Sie, gnädigſter Herr! rief jedoch d'Aubigné,wir haben noch viel über Sie zu ſprechen! 3

Der König ſagte nichts weiter und deutete auch am nächſten Tage mit keiner Silbe auf das Geſpräch der Nacht hin.

Kleine Boſt der Redaction.

Herrn V in Boston. Man kann es unmöglich allen Menſchen recht machen,

wurden als Charlotte; man iſt aber berechtigt, aus ihrem früheren

es thut uns leid, wenn die Auskunft Sie nicht befriedigt hat, keinesfalls können wir Ihre Berechtigung zu ſolchen Ausfällen anerkennen.

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. Verlag der Hausfreund⸗Expedition(. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. . Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

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