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einem die Einbildung beſtändig verwandte Bilder des Ge⸗ ſehenen oder Erlebten vor. Dies war z. B. der Fall mit Pascal. In Pascal's Biographie wird erzählt: Er fuhr einſt, nach dem Gebrauche jener Zeit(1654), in einer Car— roſſe mit vier Pferden ſpazieren. Als er nahe bei dem Pont de Neuilly war, nahmen die beiden Vorderpferde den Zügel zwiſchen die Zähne und ſtürzten ſich in den Strom; glück⸗ licherweiſe riſſen die Stränge und der Wagen blieb am Ufer zurück. Die plötzliche und heftige Erſchütterung, die Pascal erfuhr, koſtete ihm beinahe das Leben, und ſeine Einbildung ſah von der Zeit an beſtändig einen offenen Abgrund zu ſeinen Füßen.— Wer einer Hinrichtung beigewohnt hat, dem kann es begegnen, daß das blutige Hanpt des Hingerichteten nicht aus ſeiner Phantaſie weicht und ſich ihm vor alle wirklichen Gegenſtände der Außenwelt ein blutendes Haupt hinſtellt.
Deshalb dürfte es gerathen ſein, Menſchen von lebhaf⸗ ter Phantaſie vor allzu lebhaften Sinneseindrücken zu be⸗ wahren. Und da in Kindern die Phantaſie beſonders leb⸗ haft iſt, ſo hat man ſich zu hüten, ihre Phantaſie durch Furcht, Grauen, Entſetzen erregende Eindrücke zu reizen. Sie werden ſonſt leicht ſolche Eindrücke ihr Leben lang nicht los, ſehen überall in ihrer Phantaſie den ſchwarzen Mann, mit dem man ihnen in der Jugend gedroht hat.
Jeder Affect, jede Leidenſchaft inclinirt zu Einbil⸗ dungen. Der Furchtſame ſieht ſich des Nachts überall von Schreckgeſtalten bedroht, ſieht einen Baum für einen Räuber, oder einen weißen Pfahl für ein Geſpenſt an. Wie viele würden denn die Nacht auf ginem Kirchhofe zubringen kön— nen, ohne in der Geiſterſtunde die Geiſter tanzen zu ſehen? Einſamkeit und Finſterniß begünſtigen beſonders die Thätig⸗ keit der Einbildungskraft.
In der Leidenſchaft ſind die Einbildungen mitunter komiſch. Ein Verliebter z. B., der ſich im Dunkeln an einem entlegenen Ort mit ſeiner Angebeteten ein Rendevous geben will, ſieht einen die Arme ausbreitenden Wegweiſer in der Entfernung für ſeine Geliebte an und ſtürzt dem Wegweiſer in die Arme. Eine reichere Sammlung von komi⸗ ſchen Einbildungen kann es wol kaum geben, als den Don Quixote. Aus dieſem kann man wohl erſehen, welchen Narren die Einbildungskraft aus dem Menſchen macht, wenn er ganz in einem Affect, in einer Leidenſchaft aufgeht.
Idioſynkraſien befähigen ebenfalls zu Einbildungen. Perſonen z. B., die mit einer Idioſynkraſie gegen Katzen be⸗ haftet ſind, riechen überall Katzen, auch wo keine ſind; und ſie laſſen ſich's nicht leicht ausreden.
Ferner, zu welchen Einbildungen befähigt nicht die Hypochondrie? Jeder Hypochondriſt hat Einbildungen zu bekämpfen, die ſich ihm aufdringen und die er nicht los wird, auch wenn ihm die Vernunft ſagt, daß es bloße Einbildun⸗ gen ſind. Jeſſen erwähnt eines Falles aus eigener Praxis, wo ein hochgeſtellter Beamter, ein ſehr gebildeter und in jeder Hinſicht ausgezeichneter Mann ſeinen Rath in Anſpruch nahm, weil er von dem Gedanken gequält wurde, daß er ſeinen eigenen Kindern ein Leid zufügen werde. Dieſe fixe Idee ſtammte aus einer hppochondriſchen Grundlage; aber in jeder andern Beziehung war ſein Geiſt durchaus frei und klar; er erkannte vollkommen die krankhafte Natur der ihn quälenden Idee, aber es war ihm unmöglich, ſich davon zu befreien, jeden Augenblick kehrte ſie zurück und zuweilen beäng⸗ ſtigte ſie ihn in ſehr hohem Grade. Es verging eine ſehr lange Zeit, ehe er von dieſem furchtbaren Gedanken wieder ganz frei wurde. Andere Kranke fanden die beſtändige Furcht vor Nadeln, Glasſplittern, Verunreinigungen u. dgl., in welcher ſie lebten, thöricht und lächerlich, waren aber ebenſo wenig im Stande, ſich davon los zu machen.
Nach Domrich leiden Herzkranke häufig an der Ein⸗ bildung begangener Verbrechen. Die Bangigkeit und innere Angſt, an welcher Herzkranke leiden, iſt ebenſo quälend, als die bitterſten Gefühle eines böſen Gewiſſens oder der am Herzen nagenden Reue; die Depreſſion und Unruhe, die fort⸗ währende heimliche Furcht und Verzagtheit, die Brenngefühle,
welche gegen Kopf und Geſicht aufſteigen, das Gefühl von⸗ Druck, Beklemmung und Herzensangſt erzeugen trübe Ge⸗
müthsſtimmungen und Vorſtellungen von begangenen Ver⸗ brechen, von drohender Schande, einzuleitenden Unterſuchun⸗ gen, wovon endlich Lebensüberdruß und Selbſtmord die Folge iſt.
Wir haben im Bisherigen geſehen, in welchen Zuſtän⸗ den die Einbildungskraft beſonders geſchäftig iſt und welche wunderliche, curioſe Bilder ſie in dieſen Zuſtänden mitunter erzeugt, wie himmelweit die Welt, in der ſie lebt, verſchieden iſt von der wirklichen, realen.
Worin beſteht nun aber das eigenthümliche Weſen der Einbildung in allen genannten Fällen? Was iſt das Gemeinſame in allen Einbildungen, ſie mögen heiterer oder trauriger Art ſein, mögen gegen die Wirklichkeit ſtark oder ſchwach contraſtiren, mögen verworren und ſinnlos oder con⸗ ſequent und ſinnig ſein?
Offenbar beſteht das eigentliche Weſen, das Gemein⸗ ſame aller Einbildungen darin, das ein blos innerlich Gubjectiv) Empfundenes, oder Geſchautes, oder Gedachtes ſo aufgefaßt wird, als wäre es ein Aeußeres, Objectives, Reales. Die innerlich, in den zur Einbildung disponiren⸗ den Körper- und Geiſteszuſtänden erregten Bilder oder Vor⸗ ſtellungen werden nach außen projicirt und auf äußere Ge⸗ genſtände bezogen, während ſie doch nur aus dem eigenen Innern ſtammen. Der von einem Affect oder einer Leiden⸗ ſchaft Ergriffene, der Träumende, der Abergläubiſche, der Wahnſinnige, der Hypochonder u. ſ. w.— ſie alle projici⸗ ren ihre innern Bilder und Vorſtellungen nach außen und werden infolge deſſen von ihnen ſo afficirt, ſo erfreut oder betrübt, ſo in Furcht oder in Zorn, ſo in Liebe oder in Haß verſetzt, als wären es wirkliche, leibhaftige, reale Objecte. Denn für die Wirkung eines Bildes oder einer Vorſtellung macht es keinen Unterſchied, ob demſelben ein realer Gegen⸗ ſtand entſpricht, oder ob es rein ſubjectiv iſt, wofern nur in letzterm Falle nicht gewußt wird, daß es rein ſubjectiv iſt. Der Träumende wird von ſeinen Traumbildern ſo affi⸗ cirt wie von wirklichen Vorgängen, weil er nicht weiß, daß es nur ſeine Traumbilder ſind.
So lange bei Einbildungen noch das Bewußtſein vor⸗ handen und ungeſchwächt iſt, daß es bloße Einbildungen ſind, ſo lange ſind ſie nicht gefährlich, und der Menſch kann ihnen nicht zur Beute werden. Das eigentlich Gefährliche der Einbildungen beginnt erſt, wenn jenes Bewußtſein ver⸗ loren gegangen iſt. Dann aber auch erſt iſt die Einbildung wirklich vollzogen, iſt vollendete Einbildung.
Daher zeigen Traum und Wahnſinn, als in welchen das Bewußtſein, daß man in einer eingebildeten Welt lebt, gänzlich fehlt, am deutlichſten die Macht der Einbildung. In dem Moment, wo der Träumende ſich bewußt würde, daß er träumt, und der Verrückte, daß er verrückt iſt, könnten Beide ſchon nicht mehr der Gewalt ihrer Einbildungen unter⸗ liegen. Denn die Macht der Einbildung wird durch das Bewußtſein, daß es Einbildung iſt, gebrochen.
Zweierlei conſtituirt alſo das Weſen der Einbildung:
1) Verwandlung eines rein innerlichen, ſubjectiven Bil⸗ des oder Hirngeſpinſtes in einen objectiven, realen Gegen⸗ ſtand oder Vorgang.
2) Unbewußtſein darüber, daß man ſelbſt der Schöpfer des innern Bildes und der Zauberer iſt, der es in einen äußern realen Gegenſtand verwandelt.
Erſt, wo dieſe beiden Merkmale zuſammenkommen, da iſt wirkliche, vollendete Einbildung vorhanden. Bloße Viſiv⸗ nen oder Hallucinationen, bei denen ſich der daran Leidende bewußt iſt, daß die Geſichts- oder Gehörserſcheinungen, die er hat, ſubjectiven Urſprungs ſind, begründen daher noch keine Einbildung.
Der aus der deutſchen Literatur der Aufklärungsperiode bekannte Nicolai litt an Viſionen, in denen ihm Verſtor⸗ bene und verſchiedene andere wandelnde Perſonen erſchienen. Die Phantasmen erſchienen unwillkürlich und Nicolai war nicht im Stande, nach Willkür dieſe oder jene Perſon her
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