dreiunddreißig anderer Misvergnügter deſertirt und wünſche jetzt nur Rache zu nehmen.
Ich hörte ihn ruhig an und ſagte dann:„Gut, Teti, wenn Ihr es wirklich ehrlich mit uns meint, ſo will ich ver⸗ geſſen, daß Ihr einmal hundert Thaler geſtohlen“...
Er ergriff meine Hand, küßte ſie und ſagte mit weicher Stimme:„Signor maggiore, ich bin Ihnen Dank ſchuldig. Sie waren mir im vorigen und in dieſem Jahre ein guter Vorgeſetzter, Sie haben bei Chiavone, Ihrem Feinde, für mich geſprochen, und.... ich mag ſonſt ſein wie ich wolle
aber undankbar bin ich nicht.“
„Ben, ſo kehrt jetzt in die Coſta zurück und führt Euere Truppe ſogleich hierher.“
„Si, Signor“, entgegnete er, und die Beiden empfahlen ſich unterwürfig, wie ſie gekommen.
Triſtany war hoch erfreut über dieſen anſehnlichen Zu⸗ wachs und nannte mich einen„unverbeſſerlichen Peſſimiſten“, als ich einige Zweifel auskramte. Da erſchien einer meiner Sergeanten unter der Thüre und fragte, ob er mir eine be⸗ ondere Meldung machen dürfe.
Dieſer Sergeant, ein Sicilianer, Namens Fazio, war
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früher„Camorrista“(ſoviel wie„Bravo“), dann Gensdarm geweſen, hatte ſchon im vorigen Jahre unter mir bei Chia⸗ vone gedient und war einer der verſchlagenſten, findigſten Burſchen, die ich jemals gefunden. Er wußte in allen Ge⸗ genden Beſcheid und kannte faſt alle— Schurken des Kö⸗ nigreichs perſönlich.
„Herr“, ſagte er, als ich ihn neben meinem Lager nie⸗ derſitzen geheißen„ich habe ſo meine Gedanken, daß Teti ein Verräther iſt und noch mehr dieſer Deſiate.“
„Kennſt du den?“
„O, den kenne ich aus alter Zeit! Der war auch Einer von der Camorra und iſt ein Kerl, der gar nicht leben kann, ohne irgendwas oder irgendwen zu verrathen!“
„Du haſt ſaubere Bekanntſchaften, Faziv.“
„Eh!“ lachte er,„l'era il mio mestiero(das war mein Handwerk). Aber, wollen Sie mich machen laſſen, ſo ver⸗ ſchaffe ich Ihnen Gewißheit über die Pläne dieſer Schufte.“
Ich ließ ihn machen, und zwei Minuten ſpäter ging er mit einer Patrouille von drei Mann nach der Costa del fago ab.
(Fortſetzung folgt.)
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ßlicke in das Seelenleben. Die Einbildung.
Heutzutage geſchehen zwar keine Wunder mehr und die Gebildeten glauben an keine Wunder; aber dennoch trägt Jeder, der Gebildete, wie der Ungebildete, eine Kraft in ſich, die gewiſſermaßen Wunder verrichtet.
Es iſt dieſes die Einbildungskraft.
Welche Wunder die Einbildung verrichtet, wie ſie die Dinge und Perſonen in etwas ganz anderes verwandelt, als ſie ſind, wie ſie blos Hirngeſpinſte in leibhaftige Realität verwandelt, das iſt aus dem Leben und gleicherweiſe aus der das Leben abſpiegelnden Dichtung hinlänglich bekannt. Ein Don Quirote macht in der Einbildung aus Windmühlen⸗ flügeln Rieſen, mit denen er kämpft. Aus ſeinen eigenen Träumen weiß Jeder, welche Wunder des Nachts im Bette ſeine Einbildung verrichtet, wie er entweder fliegt, oder in einen Abgrund fällt, von Räubern angegriffen wird, oder in fernen Ländern auf Bergen herumklettert, oder im Waſſer ſchwimmt u. ſ. w. Mir iſt es im Traume öfters begegnet, daß ich auf dem ſchmalen Sims des Hauſes ſtand und mich ängſtlich anklammerte, um nicht hinabzuſtürzen, bis ich, von der Angſt erweckt, ſah, daß ich im Bette lag, vielleicht in einer etwas ſchiefen Lage. Ein Gelehrter, Namens Maier, der über das Nachtwandeln einen Erklärungsverſuch geſchrie⸗ ben, träumte einmal, daß er von einigen Perſonen über⸗ fallen würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde hinlegten und ihm zwiſchen die große und die nächſte Zehe einen Pfahl in die Erde ſchlugen. Von dieſer Traumvorſtellung erwachend, fühlte er, daß ihm ein Stroh⸗ halm zwiſchen den Zehen ſtecke. Derſelbe träumte ein an⸗ deres Mal, als er ſein Hemde am Halſe etwas feſt zuſammen⸗ geſteckt hatte, daß er gehenkt würde. Hoffbauer träumte in ſeiner Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettſtelle auseinander ge⸗ gangen und daß er wirklich gefallen war. Gregory be⸗ richtet, er habe einmal beim zu Bette gehen eine Flaſche mit heißem Waſſer an die Füße gelegt und darauf im Traume eine Reiſe auf die Spitze des Aetna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens faſt unerträglich gefunden. Ein Anderer träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blaſenpflaſter, daß er von einem Haufen von Indianern fkalpirt werde. Ein Dritter, der in einem feuchten Hemde ſchlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Ein im Schlafe ein⸗ tretender Anfall von Podagra ließ einen Kranken glauben, er ſei in den Händen der Inquiſition und erdulde die Qua⸗ len der Folter.
Doch nicht blos im Traume nimmt die Einbildungs⸗
lraft wunderbare Verwandlungen vor, macht aus einem Stroh⸗ halm einen Pfahl, aus einer heißen Flaſche den Aetna, ſon⸗ dern auch im Aberglauben. In jenen finſtern Zeiten, in denen der Teufels⸗ und Hexenglaube Gewalt über die Ge⸗ müther hatte, kam es vor, daß Menſchen ſich durch teufliſchen Zauber in Thiere, beſonders in Wölfe verwandelt glaubten und ſich dieſem Wahne gemäß geberdeten. Die Wehrwolfs⸗ ſucht(Lykanthropie) erlangte eine weite Verbreitung; ſie kam in Frankreich, in Deutſchland, im Norden und Süden Eu⸗ ropas vor. Nach J. Fincetius verſicherte 1541 ein Bauer aus Pavia, er ſei ein Wolf, fiel auf ſeinem Felde viele Menſchen an und tödtete ſie. Als man ihn nach vieler Mühe endlich gefangen genommen hatte, behauptete er, der einzige Unterſchied zwiſchen ihm und einem wirklichen Wolfe beſtände nur darin, daß bei einem Wolfe die Haare nach außen, bei ihm aber nach innen gekehrt ſeien.(Man nannte dies versipellis.) Nach Boguet's Schilderung herrſchte um das Jahr 1598 im Juragebirge die Wehrwolfsmanie in einer Art epidemiſcher Verbreitung. Namentlich war dieſe Krank⸗ heit in einer Familie herrſchend. Pernette Gandillon lief auf allen Vieren auf dem Felde umher, da ſie ſich in eine Wöl⸗ fin verwandelt glaubte. Sie fällt ein kleines Mädchen an, das mit ihrem Bruder Früchte abpflückt. Der Knabe ver⸗ theidigt ſeine Schweſter, aber Pernette entreißt ihm ein Meſſer, welches er in der Hand trägt, und bringt ihm eine tödtliche Wunde am Halſe bei. Pernette wurde von dem wüthenden Volke in Stücke zerriſſen. Bald darauf wurde der Bruder der Pernette, Pierre Gandillon, der Zauberei angeklagt. Er ſollte ſeine Kinder zum Sabbat geführt, Ha⸗ gel gemacht, mit Incuben und Succuben verkehrt haben u. ſ. w. Der Teufel habe ihm eine Salbe gegeben, durch die er eines Abends in einen Haſen verwandelt wurde; ge⸗ wöhnlich aber verwandelte er ſich in einen Wolf, ſeine Haut wurde zu einem rauhen Felle, er ſtreifte durch die Felder, fiel Thiere und, wenn er beſondern Hunger hatte, auch Men⸗ ſchen an. Wollte er wieder menſchliche Geſtalt annehmen, ſo rieb er ſich die Haut mit bethautem Graſe ein. Sein Sohn Georg geſteht, daß er ſich auch die Haut mit Salbe eingerieben, daß er zum Sabbat gegängen u. ſ. w. Als Wolf iſt er auf allen Vieren in den Bergen umhergeſchweift und hat zwei Ziegen getödtet. Seine Schweſter Antvinette geſteht, ſie habe Hagel auf die Felder fallen laſſen und mit dem Teufel in Geſtalt eines ſchwarzen Bocks geſchlechtlichen Umgang gehabt. Alle drei wurden vom Henker erdroſſelt und dann verbrannt. Das Scheußliche dieſer Einbildungen


