3* deſſen Ende erſpähen könnte.
allem Volk in den fluthenden Strom geworfen. Sie ſank nicht unter; der Strom trieb ſie, als wolle er die Unſchuld und das Unglück nicht verſchlingen, ans Ufer. Da eilte einer der Henker hin, erfaßte mit der langen Stange ihr ſchö goldenes Haar und drückte ſie damit unter die Wellen daß ſie ertrank. Ein jäher Grimm packte Albrecht über dieſe Unthat, über dieſen grauſam bewirkten Verluſt des heißgeliebten Weibes. Er ergriff die Waffen und überzog mit Bundesge⸗ noſſen ſeinen Vater mit Krieg, obwol dieſer mit Bitten den Sohn wieder zu gewinnen ſuchte. Vergebens! Wenn Herzog Albrecht endlich auch den Kampf einſtellte und ſogar, wenn auch nur aus politiſchen Gründen, ſich mit Anna von
Braunſchweig vermählte, ſeinem Vater verzieh er die Unthat nicht und ſeine Liebe trauerte fort und fort um die ſchöne, gemordete Agnes. Und der alte Sünder, der ruchlos dies Weib gemordet, ſpielte nachher den Zerknirſchten über ſeine That und ließ über dem Grabe ſeines Opfers ein Betkirchlein erbauen. Herzog Albrecht ließ dies Kirchlein ſtehen; aber zwölf Jahre nach Agnes' Tode ließ er die Gebeine der„ehr⸗ ſamen Frau“ in die von ihr einſt erſehene Ruheſtätte tragen und mit mgnornem Grabſtein decken.
Es war ein büſteres Liebesgedicht, dieſe Geſchichte von Albrecht's und von Agnes' unglücklicher Liebe, und lange ſang das Volk in Deutſchland davon. Seine Helden waren Deutſchlands Abälard und Heloiſe.
6
Lady und
ßaronin.
(Aus den Papieren eines Malers von Moritz Horn.) (Fortſetzung.)
Der Brief enthielt die Einladung, ſobald Zeit und Wille es geſtatteten, zur Lady Wolſey ſich zu bemühen.
„Wer iſt die Dame?“ fragte Pierre, das Billet wie⸗ der in die feingebrochenen Falten legend.
Der Notar ſchien die Frage ſeines Protegé überhört zu haben oder nicht hören zu wollen, der Name in dem alten Herrn keine freundlichen Erinnerungen wach zu rufen; er ſchwankte, ob er dem jungen Künſtler Mittheilungen machen, Winke geben, oder ihn ſelbſt Erfahrungen ſammeln laſſen ſollte über Punkte, die aus der gewöhnlichen Perſpective des Lebens gerückt zu liegen pflegen.
Der Maler ſah ſich genöthigt, durch die Wiederholung ſeiner Frage die Pauſe zu unterbrechen.
„Man könnte dich ein Kind des Glückes nennen, erwie⸗ derte der Notar, wenn man von jeder Schwelle am Wege
„Die Lady iſt eine junge reiche Dame, Witwe, Beſitzerin eines immenſen Reichthums und eine Beſchützerin der Künſte und Wiſſenſchaften.
„In ihrem Salon ſammelt ſich eine Schaar Schöngeiſter und Kunſtjünger. Wahrſcheinlich erhalten Sie, mein junger Freund, Aufträge, werden bekannt und Ihr Glück iſt ſchneller gemacht, als dies dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und Ver⸗ hältniſſe nach zu geſchehen pflegt.
„Verfiele die Dame auf den Gedanken ſich malen zu laſſen, ſo hätten wir ſogleich das Portrait, das wir, ich wollte ſagen: Sie, gebrauchen.“
Pierre's Garderobe wurde einer ſorgfältigen Muſterung unterworfen, das Fehlende mit den erhaltenen Goldſtücken ſchnell herbeigeſchafft, und am andern Morgen nach Empfang der Einladung zur Viſitenſtunde ſtieg Pierre Laroſſe, der der Welt und des Salon unkundige Sohn der Bretagne, beklom⸗ menen Herzens die breite Marmorſtufe im Hotel der Lady auf der Rue““ in der Vorſtadt Honore hinauf. Ein reich gallonirter Diener führte ihn in das Empfangszimmer. Was nur der Lurus erdenken, der Reichthum erſchaffen kann, das enthielt dieſes eher einem kleinem Saal als einem Zimmer ähnliche Gemach.
Pierre wagte kaum den Fuß auf die prachtvollen Tep⸗ piche zu ſetzen, mit denen der Moſaikfußboden vor dem ſchwellenden Divan bekleidet war, wagte kaum den Blick auf den brillanten Tapeten der Wände ruhen zu laſſen. Als er das nach und nach daran gewöhnte Auge freier umher ſchwei⸗ fen ließ, erblickte er über einem der reichen Ruheſeſſel aus weißem Sammt ſein Gemälde.
Der urſprüngliche Rahmen, ſchlicht und einfach, hatte einer mit geſchmackvoller Arbeit reich verzierten Umfaſſung weichen müſſen. Pierre konnte ſich nicht verhehlen, daß das Gemälde, ſo umrahmt, einen noch mächtigeren Einfluß übe.
Es begrüßte ihn wie einen Bekannten und ſchien ihm zuzurufen: Fürchte dich nicht, du beſcheidener Mann der Bretagne, ich, dein vollgültiges Kunſtwerk, bin hier und rede Zeugniß für dich. Auf, faſſe Muth!
Da öffnete ſich die Nebenthür eines reizenden Damen⸗ boudoir.„Der Künſtler vor ſeinem Kunſtwerke!“ rief eine wohltönende Frauenſtimme;„als Kritiker oder als Bewun⸗ derer?“ fragte ſie.
Pierre's Herz klopfte hörbar, er warf noch einen recht warmen, recht langen Blick auf ſein Bild und das Stückchen Vaterlandserde, das er verherrlicht hatte, ehe er ſich wen⸗ dete, und doch beſiegte er kaum die Scheu und Schüchtern⸗ heit, die ſich ſeiner bemächtigte, als er vor einer Dame ſich verbeugte, die in ihrer Erſcheinung allerdings keine Neben⸗ buhlerin der Schönheit zu fürchten brauchte?
„Darf ich bitten, Herr Laroſſe?“
Sie machte eine ſehr graziöſe, einladende Handbewegung, Pierre folgte in das Boudoir und nahm in einem Ruheſeſſel neben dem ihrigen Platz.
„Sie ſind mir die Antwhlt auf meine Frage noch ſchul⸗ dig. Wie haben Sie Ihr eigenes Werk betrachtet, als Kri⸗ tiker oder als Bewunderer?“
„Lady, ich war weder der Eine noch der Andere, ich habe es mit den Augen blos prüfend übergangen und mich gefreut, daß mir kein Hauptfehler ſtörend entgegen getre⸗ ten iſ
„Ein Meiſterſtück“, fiel die Lady raſch ein,„ich kenne das Driginal, denn ich habe den Ort beſucht, deſſen bezau⸗ berndes Abbild mit Naturtreue Ihre Kunſthand auf die Lein⸗ wand geworfen hat.“
„Sie waren in der Bretagne?“
Schon wollte ſie antworten, die Bretagne ſei auch ihr Vaterland, doch ſie ſchwieg.
Die Erinnerung an ſein Vaterland machte Pierre beredt, ließ ihn die Umgebung vergeſſen und verſetzte ihn in eine Begeiſterung, die dem jungen, an ſich ſchon nicht unange⸗
nehmen Manne jene Schönheit verlieh, welche der Reflex eines
reichen Geiſtes iſt.
„Doch wohin reißt mich die Erinnerung an meine Heimat!“ rief er aus,„verzeihen Sie, Madame, meiner Er⸗ regung die lange Epiſode über mein ſo charaktervolles Vaterland.“
„Ich habe Ihr Expoſé ſo anziehend gefunden, daß ich den Zweck meiner Bitte um Ihren Beſuch beinahe vergeſſen atte.“
„Befehlen Sie!“
„Ich wünſche mein Portrait von Ihnen gemalt, nicht etwa aus Eitelkeit, nein, für meinen Oheim. Würden Sie den Auftrag wol übernehmen? Den Preis beſtimmen Sie natürlich.“
„Ich will verſuchen, ob es mir gelingt, von dieſem reizenden Originale eine ſchwache Copie zu ſchaffen“
„Ich aber bitte nicht zu ſchmeicheln, weder in Worten noch in Werken, d. h. im Bilde.
Pierre wollte ſich beurlauben, die Lady bat noch um einen Augenblick.
„Faſt hätte ich vergeſſen Ihnen, ſo lange
Sie mein
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