Theil aber ſchon nach zwei Tagen, einige unter ſtarken, krampfartigen Zuckungen der Flügel und Beine, andere all⸗ mählich einſchlafend. Bei ſehr feuchter Atmoſphäre blieben ſie 4—5 Tage am Leben, eine ſogar 19 Tage. In allen Fällen hatte ſich im Innern der Fliegen der Mucorpilz auf das Ueppigſte entwickelt und trug nicht nur Köpfe, ſondern ſchnürte auch ſeine Fortpflanzungszellen ab. Alljährlich geht im Herbſte die Mehrzahl der Stubenpfliegen in ähnlicher Weiſe durch dieſen Pilz, die Empusa muscae, zu Grunde, und Jeder kann ſich von den Erſcheinungen dieſer Krankheit leicht überzeugen. Die Samenträger der Empusa wachſen aus dem todten Thierkörper empor und ſind im Stande, die Samen bis über einen halben Zoll weit fortzuſchleudern. So entſteht der weiße, aus unzähligen Samenkörnchen gebildete Hof, den wir beſonders um die todt an den Fenſterſcheiben ſitzenden Stubenfliegen bemerken.
Dr. Bail und andere Forſcher haben nachgewieſen, daß es eine Empusa der Fliegen, Heuſchrecken, Blattwespen⸗Lar⸗ ven, Bachmücken, Stechmecken, Kohlweißling⸗Raupen, Blatt⸗
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läuſe, Eulen⸗ und Spannerraupen u. ſ. w. in immer verſchie⸗ denen Formen gibt— daß aber alle dieſe, in verſchiedene Gattungen, Familien, Ordnungen und Klaſſen getrennte Pilze unzweifelhaft nur verſchiedene, je nach der Beſchaffen⸗ heit ihres Trägers wechſelnde Formen ganz ein und derſelben Species ſind. Profeſſor Du⸗Barry hat bekanntlich ein Glei⸗ ches an dem Schmarotzerpilz der Berberize feſtgeſtellt, wel⸗ cher, auf das Getreide übertragen, den„Roſt⸗Pilz“ deſſelben bildet. Sehr intereſſant und wichtig iſt es nun, daß Dr. Bail durch dieſe Beobachtungen Ratzeburg's Annahme vollkommen beſtätigt hat, nach welcher in einigen Generationen die ſchäd⸗ lichen, maſſenhaft auftretenden Forſtinſekten ſtets ganz von ſelbſt erkranken und hinſterben. Hat man nun erſt dieſe Thatſache ſicher feſtgeſtellt, ihre Urſache— eben die Schim⸗ melpilze— genau erforſcht, ſo darf man vielleicht auch hoffen, binnen kurz oder lang eine Beförderung, Beſchleunigung, vielleicht gar ein willkürliches Hervorrufen derſelben zu ermöglichen.
—— S Der wunderthätige Zuave.
Seit mehreren Wochen ſchon ſpricht Alles in Paris von dem wunderthätigen Zuaven, der täglich von Verſailles, ſeiner Garniſon, nach Paris kommt, von Tauſenden dort im Fau⸗ bourg St.⸗Antoine, dem Arbeits Viertel erwartet wird, Blinde, Lahme, Krüppel, Kranke aller Art nur durch die Berührung ſeiner Hand zu heilen verſteht und von allen Mühſeligen und Beladenen bereits wie ein Heiliger betrachtet wird.
Anfangs fand dieſe Mär ungläubige Geſichter. Man zuckte die Achſel, wenn man verſtändige Männer von dieſem Wunderarzt erzählen hörte; man hielt die ganze Sache für einen Humbug.
Bald aber nahm dieſelbe eine ernſtere Bedeutung an. Zuverläſſige Leute hatten den Wundermann ſelbſt in jenem Faubourg geſehen; ſie ſchilderten ihn als einen Mann von etwa ſechsunddreißig Jahren, mit bleichem, magerm Geſicht, von beſcheidenem Weſen, dem jede Marktſchreierei fern ſei. Mir ſelbſt erzählte ein Handwerker, er ſei Zeuge geweſen, wie einer ſeiner Freunde, der vom Rheumatismus, den er ſich unter den Truppen in Afrika geholt, vollſtändig gelähmt geweſen und an zwei Stöcken gegangen ſei, wie dieſer Un⸗ glückliche, nachdem es ihm gelungen, zu dem Wundermann zu dringen, ganz geheilt zurückgekehrt ſei und ſeitdem nicht mehr die geringſten Schmerzen empfinde.
Es gehört nicht hierher, was ich dazu ſagte. Ich that, wie Alle thaten, wenn ſie davon hörten, ich zeigte ein un⸗ gläubiges Lächeln.
Da kamen die Pariſer Zeitungen mit langen Berichten über den wunderthätigen Zuaven in St.⸗Antoine. Mit der ernſteſten Miene erzählten ſie von den Maſſen, welche täglich in jenem Faubourg zuſammenſtrömten, von dem beſcheide⸗ nen, ärmlichen Zimmerchen, in welchem der Zuave die Kran— ken einzeln vor ſich kommen läßt, nachdem ſich dieſelben in Beſitz einer numerirten Vortrittskarte geſetzt, wie ſie die großen Aerzte durch ihre Diener an alle Diejenigen ausgeben laſſen, die ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen kommen.
Die Zeitungen ſchrieben, ſage ich, lange Artikel mit ernſter, ehrenfeſter Miene; keiner der Journaliſten bezweifelte die Wahrheit der von dem Zuaven geübten Wundercuren. Dieſer Mann, beſcheiden und anſpruchslos, hieß es, iſt kein Quackſalber, kein Marktſchreier; er glaubt an die Wun⸗ derkraft ſeiner Hände, deren Auflegung genügt, um den Kranken geneſen zu laſſen; er ſucht keinen Gewinn daraus zu ziehen, denn es iſt Niemand, der ihm nachſagen könnte, er habe ſich einen Sou bezahlen laſſen.
Das letztere war das Merkwürdigſte an der Sache. Ich machte mich alſo eines Tages auf den Weg nach St.⸗An⸗ toine; ich ſah auch die Menge von Lahmen und Brüchigen, die hier zuſammengeſtrömt waren, ſah wie die Sergeanten
ruhig daſtanden, hörte, mit welcher Ehrfurcht ſie von dem Zuaven ſprachen, hörte endlich ſein Lob von allen Zungen ſingen, und meine Zweifel zogen ſich beſcheiden zurück, frei⸗ lich ohne irgendeinem wirklichen Glauben, oder gar einer Ueberzeugung zu weichen.
Den Zuaven ſelbſt bekam ich nicht zu ſehen. Ich hatte Gott ſei Dank, keinerlei Gebrechen vorzuweiſen, war aber nicht berechtigt, mit eitler Neugier einem Andern den Platz zu entziehen, der vielleicht ſchon lange nach Geneſung ſchmachtete.„
Gerüchte von ſolchen Wunderthätern pflegen ſich ſchließ⸗ lich in Seifenblaſen aufzulöſen. Hier aber iſt das Gegen⸗ theil der Fall. Die Wunderthätigkeit des Zuaven gilt als eine unbezweifelbare Thatſache; ſie gehört nicht unter die quackſalbernden Schäfer, nicht unter die durch Sympathie curirenden alten Weiber; keine Ungläubigkeit vermag noch ſie anzufechten und überall ſingt man Hoſianna dem heiligen Zuaven, Meiſter Jacob!
Man höre alſo:
Im Faubourg St.⸗Antoine, inmitten dieſes engen, von Arbeiterhäuſern überfüllten Stadtviertels, ſieht man gegen 3 Uhr Nachmittags ſich eine Menge von allen nur denkbaren Kranken um einen Hof ſammeln. Mütter mit kranken und
bleichen Kindern auf dem Arm, Greiſe, auf ihre Söhne,
ihre Töchter geſtützt, Kranke auf Bahren getragen, Gicht⸗ brüchige jeden Alters, Elende jedes körperlichen Gebrechens drängen ſich um dieſen Hof.*
Auch Wagen, ſogar vornehme Equipagen kommen; von reich galonirten Dienern werden reiche Kranke herausgehoben, abgezehrt von Schmerzen, elend trotz all ihrer Millionen. Junge, bleiche, vom Schmerz verzehrte Weiber, Matronen— Alles kommt, um Geneſung zu ſuchen und die Hoffnung be⸗ lebt die ſchon ſo zermarterten Züge.
Aber auch die Beſorgniß ſteht auf dieſen Geſichtern. Meiſter Jacob gehört zu dem Muſik⸗Chor der Zuaven; viel⸗ leicht hält ihn ſein Dienſt zurück, vielleicht kommt er heute nicht!
Da plötzlich läuft ein Freudenruf durch die ganze Maſſe. Er kommt, der Heiland vom Faubourg! Umdrängt von der Menge der Kranken und Krüppel, von denen jeder der erſte ſein will, angefleht von Allen um Hülfe, ſchreitet er an ihnen vorüber, geht die Treppe hinauf in ſein Zimmer und läßt ſie nun alle der Nummer nach einzeln vor ſich kommen.
Dieſe Nummern ſind im voraus vertheilt und zählen an einzelnen Tagen 1000, ja 15001
Ein Eiſenhändler, deſſen Tochter von dem Zuaven ge⸗ heilt worden, hat dem Wunderthäter ſeinen kleinen Speiſe⸗ ſaal eingeräumt und hier übt er denn täglich Unglaubliches.
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