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Schimmelpfennig taxirte die bis zum September trocken
gewordene Holzmaſſe auf 264,240 Maſſenklaftern oder auf
16 Klafter pro Morgen der angegebenen Fraßfläche. Die Raupen machten nun keinen Unterſchied mehr, weder zwiſchen Nadel⸗ oder Laubholz noch zwiſchen den Altersklaſſen, denn auch Fichtenſchonungen, ja ſelbſt vor- und diesjährige Cul⸗ turen wurden von ihnen befallen und kahlgefreſſen. An jüngern Fichten und Kiefern krümmten ſich die Wipfel unter der Laſt der klumpenweis daran ſitzenden Raupen bogenför⸗ mig, und an allen Bäumen hingen die Aeſte abwärts; der Raupenkoth, welcher zuletzt den ganzen Boden des Waldes 2—3 Zoll hoch, ja an manchen Stellen bis 6 Zoll hoch bedeckte, rieſelte ununterbrochen gleich einem ſtarken Regen aus den Kronen der Bäume hernieder und bald war buchſtäb⸗ lich faſt kein grünes Blatt, kein grüner Halm mehr zu ſehen, ſoweit das Auge reichte.
Die Nonnenverheerung war vorüber, allein noch ehe die⸗ ſelbe zu Ende ging, begann eine neue Inſektenplage ſich zu entwickeln, nämlich ein ausgebreiteter Borkenkäferfraß, welcher von Jahr zu Jahr an Intenſivität zunahm, bis 1860 währte und den größten Theil der durch die Raupen noch nicht ge⸗ tödteten oder gar nicht beſchädigten Fichten vollends vernich⸗ tete, außerdem auch eine Menge Kiefern krank oder todt machte. Dieſe Calamität war vorauszuſehen, denn die große Maſſe des durch den Nonnenfraß krank gewordenen Nadel⸗ holzes mußte nothwendigerweiſe zur Vermehrung der Bor⸗ kenkäfer, mit welchen man hier bereits ſeit Jahren zu käm⸗ pfen gehabt, beitragen. Ende April 1857 ſchwärmten die Borkenkäfer in unglaublicher Menge und bald machten die⸗ ſelben den Nonnenfraß faſt vergeſſen. Denn trotz des un⸗ ausgeſetzen Schlagens und Entrindens der befallenen Stämme, die bald nach Tauſenden zählten, erſchienen im März 1858, in welchem Jahre der Borkenkäferfraß in Oſtpreußen ſeinen Höhepunkt erreichte, dieſe Inſekten über alle noch grünenden Fichtenbeſtände des ganzen Reviers verbreitet.
Da alle zur Verminderung der Borkenkäfer ergriffenen Maßregeln nichts fruchteten, weil die disponibeln Arbeits⸗ kräfte trotz des von der Regierung commandirten Militärs ſich als völlig unzulänglich erwieſen, ſo gab man im Juli 1858 die Vertilgung auf. Auch berechtigte der Umſtand, daß ungeheuere Mengen von Raubfliegen und Schmarotzer⸗ inſekten erſchienen, welche gegen die Borkenkäfer zu Felde zogen, ſowie daß nicht mehr viel Brutmaterial für Borken⸗ läfer vorhanden war, zu der Hoffnung, dieſe Verheerung werde nunmehr abnehmen und bald ganz aufhören, eine Hoff⸗ nung, die glücklicher Weiſe auch in Erfüllung ging. Im Jahre 1858 ſchwärmten übrigens die Borkenkäfer viele Meilen von ihren alten Brutplätzen weg, offenbar um ſich neue taug— lichere zu ſuchen. Dadurch erwuchſen den im Norden und Nordweſten Maſurens gelegenen Waldungen von Litauen und Oſtpreußen überhaupt große Nachtheile.
In dem Rothebuder Revier belief ſich nach Schimmel— pfennig's Bericht die bis October 1862 abgeſtorbene Holz⸗ maſſe in runder Summe auf 290,000 Maſſenklaftern, wo⸗ von eirca 285,000 durch Nonnenfraß und circa 5000 durch Käferfraß getödtet waren. Auf dem Stamme befanden ſich damals doch mindeſtens 153,000 Klaftern. Die verwüſtete Fläche betrug 32,931 Morgen, d. h. die Verheerung hatte ſich beinahe über das ganze Revier erſtreckt
Gewiß, ruft Roßmäßler aus, es werden nur Wenige ſein, welche bei der Leſung dieſer Darſtellung nicht von Stau⸗ nen ergriffen worden ſind. Ein herrliches Waldgebiet, wel⸗ ches an Umfang manchem unſerer deutſchen Vaterländchen gleich kommt, in wenigen Jahren durch kleine Inſekten in eine mit Baumleichen bedeckte Wüſte verwandelt!— Eine Erſcheinung, eine Wirkung, wovon man ſich ſchwer eine Vor— ſtellung machen kann.
Ein von Raupen⸗ und Käferfraß verwüſteter Forſt bie⸗ tet ein unglaubliches Bild der Zerſtörung, ein kaum zu ſchil⸗ derndes Chaos dar. Zwiſchen den ſtehengebliebenen, aber durch die fallenden Nadelholzbäume vielfach beſchädigten Laub⸗ holzbäume und zwiſchen zahlloſen Stöcken, welche oft halb
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verkohlt ſind, von den Feuern der Holzſchläger und von der Verbrennung des Abraumreiſigs, lagen alte, vom Sturm ge⸗ brochene oder zerſplitterte halbvermoderte Stämme, überwuchert von Himbeeren, Neſſeln und Farrnkraut, ſowie abgehauene Wipfel und Aeſte oft in großen Haufen übereinandergethürmt, über und über bedeckt mit langen grauen und weißen Bart⸗ flechten. Aus dieſem Chaos ragen hier und da die nackten Leichen einzelner ſtehengebliebener oder hoch über dem Boden abgebrochener Fichten, Hornbäume und Aspen empor, geſpen⸗ ſtig aus dem üppigen Grün der klafterhoch aufgeſchoſſenen, faſt undurchdringliche Dickichte bildenden Himbeeren hervor⸗ leuchtend. Die abgebrochenen Stümpfe erſcheinen nicht ſelten einſeitig oder innerlich, wenn ſie rothfaul geweſen, verkohlt und in den ſeltſamſten Formen zerſplittert.
Einen ungleich ſchauerlichern Anblick gewähren aber die noch unberührt gebliebenen Jagen. Da, wo unter die überall dominirende Fichte die Kiefer in großer Anzahl eingeſprengt iſt, oder wo der Wind wenig hingelangen konnte, ſtehen die trocken gewordenen Fichten noch größtentheils, obwol auch hier der Boden überall von umgebrochenen, übereinander⸗ geſtürzten Stämmen und abgebrochenen Wipfeln bedeckt iſt; wo dagegen wenig Kiefern waren oder der Wind nach Be⸗ lieben walten konnte, ſind die todten Fichtenbeſtände zuſam⸗ mengebrochen, mitunter bis 15 Fuß hohe und höhere Ver⸗ haue bildend, welche ebenfalls von Himbeeren und Neſſeln durchwachſen ſind. Aus dieſen Verhauen ragen einzelne dürre und entrindete Fichten, wipfeldürre, ſtark beſchädigte Hornbäume, Aspen und Birken empor, letztere oft von den fallenden Fichten bogenförmig niedergezogen oder mitten durch⸗ geſpalten, oder nachträglich vom Sturm geworfen, mit den zuſammengebrochenen Fichten in wirren Haufen. An den noch ſtehenden todten Fichten ſind die Wipfel meiſt abge⸗ brochen, die Aeſte bogenförmig abwärts gekrümmt und fuß⸗ lang behängt mit weißen, grauen und braunen Bartflechten. Die Rinde iſt aufgeborſten, wol auf große Strecken oder ganz und gar abgefallen, der nackte Holzkörper ringsherum von tief einwärts ſich erſtreckenden Längsſpalten durchſetzt und nicht ſelten an der Oberfläche ſiebartig durchlöchert von den Bohr⸗ und Fluglöchern der Käfer. Unter der aufge⸗ borſtenen, auswendig mit Flechten überzogenen Borke, die ſich leicht in großen Platten abtrennen läßt, zeigen ſich Gänge und Wurmmehl von altem Borkenkäferfraß, haben Spinnen und Tauſendfüße ihre Wohnungen aufgeſchlagen und wuchern Schimmelgebilde. An den untern Stammtheilen findet ſich ein großer feſter Löcherpilz in reichlicher Menge, welcher auch bereits an kranken und abſterbenden Fichten und Kiefern vorkommt. Dieſer vor dem Nonnenfraß hier unbekannte Pilz, welcher nicht ſelten bis faſt ein Fuß Durchmeſſer erreicht, iſt ein förmlicher Handelsartikel geworden, indem man ſich ſeiner überall im Maſurenland zu Conſolen für Figuren, Wandleuchter u. ſ. w. bedient, wozu er ſich ungemein eignet.„.
In die noch unberührt gebliebenen Jagen iſt ſchwer, in die zuſammengebrochenen gar nicht einzudringen, das Ver⸗ irren darin, da alle Abtheilungsgrenzen verwiſcht ſind, ſelbſt
mit der Beſtandskarte in der Hand, leicht möglich und wegen
der häufig noch ſtürzenden Bäume lebensgefährlich. Bei ſtarkem Winde kunn Niemand hinein, und ich hatte es nur dem windſtillen Wetter zu verdanken, daß ich ſolche Beſtände beſichtigen konnte. Bald nach dem Raupenfraße, da alles trocken gewordene Holz noch ſtand, ſoll es bei ſtarkem Winde, wegen der fortdauernd brechenden und ſtürzenden Stämme und Wipfel, namentlich in der Stille der Nacht, aus der Ferne wie ein gut unterhallenes Rottenfeuer geklungen haben, und Niemand durfte es wagen, den Wald zu betreten.
Das Innere der mit faſt reinen, noch ſtehenden Fichten bedeckten Jagen macht einen grauenhaften Eindruck. Soweit das Auge reicht, ſieht man nur verſtümmelte, in ihren grauen Flechtenſchleier gehüllte Leichen und dazwiſchen halb und ganz umgebrochene Stämme, ohne eine Spur von Grün, außer am Boden, wo überall Himbeeren und Neſſeln die modern⸗ den, nach allen Richtungen hin umgeſtürzten Stämme über⸗ wachſen; eine Todtenſtille heirſcht, denn die Luft vermag
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