Jahrgang 
1868
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Ein milder Ernſt thronte auf dem er die Blicke im Kreiſe herumſandte ihm eine freudige Genugthuung,

gefurchten Antlitz, indem Offenbar gewährte es überall den Ausdruck regen,

Wieſenfläche u, auf welcher die Pferde meines Vaters weideten.

Anfangs wechſelten wir nur kurze Bemerkungen mit einander: ich glaube, Margareth nahm Rückſicht darauf, daß

wohlwollenden Mitgefühls zu entdecken. Auch im Ton ſeiner

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ich das Reitzeug trug arme kleine Margareth, als ob zehn Stimme und der Form ſeiner ferneren Mittheilungen ver⸗ Reitzeuge eine Laſt für mich geweſen wären ſobald ich riethen ſich derartige Empfindungen, denn zuſammenhängen⸗ 6 ber ebenfalls auf dem Rücken eines kräftigen Pferdes ſaß der wurden ſeine Berichte und ſeltener gab er ſich den und neben ihr herritt, wurden wir in unſerer Unterhaltung flüchtigen Ausbrüchen ſeines lange getragenen Kummers hin. Su freier, und mit Bedacht ſuchte ich die Bewegungen der ThiereIch begleitete Margareth nach Hauſe nahm er endlich ung zu mäßigen, um ſo lange, wie nur irgend möglich, in ihrer wieder das Wort.Es war ein ſchöner Abend, ein Abend, BGeſellſchaft zu weilen und ihren Worten zu lauſchen. dem ich eine ewige Dauer hätte wünſchen mögen. Margareth i Ja, dieſe Worte! ſie haben ſich ſo tief in meine Seele plauderte ſo heiter und dabei doch ſo verſtändig, als hätte ſie ſhen eingegraben, daß alle die langen Jahre ſie nicht zu verwiſchen mich bereits ſeit vielen Jahren gekannt. Freimüthig erzählte ihrn

vermochten. Ich könnte ſie wiederholen, eins nach dem andern, aber die Nacht ſchreitet vor, und Eure und meine Stunden der Raſt ſind gemeſſen. siſt ja auch genügend, wenn Ihr wißt, welche Bewandtniß es mit der alten Eiche drüben hat. Meine Erfahrungen und Erlebniſſe ſollt Ihr kennen lernen, meine Trauer aber? Ach! nur du hätteſt ſie zu würdigen ge⸗ wußt arme, theure kleine Margareth!

Düſter ſtarrte der greiſe Erzähler vor ſich in die Glut. Er ſaß da, wie er Jahre und Jahre in abgeſchiedenſter Wildniß zugebracht, wenn im Umkreiſe vieler Tagereiſen kein anderes Leben als das beutegieriger Beſtien und ſcheuen Wildes ſich regte. Heute dagegen umgaben ihn freundlich geſinnte Menſchen, aufmerkſam lauſchend ſeinen Schilderungen und den fremden Kummer gleichſam unbewußt, bis zu einem gewiſſen Grade mit empfindend.

Der alte Mann ſchien indeſſen den Unterſchied nicht zu bemerken; er hatte nur in Worte gekleidet, was er wohl tauſend Male in Gedanken wiederholte und immer wieder von neuem im Geiſte durchlebte.

ſie mir ſogar ihre ganze Lebensgeſchichte, die mir ſo wunder⸗ bar erſchien, daß ich vor Spannung kaum zu athmen wagte und keinen Blick von ihrem Antlitz wendete.

Margarita Urbano war die Schweſtertochter unſers Nachbars Haller. Ihr Vater, ein mexicaniſcher Handelsmann, hatte ihre Mutter nach Santa⸗Fe gebracht, wo er ſeinen Hausſtand gründete. Vorzugsweiſe trieb er Geſchäfte mit den Eingeborenen und weißen Pelzjägern, die von den Prairien und den Rocky⸗Mountains aus, jene abgelegene Stadt beſuch⸗ ten, um daſelbſt die Erfolge ihrer Jagden auf angemeſſene Art zu verwerthen. Aber auch nach den Vereinigten agten, und zwar nach St.⸗Louis oder nach Texas hinunter begab er ſich alle Jahre einmal, mit einem langen Wagenzuge, um das eingehandelte Pelzwerk abzuſetzen und dafür neue Tauſch⸗ waaren mit in den«fernen Weſten hinauszunehmen. Solche Reiſen erforderten jedesmal einen Zeitraum von vier bis ſechs Monaten, alſo beinahe die ganze offene Jahreszeit, je nach⸗ dem man an den Beſtimmungsorten ſchnell abgefertigt wurde

und auf den Prairien mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

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Theilnahmvoll betrachtete ich die morſche ſterbliche Hülle, Und Schwierigkeiten gab es damals dort draußen noch mehr ein

den ſchwachen Reſt, der von dem einſt in üppigſter Jugend⸗ als jetzt, indem die Handelsleute, die der Sicherheit halber no

friſche ſtrotzendenjungen Hinterwaldrieſen zurückgeblieben ihre Wagenzüge zu großen Karavanen vereinigten, oft genug 6

war. Mit nicht geringerer Theilnahme beobachtete ich auch gezwungen waren, ihr Eigenthum, namentlich ihr Zugvieh, mn

den Kreis der Zuhörer, wie jeder Einzelne derſelben, wenn gegen die Angriffe der räuberiſchen Comanches, Apaches und de

auch mit Ungeduld, doch mit achtungsvollem Schweigen der Kivwas zu vertheidigen. he

Fortſetzung der Erzählung entgegenharrte. Es war nichtMargareth's Vater hatte während der erſten zehn Jahre S

Neugierde oder das natürliche Verlangen nach Unterhaltung, viel Glück. Wenn auch zuweilen mit kleinen Verluſten, traf zu die

ſich jedenfalls hin und wieder durch Bemerkungen und Fragen Vahn gebrochen hätten, was die allgemein feierliche Stimmung erzeugte, ſondern der tiefe Eindruck, hervorgerufen durch den

er doch ſtets wohlbehalten bei Weib und Kind ein, um mit ihnen die harten Wintermonate anf die behaglichſte Weiſe zu verleben. Ueberhaupt unterſchied Urbano ſich in mehr als

ſeltſamen Contraſt, welchen die gebeugte Greiſengeſtalt zu den mit jugendlicher Wärme geſchilderten Empfindungen bildete und die vor beinah einem Menſchenalter ſtattgefundenen Begeben⸗ heiten gewiſſermaßen in die nächſte Vergangenheit verſetzte. Niemand wunderte ſich mehr über die in einem hochbetagten weſtlichen Jäger zum mindeſten befremdende Gewähltheit der Sprache und Ausdrucksweiſe. Wie bei mir, ſo entſtanden auch bei den übrigen Zuhörern vor der angeregten Phantaſie Bilder aus faſt verſchollenen Zeiten, welche durch das eigen⸗ thümliche Weſen und Benehmen des Erzählers beſtimmtere Formen und Leben erhielten, nur daß ich ſelbſt vielleicht in Gedanken die Urſachen und Wirkungen eingehender prüfte und daher in um ſo höherem Grade gefeſſelt wurde. Schien es mir doch zuweilen, als ob er die ſechsundvierzig Jahre, deren er erwähnte, wirklich verträumt habe und plötzlich auf jene Grenze zurückgekehrt ſei, auf welcher er einſt, gebrochenen Herzens, dem Verkehr mit andern Menſchen auf ewig den Rücken kehrte. Wie anders wäre es zu erklären geweſen, daß er, der urſprünglich nur kurze Schilderungen zu geben beab⸗ ſichtigte, ſich zu ausführlicheren und umſtändlicheren Geſtänd⸗ niſſen hinreißen ließ?

III.

Mehrere Minuten hatte der Fallenſteller ſtill vor ſich

Herzen der Wildniß lebenden Landsleuten, die größtentheils aus verwildertem und geſetzloſem Geſindel beſtanden. Nament⸗ lich zeichnete er ſich dadurch aus, daß er zur Zeit ſeiner An⸗ weſenheit in Santa⸗Fé nur ſeiner Gattin uud ſeiner einzigen jungen Tochter lebte, die wieder mit unbeſchreiblicher Liebe an ihm hingen. Ich habe ihn freilich nie kennen gelernt, allein ich begreife, daß er mit dem Anſtande eines geborenen Mexricaners auch einen hohen Grad von Bildung in ſeiner Perſon vereinigt haben muß, oder es wäre nicht möglich geweſen, daß Mar⸗ gareth, die nie andere Lehrer, als eben ihre Aeltern beſeſſen, ſo weit gekommen wäre, um ſelbſt wieder belehrend und lenkend auftreten zu können.

Zehn oder zwölf Jahre waren der kleinen Familie in ungetrübtem Glück dahingegangen, als ihr ſo beneidenswerth erſcheinendes Loos plötzlich einen entſetzlichen Abſchluß erhielt. Urbano war wieder in St.⸗Louis geweſen und hatte nach ſchneller Erledigung ſeiner Geſchäfte mit ſchwer beladenen Wagen die Heimreiſe angetreten, als ihn in der Nähe des oberen Arkanſas⸗Stromes ſein grauſames Geſchick ereilte. Von einer vereinigten Bande der Kiowas und Comanches zur nächtlichen Stunde überfallen, wurde die ganze Karavane aufgerieben und vernichtet, und ſtatt des mit heißer Sehnſucht erwarteten Gatten und Vaters, traf erſt mehrere Monate ſpäter die verbürgte Nachricht von ſeinem traurigen Unter⸗ gang ein.

niedergeſchaut, als er das Haupt wieder langſam emporrichtete.

(Fortſetzung folgt.)

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einer Beziehung vortheilhaft von ſeinen gewiſſermaßen im