Jahrgang 
1868
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Luciani, ſagte ich, immer den Blick auf Chiavone ge⸗ richtet und doch faſt den ganzen Haufen überwachend,Lu⸗ ciani, Ihr habt mich ſchändlich betrogen! Ihr ſeid ein in famer Schurke!

Mittlerweile hatte ſich Chiavone etwas geſammelt; aus ſeinem Auge blitzte ein garſtiges Gemiſche von Furcht und Haß ſeine blaſſen Lippen karrikirten ein Lächeln, und er ſprach:Ma, Signor maggiore, es war nicht ſo arg ge⸗ meint. Ich war allerdings böſe auf Sie, aber.. laſſen Sie uns wieder Freunde ſein.

Gern, Signor, entgegnete ich und ließ den Revolver ſo weit ſinken, daß er nur noch auf den Bauch des Schurken gerichtet blieb.

Eh ben, ſtecken Sie doch Ihre Piſtole ein; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie nichts zu fürchten haben. Kehren Sie ruhig zu Ihrer Truppe zurück.

Danke! Sie ſchwören mir bei der Madonna ewige Freundſchaft, und wenn ich Ihnen den Rücken kehre, habe ich zwanzig Kugeln darin! Nein, Signore, Sie werden mich bis in mein Lager begleiten. Daß Sie von mir keinen Ver⸗ rath zu fürchten haben, wiſſen Sie ſelbſt recht gut.

Er ſah ein, daß ich nicht von ſeiner Perſon laſſen würde, bevor ich nicht in Sicherheit, und ſagte mit offenbarem Wider⸗ willen:Nun wohl, brechen wir nach dem Lager auf.

Laſſen Sie doch Ihre Leute vorausgehen und die Büch⸗ ſen über die Schulter hängen, erſuchte ich höflich;und gehen auch Sie gefälligſt vor mir.

Er zögerte einen Augenblick, dann ſagte er:Wohl, ich will Ihnen zeigen, daß ich Ihr Feind nicht mehr bin; aber geben Sie mir nun auch Ihr Ehrenwort, daß ich von Ihnen keinen Verrath zu erwarten habe.

Ich gebe es Ihnen, entgegnete ich zornig; begreife

aber nicht, wie Sie von Verrath ſprechen können, ohne ſich zu ſchämen. Die Leute Chiavone's gingen voraus es waren etwa vierzig Mann, worunter die ſogenannten Guiden, jene nichts⸗ würdige Leibgarde, welche ihren Führer ſyſtematiſch zum Ban⸗ diten verdorben hatte.

Wir waren noch nicht fünf Schritte gegangen, als ich zu meinem Erſtaunen Teti mit unterwürfiger Miene auf Chiavone zuſchreiten ſah.

Chiavone aber rief:Ah, Teti! mir dieſen Schuft!

Was ſoll das heißen? rief ich,der Mann iſt in meinem Dienſte!

Er hat mich beſtohlen, entgegnete Chiavone, er hat mich um mehr als hundert Scudi(Thaler) betrogen; ich habe dafür zwanzig Zeugen, und er ſelbſt wird es nicht ableugnen können.

In der That! der Mann machte keine Miene, zu leugnen..

Ihr ſeid alſo ein Dieb, Teti? fragte ich, halb ver⸗ wundert, halb empört.

Er gab keine Antwort; auch nicht, als ich ihn zum zweiten Male fragte.

Nun, ſo hole Euch der T..... Chiavone und Ihr werdet ſchon miteinander fertig werden!

Ich ärgerte mich gewaltig, daß ich mich an auch dieſem Menſchen getäuſcht hatte; ich würde mich aber noch weit mehr geärgert haben, wenn ich damals ſchon gewußt hätte, was ich erſt einen Monat ſpäter erfuhr, daß nämlich der heutige Verrath das Werk Teti's, und daß er es war, welcher vor vierzehn Tagen meinen Waffentransport in die Hände Chia⸗ vone's geliefert hatte. Freilich hatte er nebenbei ſeinen Chef ſündhaft betrogen, und in Geldſachen verſtand Chiavone kei⸗ nen Spaß. Teti wurde gebunden und der Marſch nach dem Lager fortgeſetzt. Unterwegs ſtaunte ich nicht wenig, keinen meiner Vorpoſten zu ſehen.

Eine unheimliche Ahnung ergriff mich, als nun auch vom Lager her ein wüſtes, verworrenes Geſchrei an mein Ohr ſchlug.

Wir traten aus dem Gebüſche auf den Lagerplatz hin⸗

Auf, Leute, bindet

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aus er war voll von Chiavoniſten. Ich ſah meine Leute in kleinen Gruppen mit blaſſen Geſichtern voll Schrecken oder Wuth umherſtehen das Herz ſtockte mir in der Bruſt: ſie waren alle entwaffnet oder wurden in dieſem Augenblicke noch entwaffnet.

Die ganze 170 Mann ſtarke Truppe Chiavone's hatte nun die Waldblöße beſetzt, in deren Mitte man jetzt die Ge⸗ wehre meiner Leute zuſammentrug. Nur mein braver Kapi⸗ tän Duc ſtand noch mit fertigem Stutzen und ſchwur, Jeden niederzuſchießen, der ihm zu nahe komme.

Ich will hier raſch erklären, wie das Alles ſo ge kommen.

Die Hauptmacht der Chiavoniſten unter Capucci hatte es meiſterhaft verſtanden, meine Vorpoſten zu täuſchen, war während meinerUnterredung mit Chiavone plötzlich bei den Vorpoſten und im Lager in Maſſe erſchienen, hatte viel Schönes von der ſveben zwiſchen mir und Chiavone ſtatt⸗ findendenVerbrüderung, von künftigem Vereinigt bleiben der beiden Truppen u. ſ. w. erzählt und ſich im Nu derart un⸗ ter meine Leute gemengt, daß je zwei oder drei Chiavoniſten auf einen Riccardino) kamen. Dann war es allerdings nicht ſchwer gefallen, meine armen, argloſen Leute zu ent⸗ waffnen.

Ich zitterte vor Wuth über dieſen neuen Beweis der Treuloſigkeit Chiavone's, und eine Secunde lang war ich verſucht, dem vor mir ſchreitenden Schurken den Schädel zu zerſchmettern; doch beſann ich mich glücklicherweiſe eines Beſſeren. In dieſem Augenblicke verſuchte Chiavone noch einmal mich los zu werden; er rief:Was gibt's denn da? und machte einen Sprung in das dichteſte Gewühl. Aber ich hielt Tempo auf die Viertelſecunde, denn ich wußte, wel⸗ ches Schickſal mir bevorſtand, wenn es dem Feiglinge ge⸗ lang, auch nur einen Menſchenkörper zwiſchen ſich und mei⸗ nen Revolver zu bringen. Ich blieb, wie angewachſen, an ſeiner Seite und flüſterte ihm zu:Merkt Euch, Chiavone, wenn mir auch unverſehens eine Kugel in den Kopf fliegt; ſo geht mein Revolver doch noch los.

Er knirſchte mit den Zähnen und ſagte mit ſeinem fal⸗

ſcheſten, abſcheulichſten Lächeln:Da iſt wider meinen Wil⸗ len eine große Confuſion entſtanden.

Gewiß, entgegnete ich,wie kommen Ihre Leute dazu, uns, Freunde und Parteigenoſſen, zu entwaffnen?

Chiavone murmelte etwas vonVorſicht undMis⸗ verſtändniß, trat dann zu den Gewehrläufen hin und mu⸗ ſterte Stück für Stück. Das Reſultat dieſer Muſterung war, daß er faſt alle guten Büchſen als ſein Eigenthumvon früher her erkannte, wobei ſeine Unteranführer und beſon⸗ ders dieGuiden eifrigſt zuſtimmten.

Ich habe nun keineKörperſchaft jemals ſo herzlich verachten gelernt als dieſes Guidencorps, und ich mochte dieſen Banditen auch jetzt meine Geſinnung nicht verſchwei⸗ gen; obgleich ich damit meine Situation nur verſchlimmern konnte.

Laſſen Sie ſich nicht irre machen, ſagte ich zu Chia⸗

vone;dieſe lügneriſchen Schufte wollen Sie zum Diebe an

Ihren Parteigenoſſen machen.

Ein Murmeln der Wuth ging durch die Rotte, die ſich ſchon im Vorjahre von Tag zu Tag auf meine Füſilirung

gefreut hatte und ſich jetzt dieſem Ziele wol ſehr nahe glaubte. Dem Gemurmel folgten drohende Geberden und halblaute Rufe:Schießt ihn nieder, den traditore straniero!(frem⸗ den Verräther).... Bringt ihn um!

Ich empfand eine Art verzweifelter Freude an den

Wuthausbrüchen dieſer Menſchen, die einſt gewohnt waren, vor mir zu zittern und noch jetzt nichts wagten, als zu drohen.

Signore, ſagte ich zu Chiavone,wollen Sie gefälligſt dieſes Geſindel wegjagen, welches ſich erfrecht, unſere Be⸗ rathungen zu belauſchen.

*) Ich wurde in den Abruzzen gewöhnlich nach meinem Vor⸗

namen Richard: Riccardo genannt, und danach nannten ſich meine Leute: Riccardini.