duldete und die trotz der vielen langen Jahre nie alterten oder das Gefühl abſtumpften, dann würden deine Augen ſich vor Wehmuth mit Thränen füllen, du würdeſt dich mir zu⸗ neigen, mein armes Herz mit deinen ſüßen Schmeichelworten aufs neue erwärmen, mit deiner treuen Hand die Furchen von meiner Stirn ſtreichen, mich in deine Arme ſchließen, ſo innig, ſo heiß, deine Lippen meinem Ohr nähern und innig flüſtern — wie damals— dein auf ewig! Dein!
„Verzeiht mir die vielen Worte“, unterbrach der Fallen⸗ ſteller ſeine Mittheilungen, die allmählich den Charakter eines Selbſtgeſpräches angenommen hatten, und zugleich lächelte er wieder ſchwermüthig,„habe ich ſelbſt doch nicht gewußt, daß ich ſo redſelig ſei; s iſt ein neues Zeichen meines hohen Alters. Ich glaubte verlernt zu haben, meine geheimſten Gedanken in laute Worte zu kleiden, und jetzt, da ich einmal begonnen, mich vor Euch auszuſprechen, weiß ich kein Ende zu finden. Ja, ja, das Alter iſt redſelig; der Anblick der Inſchrift, die ich wieder ans Tageslicht zog, und Euer gütiges Verſprechen, die geweihte Stätte freundlich zu ſchonen, haben mir die Zunge gelöſt, und ſo nehmt denn hin, was ich, als einen Beweis meiner Dankbarkeit Euch weiter anvertraue.“
Statt einer Antwort reichte Hooker dem Greiſe die Hand mit einem aufmunternden Kopfnicken. Kein Anderer im Kreiſe wagte eine Bemerkung laut werden zu laſſen. Die Laubfröſche ſangen in alter, unveränderter Weiſe; die Grillen ſchmetterten ihre endloſen Triller in die Nacht hinaus, und jauchzend jagten weit abwärts die Prairiewölfe ihre flüchtige Beute. Das grüne Holz auf dem Gluthaufen ziſchte und kniſterte; eine weiße Rauchſäule wälzte ſich träge über die nahen Zelte und Lagerſtätten hin. Die Atmoſphäre begann ſich vor dem emporſteigenden Monde zu erhellen, der Fallenſteller aber,
nachdem er eine Weile ſinnend vor ſich niedergeſchaut, fuhr fort:
„Wohl fünf Minuten hatte die junge Reiterin, bald auf⸗ merkſam horchend, bald ängſtlich ſpähend auf der Lichtung ge⸗ halten, als ich mich hinlänglich von meinem Erſtaunen erholt hatte, ſie von meiner Anweſenheit in Kenntniß ſetzen zu können.
„„Gewiß habt Ihr Euern Weg verloren?» fragte ich ſo freundlich, wie es in meiner Macht lag, meine Stimme kaum über das gewöhnliche Maaß erhebend.
„Die Reiterin ſpähte ſcharf nach dem Dickicht hinüber, welches mich ihren Blicken entzog.
„«Wer Ihr auch ſein mögt“, antwortete ſie darauf, Canſtatt Euch verſteckt zu halten, ſolltet Ihr offen vortreten und eine verirrten Wandrerin über die Richtung des Weges belehren, den ich in der That bereits vor einer Stunde verlor.»“
„Einerzweiten Aufforderung bedurfte es nicht; ich drängte mich ſchnell ins Freie hinaus und gewahrte zu meiner nicht geringen Genugthung, daß die Fremde, anſtatt ſcheu vor mir zu fliehen, wie ich anfangs befürchtet hatte, den Ausdruck von Beſorgniß verlor und mit unverkennbarer Freude zu mir her⸗ überſchaute. Sie trieb ſogar ihr Pferd an und ſich mir nähernd, reichte ſie mir mit unbeſchreiblicher kindlicher Zutrau⸗ lichkeit die Hand entgegen.
„O, dieſe liebe kleine Hand, ſie verſchwand faſt in der meinigen, und ihre Stimme klang ſo ſüß, daß ich meinte, nie einen lieblicheren Ton gehört zu haben. Die ſanften Melodien der Spottdroſſel, denen ich ſo gerne zu lauſchen pflegte, ach, was waren ſie gegen ihre Stimme? Und doch hatte ich nur wenige Worte von ihr vernommen.
„„Wie kommt Ihr in dieſe Gegend, und dazu noch ſo ganz allein? fragte ich jetzt furchtlos, denn je länger ich in die freundlichen dunklen Augen ſchaute, um ſo mehr fühlte ich die Verwirrung ſchwinden, die ſich meiner bemächtigt hatte.
„„Wie anders, als auf dem Rücken meines Grau⸗ ſchimmels? lautete die halb neckiſche, halb verlegene Gegen⸗ frage, und zu meinen Erſtaunen duldete die junge Fremde, faſt noch ein Kind, daß ich ihre Hand unausgeſetzt in der meinigen hielt.
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„„Dann müßt Ihr weit geritten ſein“, entgegnete ich, (denn aus unſerer Gegend ſeid Ihr keinen Falles.»“
„(Nun, es käme darauf an, was Ihr Eure end
nennt», bemerkte das Mädchen lächelnd.
„„Zwei Tagereiſen im Umkreiſe?, antwortete ich ſchnell.
„„So weit?“ fragte die Fremde verwundert, und mit ſichtbaren Ergötzen fügte ſie hinzu:«dann bin ich allerdings aus Eurer Gegend, denn drei Stunden iſt es kaum her, als ich mein heimatliches Dach verließ, und den größten Theil dieſer Zeit habe ich noch mit Umherirren verloren.»“
„„In welcher Richtung liegt Euer heimatliches Dach?» fragte ich erſtaunt.
„„Das iſt es ja eben, was mir genau zu beſchreiben ich Euch bitten wollte“, erwiderte die Fremde heiter, eich wohne auf Haller's Farm, und die guten Leute dort würden gewiß ſehr beſorgt umſ mich ſein, kehrte ich nicht vor Einbruch der Nacht heim.»“
„„Auf Hallers Farm?» fragte ich wiederum, und wenn mich meine Erinnerung nicht täuſcht, mit einem tadelnswerthen Ausdruck der Ungläubigkeit;(ſprach ich doch erſt vor zwei Wochen daſelbſt vor, ohne weder von Euch noch von Euerm Muſtang eine Spur zu entdecken.»“
„„Und dennoch iſt Haller's Farm meine Heimat“, be⸗ kräftigte das Mädchen, ein muthwilliges Lachen unterdrückend.
„„Dann ſeid Ihr wohl eine Miß Haller, eine Tochter oder Verwandte unſerer Nachbarn.»“
„„Weder eine Miß Haller, noch eine Tochter, wohl aber
eine Verwandte des alten Haller. Mein Name iſt Margarita Urbano, doch werde ich dort nur einfach Margareth genannt. Aber, nun ſagt mir endlich, in welcher Richtung Haller's Farm liegt und wie lange ich wohl zu reiten habe, um dahin zu gelangen. Mein Grauer iſt ein Paßgänger; vier engliſche Meilen legt er bequem in einer Stunde zurück.»“ „„Wohlanv, verſetzte ich darauf ſchnell, dann könnt Ihr Euer Ziel in höchſtens anderthalb Stunden erreichen. Da die Sonne aber mindeſtens noch drei Stunden ſcheint, ſo habt Ihr durchaus keinen Grund, Euch zu übereilen. Was nun endlich die Lage Eures Ziels betrifft, da möchte ich vorſchla⸗ gen, daß ich Euch begleite. Keine fünfhundert Ellen von hier weiden unſere Pferde, einen Sattel gebrauche ich nicht, ein gewundener Weidenzweig vertritt mir ſehr oft die Stelle eines Zaunes, und wolltet Ihr nur einige Minuten verziehen, würdet Ihr mich binnen kürzeſter Friſt reiſefertig ſehen.»“ „„Wohnt Ihr weit von hier?» fragte Margareth jetzt,
und zwar, wie ich deutlich bemerkte, etwas enttäuſcht.
„„Die Wieſe, auf welcher die Pferde weiden, liegt unge⸗ fähr in der Mitte zwiſchen hier und dem Hauſe meines Vaters», gab ich ſtotternd zur Antwort, denn ein Gefühl beſchlich mich, als ob ich einen Verſtoß gegen die gebotene Höflichkeit begangen hätte. Und es war in der That ſo, denn nach kurzen Sinnen fuhr Margareth fort:
„Das wäre eben nicht ſo ſehr weit— durch den Ritt bin ich recht durſtig geworden.»“
„O, Miß Margareth», unterbrach ich das holde Kind haſtig, und ich fühlte, daß die Beſchämung mir das Blut bis in die Schläfen hinauftrieb,«hätte ich geahnt, daß Ihr mein Anerbieten nicht zurückweiſen würdet, dann hätte ich Euch längſt gebeten, mit in das Haus meiner Aeltern zu kommen.
Zürnt mir daher nicht, daß ich die erſten Pflichten der Gaſt⸗
freundſchaft verabſäumte, ſondern laßt Euch herbei, in unſerm Hauſe einzukehren, wo ein Glas Milch oder Cider, und Mais⸗ brot und friſcher Honig ſchneller vor Euch aufgetragen werden ſollen, als Ihr bis zehn zu zählen vermögt.*“
„Mit einem freundlich vergebenden Blicke ſhu⸗ Marga⸗ reth auf mich nieder. Offenbar fand ſie Wohlgefallen an meiner einfachen Redeweiſe— wo hätte ich auch vornehmeren Anſtand lernen ſollen?— und an der aufrichtigen Herzlichkeit, mit welcher ich meine Einladung vorbrachte.
(Fortſetzung folgt.)


