Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

Der Fürſt, guter Laune, ließ ſeinen Intendanten kommen. Dieſem befahl er, die wenigen Häuſer zu kaufen und eine Paſſage zwiſchen ſeinem Hötel zu erbauen. Als dieſe Paſſage fertig war, agte er:

So! jetzt wird mein Koſack, der Ochſe, den Weg zum Palais Rohal finden können!

Mir kommt da ein Seitenſtück zu dieſer Anekdote in die Hand, nämlich die Geſchichte von Said⸗Paſcha, dem vorigen Vicekönig von Aeghpten, und ſeinem Apotheker.

Said ſpielte gern Soldat und wollte einem Gaſte einmal ein Manöver ſeiner Truppen veranſtalten.

Sein Factotum war ein früherer deutſcher Apotheker, und dieſem hatte er auch den Auftrag gegeben, ihm gezogene Kanonen anzuſchaffen.

Das Manöver beginnt. Die Neger⸗Truppen in weißen Unifor⸗ men ſind ſehr hübſch, die Cavalerie ſitzt auf rieſigen deutſchen Brauer⸗ pferden, die der Apotheker hatte einführen laſſen, aber die Helme und die Küraſſe ſaßen miſerabel. Indeß, das ging Alles noch an.

Endlich kommen auch die gezogenen Kanonen ins Spiel, aber ſie wollen nicht losgehen.

Said⸗Paſcha gerieth in fürchterlichen Zorn über die ſchlechten Kanonen.

Das iſt aber kein Wunder, ſchrie er.Mein Apotheker hat mir Klyſtierſpritzen anſtatt Kanonen kommen laſſen!

Die Apotheker ſcheinen überhaupt eine Rolle im Leben der äghp⸗ tiſchen Vicekönige zu ſpielen. Said⸗Paſcha war eine dicke, unförm⸗ liche Fettmaſſe mit häßlichem Geſicht und rothem Bart; immer weiß gekleidet, in weißer Jacke, mit weiten weißen türkiſchen Pumphoſen, ſah er einem wandelnden Mehlſack ähnlich, während der gegenwär⸗ tige Vicekönig, freilich auch kein ſchöner Mann, doch auf äußeren Schliff gibt, und alles Mögliche thut, um ſich und ſein Land den europäiſchen Sitten zu accommodiren.

Man weiß ja, wie er in Paris vor ganz kurzem den Galanten ſpielte. Als er in Paris ſich der Kaiſerin Eugenie, dieſer graziöſen kleinen Kaiſerin, vorſtellte, machte er ihr ein Präſent mit einer koſt⸗ baren Kaſſette, in welcher er ein Stück Rinde und Erde des Baumes mitbrachte, unter welchem die heilige Jungfrau auf der Flucht nach Aeghpten geruht, ſchenkte ihr auch den ganzen Baum ſammt einem Stück Land um denſelben herum, an welchem die fromme Kaiſerin hoffentlich viel Freude haben wird.

Ismael⸗Paſcha erſchien nicht nur als ein feiner Mann, ſondern auch als ein freigebiger Mann. Freilich hat er ſehr krumme Beine und iſt ein Aegypter vom reinſten Waſſer, auch hat er die Gewohn⸗ heit, ſeine Diener mit Fußtritten zu commandiren, was bekanntlich in Heſſen⸗Kaſſel auch Sitte war; aber er hat doch den Inſtinct für die Civiliſation. Er kaufte ganze Dutzende von Hoſen, Röcken, Weſten und Paletots bei den erſten Pariſer Schneidern und brachte ſich auch in den Ruf eines aufmerkſamen Ehemannes, indem er ſeinen Frauen für 50000 Francs ſeidene Kleider kaufte, was die Pariſerinnen ſeit⸗ dem veranlaßt, ihn ihren Gatten als ein Muſter vorzuſtellen. End⸗ lich vertheilte Ismael an die Vereine und an die Armen große Sum⸗ men, an die Ehrgeizigen Orden und hinterließ ſomit einen ſehr guten Ruf in Paris, als er kürzlich nach Hauſe zurückkehrte.

Was nun den Apotheker betraf, hatte die Sache folgende Be⸗ wandtniß. Jsmael fuhr eines Tages über die Boulevards und hatte dabei das Unglück, daß ſein Wagen von einem Fiaker umgeriſſen wurde.

Halb ohnmächtig und mit einigen Schrammen verſehen, hob man den Vicekönig auf und brachte ihn ſammt ſeinem Miniſter in ein Kaffeehaus.

Nebenan war eine Apotheke. Ein Lehrling derſelben hörte kaum von dem ohnmächtigen Vicekönig, als er mit einer Flaſche herbei⸗ kief, dieſe ihm an den Mund hielt und ihn zwingen wollte, den In⸗ halt zu trinken.

Ismael kam beim Anblick der Flaſche wieder zur Beſinnung. Aber mit Abſcheu ſtieß er dieſelbe von ſich, ſprang auf und drohte den barmherzigen Apotheker zu erwürgen, denn er war nicht anders der Meinung, als daß ihn derſelbe vergiften wollte.

Nur mit Mühe rettete man den Apotheker vor den derben Fäuſten des Aeghpters, der in dieſem kritiſchen Augenblick eingedenk ſein mochte, welch einen verhängnißvollen Einfluß ein Apotheker auf das Leben ſeines Vorgängers geübt.

Trotz allem äußeren Lack ſind dieſe orientaliſchen Monarchen, welche Paris beſuchten, von einer Unwiſſenheit, die uns beklagens⸗ werth erſcheint. Ein Quintaner unſerer Gymnaſien könnte den Lehrer dieſer gekrönten Männer ſpielen. Es fehlt ihnen an Erziehung, und Louis Napoleon, ohne Zweifel wohl der geiſtreichſte unſerer Souveräne, hatte viel Nachſicht mit der Dummheit ſeiner orientaliſchen gekrönten

Gäſte zu üben.

Dafür war aber auch der Kaiſer Napoleon ſchon in der Schule einer der Fleißigſten. Haſt du nicht das Schulzeugniß geleſen, das in die Oeffentlichkeit kam, als er vor kurzem in Augsburg die Schule wieder aufſuchte, auf deren Bänken er ſich einſt die Hoſen blank geſeſſen?

Prinz Karl Louis Napoleon war ſchon damals ein braver Schüler, der ſeinen Lehrern nicht ſo viel Vekdeuß machte, wie er ihn ſpäter ſeinen Nachbarn machen mußte. Er war ſtark im Latei⸗ niſchen, Griechiſchen, in der Arithmetik und in der Geſchichte, was ihn in Stand ſetzte, ſpäter einige ſehr gelehrte Bücher zu ſchreiben und Frankreich mit Weisheit und vielem Geſchick zu leiten.

Ich bedaure dabei nur Eins: nicht mit ihm zuſammen in die Schule gegangen zu ſein, denn wer ſchon als Kind mit ſeinen Mit⸗ ſchülern Glück hat, der kann ſpäter ohne eigne Verdienſte, hohe Or⸗ den und Stellungen erwerben. Ich erinnere mich, als Knabe einem meiner Mitſchüler immer die deutſchen Aufſätze geſchrieben zu haben, da er einen zu dicken Schädel hatte, um Etwas zu lernen. Jetzt hat er einen hohen Poſten inne und wenn wir uns einmal begegnen, ſo weiß er niemals, ob er Du oder Sie zu mir ſagen ſoll. Gelernt hat er ſeitdem auch nichts, aber das iſt gar nicht nöthig, um Andere über die Achſeln anzuſehen.

Wie es ſcheint, hält der Kaiſer Napoleon auch darauf, daß ſein Sohn, der kleine Prinz, von der Pike herauf diene, obgleich er es Gott ſei Dank nicht nöthig hat. Im Lager von Chalons mußte der Prinz zurückbleiben, als der Kaiſer nach Deutſchland reiſte, um ſich im Vorbeigehen zu überzeugen, wie wol in Süddeutſchland die Stimmung ſein werde, falls man einen kleinen Krieg mit Deutſchland anfänge.

Während des Kaiſers Abweſenheit ſah man vor einem der Zelte im Lager ein paar ganz kleine Soldaten Schildwach ſtehen, die mit allem ſoldatiſchen Ernſt vor dem Zelt auf⸗ und abſchritten, ihre Gewehre präſentirten und ſalutirten, wenn ein höherer Offizier vorüberging.

Dann und wann kam auch ein Offizier, um namentlich den einen der kleinen Soldaten ins Gebet zu nehmen und ſich zu über⸗ zeugen, ob er auch keine der Inſtructionen vergeſſen habe, welche eine rechtſchaffene Schildwache zu beobachten hat. Der Kleine ſchien aber Alles im Gedächtniß behalten zu haben, ſchilderte wie es vor⸗ geſchrieben iſt, und der Offizier konnte wieder gehen.

Endlich ward die kleine Schildwache abgelöſt es war der kaiſerliche Prinz, der auch einmal erfahren ſollte, wie einer Schild⸗ wache zu Muthe iſt, wenn ſie ſich, kein Menſch weiß eigentlich warum, auf einem nutzloſen Poſten langweilen muß.

Hans Wachenhuſen.

König Karl XI. von Schweden, ein thatkräftiger, einfacher und höchſt gerechter Monarch, war in ſeinen erſten Regierungsjahren genöthigt geweſen, Schulden bei Lieferanten und andern Privatper⸗ ſonen zu machen, die er ſpäter bemüht war abzutragen. Zu ſeinen guten Seiten gehörte auch, daß er jeden Bittſteller ſofort vor ſich ließ, und dieſen Umſtand benutzte einer jener Gläubiger des Fürſten oder Staats, den König an ſeine Forderung zu erinnern, nachdem er be⸗ reits wiederholt, aber vergeblich, beim Finanzdepartement eingekommen war. Der König war indeſſen nicht bei Laune; ſtatt auf das Geſuch des Gläubigers zu antworten, ergriff er das neben ihm liegende Schüreiſen und hob es empor, wonach Jener erſchreckt davonlief. Auf der Treppe begegnete ihm ein anderer Solicitant dieſer Art.

Ah, Sie kommen vom Könige, meinte derſelbe,iſt Seine Majeſtät gnädig?

Außerordentlich, antwortete der Flüchtling.Seine Majeſtät bezahlen heute alte Schulden mit Stabeiſen.

Ahl rief der zweite Gläubiger erfreut, eilte weiter und zum Könige, den er allerunterthänigſt bat, allergnädigſt ihn in derſelben Weiſe wie ſeinen Vorgänger zu befriedigen.

Und wie bezahlte ich denn den? fragte der König verwundert.

Ich meine mit Stabeiſen, Eure Majeſtät! antwortete der Mann.

Der König begriff ſofort, lachte laut auf und befahl, den frü⸗ hern Bittſteller ſogleich zurück zu holen. Er bezahlte ſodann Beiden ihr ganzes Guthaben auf der Stelle. C. S.

Kleine Poſt der Redaclion

Herrn Th. R. in Lübeck. Bei uns fehlt jede Notiz, daß wir Ihr Manuſeript überhaupt erhalten haben.

Herrn A. Imbst in Rostoff am Don. Herzlichen Dank für Ihren liebens⸗ würdigen Brief. Ihr Wunſch iſt bereits erfüllt.

Der Hausfreund erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogeu mit ſchönen Original⸗Illuſtrationen, mit einem

mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.

Preis pro Heft 5 Sgr.

Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig⸗