Jahrgang 
1868
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Aus aller Welt. M

In meiner vorigen Plauderei erzählte ich dem Leſer von den Retourbillets für die Reiſe um die Welt und daß es demnächſt wie auf dem Lande ſo auch auf den Meeren keine Entfernungen mehr geben werde.

Chriſtoph Columbus, Ferdinand Cortez und andere unternehmende Männer früherer Jahrhunderte erwarben ſich unſterbliche Namen; ehe die Eiſenbahnen um ſich griffen, war er ſogar möglich, ſich wie Menſen Ernſt als Schnelläufer eine gewiſſe Celebrität zu verſchaffen. Die Wilden Amerikas verſpeiſen aber jetzt längſt keine gefangenen Europäer mehr, laſſen ſich vielmehr langſam ſelbſt von der Civili⸗ ſation verſpeiſen, nur im Innerſten Afrikas kommt es noch vor, daß unſere Reiſenden von den ſchwarzen Sultanen umgebracht oder von einem abyſſiniſchen Theodorus in ſchmähliche Gefangenſchaft geſchleppt werden.

Es gibt im Grunde genommen kein Weltmeer, wie wir es ſonſt verſtanden, mehr, ſeit das Kabel uns mit Amerika verbindet; wird es auch noch viel weniger geben, wenn wir zehn Jahre weiter ſind. Denn man kennt ja die nur ſcheinbar ausſchweifende Idee jener amerikaniſchen Geſellſchaft, welche ſich vermeſſen will, einen Tunnel unter dem Ocean hindurch zu bauen, was übrigens keine Frage der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, ſondern nur eine Geldfrage iſt.

Man muß ſich dieſen Tunnel nicht vorſtellen wie einen unter⸗ ſeeiſchen Weg, der genau unter dem großen Weltmeere hinwegläuft. Nimmt man vielmehr an, der Bau dieſes Tunnels werde bei unſeren Gegenfüßlern begonnen, d. h. auf der anderen Hälfte der Welt, die Nacht ſei, während wir Tag haben, da die Sonne immer nur dieſe eine Hälfte beſcheint, ſo wird das geradezu ein Durchſtich durch die Weltkugel.

Dazu gehört nur noch Geld und Zeit. Machen können wir Alles. Wir durchgraben die größten Berge, arbeiten uns durch die ſtärkſten Granite hindurch; es handelt ſich alſo nur um die großen Waſſeradern, welche die Weltkugel durchziehen, und mit denen werden wir auch ſchon fertig werden.

Der Anſtoß, welchen der Völkerverkehr durch die Pariſer Induſtrie⸗ Ausſtellung erhalten, iſt in der That gar nicht zu berechnen. Die Unternehmungen der kühnſten unſerer Reiſenden verſchwinden vor der Tollkühnheit unſerer modernen Erfinder und Erperimenteure. Was ſind heute noch die Verſe des Dichters, welche wir in der Schule declamiren lernten:

Wenn heut ſich die Küſte nicht zeigen will,

So ſind wir ein Opfer der Wuth

Sie fordern laut und mit Sturmes Gebrüll

Des Feldherrn geheiligtes Blut.

Heute macht ſich das Alles ſpielend, was ſonſt zu den größten dramatiſchen Effecten Veranlaſſung gab. Der Leſer hat von dem kleinen Schiff, dem Red, white and plue(Roth, weiß und blau), gehört, das nur zwei Tonnen haltend, eine Nußſchale, von zwei Männern beſetzt, in 38 Tagen die Reiſe durch den Ocean von New⸗ York nach London zurücklegte. Es iſt ein Lilliputer⸗Schiffchen, das ſich darauf unter einem hübſchen Zelt auf dem Marsfelde für Geld ſehen ließ. Die ſchnellſten Dampfer machen dieſe Reiſe in 9 bis 10 Tagen, dieſe kleine Suppenſchüſſel brauchte nur viermal ſo viel Zeit.

Indeß auch dieſe Reiſe wird noch übertroffen. Kapitän Chur⸗ chil vomReſearch erzählte kürzlich, ihm ſeien unter 45 49 nötdl. Br. und 52 50 weſtl. L. drei Abenteurer begegnet, die auf einer kleinen Geolette von 7 Fuß Breite und 20 Fuß Länge von Baltimore abgereiſt, um die Pariſer Ausſtellung zu beſuchen. Das Schiffchen führte den Namen John F. Ford und ſchien ſich trotz Sturm und Wetter ganz wohl zu befinden, und die Reiſenden, von einem Schiffsjungen begleitet, waren in beſter Laune.

Endlich traf noch ein drittes, weit ſeltſameres Fahrzeug von New⸗York zur Ausſtellung ein, nämlich ein aus drei metallenen Chlindern erbautes Floß, von welchen jeder 24 engl. Fuß Länge

und 2 Fuß Durchmeſſer hatte. Der Nonpareil(ſo iſt der Name) war

von drei Mann beſetzt, die ſich unterwegs der Art ablöſten, daß Jeder nur eine Stunde ſchlafen durfte. Man hatte auch für die weite Reiſe einen Maſt und ein Ruder an dem Floß angebracht. Der Erfinder deſſelben iſt der Kapitän John Mikes. Der Zweck

ſeines Fahrzeugs iſt die Rettung von Schiffbrüchigen; er wollte durch

dieſe ungeheure Reiſe der Welt den Beweis geben, daß ein Floß

wie das ſeinige, wenn es auf allen Schiffen angebracht werde, nicht

nur im Stande ſei, im Augenblick der Noth die Schiffbrüchigen auf⸗

zunehmen, ſondern ſie auch glücklich in einen Hafen zu tragen.

Alle dieſe Waghälſe ſind Amerikaner, denen ihr Leben nicht mehr werth erſcheint als es wirklich werth iſt, wenn man erwägt, daß man vom Lehnſtuhl aufſtehend ſich den Hals brechen kann oder daß eine Fliege, die vor einigen Tagen eines der ſchönſten jungen Mädchen in die Lippe ſtach, dieſem Meiſterwerk der Schöpfung unter den unſäg⸗

lichſten Schmerzen der Unglücklichen ein Ziel ſetzen konnte.

ch fürchte, meine Leſerin, die ſich für dieſe oceaniſchen Geſchich⸗

ten nicht intereſſirt, könnte mir ſeekrank werden, wenn ich ſo weiter

fortführe. Ich will ihr alſo gleich eine Anekdote erzählen, die ihr

wieder einfallen mag, wenn ſie den Hausfreund fortlegt und an ihre Toilette geht.

Eine elegante junge Dame, die, wie alle ſolche, den ganzen Tag hindurch nichts anderes zu thun hat als ſchön zu ſein, miethet ſich eine neue Kammerjungfer.

Sie verſtehen doch das Friſiren? fragt ſie die Dienerin.

H gewiß, gnädige Frau! Ich brauche nur eine halbe Stunde azu!

Nur eine halbe Stunde? Aber was ſoll ich denn mit dem übrigen Theil des Tages anfangen?

Gewiß, es iſt ein Unglück mit den Dienſtboten! Wie ging es neulich dem armen Muſtafa-Tazil⸗Paſcha, dem Bruder des Sultans, mit dem er ſich lange überworfen und erſt kürzlich wieder verſöhnt hat? Muſtafa⸗Paſcha reiſt nach Baden und geht da in die Spiel⸗ bank. Muſtafa ſetzt große Summen und verliert; er ſetzt noch größere und verliert immer wieder.

Muſtafa ärgert ſich im Stillen über einen ihm gegenüberſtehen⸗ den Herrn, der immer ſeine großen Geldrollen gewinnt und ſie ihm vor der Naſe eine nach der andern einſteckt. Muſtafa iſt aber ſo mit dem Spiel beſchäftigt, daß er den Glücksſpieler ſich gegenüber nicht anſieht, ſondern immer nur ſeinen Geldrollen nachſchaut, die in die Hände ſeines Nachbarn wandern.

Endlich beklagt er ſich gegen ſeinen Begleiter über das unver⸗ ſchämte Glück jenes Spielers.

Aber kennen Sie den Mann denn nicht? fragte der Begleiter. Es iſt ja Ihr eigner Diener!

Muſtafa blickt auf, und richtig, ſein Diener ſteht ihm gegenüber. Sein Diener hat all das Geld gewonnen, das er verloren!

Schelm! ſagt er.Was thuſt du hier?

Ew. Hoheit haben mir ja geſagt, ich ſolle mich amuſiren!

Du haſt Recht! Da, nimm meinen Paletot und trag' ihn nach Hauſe!

Der Diener geht. Muſtafa ſpielt weiter, verliert weiter und verläßt den Spieltiſch, nachdem er gänzlich ausgebeutelt.

Der Diener aber kehrt zurück, ſpielt weiter, gewinnt mit dem alten Glück, und als er am Abend ſeinem Herrn die Stiefeln aus⸗ zog, konnte dieſer ihm nichts weiter ſagen als:

Du biſt ein verfluchter Spitzbube! Aber du haſt Recht gehabt!

Soll ich als Seitenſtück hierzu dem Leſer die Geſchichte von dem Fürſten Radziwill und ſeinen Koſacken erzählen? Wir Schriftſteller ſind ja nicht beſſer daran als die käuflichen Schönheiten; wir ſind dazu da, um die Andern zu amüſiren, und wenn wir alt und ſchwach werden, will uns keiner mehr. Alſo amüſiren wir die Andern ſo lange es geht.

In Paris gibt es eine Paſſage Radziwill, einen jener Bazare, d. h. bedeckten Straßen, wie ſie Paris ſo viele hat. Ohne den Ko⸗ ſacken wäre ſie nicht da.

Alſo: Fürſt Radziwill war einer der wildeſten, tollſten und reichſten Magnaten. Da er ſich mit dem Könige von Polen, der viel ärmer war als er, überworfen hatte, beſchloß er einige Jahre außer Landes zu verbringen.

Er reiſte nach Paris, aber nicht wie andere Leute reiſen, ſondern mit 200 eignen Pferden. Er befahl, man ſolle unterwegs ſo viel Häuſer kaufen, als er Relais brauchen werde, weil es ſeine Gewohn⸗ heit, nie unter einem fremden Dache zu ſchlafen.

Dies geſchah, und Radziwill kam in Paris an. Der Regent, Herzog von Hrleans, faßte hier gleich eine große Vorliebe für Rad⸗ ziwill, als er ſah wie dieſer Maſſen von Ungar-Wein zu ſeinem Vergnügen und ebenſo viel Schnaps zur Löſchung ſeines Durſtes trank. Wenn Radziwill ſpielte, verlor er ungeheure Summen und befahl dann ſeinen beiden rieſigen Haiducken, immer neue Säcke mit Gold herbei zu holen.

Der Regent und Radziwill wurden unzertrennlich. Wenn der Erſtere den Fürſten einmal vergeblich erwartete, ſchickte er Boten über Boten an ihn.

Eines Tages hatte der Fürſt an ſeinen Freund, den Regenten, einen Brief zu ſchreiben. Er ſchrieb und übergab den Brief einem der Koſacken ſeines Gefolges zur Beſorgung.

Weißt du wo der Regent wohnt? fragte er.

Neiu, Fürſt!

Kennſt du das Palais Rohal?

Nein, Fürſt!

Gut, ſo frag unterwegs. Es iſt ja nur zwei Schritte von hier.

Der Koſack kam traurig zurück. Er hatte das Palais Rohal nicht finden können.

Dummkopf! rief der Fürſt ihn ans Fenſter führend.Siehſt du ve große Haus dort?

Ja, Fürſt!

wohnt der wie bei uns der König und das Haus iſt ſein Palaſt. Jetzt geh!

zus der Shan Hauſe hinauskam, hatte er das Palais Rohal aus den Augen verloren. Er kam zurück, ohn den Regenten gefunden zu haben.