Jahrgang 
1868
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ten noch erhalten haben. Finden ſich in Donaueſchingen ſelbſt auch nur noch wenige Spuren, ſo bietet die Umgebung deſto mehr. Die Trachten von derBaar ſind ſehr male⸗ riſch; man bekommt hier einen Vorgeſchmack von dem eigent⸗ lichen Schwarzwalde.

Auf dem Wege nach Neuſtadt tritt nun das charakteri⸗ ſtiſche Gepräge des Schwarzwaldes immer deutlicher hervor; die düſtern Tannenwälder, das hügelige Terrain, die ſtroh⸗ bedeckten Häuſer und Hütten, der häufige Wechſel in der Landestracht läßt eine Fülle von Genüſſen ahnen.

Durch Neuſtadt ging es durch, dem Höllenthale zu.

Im Stern, dieſem altberühmten Wirthshauſe, deſſen freundliche Wirthin den alten Ruf des Hauſes aufrecht zu erhalten verſteht, wird Halt gemacht, und bei Genuß vor⸗ trefflicher Forellen überlegt, ob die Tour auf den Feldberg bei der zweifelhaften Witterung zu unternehmen ſei.

Man rieth uns ab und wir machten nun einen Abſtecher in das großartige Höllenthal. Dieſe Partie kann ſich mit den ſchönſten Engpäſſen unſeres Gebirges meſſen.

Per aspera ad astra gelangt man von da insHim⸗ melreich. Wir kehrten um, gelangten Abends noch an dem reizenden Titiſee vorbei nach Lenzkirch, einem der bedeutend⸗ ſten Fabrikſtädtchen des Schwarzwaldes. Die Beſichtigung einer Uhrenfabrit daſelbſt gewährt ungemeines Intereſſe.

Ein romantiſch ſchöner Weg führt uns über Schluchſee nach St. Blaſien, welches durch ſeinen großen Kuppelbau in dieſer Gegend mehr überraſchend als befriedigend wirkt, ob⸗ gleich die Lage eine wundervolle genannt werden muß.

Die Hoffnung, die Schweizer Alpen von einem Höhen⸗ punkte aus zu ſehen, da die Feldbergpartie vereitelt war, trieb uns nach dem am höchſten gelegenen Dorf in Baden, nach Höchenſchwand.

Hier ward uns am Abend noch ein kurzer Blick ver⸗ gönnt in alle die Schönheiten, die vor uns ausgebreitet lagen. Den Vater Rhein ſieht man hier als kräftigen Jüngling in vielen Windungen ſeinem Ziele näher eilen; im Hintergrunde all' die Schneeberge, Gletſcher, nebſt den verſchiedenen Hörnern.

Der nächſte Morgen umzog all' dieſe Herrlichkeit mit einem undurchdringlichen Nebel; hocherfreut, doch wenigſtens am vorigen Abend das kurze Glück genoſſen zu haben, zogen wir immer näher dem Rheine zu.

Wir näherten uns der Gegend, in der die intereſſanteſte aller Schwarzwaldtrachten zu Hauſe iſt, getragen von einem Volke, das ſich außer ſeiner Kleidung auch noch die Sitten und Gebräuche ſeiner Vorfahren vom Mittelalter her rein erhal⸗ ten hat.

Es iſt dies das Hauenſteiniſche Gebiet oder der ſoge⸗ nannteHozenwald, deſſen Bewohner heute noch dieHozen genannt werden.

Das hochgelegene Gebiet, das dieſe Leute in ihrer Ab⸗ geſchloſſenheit bewohnen, iſt ſüdlich vom Rhein begrenzt, öſt⸗ lich von der Alb, weſtlich von der Wehra, welche beide Flüß⸗ chen ſich etwa in der Entfernung von drei Meilen in den Rhein ergießen.

Nördlich dehnt ſich das Gebiet einige Meilen bis gegen Todmos hin.

Schon lange hatte man uns von einer Perſönlichkeit geſprochen, die in jener Gegend eine Celebrität iſt, von dem Hozen in Immeneich. Dieſes Dörfchen Immeneich liegt am Fuße des Hozenwaldes, im Albthal, höchſt maleriſch.

Wir kehrten im Wirthshaus ein und wollten vor Tiſch nun noch unſern vielgerühmten Freund aufſuchen.

Wir fanden ihn vor ſeinem Hauſe ſitzend, eine mächtige, impoſante Rieſengeſtalt im echten Hozencoſtüme.

Mit biederer Freundlichkeit hieß er uns willkommen, führte uns in ſein Zimmer, wo ſeine Frau und Kinder waren. Wir mußten von ſeinem Weine trinken und von ſeinem Brote

eſſen, und während mein Reiſecollege verſchiedene Fragen an ihn richtete, hatte ich Zeit, die originelle Geſtalt zu beobach⸗ ten und in mein Skizzenbuch zu zeichnen, ſowie es der Leſer hier abgebildet findet.

Die Tracht iſt höchſt merkwürdig. Als Hauskäppchen

hatte er eine weiße Zipfelmütze; er holte aber auch ſeine übrigen Kopfbedeckungen herbei. Das Bruſttuch, welches die u Weſte repräſentirt, iſt von rothem Tuch, ganz nach mittel⸗ i alterlichem Schnitte, bis unter die Hüften reichend, oben am Rand und quer über die Bruſt mit ſchwarzem Sammt be⸗ Pi ſetzt. Die Beinkleider gehen bis unter die Kniee, ſind von e dünnem ſchwarzen Stoff, welcher in ganz dicht aneinander 4.

ſen Schmuck hatte nun unſer freundlicher Wirth unter einer ſui Schürze verborgen, die die Männer zu Hauſe tragen; ſie iſt unſe 0 S 0

genähten Falten einen eigenthümlichen Eindruck macht. Die⸗ En weiß und unten mit Franſen beſetzt; die Stümpfe ſind eben⸗ eine

falls meiſtens weiß. Das Hemd hat vorn am Halſe Spitzen 3 wer und zur vollkommenen Tracht gehört noch ein großer, fein gefälteter weißer Kragen; doch ſind dieſe nur ſehr ſelten mehr

zu ſehen. Die Frau hatte ein geſticktes Häubchen mit ſchwar⸗ Le zen Bändern, welche vorn in einer Schleife zuſammengebun⸗ am

den werden, häufig auch rückwärts herabhängen, wie hier n auf dem Bilde; dann ein ſchön geſchnittenes rothes Jäckchen, ebenfalls mit ſchwarzem Sammt beſetzt. ſee

Johann Jehle, ſo hieß unſer Freund, der mindeſtens Ni

ſeine ſieben Fuß hoch war, erzählte uns nun viel Intereſſan⸗ Ge

tes aus ſeinem Leben, mit beſonderer Vorliebe aber wie die Großherzogin von Baden einmal, nur um ihn zu ſehen, nach. di

Immeneich gekommen ſei. Dann theilte er uns viele Cha⸗ rakterzüge ſeiner Landsleute mit, ebenſo über ihre Lebens⸗ weiſe, über ihre Sitten und Bräuche.

Der Mann gefiel uns durch ſein ſchlichtes, einfaches Weſen; zurückgekehrt, erzählte uns der Wirth noch Manches, was er uns verſchwiegen hatte: daß er ſich ein anſehnliches Vermögen erworben habe, daß er die Armen unterſtütze, und manchem armen Teufel durch rechtzeitiges Unter-die⸗Arme⸗ greifen auf die Strümpfe geholfen habe.

Er verſprach uns, bei einem Glas guten Weines im Wirthshaus noch ein Stündchen mit uns zu verplaudern, und hielt Wort.

Der Weg von Immeneich, dem Albthal entlang bis an den Rhein, gehört zu dem Schönſten, was die Erde bieten kann.

Rieſige Felsmaſſen ragen ſteil bis an den Fluß hinunter, die hohen Ufer treten einander manchmal ſo nahe, daß man ſich von beiden Seiten faſt die Hände reichen könnte. Das Ganze erinnert fortwährend an die Via mala. Man frägt ſich, woher auf einmal dieſe Wildniß kommt.

Man gelangt durch viele Tunnels. Auf dieſem Wege be⸗ gegneten wir unter anderm auch einem Hozen, der mir auffiel, weil er eine Kopfbedeckung trug(eine Art Pelzmütze), von der man mir geſagt hatte, daß ſie jetzt nur noch ſehr ſelten vor⸗ komme. Ich kaufte ſie dem Manne ab, zur Bereicherung mei⸗ ner Coſtümſammlung. Der gute Mann mußte noch zwei Stunden laufen, bis er nach Hauſe zu ſeinem Gute kam. Aber er war ſehr höflich; als ich mich verabſchiedete lane nach dem Kopfe und wollte grüß⸗

Bald war der-Rhein bei rrrercht, von wo wir auf der Eiſenbahn nach Lauffenburg gelangten, einer Stadt, die auf beiden Seiten des Rheins wundervoll gelegen iſt; auf dem jenſeitigen Ufer heißt ſie Groß⸗Lauffenburg und ge⸗ hört der Schweiz an. Der Fall des wilden Burſchen Rhein ſoll hier noch impoſanter wirken als der bei Schaffhauſen.

Von hier aus beſuchten wir die Hauptortſchaften des Hozenwaldes: Henner, Herriſchried und Rickenbach, ſahen und erlebten viel Schönes und Intereſſantes; doch nirgends kam uns mehr eine ſo impoſante, wohlthuende Geſtalt vor als die des Hozen von Immeneich.

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