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Pady und Baronin.
(Aus den Papieren eines Malers von Moritz Horn.)
.(Fortſetzung.)
Der Schmerz um den Verluſt der wackern Alten hatte Pierre noch verſchloſſener gemacht, als er ſeiner Natur nach war. Der Pathe mußte ſeine ganze Beredtſamkeit aufbieten, den jungen Mann zu zerſtreuen; nur ſelten gelang es.
Am liebſten ſaß dieſer in dem Thurmſtübchen und ar⸗ beitete an zwei Blättern, das eine ſtellte das Zimmer der Morgan dar, das andere war ihr Portrait.
Eines Sonntags früh, nach der Kirche, bat Pierre den Pfarrer hinaufzukommen in ſeine Stube, er habe ihm etwas zu zeigen.
Auf der Staffelei nebeneinander ſtanden die trefflichen Zeichnungen.
Herrlich, herrlich, rief der Pfarrer, der, in einem Lehn⸗ ſeſſel vor den Arbeiten ſitzend, im Lobe ſich nicht genug thun konnte.
Wie Schade, daß ich die Malerkunſt nicht verſtehe, dich in ihr zu unterrichten. Das Leben der Farben iſt doch ſo recht eigentlich das Leben des Bildes, ſei die Zeichnung ſelbſt noch ſo rein, ſo ſauber, ſo correct, es iſt doch immer ein graues Bild. Sieh eine Landſchaft im Dämmern, ſie iſt ſchön, ja ſie kann in dieſem Zuſtande, ich nenne ihn einen träumeriſchen, ſehr ſchön ſein, aber nun laß im Sonnenlicht die Farben prangend darüber fließen,— welch ein Zau⸗ ber nun!
Ich bedauere, wie geſagt, dieſen Mangel an mir um ſo mehr, je feſter ich überzeugt bin, daß du, mein Sohn, als Maler Bedeutendes leiſten würdeſt.
Der Wunſch des Pfarrers ſollte ſchneller, als er wol ahnen konnte, erfüllt werden.
Als er eines Abends im Spätherbſte von dem Beſuche eines Troſtbedürftigen nach ſeiner Wohnung zurückging, trat ihn, einige hundert Schritte vor dem Dorfe, höflich grüßend ein junger Mann an, eine jener ſeltenen Erſcheinungen, die auf den erſten Blick unwiderſtehlich feſſeln, die in uns die Gewißheit begründen, daß es eine unergründliche Sympathie der Seelen gibt.
Die Kleidung ließ auf Wohlſtand, ja Reichthum des Mannes ſchließen, eine Mappe und anderes Geräth verbürgte
die Annahme, daß der Fremde ein Maler, Zeichner, kurz ein
Künſtler ſei.
Darf ich Sie wol, fragte er mit wohltönender Stimme, um Auskunft bitten, ob und wo im Dorfe ich Unterkommen für die Nacht finden möchte.
Wenn Sie mit meiner Bewirthung zufrieden zu ſtellen ſind, erwiederte der Pfarrer, ſo bette ich mir zu folgen, wenigſtens dürften Sie bei mir es wohnlicher finden, als in der beſten Auberge unſerer an fremden Beſuch ebenſo wenig gewöhnten als darauf eingerichteten Dörfer, ich bin der Pfarrer des Ortes.
Der Fremde verbeugte ſich.
Unſere Bretagne iſt nicht Frankreich, ſetzte Jener hinzu.
Aber mit wenigen Ausnahmen romantiſcher als dieſes, erwiderte der Fremde in einem Tone, aus dem jedes Ohr die Freude, in der Bretagne reiſen zu können, heraushörte, um wie viel mehr des für ſein Vaterland mit allen Eigen⸗ heiten eingenommenen Pfarrers.
Wie danke ich Ihnen für die Meinung über unſer⸗
Land, nahm er leuchtenden Auges das Wort, ſo freudigey, je trauriger wir in den Geographien von Leuten geſchildert werden, die mit keinem Fuße dieſen Boden betraten und ihr Buch aus andern, ebenſo ungenauen und falſchen zuſammen⸗ ſtellten.
Laſſen wir die guten Leute ſchreiben; die Bretagne iſt wie ein altes romantiſches Buch mit eigenthümlichen Sagen, voll alten Bildereien zu leſen; man findet ſich erſt in dem Buche gar nicht zurecht, fühlt ſich nicht heimiſch, wol gar unheimlich, das thut aber nichts, man muß nur wacker fort⸗
blättern, fortleſen, an den närriſchen, namentlich für das weiche empfindlichere Ohr der Franzoſen nicht angenehmen Laut unſerer Sprache ſich gewöhnen, die, ich will das gar nicht in Abrede ſtellen, barocken Namen unſerer Dörfer, Flüſſe und Berge, die man auf Karten gar nicht verzeichnet findet, ertragen lernen, und, das iſt die Hauptſache, auf dieſem Stückchen Erde ſelber wandeln gehen, dann wird es hell und klar.
Wie Wenige nur haben klare Ideen über unſere Bretagne dem Publikum geboten, ſo viel ich weiß hat Niemand ſo eigentlich über Land und Leute geſchrieben. Ich wiederhole, Sie finden höchſtens hier und da in einem Buche eine er⸗ müdende Aufzählung der Namen aller Derer, die das Land ſelbſtſtändig beherrſchten, bis es dahin gekommen, wo es iſt, an Frankreichs Krone, die nicht einmal den Namen des Lan⸗ des unangetaſtet gelaſſen, ſondern ihn in Departements ge⸗ theilt hat.
Als noch ermüdendere zu den Namen finden Sie Zahlen— es iſt das die gewöhnliche Art Geſchichte zu ſchreiben.
Um unſere einfachen Bewohner ſchätzen zu lernen, muß man mitten unter ihnen leben, ihre Sprache ſprechen, an ihrem Tiſche ſitzen, dann entfaltet ſich ihre verborgene Poeſie und die angeborene Grazie ihrer Sitten.
Sie ſind ein begeiſterter und begeiſternder Lobredner Ihres Vaterlandes, Herr Pfarrer.
Verzeihen Sie, eins finden Sie wie überall, auch bei uns,— das geſchwätzige Alter.
Dieſer Satz findet wenigſtens auf meinen angenehmen Begleiter, ſagte mit der größten Liebenswürdigkeit der Fremde, keine Anwendung.
Die warme Liebe, mit der Sie von der Heimat ſprechen, nehme ich als eine glückliche Vorbedeutung beim Eintritt in die Bretagne. Ich kann Ihnen frei geſtehen, wie weite Reiſen ich auch bereits unternommen, es iſt mir an der Schwelle eines Landes, ſo zu ſagen, noch nie eine ſolche Herz⸗ lichkeit entgegengekommen. Nehmen Sie dafür den ebenſo herzlichen Dank.
Im Augenblicke hörte man einen Geſang.
Das iſt mir ſehr lieb, ſprach der Pfarrer, Sie haben ſofort Gelegenheit einen Blick in das Volk zu thun. Es iſt ein Kuhhirt, welcher ſingt. Sehen Sie, dort drüben an der Berglehne treibt er ſeine Herde. Wir nehmen Platz hier unter dem Maulbeerbaum.
Es geſchah. Der Hirte drüben am Berge hatte erſt die
Melodie des Liedes allein geſungen, jetzt wiederholte er
mit den dazu gehörigen Worten.
Der Inhalt des Liedes war etwa folgender:
Ein junger Hirt hat ſich eine Stelle vor den Bergen gewählt, wohin er früh ſeine Heerde treibt, und an welcher er bis zum Abend weilt. Großmutter meint, die Liebe für ſeine Heerde laſſe ihn den Platz wählen, er aber ſpricht ſchelmiſch bei ſich: o nein; er liebt die muntere Anna. Dieſe hütet hinter den Bergen bei den Hollunderbüſchen die ſchwarze Heerde junger Ziegen.
Der Hirt beklagt, daß die Berge wie eine Mauer ſie Beide trennen, daß er nur ihre ſüße Stimme hören kann, die aus der Ziefe des Gehölzes zu ihm herüber klingt. Er lobt des Liedes zarte, wehmüthige Weiſe, das Glück, einan⸗ der 8 die Stimme nahe ſein zu können.
Da kommt der Wind und verweht ihre Worte. Der Hirt klagt:
Zurück, du Wind vom Meer daher, Du nimmſt mir in die Felſen fort Der Heißgeliebten Lied und Wort; Zur Ebne deine Flügel kehr,
Dort ſchnaube du voll Haß und Zorn Hin durch das Feld von Haidekorn.


