Jahrgang 
1868
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ſtany's und meine Gewalt reichte, wird unſere Erzählung lehren. Zugleich mit Fantauzzi kam die ſichere Nachricht, daß der von Rom abgegangene Waffentransport durch Täuſchung in die Montagne di Sora geleitet und dort von meinem einſtigen Chef Chiavone in Beſchlag genommen worden ſei. Das war innerhalb zweier Monate bereits der dritte Streich dieſer Art, den mir mein alterFreund undParteigenoſſe ſpielte, während er mir von Zeit zu Zeitherzliche Grüße und die Verſicherung ſeinerinnigſten Freundſchaft ausrichten ließ.

Am nächſten Morgen meldete die weſtliche Feldwache den Anmarſch einer Brigantentruppe auf dem Pfade von Triſulti. Ich ließ meine Truppe die für derartige Fälle be⸗ ſtimmte Gefechtsſtellung einnehmen und ſchlich mit ein paar Schützen im Walde vor. Bald kam ein einzelner Brigant daher, der ein an ſeinem Gewehre befeſtigtes weißes Tuch ſchwenkte und mit heller Stimme dieHymne der Briganten ſang. Ich ließ ihn herankommen und erfuhr, daß Antonio Teti, ein mir aus dem Vorjahre wohlbekannter Offizier Chia⸗ vone's, mit 28 Mann in meinen Dienſt treten wolle.

Ich beſann mich kurz und ließ Teti einladen, in das Lager zu rücken. Hier muß ich erwähnen, daß derſelbe Teti vor einigen Wochen, als ich mit nur 30 Mann auf dem Monte del Caſtello, einem Waldberge bei Triſulti, lagerte, mit 60 bis 70 Mann in meine Nähe kam und mich ziemlich kurz aufforderte: ich ſolle mit ihm in die Montagne di Sora marſchiren und mich dort zur Verfügung Chiavone's ſtellen. Als ich das unter Hinweis auf meine in Rom empfangenen Inſtructionen rundweg verweigerte, rief er lachend:Was Rom! Hier auf den Bergen gibt es nur einen Herrn und der iſt Chiavone! Auf Wiederſehen bei dieſem! Ich hatte mir das gut gemerkt und konnte ihm nicht wohl trauen, als er mir jetzt verſicherte: er wolle mit Chiavone keine Gemein⸗ ſchaft mehr haben; denn dieſer ſei kein Partiſan des Königs, ſondern ein Räuber u. ſ. w. Doch zeigte ich ihm mein Mis⸗ trauen nicht und beſchloß nur, ihn ſcharf im Auge zu haben. Er leiſtete mit ſeinen Leuten den Eid der Treue und wider⸗ ſprach nicht, als ich ſeine Truppe in die einzelnen squadre (Korporalſchaften) der meinigen vertheilte. Auch war ſein ferneres Benehmen derart, daß mein dreiundzwanzigjähriges deutſches Herz bald allen Argwohn vergeſſen hatte.

Teti, unter dem alten Regime Gensdarmerie⸗Unteroffizier, war ein ſtattlicher, intelligenter Mann von etwa vierzig Jahren. Sein ſchöner, glänzend ſchwarzer Bart reichte über die ganze Bruſt und gab ihm im Vereine mit der maleriſchen National⸗ tracht jenes wild⸗romantiſche Ausſehen, unter welchem mir meine Phantaſie einſt einen Fra Diavolo oder Rinaldo vor⸗ geführt. Dabei beſaß er, wie faſt alle Abruzzeſen, eine ge⸗ wiſſe Eleganz der Manieren und in hohem Grade die Gabe, treuherzig zu erſcheinen. Seine perſönliche Bravour ſtand freilich mit ſeinem großen Barte in keinem Verhältniſſe; aber ſeine Verſchlagenheit und Gewandheit machten ihn immerhin zu einem recht brauchbaren Guerrilla⸗Offizier.

Die nächſten Tage vergingen mit Streifungen in. Nen. Bergen des obern Rovdetheleswrll nach einem mir aus Rom zugekommenen⸗-Avip.Sie große Truppe des Coppa aus der Capitanata⸗Aintreffen und ſich höherm Befehle gemäß mit dermreſigen vereinen. Ich habe indeſſen trotz ſiebentägigen chens keine Spur von dieſer Bande gefunden, und ſie iſt auch niemals in jene Gegend gekommen.

Chiavone's Treuloſigkeit.

Mittlerweile hatten die Grenzſtreifereien der Franzoſen ſo bedrohliche Dimenſionen angenommen, daß meine Stellung von Tag zu Tag unhaltbarer erſchien und ich am 21. Mai den Entſchluß faßte, quer durch den Süden der Provinz Abruzzo ulterioro Il nach dem Metagebirge in der Provinz Moliſe zu marſchiren. Ich wollte Nachmittags aufbrechen, um im Laufe der Nacht das von Piemonteſen wimmelnde Rovedothal paſſiren und die jenſeitigen Felsberge erſteigen

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zu können. Schon war Alles marſchbereit, als man oberhalb der Costa del fago eine große, bewaffnete Truppe defiliren ſah. Mit Hülfe meines guten Fernrohrs erkannte ich, daß es eine Guerrillabande war, und eine Weile hoffte ich, es ſei die langerſehnte Truppe Coppa's.

Der Marſch einer Bande auf dieſen ſonſt ſo menſchen⸗ leeren, gewaltigen Felsbergen iſt ein eigenthümlich anregen⸗ des Schauſpiel. Mann hinter Mann, gleich einer langen Schlange windet ſich der Zug über und zwiſchen den weißen Steinmaſſen dahin; man ſieht, wie die Eclaireurs bei jeder neuen Biegung des Pfades vorſichtig heranſchleichen und dann, nach conſtatirter Gefahrloſigkeit, luſtig vorwärts tra⸗ ben; man bemerkt deutlich die Rückwirkung aller dieſer Vor⸗ gänge an der Tete auf die nachfolgende Haupttruppe; bald ſpannt ſich der Schlangenleib in höchſter Aufmerkſamkeit ſtraff an, dann gleitet er wieder locker und ſorglos dahin. Man kann bei ſcharfer Beobachtung die Gedanken der in ſtunden weiter Entfernung Marſchirenden theilen, kann mit ihnen ver⸗ drießlich, unruhig und ſorglos ſein.

Wie manche heitere Stunde habe ich mir durch Beobach⸗ tung der mich ſuchenden franzöſiſchen oder piemonteſiſchen Streifcolonnen gemacht. Da ich über ihren Anmarſch ge wöhnlich im Voraus unterrichtet war, konnte ich mir in aller Muße und Bequemlichkeit die Recenſentenloge wählen, von welcher aus ich dann ihre mehr oder minder ſchlauen und meiſt vergeblichen Manövers kritiſirte.

Die heranrückende Bande war ſveben im Walde der Costa del fago verſchwunden, nachdem ich etwa 170 Mann gezählt hatte. In einer guten Stunde konnte ſie in unſerm Lager ſein. Ich hatte mittlerweile den tröſtenden Gedanken an Coppa ſchon aufgegeben und war zu der allerdings we⸗ niger beruhigenden, aber beſſer begründeten Anſicht gelangt, daß es Chiavone ſei, welcher, von der Montagne di Sora kommend, mich hier aufſuche. Kam er als Freund oder als Feind? Sollte ich ihn erwarten oder vermeiden? Dieſe Fragen drängten ſich jetzt an mich heran und verlangten baldige Entſcheidung. Ein Mann in meiner Truppe hätte mir jetzt leicht das Beſte rathen können, und dieſer war Teti. Ich trat vor die raillirte Mannſchaft hin und ſagte:Dort kommt Chiavone; ob als Freund oder als Feind, weiß ich nicht. Iſt Einer unter Euch, der, falls es zu feindlicher Be⸗ gegnung käme, nicht mit mir gegen Chiavone ſtehen möchte, ſo gebe er ſein Gewehr ab; ich werde ihn ungehindert gehen laſſen. Seid aber verſichert, daß ich im Augenblick der Ent⸗ ſcheidung einen Jeden im Auge haben und den etwaigen Verräther tödten werde; ſollte es mich auch das eigene Le⸗ ben koſten. Die Truppe antwortete einſtimmig:Wir ſtehen Alle treu zu Ihnen, Herr Major!

Ich blickte auf Teti; er ſchien mir etwas blaß und un⸗ ruhig, und ich dachte, er fürchte ſich vor Chiavone. Auf die mir von Teti zugeführten Leute glaubte ich mich wie auf meine eigenen verlaſſen zu können; ſie waren alle erſt wenige Tage bei Chiavone geweſen und hatten ſich bisher ſtets wMentirdy und erläſſig gezeigt.

Trat kein beſonders Unfall ein, ſo konnte ich mit mei⸗ nen 79 Mann in vortreffh 6 Stellung immerhin die An⸗ kunft der 170 Mann ſtarken Prue Chiavone's erwarten, und ich entſchied mich dafür um ſo mey. 68 ich immer noch einige Hoffnung hegte, mich im Intereſſe unſe Sache mit Chiavone zu verſtändigen. Ich ließ daher die Trupz⸗ in die Gefechtsſtellung rücken, die Vorpoſten verdoppeln und wartete. Nie war mir ein Warten peinlicher als dieſes. Die ſichere Ausſicht auf Kampf wäre mir ein wahrer Troſt geweſen gegen die Erwartung dieſes hinterliſtigenParteigenoſſen!

Eine halbe Stunde war ſo vergangen; da donnerten aus der Tiefe des Thales raſch hintereinander zwei Schüſſe und nach einer kleinen Pauſe ein dritter. Das war das mir wohlbekannte Marſchzeichen Chiavone's für ſeine Freunde. Die gültige Antwort hierauf war ein einzelner Schuß, den

ich jetzt abfeuern ließ.(Fortſetzung folgt.)