der ihm nach langer Trennnng wieder begegnet, drückt er ihn an ſeinen Leib; nie vorher hat er ſich ſo feſt eingehüllt, nie iſt ihm der Mantel ſo warm, ſo behaglich erſchienen,— der liebe, heißerſehnte Mantel! Eine blaſſe, hübſche Frau in einen grauen Mantel gekleidet, den Kopf mit einer wollenen Haube bedeckt, ſieht den Glücklichen mit trübem Auge an. Seufzend ſteigt ſie die Stufen hinauf und wendet ſich zur rechten Hand nach dem großen Saale, der dicht von Menſchen angefüllt iſt. Hinter der Barre ſitzen die königlichen Beamten ruhig und gemeſſen, wie es königlichen Beamten geziemt. Die Zettel wandern von Pult zu Pult, zu langſam für den ungeduldig Harrenden, bis endlich der Namens Aufruf erſchallt und gleich darauf der liebliche Klang der klirrenden aufgereihten Thaler— ein ſüßer Klang, faſt ſo zauberiſch, wie die Stimme der Geliebten! Denn dieſer Klang erweckt den Gedanken an eine reichliche Mahlzeit nach langen Hunger, an eine warme Stube, an bezahlte Rechnungen, an Vergnügen und Wohl— behagen.
Die blaſſe Frau nimmt, nachdem ſie ſich an den großen Tiſch vorgedrängt hat, ihren Mantel ab und legt ihn dem Taxator vor. Dieſer bietet vier Thaler; ſie möchte fünf haben, aber der Unerbittliche macht Miene, ſich weiter zu wenden; ſeufzend willigt ſie ein und ſchiebt mit abgewandtem Geſicht die liebe Umhüllung von ſich.„Ich werde meinen Mantel verſetzen“, hatte ſie am Morgen zu ihrem Manne geſagt.„Wie kannſt du ſeiner entbehren“, erwiderte dieſer, „es iſt grimmig kalt und du haſt kein warmes Kleid weiter.“ —„Ich kann ja doch nicht von unſerm kleinen Kinde fort“, ſprach ſie, ſchmerzlich lächelnd auf die Wiege deutend,„und
bis zum Kaufmann oder Bäcker kann ich wohl ohne Mantel
gehen.“ Er hatte nichts weiter erwidert, und als er fort— gegangen, hatte ſie den ſchlafenden Knaben verlaſſen, um zum Leihamte zu eilen.
Ein Mann tritt jetzt heran, öffnet ein ledernes. Etui und fordert„drei Thaler auf das Reißzeug.“ Es iſt aber eigent⸗ lich kein Reißzeug, was der gute Stiefelputzer in der Hand hält, ſondern ein chirurgiſches Beſteck, mit deſſen Verſatz ihn ein Studioſus der Medicin beauftragt hat. Der junge Doector hat ſeinen Wechſelbetrag ſchon lange verausgabt, und der Speiſewirth verabfolgt die Marken nur gegen baare Be⸗ zahlung.„Müller“, ſprach er zu ſeinem Factotum,„nehmen Sie meine Matrikel und tragen Sie dieſes famoſe Beſteck nach dem Leihamte, und wenn Sie mir drei Rad dafür bringen, ſollen Sie mit zehn Silbermorgen belohnt werden.“
Eine ältliche Dame in ſeidenem Mantel und Hut nähert ſich; ſie wagt es nicht, dreiſt aufzublicken, und fragt die neben⸗ ſtehende, ärmlich gekleidete Frau mit freundlichem Lächeln, mit zitternder Stimme, wohin ſie ſich wenden müſſe. Es iſt das erſte Mal, daß ſie dieſen Ort beſucht; das konnte man an dem ſchwankenden Schritte merken, mit dem ſie in das ſtattliche Haus in der Jägerſtraße eintrat; man merkt es an den ver⸗ haltenen Thränen, die ihr Auge befeuchten, während ſie die ſchweren ſilbernen Eßlöffel hervorzieht. Sie gehört den feineren Ständen an und lebt im Wohlſtande; aber der mißrathene Bruder hat ihr aus der Fremde geſchrieben, daß er in Noth ſei, und ohne Wiſſen ihres Mannes hat ſie das überflüſſige Silbergeräth eingeſteckt und unter einem Vorwande das Haus verlaſſen.
Dort reicht ein blaſſer junger Mann dem Taxator eine ſilberne Doſe. Er trennt ſich ſchwer von ihr, denn, wie die Inſchrift auf der vergoldeten Innenſeite bekundet, iſt ſie ein Geſchenk zum Andenken an dankbare Schüler, eine Reliquie aus jener guten Zeit, wo er jünger und kräftiger war und noch allein ſtand. Aber jetzt leidet er am Halſe und hat die Privatſtunden aufgeben müſſen; er iſt verheirathet und Vater von drei Kindern; die Schulden fangen an drückend zu wer⸗ den. Die ſilberne Doſe eröffnet den Reigen für viele andere Gegenſtände, die keineswegs mehr zum Lurus gehören.
„O laſſen Sie mich zuerſt vor!“ fleht eine ärmlich ge⸗ kleidete Frau, deren abgezehrtes Geſicht durch einen großen blauen Fleck neben dem Auge entſtellt wird. Sie hält auf einem Arme ein elendes Kind, das ſich kraftlos gegen ihre
Schulter lehnt, während die freie Hand ein dürftiges Kattun, kleid entfaltet. Sie zittert vor Haſt, Angſt und Ungeduld⸗ denn der rohe Mann wartet zu Hauſe auf ihre Rückkehr und auf den Branntwein, den ſie mitbringen ſoll, wenn ſie nicht, wie geſtern, mit Prügeln empfangen werden will.
Jetzt tritt ein junges Mädchen mit einem ſchweren Korbe an den Tiſch, packt Wäſche, Frauen⸗ und Mannskleider aus, und man bewilligt ihr zwanzig Thaler. Zwanzig Thaler, ein ganzes Kapital, du glückliches Mädchen! Ja glücklich muß ſie ſein, denn ſie iſt eine Braut und wird übermorgen ver⸗ heirathet. Mit dem kleinen Kapital ſoll die Hochzeit beſtritten, die beſcheidene Wirthſchaft eingerichtet werden. Es ſind ihre überflüſſigen Kleider und die des Geliebten, welche ſie ver⸗ pfändete; aber, wenn auch der Bräutigam jetzt keine Arbeit hat, ſo kann er doch bald welche finden; man kann nicht wiſſen wie noch Alles kommen kann!
Ein junger Mann wickelt aus einem weißen Tuche einen faſt neuen Frack mit blanken bronzenen Knöpfen. Er wirft wie zum Abſchiede einen ſchmerzlichen Blick auf dieſes werth⸗ volle Kleid, darin er Sonntags einherſtolzirte, das ihn zum Balle geleitete und ihm ſo gut, ſo überaus gut ſtand. Wie blaß und lang wird aber ſein Geſicht, als der Beamte ihn zurückweiſt! Der Frack, der weder von den franzöſiſchen Schreckensmännern, noch von den Jahnſſchen Teutonen abge⸗ ſchafft werden konnte, dieſes unvergängliche Symbol der cvur⸗ fähigen Eleganz und der heitern Mode, das Attribut der jugendlichen Luſt wie der männlichen Amtswürde, der Frack wird auf dem Leihamte verſchmäht und zurückgewieſen, geringer geſchätzt als eine flanellne Unterjacke!
Eine jugendliche Frau zieht aus einer Kleidertaſche eine kleine Tuchnadel mit rothen Steinen und einen ſilbernen Thee⸗ löffel. Sie hatte lange in ihrem Zimmer umhergeſchaut; die Schränke und Kaſten waren leer, nur Pfandſcheine, viele Pfandſcheine lagen in dem oberſten Schubkaſten ihrer Kommode. Blaß und händeringend ſann ſie eine Zeit lang nach, bis ihr Auge freudig aufflammte,— ſie hatte ſich der Tuchnadel und des Löffels erinnert. Mit zwanzig Silbergroſchen kann man bis morgen auskommen, und dann kann irgend ein Glück ein⸗ treffen: eine Unterſtützung oder ein Darlehen, oder gar der Tod!
Ein ärmlich gekleideter Mann, deſſen Stirn tief gefurcht, deſſen Haar vor der Zeit gebleicht iſt, bringt ſeine ſilberne Uhr zum Verſatz. Die Frau, die liebe Gefährtin und ſanfte Dulderin, liegt auf dem Krankenlager, und es fehlt an Geld zur Arznei.„Dieſe Arznei wird ihr gut thun!“— hatte der Arzt geſagt. Er, der Mann mit den weißen Haaren,
gäbe Alles hin um dieſe Medicin, ſeine Uhr, ſeinen Rock, die
Hälfte ſeines Lebens gar!
Genug! Der Saal leert ſich allmälig; draußen an der Thür werden die Kommenden zurückgewieſen; die Dienſtſtunden ſind vorüber.
Werfen wir jetzt noch einen Blick auf unſere Freunde vom Leihamt.
Die junge Frau, die den Mantel verſetzte, iſt erſtarrt und erkältet nach Hauſe gekommen. Der Mann war zurück⸗ gekehrt und hatte ſich an die Wiege des ſchlafenden Kindes geſetzt. Mit vorwurfsvollem Blick ſah er die Frau an und ſchlug dann das Auge nieder, wie von einem eigenen Vor⸗ wurf im innerſten Herzen getroffen.„Warum haſt du es ge⸗ than?“ fragt er. Und ſie antwortete ihm wieder, indem ſie
ihn mit den Armen umſchlingt und küßt:„Ich kann ja doch
nicht von unſerm Kinde fort!“ Die Frau mit dem zerbläuten Auge hat die Gier des Trunkenboldes geſtillt und dennoch Prügel bekommen.
Die ältliche Dame hat dem Bruder die Unterſtützung
geſchickt und weint und grämt ſich heimlich, ſilbernen Löffel wieder einlöſen ſoll.
Der blaſſe Lehrer hat ſeinen Pfandſchein verkauft; er verzichtet auf die Doſe und auf jedes Andenken, wie auf jede Hoffnung.
Das junge Mädchen iſt verheirathet, und die Noth iſt
wie ſie ihre
2 hald na diloſ Stinpf
0
gechrt „Etin 1361 noh intere 686 „Ha Bege einſt
mich buch
A——


