Jahrgang 
1868
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durch die Schloßkoppel oder durch die Zorſt zu fahren, wo denn im letzteren Wäldchen eine einfache Brücke, dieHen⸗ rietten⸗Brücke, an die Künſtlerin und an eine Spazierfahrt derſelben erinnert. Auch die Gemahlin des Großherzogs, die Großherzogin Marie, eine geborene Prinzeſſin von Heſſen⸗ Kaſſel, bezeugte der Gräfin Roſſi viele Freundlichkeiten und ſtand mit ihr im freundſchaftlichſten Verhältniß. Eine gute Malerin, verfertigte ſie verſchiedene wohlgelungene Portraits der Künſtlerin und ihrer Kinder, namentlich ein ſehr hübſches Portrait dervergötterten Marie im mecklenburgiſchen Bauerncoſtüm. Ein ſehr ähnliches Portrait der Gräfin rührt auch von der Hand der geiſtreichen Auguſte von Bernſtorff her, ein Bild, das namentlich jenes hinreißende Lächeln, dem Originale eigen, ſo trefflich wiedergegeben hat. Wie ver⸗ ſchieden war dieſes Lächeln, dieſeslovely smile, von dem lächelnden Geſichtsausdruck einer andern Kunſtgröße, der Schröder⸗Devrient. Das der Letzteren verrieth mehr Geiſt, mehr Scharfſinn, wie auch die Briefe und ſelbſt auch die Billets der Schröder-Devrient ausgezeichnet durch geiſtreiche Wendungen und Bemerkungen ſind; das Lächeln der Sontag zeigte mehr Anmuth, mehr ideale Auffaſſung des Lebens, der Kunſt, der Schönheit. Wir ſprechen hier nicht von jenem verzerrten Geſichtsausdruck, den die Frauen mit dem Namen Lächeln,Grazie der Geſichtslinien, bezeichnen; nein, wir meinen hier jenen anmuthigen Ausdruck eines Geſichts wäh⸗ rend der Unterhaltung und ſelbſt des Nachſinnens. Eine griechiſche Muſe, ein Bach mit Vergißmeinnicht eingefaßt, ein Schmetterling über einer halbentfalteten Roſe. Wir erinnern uns, als Kind an der Thüre eben jenes Palais geſtanden zu haben, wo die theatraliſchen Vorſtellungen ſtattfanden, um die Sontag ausſteigen zu ſehen. Mehrere Hofleute warteten auf ſie, um ihr den Wagen zu öffnen; unter ihnen, irren wir nicht, der Sohn des Großherzogs, Herzog Georg, ein vielleicht zu warmer Verehrer der großen Künſtlerin. Der Wagen hielt. Leicht wie eine Gazelle berührte ſie die Erde. Sie war in ihrem Coſtüm, wohl das der Suſanne: ein gelbes Atlasröck⸗ chen mit breiten ſchwarzen Spitzen verziert, ein großes Spitzen⸗ tuch über den reizenden Kopf geſchlagen. Welch eine reizende Erinnerung iſt jenes anmuthsvolle Lächeln, das auf ihrem Geſichte ſich ſonnte, wohl Allen, die umherſtanden, im Herzen geblieben: Kindern, Hofleuten, Prinzen.

Ueber das Privatleben der Sontag während ihres Auf⸗ enthalts zu Neuſtrelitz hörte man wenig. Wahrſcheinlich ſtu⸗ dirte ſie ſehr viel, ſehr fleißig und eiffig. Es galt einen großen Wurf zu thun. Sie war nicht mehr das reizende junge Mädchen im weißem Kleide, das vor mehr als zwanzig Jahren Berlin, ganz Deutſchland entzückt hatte. Sie hatte die Vierzig, den Rubikon der Frauen, überſchritten. Die Mutter, die hier ſich opferte, ſetzte hier nicht ſo viel aufs Spiel wie dieKünſtlerin. Ein großer Wurf! Eine Künſt⸗ lerin zweiten Ranges zu werden, würde die Sontag ins Grab geſtürzt; eine Sängerin zweiten Ranges zu wer⸗ den, würde ſie wahnſinnig gemacht haben.Mein ganzes Leben und Streben aber war, eine Künſtlerin, nicht nur eine Sängerin zu werden, äußerte ſie zu Ullmann, und von die⸗ ſem Gedanken muß ihr ganzes Künſtlerleben erfüllt geweſen ſein, denn ſie machte dieſelbe Aeußerung zu einer Dame in Neuſtrelitz. Auch muß ihr dieſer Gedanke Kraft gegeben ha⸗ ben, bei ihrem Vorhaben zu bleiben. Dazu kam, daß kein geeigneterer Ort ſich wohl gefunden hätte für dieſe Periode der Vorbereitung, als Neuſtrelitz. Nicht daß äußere Schön⸗ heit der Umgegend, äußerer Reiz ihrer Umgebung die Künſt⸗ kerin angefeuert hätte: nein, die Stille, die Ruhe und die Sicherheit ihres Aſyls, die treue Freundſchaft ihres alten Freundes, und der Muth, den eben dieſer Freund ihr ein⸗ ſprach, thaten das Ihrige, um ſie in ihrem Vorhaben zu be⸗ ſtärken und um ihr die Verſicherung zu geben, daß ſie als Künſtlerin und als Sängerin ſiegreich bleiben würde. Dem äußern Weſen ihres Freundes hätte die Künſtlerin auch an⸗ ſehen und anmerken können, ob der reine Klang ihrer Stimme erloſchen, ob der Silberton in den Metallton übergetreten ſei. Obwohl an Harthörigkeit leidend, die in den letzten Jahren

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ſeines Lebens beinahe in Taubheit ausartete, behielt der Großherzog, wie man uns auch? von Beethoven verſichert, je⸗ nes ſenſitive Gehör, das ihm den Schatten eines Mistons verrathen haben würde; und in ſeiner äußern Perſönlichkeit, d. h. namentlich auf ſeinem etwas originellen und höchſt be⸗ weglichen Geſicht, trug er den ganzen Stempel ſeiner inneren Ueberredung und Ueberzeugung. Betrachten wir dieſen eigen⸗ thümlichen und liebenswürdigen Fürſten etwas näher. Geboren am 12. Auguſt 1779, entwickelte Georg von Mecklenburg⸗Strelitz ſchon als Knabe eine außerordentliche Vorliebe für bildende Kunſt, Muſik und die hehre Mutter aller Künſte und alles Schönen, für die Natur. Hierin war er ganz ſeinen vier ſchönen Schweſtern gleich, die mit ihm und ſeinem Bruder, dem Herzog Karl, eine ſorgfältige Erziehung von ihrer Großmutter, einer trefflichen Landgräfin von Heſſen⸗ Parmſtadt, empfingen. Vom Vater wiſſen wir wenig; die Mutter ſtarb früh. Die vier erwähnten Schweſtern, alle ſchön, denen Jean Paul ſeinenTitan gewidmet hat, waren dieſchöne Königin, Louiſe von Preußen; Friederike, drei⸗ mal vermählt: zuerſt an den Prinzen Auguſt von Preußen, Bruder Friedrich Wilhelms III., dann an den Prinzen von Solms⸗Braunfels, und endlich an den Herzog von Cumber⸗ land, ſpätern König Ernſt Auguſt von Hannover, von dem Humboldt uns ſo hübſche Worte hinſichtlich der Göttinger Profeſſoren wiedererzählt; die Herzogin von Sachſen⸗Hild⸗ burghauſen, und die Fürſtin von Thurn und Taxis. Wer hat nicht von derſchönen Königin gehört? Wem hätte nicht das Herz für die unglückliche Königin geblutet?Ein guter Engel für die gute Sache iſt ſie noch jetzt, nach ſechszig Jahren und in unſrer ſchnellen Zeit ſind es ſechs Jahr⸗ hunderte friſch in Aller Angedenken. Die Herzogin und die Fürſtin ſind wohl nur vertrauteren Kreiſen bekannt ge⸗ worden und unvergeſſen geblieben, und der Königin Friede⸗ rike iſt auf ihrem bewegten Lebensgange wohl mancher Tadel und Makel angeheftet worden. Schön wie ihre Schweſter Louiſe, war ſie geiſtreicher, witziger, nicht ſo ſanft und beſchei⸗ den ſchön wie die große Königin von Preußen. Auf dem Congreſſe zu Wien, 1814, wo ſie mit ihrem erſten Gatten anweſend war, ſchwärmte alle Welt für ſie, namentlich die beiden größten Berühmtheiten des Congreſſes, Taleyrand und Gentz. Einem der Beiden gehört auch dies feine Wort über diebelle du Nord:Une femme des plus belles et des plus spirituelles. Von ihr ſelbſt aber ein weniger für ſie ſprechendes:Je ne connais pas ce monsieur; il ne m'a pas encore fait la cour! Viel geliebt, viel gelitten, viel vergeben. Ihre Gemahle vergötterten die reizende Friederike, und der dritte derſelben, Ernſt Auguſt,the finest old Tory, der auf Alles und auf Alle ſchimpfte und fluchte, bezeigte ihr faſt ſklaviſche Ehrfurcht. Auf ihn paßt gewiß das Spitzwort ſeines eigenen Urgroßvaters, Georg II. von England, ²) einem engliſchen Haudegen gegenüber:Ihr Engländer fürchtet Euch vor nichts als vor Euren Frauen(him's wife ſoll er in ſeinem Barbaren⸗Engliſch geſagt haben). Herzog Karl zu Mecklenburg⸗Strelitz, der jüngere Bruder des Großherzogs Georg, war eine gute, doch eigenſinnige Perſönlichkeit. Er war General in preußiſchen Dienſten und zeichnete ſich bei Goldberg und Möckern aus. Als Politiker hat er manchen

dummen Streich gemacht, und Humboldt war ihm beſonders

feind. Von dieſem rührt auch das ſcharfe Epigramm auf den Herzog her, nämlich nach einer Vorſtellung des Gvethe⸗ ſchenFauſt auf der fürſtlichen Bühne zu Sansſouci, wo Herzog Karl den Mephiſtopheles ſpielte:

Als Menſch zu ſchlecht, als Prinz zu ſchofel,

Doch wunderſchön als Mephiſtyphel. Er ſtarb unvermählt, nicht in dem Rufe der Heiligkeit eben, und ſchläft ruhig in der Fürſtengruft zu Mirow Staub, Aſche, Nichts. Sein Bruder Georg war eine jeder höheren

*) Georg der II. war der Großvater Georg's III., deſſen Vater Friedrich, Prinz von Wales. Daher war Georg II. Urgroßvater der Kinder Georg's III.

Richt edler Freun Unte artig leich hag Bei nen bic Lil bor

Ih hei

herr