indem ſie ätzenden Rauch ausſtrömten, und leiſer flüſterten die um denſelben Herumlagernden.
Da klopfte der greiſe Fallenſteller ſein Pfeifchen aus, und als ob man ſeine Abſicht errathen hätte, richten ſich alle Blicke auf ihn, während erwartungsvolles Schweigen eintrat.
„Das Geringſte, was ich thun kann, um mich für die mir gezollte freundliche Rückſicht und Gaſtfreundſchaft dankbar zu beweiſen“, begann er mit weicher Stimme, ohne ſeine Blicke von den kleinen, züngelnden Flammen zu erheben,„iſt, daß ich Euch die Geſchichte der alten Inſchrift erzähle, Euch er⸗ lläre, in welchem Verhältniß ich zu derſelben ſtehe. Es iſt das Geringſte und zugleich das Höchſte, was ich zu bieten habe. Sechsundvierzig Winter ſind ſeit jenem Tage ver⸗ ſtrichen, an welchem ich die Inſchrift ausmeißelte, und in dieſer langen Reihe von Jahren habe ich kein einziges Mal Gelegenheit gehabt, jener Zeiten vor einem andern menſch⸗ lichen Ohr zu gedenken. Wäre die Gelegenheit mir aber ge⸗ boten geweſen, würde mir die Neigung gefehlt haben, meine Erlebniſſe zum Gegenſtande eines Geſprächs mit Andern zu machen. S liegt nun einmal in mir— und weiß Gott, ich habe Urſache dazu— meine Erfahrungen als mein ausſchließ⸗ liches Eigenthum zu betrachten und dieſelben nicht, wie ſo Viele thun, öffentlich preiszugeben.
„Heute iſt es ein anderes. Meines Bleibens iſt nicht hier; ich bin zu ſehr an die Einſamkeit gewöhnt. Gehe ich wieder fort, ſo iſt es kaum denkbar, daß ich noch einmal zurückkehre. Wem ſiebzig Winter den Rücken beugen, der hat wohl Urſache, ſich zu jeder Stunde zur letzten Reiſe bereit zu halten. Da möchte ich Euch denn vorher mit der Geſchichte des einſamen Grabes dort drüben vertraut machen, damit Ihr wißt, daß Diejenige, die unter der alten Eiche ſchlummert, im höchſten Grade die Schonung verdient, die Ihr den paar Quadratfuß Erde hinfort wollt angedeihen laſſen. Sollte ſich aber nach meinen Mittheilungen Jemand bewogen finden, aus freundlicher Theilnahme im Vorbeigehen eine Blume auf die liebe theure Stätte zu legen, dann ſeid überzeugt, daß der Engel, der mir noch jetzt in meinem hohen Alter zur nächtlichen Stunde in meinen Träumen erſcheint, die Kunde Eures freund⸗ lichen Handelns mir zuträgt und ich Euer Andenken noch mit meinem letzten Athemzuge ſegnen werde.“
Hier neigte der Greis, wie in wehmüthige Betrachtungen verſunken, das Haupt auf die Bruſt. In ſeltſamen Contraſt ſtanden die mit einem Anfluge von jugendlicher Wärme ge⸗ ſprochenen Worte zu dem grauen Haar und den gerunzelten Zügen. Nachdem er ſechsundvierzig Jahre hindurch die Erinnerung an eine tief in ſein Leben einſchneidende Begeben⸗ heit gleichſam eiferſüchtig in ſeinem Innern verſchloſſen gehal⸗ ten hatte, überſprang er, indem er ſich zum erſten Mal zu einge⸗ henderen Mittheilungen entſchloß, im Geiſte gewiſſermaßen die lange Reihe von Jahren, und die Gefühle eines Jünglings beweg⸗ ten, wenn auch nur flüchtig, ſeine Bruſt. Er bekundete dies noch verſtändlicher durch ſeine eigene Erklärung, als er nach kurzem Sinnen fortfuhr:
„Faſt nur junge Geſichter ſind es, die mich umgeben; überall Frohſinn und des Lebens ſchönſte Hoffnungen. Wie lange iſt's her, und wie nahe ſcheint's zu liegen, daß auch ich einen ſolchen Ausdruck zeigte! Wäre mein Haar nicht gebleicht, hätten meine Kräfte mich nicht zum großen Theil verlaſſen, dann möchte ich ſagen, es war erſt geſtern, als ich meine Hände blutig kratzte, um zwiſchen Wurzeln und Geſtein eine Gruft zu ſcharren, tief genug.“
Wie ein Schauder erſchütterte es die morſche und auch doch wieder ſo zähe Geſtalt des Greiſes, und ſpähend flogen ſeine Blicke im Kreiſe herum.
Als ob die theilnahmvolle Spannung, die er überall entdeckte, ihn in ſeinem Entſchluſſe beſtimmt hätte, ſtrich er bicht mit der Hand über ſeine Augen; ſein Oberkörper richtete ſich ſtraffer empor, und mit einer Stimme, der jede Spur von Unſicherheit und Schwäche fehlte, nahm er ſeine Erzählung wieder auf:
„Wie eine Ewigkeit liegen die kommenden Jahre vor dem Jünglinge; wie eine Ewigkeit erſcheint den Meiſten von Euch,
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die ich hier um mich ſehe, die Zukunft. Doch geduldet Euch, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr auf die zurückgelegte Lebensbahn wie auf einen flüchtigen Traum hinblickt. Was der Eintagsfliege zwölf Stunden Sonnenlicht, werden Euch der Jahre ſiebenzig ſein, wenn ein höherer Wille Euch nicht vorher abberuft. Ja ja, ſorglos und leichtfertig iſt die Jugend, ſie begreift nicht den Ernſt des Lebens, ſo lange nicht ſchwere Prüfungen an ſie herangetreten ſind. Auch ich verlebte eine ſorgloſe, heitere Jugend, eine Jugend ſo heiter und glücklich, wie es eben nur auf der Grenze der Civiliſation möglich, wo der Körper nicht durch ununterbrochene geiſtige Anſtrengungen in ſeiner Ausbildung gehemmt wird, ſondern ſich durch zuträgliche Uebungen, gleichviel ob mit der Axt in der Fauſt oder der Büchſe auf der Schulter, abzuhärten und zu ſtählen vermag. Die Grenze der Civiliſativn lag damals noch weit auf jener Seite des Miſſouri. Wo heute Städte, Dörfer und Anſiedelungen ſich erheben, da jagte ich als Knabe den virginiſchen Hirſch und den ſchwarzen Bären; ſo⸗ gar zerſtreute Büffelheerden verloren ſich damals noch bis an den Miſſiſſippi und bis über den Miſſiſſippi hinaus, und weit brauchte ich von der älterlichen Hütte aus nicht zu wan⸗ dern, um dem Biber und der Fiſchotter Fallen zu ſtellen. „Glückliche Jugendzeit! und ſchreiben gelernt hatte, hielt ich mich für hinreichend aus⸗ gebildet, die Stelle eines Präſidenten der Vereinigten Staaten
ausfüllen zu können, und da es weit und breit keinen Farmer⸗
burſchen gab, der es beim Holzfällen oder Pferdebändigen, im Schnelllaufen oder im Gebrauch der Büchſe mit mir auf⸗ genommen hätte, ſo erlangte ich bald jenes tolle Selbſtbewußt⸗ ſein, mit welchem man glaubt, die ganze Welt erſtürmen und beherrſchen zu können. Dabei beſaß ich aber auch wieder einen beſcheidenen Sinn, denn die einfache Blockhütte meiner Aeltern mit ihrer faſt ärmlichen inneren Einrichtung ſchien mir der Inbegriff alles irdiſchen Glückes zu ſein, und nie beneidete ich Menſchen, die mit irdiſchen Gütern reicher geſegnet waren.
lag im Staate Jowa auf dem Ufer eines fiſchreichen Flüßchens. Ich mochte wohl zehn Jahr alt ſein, als meine Aeltern mit mir und zwei älteren Brüdern daſelbſt eintrafen. Die acht⸗ zig Morgen Waldland, die wir unſer Eigenthum nannten, waren in vollwichtigen Dollars an die Regierung bezahlt worden, wir fühlten uns daher auf unſerm Grund und Boden ſo frei, wie nur je ein König auf ſeinem goldenen Throne.
„Anfangs ging's freilich kärglich genug; doch Gottes Segen ruhte auf unſerer Hände Arbeit, und nach Ablauf einiger Jahre ſahen wir uns im Beſitze eines Viehſtandes, freilich nur klein, aber doch ſo gut und ausgeſucht ſchön, daß der reichſte Pflanzer der Louſiana ſich deſſelben nicht hätte zu ſchämen brauchen. Auch unſer Gärtchen lieferte uns einigen Gewinn, nicht zu gedenken der zwanzig Morgen fetten Wald⸗ bodens, die wir allmählich unter den Pflug gebracht hatten.
„Unſere nächſten Nachbarn waren wohl an die ſechs
vollen engliſchen Meilen entfernt, das nächſte Städtchen ſo⸗ gar zwei gute Tagereiſen, doch was waren uns Entfernungen?
Unſere guten Pferde brachten uns ſchnell zuſammen, wenn wir einander ſehen wollten, und Doctor und Apotheker? Pahl Ein paar Fieberpillen war Alles, was wir gelegent⸗ lich gebrauchten, und daß uns die nicht ausgingen, dafür ſorgten die Pedlars, die regelmäßig bei uns vorſprachen und uns nicht nur mit Heilmitteln, ſondern auch mit Stiekeln und ſonſtigen Leibes⸗ und Lebensbedürfniſſen reich verſorgten. S war damals, wie es heute noch auf der Grenze iſt— nur
n Bischen bequemer ſind die Leute geworden, und wo da⸗
mals n trockener Maiskuchen ausreichte, ſoll's heute zuweilen eine Obſttorte ſein.
„Das war alſo meine Heimat. S iſt mir jetzt Alles wie ein Traum; indem ich aber davon ſpreche, tritt ſie mir
ſo lebhaft vor die Seele, als ob ich ſie in Wirklichkeit vor
mir ſähe. Ich muß mein ſpärliches Scheitelhaar betaſten, einen Blick auf meine dürren, kraftloſen Hände werfen, um von dem Gefühl befreit zu werden: als möchte ich hineilen
Nachdem ich kümmerlich leſen
„Die Hütte meiner Aeltern, von feſten Blöcken errichtet,
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