Jahrgang 
1868
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6. Mai.

hierin ebenſo, wie meinen Feinden, den Werkzeugen derſelben, verzeihen möge. Möge er Sie nicht zu ſtrenger Rechenſchaft wegen Ihres unfürſtlichen und grauſamen Verfahrens gegen mich vor ſeinen allgemeinen Richterſtuhl rufen, wo wir Beide, Sie und ich, in kurzem erſcheinen müſſen vor ſeinem Gericht, ich zweifle nicht daran, was auch die Welt von mir denken mag, wird meine Unſchuld offen anerkannt und hinreichend klar werden.

Meine letzte und einzige Bitte ſoll ſein, daß Sie mich allein die Laſt von Ew. Gnaden Misfallen tragen laſſen, und daß daſſelbe nicht die unſchuldigen Seelen der armen Herren erreichen möge, die, wie ich erfahre, meinetwegen gleichfalls in ſtrenger Haft ſind. Wenn ich je Gnade in Ihren Augen gefunden habe, wenn der Name Anna Bolehn Ihren Ohren je angenehm geklungen hat, ſo laſſen Sie mich die Gewährung dieſer Bitte erlangen, und ich will aufhören, Ew. Gnaden weiter zu beläſtigen. Meine eifrigen Gebete dringen zu dem dreieinigen Gott, Ew. Gnaden in guter Acht zu haben und Sie in allen Ihren Handlungen zu leiten.

Aus meinem kummervollen Gefängniß im Tower am Ihr gehorſamſtes und immer treues Weib

Anna Boleyn.

Wer den Charakter des Königs kannte, mußte wiſſen,

daß dieſer Brief an dem ſchon beſchloſſenen Geſchick der Un

glücklichen nichts zu ändern vermochte. Trotzdem die Ange⸗ klagten ſämmtlich bis auf einen armen Muſikus, der ſicher beſtochen war, leugneten, wurden ſie, ohne den Anklägern gegenüber geſtellt zu werden, alle zum Tode verurtheilt. Am 19. Mai, faſt genau drei Jahre nach ihrer Krönung, verließ die Königin dieſelben Zimmer, aus denen ſie damals dem jubelnden Volke entgegengetreten war, um unter dem tiefen Schweigen der Umſtehenden die Stufen des Schaffots zu be⸗ ſteigen. Bewundernswürdig war der Muth und die Seelen⸗ größe, mit welcher ſie ſtarb. Sie litt nicht, daß ihr die Augen verbunden wurden. Der ſanfte und himmliſche Glanz ihres Blicks verwirrte die Henker ſo, daß ſie durch ein Ge räuſch die Aufmerkſamkeit der Königin auf die entgegengeſetzte Seite lenken mußten, um den Moment zu erhaſchen, wo der Todesſtreich ſicher geführt werden konnte. Wenige Minuten nach 9 Uhr Morgens war Alles geſchehen.

Und was that der König? Als der Donner der Ka⸗ none ihm den Tod der Fürſtin verkündigte, deren Tugend zu preiſen er früher nicht Worte genug hatte finden können, ſtürzte er ſich mit dem Ruf:Die Hunde los! in die Freu⸗ den der Jagd. Am folgenden Tage vermählte er ſich mit Johanna Seymour, und um die einſt ſo heiß Geliebte auch noch im Grabe zu beſchimpfen, feierte er das Gedächtniß ihres Todes durch weiße Trauerkleider.

eon.

Das Wildſchwein. (Vgl. Illuſtration S. 28.)

Die Wildſchweine ſügen dem Landwirth, wie dem Forſtmann den empfindlichſten Schaden zu; ſie begegnen der Cultur des Bodens nur äußerſt feindſelig und ſind deshalb in Europa faſt ausgerottet, während ſie noch zahlreich die menſchenleeren Waldſtrecken und Sumpfgegenden Aſiens und des nördlichen Afrika bevölkern. Im

nächſten Jahrhundert wird dieſer einzige in Europa lebende Dick⸗

häuter aus unſern Wäldern verſchwunden ſein, wie dann der Auer⸗ ochs und der Luchs und von den Alpen der Steinbock. Ihn werden nur bedauern die wahren Gourmands und die echten Jäger. Der leckere Artikel wird von den Speiſenkarten der feinen Reſtaurants für ewig geſtrichen ſein(falls nicht in jener Zeit bereits die noch zu erfindende Luftbahn die Produkte ferner Erdtheile mit Windeseile täglich heranſchafft). Die Jäger werden das edle Wild nur als Geiſterſchatten in der Wolfſchluchtſcene des Freiſchütz wiedererblicken und dieſes Wiederſehen wird Dank der kgl. Generalintendanz nicht oft gefeiert werden. Die Wildſchweinjagd nach uraltem Jägerbrauch iſt dann auch vorüber, wie ſie es beinahe ſchon heute iſt. Heute ſchießen durchlauchtige Jäger das Schwarzwild von der Kanzel, einem mit Gebüſch maskirten Gerüſt; zur Zeit der Armbruſt und der Schweinsfeder(eines Spießes mit breiter zweiſchneidiger Stahlſpitze) trat man beherzt und ſtark dem heranſchnaubenden Thiere entgegen und ließ daſſelbe in die Stahlklinge laufen. Solches Jagdvergnügen erheiſchte ein muthiges Herz und einen feſten und geſchickten Arm das iſt vorüber! Waidmannsluſt wird bald hinter den Grenzen der Civiliſation den Gegenſtand ihrer Befriedigung zu ſuchen haben, denn der gebildete Menſch geſteht nur den Hausthieren das Recht der Exi⸗ ſtenz zu. Das geheimnißvolle Haus.

Am äußerſten Ende des Fauburg St.⸗Honors in Paris ſteht ein in vriginellem Stil gebautes Haus, deſſen Fenſter bis vor wenigen Tagen hartnäckig geſchloſſen blieben. Im Munde des Volkes hieß es deshalb dasgeheimnißvolle Haus, und ſein Vewohner war ein Menſch mit

einem Affenkopfe. Niemand hatte ihn je geſehen, die Diener durften

nie bis zu ihm; eine einzige Frau gereiften Alters, deren Züge unver⸗

kennbare Spuren ehemaliger hoher Schönheit tragen, war um ihn, es war dies ſeine Mutter. Im Jahr 1820 zählte Gräfin A. zu den gefeiertſten, hervorragendſten Schönheiten von Paris. Nur eine Leidenſchaft hatte ſie, eine merkwürdige Vorliebe für die Affen. Gegen Ende April 1821 gebar Gräfin A. ein faſt vollſtändig wohl⸗ geformtes Kind männlichen Geſchlechts, das jedoch zum Entſetzen des Vaters, wie zur großen Betrübniß der Mutter, mit einem ganz artigen Affenköpfchen verſehen war. Die Folge hiervon war, daß ſich der Vater in einem Anfall von Verzweiflung das Leben nahm, während die Mutter ſich mit ihrem Sohne in beſagtes Haus zurückzog und daſelbſt bis vor wenigen Tagen in vollſtändiger Abgeſchiedenheit lebte. Sie widmete ſich ausſchließlich der Erziehung ihres Sohnes, welche dann auch unter Leitung eines ausgezeichneten Profeſſors und zur

großen Freude ſeiner Mutter zu einer vollendeten wurde; die beweg⸗ lichen Züge ſeines Geſichts verriethen reichen Geiſt, der ſich auch in dem geſammten Thun und Laſſen des Unglücklichen aufs Unzwei⸗ deutigſte offenbarte. Alles, was Spiegel hieß und einen ſolchen er⸗ ſetzen konnte, war aus dem Hauſe Hrbannt, doch ſcheint das unglück⸗ liche Weſen trotz aller Vorſicht zur Erkenntniß ſeiner Misgeſtaltung gelangt zu ſein, denn eine düſtere Wolke nie weichender Schwermuth umlagerte deſſen Züge. So war der junge Mann zwanzig Jahre alt geworden und ſeine Mutter trug ſich mit der Idee, ihn zu verhei⸗ rathen. Doch trotz des ungeheuren Vermögens konnte ſich keines, auch nicht das ärmſte Mädchen, entſchließen, dem Bräutigam mit dem Affenkopfe die Hand zu reichen. Er lebte daher nach wie vor, voll⸗ ſtändig von der Welt abgeſchloſſen, dem Studium, ſeinem einzigen Troſte. Außer ſeiner Mutter, ſeinem Lehrer und ſeinem Arzte empfing er Niemand, nur ſelten und nur bei Nacht pflegte er maskirt auszu⸗ gehen. Alſo lebte Guſtav Graf A. inmitten ſeiner Bücher, bis ein plötzlicher Nervenſchlag vor einigen Tagen ſeinem Leben, einem Leben voll ſchmerzlicher Qualen inmitten des Reichthums, ein Ende machte, das geheimnißvolle Dunkel des Hauſes lüftete und ſeine Mutter dem Leben wieder gab.

Paris hat Verühmtheiten aller Art. Außer ſeinen Merkwürdig⸗ keiten unter den Menſchen, hat es ſeine Merkwürdigkeiten unter den Thieren.

So hat es ſich der Reihe nach für den Affen Jocko, für das Hündchen Munito, für die gelehrten Ratten des Mannes mit dem langen Barte begeiſtert, dann für den Affen als Kunſtreiter für.. ich würde gar nicht zu Ende kommen.

In dieſem Augenblick iſt eine neue Merkwürdigkeit im Begriff, ihr Bürgerrecht in der Hauptſtadt zu erobern; und das Petit⸗ Journal, das Alles wiſſen muß, was vorgeht, will der erſte ſein, der uns dieſe Eroberung mittheilt.

Es handelt ſich um einen Raben.

Wir haben von der ſchwarzen Bande reden hören, welche ſich neulich auf die großen Bäume des Luxembourg niederließ, und deren Gekrächz ſo das Echo der Umgegend ſtörte, daß man ſich entſchloß, die beftügelten Miether zu expropriiren, welche ſich auf die hohen Platanen des Gartens geſetzt hatten.

Ein wahrer bethlehemitiſcher Kindermord; denn in dem Augen⸗ blicke, als die Expropriation ſtattfand, waren die Neſter voll von junger Brut, die ohne Mitleid geopfert wurde.

Es mußte ſein.

Indeſſen, unter der Zahl der Opfer befand ſich ein kleiner, eben ausgekrochener Rabe, deſſen Anblick das Herz eines Beamten der Baumſchule rührte, der ſeit ſechs Monaten in Luxembourg angeſtellt war. Der Beamte nahm ihn auf und erzog ihn, und heute iſt Coco (das iſt der Name, den man ihm gegeben hat) eine Merkwürdigkeit der beliebten Promenade geworden.. 5

Er fliegt frei und mit dem Vollgebrauch ſeiner Flügel und hat ſich ſo eingebürgert, daß er der Kamerad aller Vorübergehenden ge⸗