Jahrgang 
1868
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Unter den Frauengeſtalten, welche die Geſchichte uns auf dem Blutgerüſte zeigt, gibt es faſt keine, die rührender und ergreifender zu unſerm Herzen ſpräche, als Anna Bolehn, die unglückliche zweite Gemahlin Heinrich's VIII. von England. Weder ihre Schönheit und Ingend, noch der jähe Wechſel ihres Geſchicks erklären allein die ungewöhnliche Theilnahme, welche ſie Jedem einflößt, der ſich eingehender mit ihrem Leben beſchäftigt. Mehr als alles andere ruft das innigſte Mitgefühl der Umſtand hervor, daß ihr königlicher Gemahl, der ſie erhob und ſtürzte, nicht zufrieden war mit ihrem Tode, ſondern ſie in den Augen der Mit- und Nachwelt des Ver⸗ brechens des Ehebruchs ſchuldig erſcheinen laſſen wollte. Muß der Geſchichtsforſcher einräumen, daß die Beſchaffen⸗ heit der Quellen es ihm leider nicht geſtattet, die Unſchuld der Königin völlig ſiegreich zu erweiſen, ſo darf er um ſo zuverſichtlicher vertrauen, daß ein Jeder die Sprache der Wahrheit und eines guten Gewiſſens erkennen wird, wenn er den köſtlichen Brief lieſt, den Anna aus dem Tower an ihren Gemahl richtete.

Dieſen Brief zu erklären, genügen wenige Worte. Zum beſſern Verſtändniß jedoch für diejenigen Leſer, welche mit den Thatſachen weniger vertraut ſind, möge es geſtattet ſein, die nothwendigſten Daten hinzuzufügen.

Anna Boleyn wurde als die Tochter eines mäßig begüterten Edelmanns im Jahre 1507 geboren. Nachdem ſie ihre Ju gend größtentheils am franzöſiſchen Hofe verlebt, kehrte ſie, vermuthlich im Jahre 1526, in ihr Vaterland England zurück. Alle Zeitgenoſſen preiſen einſtimmig ihre Schönheit, den vollendeten Geſchmack, mit dem ſie ſich zu kleiden wußte, und die heiter anmuthige Feinheit ihres Benehmens. Sie trat als Hofdame in die Dienſte Katharina's von Aragonien, der Gemahlin Heinrich's VIII. Der König ſcheint bald von hef⸗ tiger Liebe zu ihr ergriffen worden zu ſein. Wenigſtens be⸗ ginnen im Sommer 1527 die Bemühungen Heinrich's, die Einwilligung des Papſtes zur Scheidung von ſeiner erſten Gemahlin zu erlangen, welche zugleich die Witwe ſeines Bru⸗ ders Arthur war. Fünf Jahre dauerten die Unterhandlun⸗ gen; endlich riß dem König die Geduld. Noch ehe die Schei⸗ dung vollzogen war, wahrſcheinlich im November 1532, ließ ſich Heinrich in der Stille mit Anna trauen. Am 1. Juni 1533 wurde ſie feierlich gekrönt, am 7. September deſſelben Jahres gebar ſie ihm eine Tochter, die ſpätere berühmte Königin Eliſabeth.

Doch, wie ſo häufig, ſchwand auch hier mit dem Beſitze das Verlangen. Schon im Jahre 1534 nährte der König, deſſen ganze Sehnſucht auf einen männlichen Erben ging, in ſeinem Herzen den Keim einer leiſen Unzufriedenheit mit ſei⸗ ner Gemahlin, welche, da die verſtoßene Katharina ſtreng katholiſch war, aus Ueberzeugung und Politik die Proteſtan⸗ ten unterſtützte. Als nun gar die majeſtätiſche Schönheit des Hoffräuleins Johanna Seymour den König zu neuer Leiden⸗ ſchaft entflammte und Anna, welche ihn in den Armen dieſer Dame überraſchte, infolge der erlittenen Gemüthserſchütterung im Februar 1536 einen todten Knaben zur Welt brachte, war die Vernichtung ſeiner Gemahlin bei Heinrich eine beſchloſſene Sache. Nach einem erregten Zwiegeſpräch verließ er Anna's Krankenzimmer, indem er vor ſich hin die Worte murmelte, ſie ſolle keinen Knaben mehr von ihm haben. Kaum bemerk ten Anna's Feinde, voran ihr eigener Oheim, der Herzog von Norfolk, des Königs Stimmung, als ſie ſein Ohr mit Verleumdungen erfüllten, die er nur zu begierig aufnahm und für die Anna's etwas freies und unvorſichtiges Betragen wenigſtens den Schein einiger Begründung darbot. Heimlich ſetzte der König eine Commiſſion nieder, welche die Beſchul⸗ digungen gegen ſeine Gemahlin prüfen ſollte. Nachdem dieſe Commiſſion ihren Zweck erfüllt hatte, nahm Heinrich zwar mit der nichts ahnenden Königin noch an den gewöhnlichen Maiſpielen theil, brach aber in auffälliger Weiſe mitten un⸗

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Der letzte Brief einer Bönigin.

Von Rudolf Schanze.

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ter den Feſtlichkeiten auf und ließ Anna am folgenden Tage, dem 2. Mai, verhaften und in den Tower abführen. Wie wenig ſtichhaltig ihm die Anklagen auf wiederholten Ehebruch mit vier verſchiedenen Perſonen und auf Blutſchande Kil dem Bruder erſcheinen mochten, geht daraus hervor, daß 6 geängſtigten Frau für den Fall eines Geſtändniſſes Gnade ver⸗ ſprach. Auf dieſe Aufforderung nun, zu bekennen, antwor⸗ tete die Königin folgendermaßen: Sire! Ew. Gnaden Misfallen und meine Einkerkerung ſind Ereigniſſe, die mich ſo befremden, daß ich völlig rathlos bin, was ich ſchreiben oder was ich entſchuldigen ſoll. Nun Sie aber mit der Erklärung, ich ſolle die Wahrheit bekennen und Ihre Verzeihung erhalten, Jemand zu mir ſenden, von dem Sie wiſſen, er ſei mein alter, erklärter Feind, ſo erfuhr ich kaum ſeinen Auftrag, als ich Ihre Abſicht vollſtändig begriff. Und wenn, wie Sie ſagen, das Bekenntniß der Wahrheit in der That meine Rettung verſchaffen kann, ſo will ich mit aller Bereitwilligkeit und Ehrerbietung Ihren Befehl erfüllen. Aber mögen Ew. Gnaden nie wähnen, daß Ihr armes Weib je dahin gebracht werden könne, ein Vergehen einzu⸗ geſtehen, wovon ihr nicht einmal ein Gedanke in den Sinn kam. Die Wahrheit zu ſprechen, nie hatte ein Fürſt ein Weib, das ihm in aller Treue und aufrichtiger Neigung mehr zugethan war, als Ihnen von je her Anna Boleyn. Mit dieſem meinem Namen und Rang hätte ich mich willig be⸗ gnügen können, wenn es Gott und Ew. Gnaden Belieben ſo gefallen hätte. Auch habe ich mich zu keiner Zeit in mei⸗ ner Erhöhung oder in der mir verlichenen Eigenſchaft einer Königin ſo weit vergeſſen, daß ich nicht ſtets eine ſolche Ver⸗ änderung erwartet hätte, als ich jetzt erfahre. Denn da die

Urſache meiner Erhebung auf keinem feſtern Grunde beruhte,

als Ew. Gnaden Neigung, ſo wußte ich, daß die geringſte Aenderung geeignet und hinreichend war, dieſe Neigung auf einen andern Gegenſtand zu lenken. Sie haben mich aus

einem niedrigen Stande erwählt, Ihre Königin und Genoſſin

zu ſein; weit über mein Verdienſt und Verlangen. Wenn Sie mich denn einer ſolchen Ehre für würdig gefunden haben, ſo laſſe doch Ew. gütige Gnaden nicht eine flüchtige Laune oder den ſchlechten Rath meiner Feinde mir Ihre fürſtliche Gunſt entziehen, noch laſſen Sie jenen Makel, jenen unwür⸗ digen Makel, als ob mein Herz gegen Ew. Gnaden treu⸗ los geweſen wäre, je einen ſo ſchmählichen Flecken auf Ihr gehorſames Weib und die unmündige Prinzeſſin, Ihre Tochter, werfen.

Stellen Sie mich vor Gericht, guter König, aber laſſen Sie mich ein geſetzmäßiges Urtheil erhalten und laſſen Sie nicht meine geſchworenen Feinde als meine Ankläger und Richter daſitzen; ja, laſſen Sie mich ein öffentliches Gericht haben, denn meine Wahrheit ſoll keine öffentliche Schande fürchten. Dann werden Sie entweder meine Unſchuld an den

Tag gebracht, Ihrem Argwohn und Gewiſſen Genüge gelei⸗

ſtet, der Schmach und Verleumdung der Welt ein Ende ge⸗ macht, oder meine Schuld offen dargelegt ſehen, ſodaß, was Gott oder Sie auch über mich beſtimmen mögen, Ew. Gna⸗ den von jedem erſichtlichen Vorwurf frei ſind. Und wenn mein Vergehen auf dieſe Weiſe rechtmäßig erwieſen iſt, ſo ſteht es Ew. Gnaden vor Beiden, Gott und Menſchen, frei, nicht nur an mir, als einem ungetreuen Weibe, die verdiente Strafe zu vollſtrecken, ſondern auch Ihrer Neigung zu fol⸗ gen, welche ſchon auf die Betreffende gerichtet iſt, derentwegen ich in meiner jetzigen Lage bin. Ihren Namen hätte ich ſeit geraumer Zeit angeben können, da Ew. Gnaden mein Ver⸗ dacht in dieſer Hinſicht gar wohl bekannt iſt. Aber wenn Sie ſchon über mich entſchieden haben, und zwar, daß nicht nur mein Tod, ſondern eine entehrende Schmach Ihnen den Genuß Ihres erſehnten Glückes bringen ſoll, dann flehe ich zu Gott, daß er Ihnen Ihre große Sünde

er der