Jahrgang 
1868
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Zeit an, da es ſich anfing, wieder als eine Geſellſchaftsklaſſe zu fühlen, bis jetzt, da es anerkanntermaßen Intelligenz, Bil dung und Wohlhabenheit vertritt. Dieſe feineren bürgerlichen Anſprüche, die hier Befriedigung finden ſollten, haben auch auf die künſtleriſchen Leiſtungen der Uraniabühne zurückge⸗ wirkt und ihr den Ruhm eingetragen, nicht nur bis heutigen Tages die beſte unter den Berliner Liebhabertheatern zu ſein, ſondern auch eine Reihe wirklicher Künſtlernamen unter denen ihrer Schüler und Mitglieder aufweiſen zu können.

Der Name Fleck ſteht hier obenan; zwar war dieſer geniale Schauſpieler ſchon zur Zeit der Mitgliedſchaft in der Geſellſchaft eine hervorragende Kraft der königlichen Bühne; aber die Kinder deſſelben, namentlich die jetzt hochbetagte Frau des greiſen Profeſſor Gubitz, Henriette geb. Fleck, war lange Zeit eine Zierde der kleinen Bühne. Eine ältere Schweſter von ihr, ſowie ein jüngerer Bruder haben ſich gleichfalls dort ver⸗ ſucht, ſind aber nie auf die öffentliche Schaubühne getreten. Von den Schülern Uranias hat man ferner bei Gelegenheit ihres Jubiläums hervorgehoben: Lemm, Stümer, Frl. Maas, Frl. Rogee, ſpätere Frau von Holtei; Frl. Schultz, ſpätere Frau von Wrochem, Frl. Reinwald, ſpäter Frau Valentini, die der hieſigen Hofbühne angehörig wurden; ferner Regiſſeur Oehls, die Aeltern des Componiſten Albert Lortzing, Frau Grundmann nebſt Tochter in Danzig. Erſtere, welche Iff⸗ land vergebens geſucht hatte für die königliche Bühne zu en⸗ gagiren, nahm als unbemittelte Wittwe nach Ifflands und ihres Mannes Tode ein Engagement des Theaters in Danzig an. Ferner Fräulein Tilly, ſpäter Frau Pauli in Dresden, eine Verwandte der Krelinger, die als Auguſte During jedoch nur in Kinderrollen die Bühne Uranias betreten hatte. Auch die Muſikdirektoren C. F. Rungenhagen und Jähns haben ſich einſt mit Glück auf der Bühne Uranias verſucht, eine zahlloſe Maſſe Anderer nicht zu rechnen, die ſpäter in bür gerlichem Beruf dem Thespiskarren fern geblieben ſind.

Halten wir uns nur an die Allgemeinheit dieſer Berli ner Liebhabertheater, ſo hatten ſie und haben ſie noch immer ihr eigenes Leben, ſind für ſich wirklich eine eigene Welt. Die Eitelkeiten, die Intriguen und Falſchheiten, welche vor und hinter den Couliſſen der öffentlichen Bühnen zu ſpielen pflegen, ſind auch an dieſen Privattheatern zu finden; aber andererſeits begegnet man hier, ſobald die Spieler nur als Dilettanten erſcheinen, auch einem Wetteifer, den Herr von Hülſen bei Künſtlern nur gekannt hat, als er noch nicht Ge⸗ neralintendant der königlichen Schauſpiele war.

Da iſt gewöhnlich ein ſchon älterer, reſpektabler Herr aus den Mitgliedern der Geſellſchaft zum Regiſſeur erwählt worden, der wohl ſelber noch das hohe Roß beſteigt und der von Jugend auf jedenfalls ſeine Paſſion für's Theater nicht los geworden iſt. Alle Sorge, allen Aerger und Verdruß, den ihm ſein Ehrenamt reichlich einbringt, nimmt er geduldig hin; denn er lebt und webt für das Liebhabertheater, deſſen Director er in Wahrheit iſt. Das Theaterperſonal, natürlich aus lauter Freiwilligen beſtehend, macht ihm mehr wegen des allzu großen Eifers denn wegen Nachläſſigkeit zu ſchaffen. Sowie es an's Rollenvertheilen geht, erhält er den würde⸗ vollen Dank der Beglückten, das Klagelied der Uebergangenen. Er tröſtet die Letzteren und iſt der Vertraute der Erſteren, namentlich der weiblichen Mitglieder. Punktlich erſcheinen alle zur Probe, und der Regiſſeur hat bei einer ſchwachen Beleuchtung Poſto neben dem Suuffleurkaſten gefaßt, während

im dunklen Hintergrund, zwiſchen den Couliſſen, die Schau⸗

ſpieler und Schauſpielerinnen jenem beſtrickenden Reiz ſich hingeben, den die Bretter und die Leinwandwände einer Bühne auszuüben pflegen. Im ſtolzen Selbſtgefühl ſtehen in einer Gruppe zuſammen diejenigen, welche ſich als Talente par excellence fühlen, als berufen, dereinſt Sterhe am Theater⸗ himmel zu werden. Sie haben, Männlein wie Weiblein, ſich ſchon ganz den Habitus ihrer Künſtlerſchaft angenommen; ſie ſprechen von nichts Anderem, als vom Theater und dem Ho rizont, der ſich darum breitet, kritiſiren die Künſtler von Pro⸗ feſſion am Hoftheater und ſind der Meinung, daß ſie es in gleicher Rolle mindeſtens ebenſo gut machen. Jener eigen⸗

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thümliche Theaterton in der Converſation wird hier gepflegt, der bald blaſirt, bald zurückhaltend klingt; die Damen erhal⸗ ten Complimente von den Herren und die Herren machen über ſich Witze.

In ſchüchterner Entfernung von dieſen Matadoren, die ſich als Stütze des Liebhabertheaters fühlen, ſchleichen die Novizen auf und ab, bald ehrfurchtsvoll auf das Geſpräch der Matadore lauſchend, die zuweilen leutſelig ihren Gruß erwidern, oder in ihre Rolle ſich vertiefen, um ſie mit allem ihnen zuſtehendem Talent zu erfaſſen. Du lieber Gott! Dieſe gutmüthigen Weſen haben gewöhnlich mehr Liebhaberei für das Theater, als Talent Theater zu ſpielen; aber theil⸗ weis ſind ſie auch zufrieden damit, eine kleine Rolle von zehn Worten erhalten zu haben, deren ſie ſich mit Selbſtzufrieden⸗ heit entledigen; theilweis denken ſie, daß, wenn ſie auch im⸗ mer und immer Bedienten ſpielen, ſie mit der Zeit doch auch ihr Licht in größeren Rollen werden leuchten laſſen. Haben ſie nun gar einmal eine Rolle, welche ihnen fünfzig Worte in drei Scenen auferlegt, ſo fühlen ſie ſich großartig, ver⸗ ſichern die gewaltigen Schwierigkeiten ihrer Rolle, erzählen darüber Wunderdinge an alle Welt, halten ſich im Grunde für die wichtigſte Perſon am Theater, ſehen plötzlich mit Herablaſſung auf die Bedienten, Stuhlſetzer und Statiſten anderer Art, treten mit Selbſtgefühl in Verkehr mit den an⸗ erkannten Matadoren, verlangen ſogleich vom Vorſtand der Geſellſchaft ein paar Eintrittsbillets mehr für ihre Freunde, bis denn dieſe Rolle überſtanden iſt und der Regiſſeur zum Schrecken wieder mit einer Bedientenrolle kommt.

Aber, mein Gott! ſchreit das verkannte Genie;wann werde ich denn dieſe Rollen los.

Tröſten Sie ſich, antwortet der Regiſſeur;Sie müſſen noch ſolche kleine Rollen ſpielen; es hat ſich neulich gezeigt, daß Sie keine Figur und kein Organ für die Bühne haben und daß Sie ſteif wie ein Holzkegel umherpoltern.

Dieſe Art Leute gehören zu dem unvermeidlichen Inven⸗ tarium aller Bühnen; man findet ſie unter den öffentlich an⸗ geſtellten Schauſpielern wie unter den Mitgliedern der Lieb⸗ habertheater. Hier freilich iſt das Hauptcontingent aus jungen Leuten beſtehend, die ihr mehr oder minder großes Talent für die Schauſpielkunſt aus bloßem Vergnügen zum Beſten geben und die auch durch den Beifall, den ſie ſich erringen, nicht verſucht werden, ihre Liebhaberei zum Lebensberuf aus⸗ zubilden. Die Gefährlichſten ſind die, welche auf dieſen Privatbühnen ihre Kunſt in der Abſicht verſuchen, Schauſpieler werden zu wollen; die Bemitleidenswertheſten gewöhnlich die, welche aus Liebhaberei hier anfangen und die dann durch ihr mittelmäßiges Talent verführt werden, Karrenſchieber der Thespis zu werden.

Selbſtverſtändlich genügten dieſe Maſſe von Liebhaber⸗ theatern, welche es früher in Berlin gab und die jetzt durch die Vermehrung der öffentlichen Bühnen ſich gewiß vermin⸗ dert haben, allen nur möglichen Anſprüchen, den gebildetſten wie den gewöhnlichſten. In ariſtokratiſchen Hotels, ſo wenig es auch deren in Berlin gab, fand man ein ſolches Liebhaber⸗ theater und ebenſo in den Geſellſchaften der Kleinbürger, die nicht mehr die ſtrengen Regeln der anderen geſchloſſenen Ge ſellſchaften befolgten. Für einen geringen Preis von etlichen Groſchen konnte man hier ohne weitere Einführung Zutritt erlangen, während in den Geſellſchaften feinerer Anſprüche dieſer Zutritt nur durch die perſönliche Garantie eines Mit⸗ gliedes möglich war. Auch die Schauſpieler waren in jener Region, wenn auch nicht weniger enthuſiasmirt für ihre Kunſt wie die auf der Höhe der Uraniabühne, doch mehr bedacht, reellen Nutzen von ihrer Mühe zu ziehen. Sie ließen ſich von der Einnahme, welche an der Kaſſe erzielt wurde, je nach ihren Anſprüchen und Verdienſten ihr beſtimmtes Hono⸗ rar für den Spielabend verabfolgen. Auf ſolche Weiſe nah⸗ men dieſe Geſellſchaften faſt einen öffentlichen Charakter an, und da die Geſetze ihnen keine Theatervorſtellungen gegen Entree geſtatteten, ſo umgingen ſie dieſe Vorſchriften, indem ſie für die Billets zum Eintritt in ihren Kreis beſtimmte