Jahrgang 
1868
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Preiſe nahmen. Auch ſah die Polizei lange dieſem Misbrauch durch die Finger.

Das vriginellſte dieſer Art öffentlicher Liebhabertheater war das ſogenannte Vorſtädtiſche Opernhaus im Vvoigt⸗ lande, welches nun auch ſeit einem Jahrzehnt zu den Todten verſammelt iſt. Kleinbürger jener Gegend waren die wirk⸗ lichen Mitglieder der Privatgeſellſchaft, die auch nach den Grundſätzen anderer geſchloſſener Geſellſchaften organiſirt war, indeſſen eine freiere Auslegung derſelben geſtattete. Die Ar⸗ beiter des Voigtlandes, die Arbeiterinnen und Fabrikmädchen bildeten das Hauptelement des Publikums, welches ſich zu den Bällen und Theatervorſtellungen dieſer Geſellſchaft ein⸗ fand und zu ſeinem Eintritt keiner weiteren Legitimation be⸗ durfte als ein Zweigroſchenſtück oder noch weniger. Die Schauſpieler und Schauſpielerinnen fühlten ſich hier nicht min⸗ der ſtark in ihrer Kunſt als die der Urania, und ſie genügten auch offenbar den Anſprüchen ihres Publikums nicht minder als dieſe. Es waren ehrſame Geſellen, Barbiere nicht zu vergeſſen; begeiſterte Jungfrauen und in der Kunſt hierher verſchlagene Frauen, welche dieſe Bühne zum Tummelplatz ihrer Talente, ihres Pathos, ihrer grammatikaliſchen Sprünge machten, und die unter ſich nicht minder auf Achtung hielten als ihre vornehmeren Collegen. Die erſten Helden und Cha⸗ rakterſpieler fuhren mit dem zweiten Liebhaber ſchlimm ab, wenn er ſich zu viel herausnahm, und die kleinen Geiſter ſpielten gegenüber den Statiſten dieſelbe Rolle. Alle hatten eine gemeinſchaftliche Garderobe, in der ſie ihre Coſtümirung und Tätowirung vornahmen, ſich gegenſeitig Hülfe leiſtend und die Großen unter Beiſtand eines alten Sünders von Theaterfriſeur. Nur eine Gardine trennte die beiden Ge⸗ ſchlechter. Der neugierige und vornehmeren Stadtvierteln ent⸗ ſtammende Fremde konnte für ein Glas Grog, welches er dem Regiſſeur ponirte, die Erlaubniß zum Eintritt in die

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Garderobe erhalten, ſelbſt in die der Damen und ſpäter hin⸗

ter die Cvuliſſen; doch gebot es Anſtand und Sitte, für dieſen Vorzug den Künſtlern und Künſtlerinnen durch einige Er⸗ friſchungen zu danken, wofür die Erſteren ſich mittheilſam die Letzteren ſich gern einige Freiheiten gefallen ießen..

Der Saal für das Publikum war in drei Plätze einge⸗ theilt, je zu drei, zwei und einem Groſchen. Der erſte Platz beſtand aus einigen Reihen Rohrſtühlen, an deren Lehne eine Nummer gemalt war früher pflegte man ſie mit Kreide anzuſchreiben, ſo daß der Inhaber des Platzes ſeine Nummer zur Controlle auf dem Rücken hatte. Der zweite Platz waren ſchlichte Holzbänke, der dritte die Gallerie, welche oben um die drei leeren Seiten des geräumigen Saales lief. Ein ſtarker Tabacksqualm dämpfte das Oellicht des Kronleuchters. Die alten Philiſter dieſer Zone rauchten ihre langen Pfeifen und bewegten ſich hinten im Saale. Das weibliche Publikum auf den Plätzen des zweiten Parquets ſtärkte ſich durch Weiß⸗ bier, und ihre männlichen Beiſtände hielten diekühlen Blon⸗ den mit dem obligaten Kümmel unter ihren Bänken in ſiche⸗ rer Obhut. Auf der Galerie drängten ſich Lehrburſchen mit Fabrikmädchen und trieben mit ihnen verliebte Schäferſpiele während der Zwiſchenakte. Große Andacht herrſchte, ſobald der Vorhang ſich erhob, und das dankbare Publikum klatſchte jedem wilden Pathos und jeder wüthenden Couliſſenreißerei aufrichtig Beifall. Mährend der Zwiſchenakte gaben vier auf⸗ gedunſene Muſikanten ihr Spiel zum Beſten und das Publi⸗ kum duldete es nicht leicht, daß ſie faullenzten, ohne daß ſich freilich der Kapellmeiſter deswegen in Unruhe verſetzen ließ. Auch die hohe Obrigkeit war hier durch ein Paar Augen des Geſetzes vertreten; doch wurde die eigentliche Polizei ſtets durch eine freiwillige Wachtmannſchaft von Herkuleſſen ausge⸗ übt, die wie einſt ihr Ahn den Antäus, ſo ruheſtörende Voigt⸗ und Ausländer vom Boden erhoben und vor die Thür in die freie Magiſtratsnatur niederſetzten. 8.

hie Welf, hie Waiblingen!

Sind die alten, grimmigen Kämpfe zwiſchen Welfen und Ghibellinen oder Waiblinger, wie die Hohenſtaufen nach einer ihrer Schwabenburgen genannt wurden, wirklich zu Ende? Die alten Kämpfe mit den Römerzügen, ja; aber die Prin⸗ cipien, welche dieſen Kriegen zu Grunde lagen, arbeiten noch immer fort, befehden ſich und brechen von Zeit zu Zeit im alten Haß wild aufeinander los. Das alte Welfenhaus, welches im Mittelalter über ſeinen Todfeind, die hohenſtau⸗ fiſchen Kaiſer, triumphirte, iſt jetzt dem Untergang geweiht. Braunſchweigs Dynaſtie erliſcht mit dem jetzigen Herzog; die hannoverſchen Welfen ſind entthront und ihr Reich iſt von den Ghibellinen⸗Preußen verſchlungen worden. Und die letz⸗ ten Kriege um Italien, ſpiegeln ſie nicht alle die Leidenſchaf⸗ ten und Gelüſte ab, welche den Jahrhunderte lang währenden Kämpfen zu Grunde lagen, in denen auf die ParoleHie Welf! der wilde SchlachtrufHie Waiblingen! ertönte? Waren die Oeſterreicher mit ihrem Anhang in Neapel und in Deutſchland nicht, was die alte Guelfen Partei im Mittel⸗ alter war, und iſt es nicht ſprechend, daß in dem letzten Krieg auf Oeſterreichs Seite auch der Nachkomme Heinrich's des Löwen ſtand, der letzte Welf? HOeſterreich, Neapel, wo Konradin von Hohenſtaufen auf dem bourboniſchen Blutgerüſt ſein jugendliches Heldenleben verlor; Baiern, das alte Wel⸗ fenland, Hannover, das neuere Alles auf einer Seite, unter einer Kriegsfahne, gegen Preußen und das wieder⸗ geborene Italien, welche das moderne Ghibellinenthum dar tellen?

Das Ghibellinenthum, ſeit Karl dem Großen entſtanden, von den Ottonen ausgebildet und von den Hohenſtaufen mit Gewalt geltend gemacht, von Dante in ſeinem WerkUeber die Monarchie philoſophiſch und in ſeinem unſterblichen Ge⸗ dicht poetiſch verherrlicht, erſtrebte die Herrſchaft über die

Kirche, die Stabilität der weltlichen Königsmacht, wie es Friedrich Wilhelm I. von Preußen auch als ſeine Lebensauf⸗ gabe hinſtellte und dieſe ſeinen Erben vermachte. Landes⸗ hoheit, hieß es, ſei dem Kaiſer, göttliches Anſehen in geiſt⸗ lichen Dingen dem Papſte durch ewige Beſtimmung der Gott⸗ heit angewieſen; während ſeit Gregor VII. die Päpſte ver⸗ kangten, daß das Weltliche dienend, das Geiſtliche herrſchend ſei und in dieſem Sinne die Guelfen⸗Partei den Hohenſtaufen entgegentrat und noch lange nach deren Untergang den Kampf fortſetzte bis heute, wo das Non possumus Pius IX. Italiens Wiedergeburt verhindern und das deutſche Welfen⸗ thum die nationale Erhebung der Nation nicht dulden wollte. Aber es iſt mit dieſem Guelfenthum heut zu Ende gekommen: der Papſt muß der weltlichen Herrſchaft entſagen, die Nation in Italien und Deutſchland hat die alten Ketten abgeſtreift, das Princip der Freiheit und Völkerunabhängigkeit, der Auf⸗ klärung und des Fortſchritts auf civiliſatoriſchen Bahnen wie es das Ghibellinenthum heutiger Zeit vertritt hat geſiegt.

Am 29. October 1268 war Konradin von Hohenſtaufen,

unglücklich im Kampf um Wiedereroberung ſeines neapolita⸗ niſchen Reichs, welches Karl von Anjou uſurpirt hatte, öffent⸗ lich auf deſſen Befehl enthauptet worden. Er war der letzte der Hohenſtaufen geweſen, und Deutſchland trauert noch heut um das Geſchick dieſes gemordeten Königsſohnes. Aber war der Kampf zwiſchen den Ghibellinen und Guelfen bisher nur ein Streit feindlicher Familien geweſen, ſo ward er durch den Sieg des neapolitaniſchen Anjou ein erbitterter Kampf politiſcher Parteien, der noch ein Jahrhundert mit abwech⸗ felndem Glück in Italien währte. Die Städte und Ritter Norditaliens theilten ſich in Parteien nach dieſem Namen und ſtellte ihre Mannen ins Feld. Im Jahre 1315 kam es

namentlich zu blutigen und heroiſchen Kämpfen zwiſchen bei⸗