Jahrgang 
1868
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Tageblattes findet Napoleons Wangen ſchlaff und welk der Berichterſtatter der ariſtokratiſch⸗ungariſchenDe⸗ batte verkündet, ſeine Züge ſeien weich, gutmüthig, gemüth⸗ lich; auf den Reporter N. im inſeratenfettenFremdenblatt macht ER den Eindruck eines Leidenden, dem das Gehen ſchwer ankommt, die marmornen Züge des Antlitzes, der ſtarre, matte Glanz des Auges erzählen von phyſiſchen und Seelenleiden. In derNeuen freien Preſſe ſieht der Kai⸗ ſer ſtramm und behäbig aus, der Körper iſt ſehr kräftig, der Gang feſt und leicht. Der Abendblatt⸗Correſpondeut der Preſſe entdeckt, EgR ſei ſehr gealtert, auch hinke er ein wenig, während der Morgenblatt⸗Correſpondent deſſelbes Blattes feierlichſt verkündet, Kaiſer Napoleon ſieht ſehr ſtattlich aus, ganz wie vor Jahren, er bewahrt conſequent den Zug mit Würde gepaarter Milde und Leutſeligkeit, das ſogenannte Hinken beſteht in einem vornehmen Nachſchleifen des Fußes. So gehen dieſe Variationen durch alle Blätter und erſtrecken ſich ſogar auf die Farbe des Geſichts, welche bald blaß, bald gelb, bald ſogar bronzefarbig genannt wird, und des Rockes, welchem alle Nüancen von dunkelblau bis vlivengrün zuge⸗ muthet werden. Die Urſache dieſer unendlich optiſchen Täu⸗ ſchungen iſt unſchwer zu errathen, und dürften uns hierüber die politiſchen Brillenfabrikanten der Herren Berichterſtatter den beſten Aufſchluß geben. Wie ſoll aber ein Geſchichts⸗ forſcher künftiger Generationen die Reſultate der Salzburger Zuſammenkunft richtig beurtheilen, wenn ſelbſt die Mitleben⸗ den über ſo hochwichtige Umſtände, wie Farbe und Schnitt des kaiſerlich franzöſiſchen Rockes vollſtändig im Unklaren bleiben? Einſtimmiger wird die Anſicht der verſchiedenen Rot⸗ tecks und Schloſſer der ſpäteſten Zeiten über den abſoluten Mangel origineller Ideen beim kaiſerlich⸗öſterreichiſchen Hof⸗ ceremvnienmeiſter lauten. Das Feſtprogramm in Salzburg iſt geradezu identiſch mit jenem, welches den. Sultan in Schönbrunn langweilte. Die einzigen Differenzen ſind, daß ſtatt derHirſchkuh der Wiener Männer⸗Geſangverein einen Abend füllte, große militäriſche Manöver aus politiſchen Grün den entfielen, und einige Augenblicke der idealſchönen Alpen⸗ welt, einige Stunden dem Luſtſchlößchen der ſeligen Madame Mabon, ehemals Freundin des höchſtſeligen Erzbiſchofs Sit⸗ tikus, oder jenem der Frau Salome Alt, welche daſſelbe Ehrenamt beim hochwürdigen Herrn Erzbiſchof Wolf Dietrich bekleidete, gewidmet wurden. Eine wohlgemeinte Illumina⸗ tion der Alpen mit etwa ſechzig Bergfeuern mislang total, da erſtens nahezu Vollmond war und zweitens zu ſehr mit dem Brennmateriale geſpart wurde. Dagegen gewährte der Himmel in ſeiner Langmuth den hohen Gäſten ein wunder⸗ bares Alpenglühen, auf das andere Touriſten in dem regen⸗ reichen Salzburg oft wochenlang warten muſſen. Tags darauf fuhr man nach dem Waſſerſchloſſe Hellbrunn, woſelbſt ſich die hohen und höchſten Herrſchaften weidlich ergötzten. Da ſieht man eine ganze Stadt mit Proceſſionen, die zur Kirche ziehen, Handwerker die ihr Geſchäft betreiben, ſchmie⸗ den, ſägen, feilen, hämmern. Alles iſt in lebhafter Bewe⸗ gung, denn heute ſind zu Ehren der hohen Gäſte die Schleu⸗ ſen geöffnet, und luſtig treibt das Waſſer die künſtlichen Mechanismen der Marionetten. Auch mit der Mythologie ſcheinen ſich die Herren Erzbiſchöfe vielfach befaßt zu haben. In ſeparaten Grotten nickt Aktäon mit dem geweihten Haupte, ſäbekt Perſeus unaufhörlich den Drachen nieder, welcher An⸗ dromache bedroht und ſchändet Apollo unermüdlich den un glückſeligen Marſias. In einer andern Grotte blöken fratzen⸗ hafte Köpfe waſſerſpeiend die bewegliche Zunge heraus, Kro⸗ nen ſteigen und fallen auf dem Waſſerſtrahle ſchwebend, und der Beſchauer wird durch und durch naß vom Sprühregen, der ſich plötzlich aus dem Hirſchgeweih über der Thüre er⸗ gießt. Dieſer etwas tölpelhafte Witz wiederholt ſich in hun⸗ dert Variationen. Man geht über eine Brücke, es regnet. Der Führer ladet uns hier ein, ſich zu ſetzen, wir fürchten Verrath und bleiben ſchüchtern der Bank fern, um von einem unſichtbaren Punkte mit ſehr fühlbaren Regen gerade von jener Stelle aus begoſſen zu werden, von der man es am wenigſten erwartete. Die größte Merkwürdigkeit Hellbrunns

tiſchen

chem die Trainpferde an

iſt wol jene Grotte, in der die wunderſchöne Statue eine am Boden hingeſtreckte Frauengeſtalt Eurhdice vorſtellt, an deren Seite Orpheus weinend die Geige ſpielt. Eurydice iſt zu⸗ gleich ein nach der Natur aufgenommenes Porträt der Ma⸗ dame Mabon und das Medaillon an ihrem Halſe trägt das Bild des Erzbiſchofs Marcus Sittikus.

Die Wiener Garniſon iſt beinahe vollſtändig zu den Uebungen im Lager bei Bruck an der Leitha abgerückt. Man trifft mit der Raaber Bahn auf einer höchſt langweiligen Schienenſtraße in etwa zwei Stunden, von der Sonne halb gebraten, daſelbſt ein, und beneidet die Glücklichen, welche die Ausſicht auf die einförmige Gegend, die nur an wenigen Punkten von Wallfahrern nach Maria⸗Lanzendorf belebt wird, verſchlafen konnten. In Bruck geht man am beſten über die Brücke, welche Dis⸗ und Cisleithanien trennt, vor der Statue des heiligen Johann von Nepomuk vorbei nach dem Felſen⸗ keller⸗Brauhauſe und, nachdem man ſich mit einigen Krügen Bier gelabt hat, in den großartigen engliſchen Park des Gra⸗ fen Harrach. Wer fühlt ſich ganz von Neid frei, wenn er dieſe reizenden Anlagen betritt! Um das Schlößchen, welches ſich an einen aus grauer Vorzeit conſervirten Wartthurm anſchmiegt, entwickeln ſich die herrlichſten Spaziergänge, welche bei jedem Schritte neue überraſchende Perſpectiven bieten, ohne jedoch der ordnenden Menſchenhand zu geſtatten, ſich ſtörend vorzudrängen. Stundenweite Schlangenwege führen uns in den zweiten Umkreis des Schloſſes, den Faſanengarten, der ſchon mehr und mehr dem Eigenwillen der Natur frei die Zügel ſchießen läßt, während im dritten Umkreiſe Wälder, Getreidefelder, Alleen von uralten Eichen und Ahornbäumen den Abſchluß des gräflichen Gebiets bilden, und wirkſamen Schutz gegen alle von außen kommenden Störungen gewäh⸗ ren. Zahlreiche Flußarme, ſtellenweiſe zu Teichen erweitert, zieren den Park, deſſen Thore wahrſcheinlich wegen des da⸗ ſelbſt gehegten Wildes ſtets geſchloſſen und von Dienern be⸗ wacht ſind, welche jedem Fremdling bereitwillig ſagen, ohne jeden Anſpruch auf ein Trinkgeld(), öffnen und hinter ihm wieder ſchließen. Die Thürhüter ſprechen nur böhmiſch oder ungariſch, und wenn man dieſer Sprachen nicht mächtig iſt, wird man gut thun, einen Dolmetſch mitzunehmen, der auch im Lager, woſelbſt die Majorität der Soldaten ebenfalls der deutſchen Sprache unkundig iſt, die beſten Dienſte leiſten wird. Schon in der Nähe des Parks beginnen die großen Holz⸗ baracken, welche wol eine Stunde Weges den Wieſenplan bedecken. Ihre Bauart und Einichtung iſt ſehr primitiv. Vier Wände und ein Breterdach umfaſſen die Betten nebſt dem Tiſche und die Bank, welche das geſammte Hausweſen einer Compagnie bilden. Einige Fahnen ſignaliſiren, daß ein Gaſtwirth theuern und ſchlecht affee nebſt Branntwein aus⸗ ſchänkt. Ein hölzerner Adletneben dem die Schildwache zum Himmel gähnt, charakteriſirt die unumgänglich nothwen⸗ dige Hauptwache. Eine Stunde von dort iſt auf einer im Staube erſtickten Wieſe Pflöcken gebunden in langen Reihen unter freiem Himmel campiren. Ein Triumphbogen, an dem die Erzherzoge Joſeph und Albrecht nebſt Suite harren, ſcheint uns eine Reihe von militäriſchen Schauſpielen zu pro⸗ phezeien, die ſonſt dem Civiliſten ſelten zu Theil werden. Es ſchlägt 5 Uhr, da verkünden ſechs Böllerſchüſſe, daß der Sultan vom Barackenlager ins Zeltlager zur Truppeninſpec⸗ tion kommen werde, und im ſelben Moment erſcheint ſchon ein Tambour als Bürgermeiſter auf einem mit Reiſig ge⸗ ſchmückten achtſpännigen Wagen, um Se. Majeſtät bei deſſen Umzuge durch das Zeltlager vorzufahren. Hinter ihm reitet ein Paſcha mit dreizehn Roßſchweifen, dann türkiſche Soldaten, denen eine mit Stiefelwichſe geſchwärzte Negerkapelle folgt. Nun erſcheint auch der Sultan auf einen Kommißſchimmel, ihm zur Seite eine ſehr degagirte Favoritſultanin in tie⸗ fem Schleier und mit wallendem Damengewande, der Groß⸗ Vezier, der Dolmetſch und Offiziere aller möglichen und un⸗ möglichen Nationen. Hierauf kommt eine Zigeunerbande, türkiſches Militär und zwei Adjutanten, von denen der Eine Orden aus Leder und Deckeln von Wichsſchachteln und

das Zeltlager angelegt, neben wel⸗

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