Jahrgang 
1868
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XI. Jahrgang. 1868. 2.

Der Fallenſteller.

Erzählung aus dem nordamerikaniſchen Grenzleben.

Von Balduin Möllhauſen.

(Fortſetzung.)

ir waren in die Waldung des Hügels eingetreten, die

einen Flächenraum von etwa drei Morgen bedeckte.

Das dicht beſtandene Geſträuch und umgefallene, ver⸗ modernde Baumſtämme, die das Vordringen erſchwerten, ver⸗ urſachten zugleich, daß auch die Unterhaltung ſtockte; dafür ſpähte Jeder um ſo aufmerkſamer nach dem Eigenthümer des geheimnißvollen Pferdes, ohne indeſſen auf eine Spur deſſel⸗ ben zu ſtoßen.

Näher nach der Mitte des Hügels hin wurde das Holz lichter und nach wenigen Schritten befanden wir uns unter der hohen Eiche, die Hooker als auf der Stelle ſtehend bezeichnet hatte, auf welcher er ſeine Blockhütte zu errichten gedachte.

Siſt'n alter, ſchöner Baum, begann Hooker, indem er die Arme über der Bruſt verſchränkte,allein ich kann ibn er iſt zu hoch und anſcheinend auch ſchon

o tein guter Nachbar für eines ehrlichen Mannes Haus, dem er alle Blitze des Himmels auf den Hals locken würde. Ja, ja, ſeine Zeit iſt abgelaufen, er muß fallen.

Er muß nicht fallen, antwortete es hinter der Eiche hervor und zugleich trat eine männliche Geſtalt um den mächtigen Stamm herum und gerade vor den überraſchten Farmer hin.

Da die ganze Geſellſchaft, einer patriarchaliſchen Sitte folgend, bisher dem Anſiedler, ohne ihn zu unterbrechen, das Wort gegönnt hatte, ſo machte auch jetzt Niemand Miene, für ihn einzutreten; dagegen beobachtete jeder Einzelne mit um ſo höherer Theilnahme den Fremden, der ſo plötzlich, wie aus der Erde gewachſen, vor uns erſchienen war.

Die Sonne hatte vielleicht noch zehn Minuten oder eine Viertelſtunde zu ſcheinen. Es war alſo ſelbſt unter den Bäumen noch hell genug, die Geſichtszüge des Fremdlings, in welchem wir ſogleich den Eigenthümer des gezähmten Muſtangs vermutheten, in allen Theilen genau unterſcheiden

zu können. Dieſelben waren vom Alter und durch klimatiſche

Einflüſſe tief gefurcht, gewiſſermaßen verhärtet, ohne daß da⸗ durch ein milder Ausdruck verdrängt worden wäre, der vor⸗ zugsweiſe durch ein Paar ſchöner, ernſter blauer Augen beſtimmt wurde. Ein langer weißer Vollbart verbarg die untere Hälfte des Greiſenantlitzes, ebenſo zeigten die ſchlicht auf die Schultern niederfallenden Haupthaare nur noch wenige, die ihre urſprüngliche dunkelblonde Farbe trugen.

Wachenhuſen's Hausfreund. KI. 1.

Trotz der ſiebenzig Jahre, die verwitternd über den greiſen Fremdling hingezogen ſein mochten, verrieth derſelbe in ſeinen Bewegungen noch einen Grad von Rüſtigkeit, wogegen ſeine etwas geneigte Haltung, namentlich das Einengen der Bruſt durch die breiten Schultern ſeiner Erſcheinung den Charakter von Lebensmüdigkeit verliehen. Seine Rüſtigkeit fand gewiſſer⸗ maßen ihre Erklärung in ſeinem Anzuge, der darauf hin⸗ deutete, daß ein Leben unausgeſetzter Thätigkeit, ein Leben voller Beſchwerden, Entbehrungen und Gefahren den Geiſt in ununterbrochener Spannung, den Körper aber in beſtändiger, die Kräfte ſtählender Uebung erhalten hatte. An ſeiner Bekleidung hätte man nämlich vergeblich nach Theilen geſucht, die an die Civiliſation erinnert hätten; es beſtand eben Alles aus indianiſch gegerbtem Leder, dem einzigen Stoffe, der den weſtlichen Jägern und Fallenſtellern in den abgeſchiedenen Wildniſſen zu Gebote ſteht. Ein abgetragener Lederrock hing loſe an den Oberkörper; wildlederne Gamaſchen ſchloſſen ſich nach unten an dieſen an, wie auch die Füße durch indianiſche Halbſtiefel von weich gegerbtem Biſamleder geſchützt wurden. Auf dem Kopfe trug er als Bedeckung den abgegriffenen Balg einer jungen Fiſchotter, der kunſtlos in Hutform gedörrt wor⸗ den war. Sein Tabacksbeutel, der von dem breiten Ledergurt bis auf ſeine Knie niederhing, beſtand aus dem prächtig ge⸗ zeichneten und mit größter Vorſicht abgeſtreiften Balg des Stinkthiers, wogegen er zu ſeiner Kugeltaſche faſt unzerſtör⸗ bares rohes Leder vom Biſon gewählt hatte. Auf der Kugel⸗ taſche hing ein großes Ochſenhorn, welches mit geringer Nachhülfe in einen Pulverbehälter verwandelt worden war; ein kurzes Beil und ein breites Jagdmeſſer beſchwerten auf der andern Seite ſeinen Gurt, während eine lange Kentucky⸗ Büchſe nachläſſig in ſeinem rechten Arme ruhte.

Erſcheinungen, wie ſie der ſo unerwartet vor ſie hin⸗ tretende Trapper oder Fallenſteller bot, ſind an den äußer⸗ ſten Grenzen der Civiliſation nichts Ungewöhnliches; die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit wendete ſich daher auch nach der erſten Ueberraſchung faſt ausſchließlich dem Geſpräche zu, welches zu eröffnen die beiden alten Männer im Begriff ſtanden.

Auf die mit ruhiger Entſchiedenheit geäußerte Bemerkung des Fremdlings, daß die Eiche nicht fallen müſſe, betrachtete Hooker dieſen eine Weile mit ſtummem Erſtaunen. Es er⸗ ſchien ihm unbegreiflich, daß ein Unbekannter ſich auf dem von ihm in geſetzlicher Form erſtandenen Boden ein derartiges Recht anmaßen könne, und offenbar hielt nur das hohe Alter