ſen iſt, ſo ſcheint es doch als ſollten endlich die Kanonen nicht mehr
das große Wort führen. Laß dir jetzt alſo erzählen, lieber Leſer, wie ich fortab mit dir in Unterhaltung zu bleiben gedenke. Unſere bürgerliche Geſellſchaft nimmt täglich einen mehr kosmo⸗
theile durch einander gequirlt; wir Deutſchen vorzugsweiſe haben uns dabei durch eine überwiegend zahlreiche Vertretung des germaniſchen Elementes als eine Nation gezeigt, die überall zu Hauſe, überall ſchnell heimiſch wird, und die ganze Welt als ihr Vaterland erkennt. Ja ſelbſt aus dem Schooß der fremdeſten und fernſten Nationen kamen Repräſentanten zu dieſem Völkercongreß, die, obgleich ſie als Engländer, Amerikaner und Ausſtralier auftreten, bei näherer Be⸗ ſichtigung gute, ehrliche Deutſche waren, denen jene Länder und Welt⸗ theile längſt zur zweiten Heimat geworden.
Wir Deutſche ſind mit Reſpect zu melden der Mäuſedr— unter dem Coriander. Wir ſind überall, greifen überall ſchnell und fleißig in die große bürgerliche Geſchäftsmaſchine ein, gedeihen überall und treten endlich überall in ſo zahlreichen Heerden auf, daß beiſpiels⸗ weiſe die Pariſer nicht begriffen, wie überhaupt noch Deutſche zu Hauſe geblieben ſein konnten, um daheim die Wirthſchaft und die Geſchäfte zu beſorgen.
Die Welt wird cosmopolitiſch, ſagte ich. Die Nationen verbin⸗ den ſich trotz dem immer wiederkehrenden Kriegslärm, ſo eng und unzertrennlich, daß die Nationalitäten wie Eſſig und Hel durch ein— ander laufen werden.
Hier ein Beweis: Da iſt in Paris die Société générale trans- atlantique, die überſeeiſche Geſellſchaft, die den Trieb der Zeit voll⸗ kommen verſtanden hat.
Stelle dir vor, Leſer, du beabſichtigeſt eine Reiſe um die Welt zu machen. Du wirſt zwar ſagen: der Mann ſcheint nicht bei Troſte zu ſein, wie ſoll ich dazu kommen, eine Reiſe um die Welt zu machen, meine Haut unter die Wilden zu tragen, ſchnöde umzukommen in all den Gefahren, während ich mich hier zu Hauſe ganz wohl befinde!
Der Gedanke iſt richtig, aber ſo ſagte man vor kaum mehr als ſünfundzwanzig Jahren auch, wenn Einer nach London oder Paris reiſen ſollte. Damals war es ſchwieriger und zeitraubender, von Verlin nach Wien oder nach Paris zu reiſen(von Konſtantinopel, Algier ꝛc. gar nicht zu reden), als es jetzt iſt, um die ganze Welt zu reiſen. Wer damals nach Rewyhork ging, ward als für dieſe Welt verſchollen betrachtet, und heute iſt mir der Mond gerade ſo weit, wie meiner kindlichen Phantaſie damals Braſilien war. Heute ſchicken wir ganze Armeen nach Mexico und ziehen ſie ganz ruhig wieder zu⸗ rück, wenn wir wünſchen, daß wir uns ein blaues Auge dort holen.
„Da iſt alſo die Société générale transatlantique, die derſelben Anſicht iſt. Sie hat geſehen, wie die Völker aus dem tieſſten Aſien, aus Japan und China, aus dem tiefſten Weſten, aus San⸗-Francisco und Havanna mit dem Reiſeſack in der Hand auf's Schiff gingen, um nach Paris zur Ausſtellung zu reiſen. Sie hatte früher ſchon geſehen, wie Siameſen und Japaneſen zu uns reiſten und wie wir zu den Japaneſen reiſten. Sie ſchickten uns Deputationen, wir
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aber endlich wurde ſie in ihrem Verſtecke doch aufgeſpürt.
ſchickten ihnen wieder welche, ja der Kaiſer von Japan ſchickte ſogar
ſeinen allerhöchſten Bruder nach Paris auf die Schule, weil er ſich ſagte: die Beherrſcher von Japan müſten in Zukunft Franzöſiſch und Deutſch lernen, der dumme Junge muß alſo in Paris in die Schule gehen.
So reiſte man hin und her. Extrazüge nach der Türkei, nach Egypten, um die Phramiden anzu⸗ ſehen, nach Paris und London um ſeine Ferien zuzubringen und bei Mabille und in Coventgarden zu Ball zu gehen.
So kam denn dieſe genannte Société auf einen capitalen Gedanken
Man veranſtaltete in Deutſchland
und tödtete zwei von ihnen.
Nach demſelben Prinzip, nach welchem man ſich gleich ein Retour⸗
billet geben läßt, wenn man von Berlin nach Potsdam, von Wien nach Vaden, von Frankfurt nach Wiesbaden fährt, gibt dieſe Geſell⸗ ſchaft fortab zugleich Retourbillets für die Reiſenden um die Welt.
Du lachſt, lieber Leſer; es verhält ſich ganz richtig ſo, und es kann mir paſſiren, daß ich demnächſt um die Welt reiſe und wieder zurück bin, ehe du eine Ahnung davon haſt!
Die Sache iſt folgende: Die transatlantiſche Geſellſchaft hat
eine direkte Verhindung mit China und Japan hergeſtellt, indem ſie
ihren Schiffsdienſt von dem franzöſiſchen Hafen St.-Nazaire nach Colon⸗Panama mit den Fahrten der amerikaniſchen Paciüe Mail
Steam Ship Company zwiſchen Panama, San-Francisco, Yokohama, Schanghai und Hongkong vereinte.
Man kann alſo fortab direkte Billets von Paris um die ganze Welt bekommen. Man nimmt ein ſolches Billet in Paris auf dem
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Vendome Platz, ſetzt ſich auf die damit ſchon bezahlte Eiſenbahn nach dem Hafen St. Nezaire; hier beſteigt man das Schiff, fährt nach der Landenge von Suez, wird hier übers Land gebracht(Alles ſchon be⸗
zahlt), ſetzt ſich wieder auf das Schiff, fährt nach Yokohama und Nangaſaki in 54 Tagen, weiter nach Shanghai und Hongkong(64 politiſchen Charakter an; die Pariſer Induſtrie⸗Ausſtellung hat mehr als alle ihre Vorgängerinnen die Völker aller Nationen, aller Welt⸗
— 65 Tage), reiſt von da nach Panama(Amerika) über die Land⸗ zunge(Alles bezahlt) und kehrt nach etwa hundert Tagen wieder in den franzöſiſchen Hafen zurück.
Die Reiſe um die Welt iſt damit zurückgelegt. Das Billet hin und zurück gilt auf ein ganzes Jahr, damit, wie die Geſellſchaft ſehr treffend ſagt, der Reiſende unterwegs ſeine Studien und Beobach⸗ tungen machen kann. Man beſteigt die regelmäßig fahrenden Schiſfe mit ſeinem Billet in der Hand, läßt ſich mit demſelben Billet von den Eiſenbahnen über die Landzungen ſchaffen, beſteigt das Schiff, das uns nach Europa zurückbringt, mit ſeinem Retourbillet, langt zu Hauſe wieder an, wiſcht ſich den Schweiß von der Stirn, den Staub von den Füßen und ruft: Uff! das war eine anſtändige Partie! Ich werde meinem guten Freund in Yokohama doch gleich ſchreiben, daß er mir meine Nachtmütze ſchickt, die ich bei ihm vergeſſen habe, und der kleinen blonden Amalie, mit der ich in dem Polka⸗Bierhaus in San⸗Franzisco ein zartes Verhältniß angeknüpft, muß ich auch mit⸗ theilen, daß ich glücklich angekommen bin!—
So großartige bürgerliche Geſichtspunkte wird in Zukunft die Welt annehmen und ſchließlich iſt ſie gar nicht einmal ſo groß, wie wir es als Kinder aus den Geographiebüchern lernen. Je größer wir werden, deſto kleiner erſcheint uns die Welt. Ich habe ſie mir einmal aus dem Luftballon angeſehen, und da ſah ſie aus wie ein großer Kürbiß, auf dem viele ſonderbare Inſekten herumlaufen.
Fortab, lieber Leſer, werde ich dir faſt in jeder Nummer eine
kosmopolitiſche Plauderei geben, die dich nicht allzuſehr langweilen ſoll. Während einige meiner Collegen zu Hauſe in meiner Redaction die Küche machen, werde ich bald aus Paris, aus London oder ſonſt woher dir hunderterlei erzählen, denn die Welt iſt voll der abenteuerlichſten wunderlichſten Geſchichten, unter denen ich mich herumtreibe, und von denen du deinen Antheil haben ſollſt.
Hans Wachenhuſen.
Die moderne Medea.
Zu den intereſſanteſten Gemälden der Maler⸗Akademie zu New⸗York gehört das, welches wir auf Seite 13 reproduciren. Der Künſtler Thomas Noble hat eine der Schreckensſcenen der Inſtitution der Sklaverei, wie ſie ehemals exiſtirte, illuſtrirt und ein lebensvolles und anziehen⸗ des Werk geliefert, obgleich es einen abſtoßenden Gegenſtand behan⸗ delt. Das Gemälde iſt nicht eine bloße Phantaſieſtizze; es iſt wirk⸗ lich hiſtoriſch, da es die treue Geſchichte einer Sklavin Namens Mar⸗ garetha Garner darſtellt, welche mit ihren Kindern vor einer Reihe von Jahren aus der Sklaverei aus Kentuckh nach Ohio entfloh. Das Sklaven Flüchtlings-Geſetz ſtand damals noch in Kraft und ihr Herr verfolgte ſie. Sie verbarg ſich in dem Hauſe einiger Stammesge— noſſen, mit deren Hilfe ſie für einige Zeit der Verfolgung entging; Sie ver⸗ theidigte ſich zwar gegen die Angriffe ihres Herrn und der Polizei⸗ beamten, aber ſie wurde dabei von einem Zimmer des Hauſes in das andere getrieben und war ſchließlich von allen Seiten umringt. Die Thür des Zimmers, worin ſie ihre letzte Zuflucht geſucht hatte, wurde erbrochen, und als die Verfolger eindrangen, erblickten ſie die ſchreckliche Scene, welche der Künſtler ſo erſchütternd dargeſtellt hat.
Als Margaretha Garner, von einer weit edleren Leidenſchaft wie die mhthiſche Medea getrieben, ſah, daß ihre Kinder der Sklaverei, die ſie ſelbſt erduldet hatte, verfallen wären, ergriff ſie ein Meſſer Bevor ſie aber das Leben des dritten vernichten konnte, wurde ſie von ihren mit Schreck erfüllten, aber herzloſen Verfolgern ergriffen. Nach ihrer Gefangennahme verſank ſie in ſprachloſe Betäubung, und als ſie in die Sklaverei zurückgekehrt war, täuſchte ſie eines Tages die Wachſamkeit ihres Aufſehers, ſtürzte ſich in den Ohio und fand dort ihre Freiheit.
Kleine Poſt der Redackion.
Herrn B. L. in Frankreich.— Wir bitten dringend um die verſprochenen Fort⸗ ſetzungen. Herrn C. Reinhardt in Presden.— Sie ſcheinen uns ganz vergeſſen zu haben,
wir bitten um ein Lebenszeichen.
Frau. B. Zielenzig. Wenden Sie ſich freundlichſt an die dortige Buchhand⸗ lung, dieſelbe beſorgt Ihnen das Verlangte billiger, als wir es im Stande wären.
Der Hansfrennd erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit ſchönen Original⸗Illuſtrationen, mit einem
mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
Preis pro Heft 5 Sgr.
Verlag der Hausfreund-Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans enuſen
Haupt⸗Expedition und Druck
bei F. A. Brockhhaus in Leipzig.


