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rungszuſtand verſetzen, um zu erklären, wo ich das her habe. Aber ich werde mich hüten, den Schatz herauszugeben. Und ſie werden ſuchen und forſchen und wühlen in Handſchriften und Folianten, ſie werden ſpezielle Nachgrabungen in Pom⸗ peji veranlaſſen und große Preiſe ausſchreiben, um den Gott ausfindig zu machen. Ich aber werde mich in die vornehme Toga eines undurchdringlichen, vielſagenden Schweigens hüllen und mir ins Fäuſtchen lachen. Es iſt wahrhaftig gar nicht ſchwer, unſterblich zu werden. Man muß es nur verſtehen⸗
Wir haben vor einigen Tagen ein Ereigniß erlebt, wie es ſeit Menſchengedenken in Berlin nicht vorgekommen. Keine Chronik berichtet etwas Aehnliches. Es hat ein Erdrutſch ſtattgefunden, und ein paar grüne Lauben wurden mit einem Grasbeet in den Zwirngraben hinabgezogen. Ob in den benachbarten Häuſern ein Stoß, eine Erſchütterung wahrge⸗ nommen worden, ob ſich irgendwo prickelnde Schwefeldämpfe entwickelt h“en, darüber ſchweigt die Fama. Auch Men⸗ ſchenleben ſnd dem großartigen Naturereigniß nicht zum Opfer gefallen. Der Zwirngraben iſt ein Ableger des ſo⸗ genannten grünen Grabens, und es war ihm eine ſolche re— volutionäre Umſturzidee um ſo weniger zuzutrauen, als ſeine Wellen ſchon ſeit geraumer Zeit keiner Bewegung mehr hul— digen, ſondern vielmehr durch ihre ſtehende ltung und die loyale Aufnahme häuslicher Schlacken und abgenutzter Lebens⸗ reſte ihre Friedensliebe aufs Deutlichſte kand geben. Wir ſind begierig zu erfahren, was eigentlich die Gemüthsruhe dieſes ſtockenden Gewäſſers plötzlich aufgeregt, und dürfen, da die ordnungsmäßigen Unterſuchungen mit Nächſtem ihren Anfang nehmen, den intereſſanteſten Enthüllungen entgegenſehen.
Die Wahlen zum Reichstag haben wieder Leben in die Bude gebracht. Es iſt gut, daß von Zeit zu Zeit etwas Lärm und Skandal den politiſchen Geiſt aufrüttelt. Man ſchläft zu leicht ein und träumt im Vertrauensduſel von ſchö⸗ nen Sachen und Sächelchen, die in Wirklichkeit nicht exiſtiren. Fs ſteckt immer noch ein gut Stück Michel in der deutſchen Seele, und es wird noch lange dauern, ehe wir uns von dieſem Vetter⸗Ahasverus für immer losmachen. An Vorver⸗ ſammlungen hat es nicht gefehlt. Alle Parteiſchattirungen haben an der Verwirklichung ihrer Wünſche gearbeitet. Es war ein reges Leben. Das politiſche Bewußtſein macht ent⸗ ſchieden Fortſchritte im Volke, wenigſtens im Berliner Volke. Es weiß, wo ſeine Freunde und wo ſeine Gegner ſtehen. Aber aus allen Reden, die wir gehört und geleſen, guckt doch eine gewiſſe Unbehaglichkeit hervor, wie ſie immer Zu⸗ ſtände der Unklarheit und Ungewißheit zu begleiten pflegt. Wir fühlen es, wir befinden uns in einem Uebergangsſtadium, es müſſen noch große Urſachen in der Luft ſchweben, um große Wirkungen herbeizuführen, wir haben kein Vertrauen zu der Friedensliga in Genf, es gibt noch zu viele Knoten in Paris und Wien, in Rom und Berlin, im Orient und Occident, die nur mit dem Schwerte zu löſen ſind, und der norddeütſche Wähler kann und darf es keinen Augenblick ver⸗ geſſen:„Sein Vaterland muß größer ſein!“
Dieſe Parole darf uns nicht aus dem Sinn, wenn auch das Queckſilber der Börſe wieder in die Höhe geht, und die Reden Ludwig Napoleon's auf„ſchönes Wetter“ zeigen. Was hat ER in Arras, was hat ER in Lille und, wo er überhaupt zu reden hatte, geſagt? Milch und Honig quellen von ſeinen Lippen, Liebe und Freundſchaft, Treue und Wahr⸗ heit ſtrömen aus ſeinem Herzen, in dem nur die Idee der Eiviliſativn und der Gedanke der Volksbeglückung eine Stelle finden. Von Hintergedanken und Hinterladern iſt keine Rede, und pure Verleumdung iſt es, an gewiſſe hiſtoriſche Aeuße⸗ rungen der Vergangenheit und an jenen ſchönen Vers zu er— innern:„Das was er ſagt, das thut er nicht, und was er thut, das ſagt er nicht!“ O über die große Zahl der großen Schauſpieler in unſerer Zeit! Es iſt wol richtig, daß die Breter die Welt bedeuten, aber die ganze Welt iſt heutzutage nur— ein großes Bret: Couliſſenreißerei, Zu⸗ und Ein⸗ flüſterungen, Auftritte aller Ark, eines Spiel, ſchöne Mas⸗
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ken, blendende Decorationen, Verſenkung, große Claque, Bou⸗ quets, Kränze u. ſ. w.
In einem Blumenmeer ſchwamm geſtern Fräulein von Edelsberg auf den Bretern des königlichen Opernhauſes. Das
unverhoffte, freudige Wiederſehen hat ſeine eigene Blumen⸗
ſprache, wenn auch die Zahl derer, die dieſe theure Sprache ſprechen, nicht ſehr groß iſt. Das Auftreten der wackern, beliebten Sängerin war ein unerwartetes. Nach den Con⸗ flicten zwiſchen ihr und Herrn von Hülſen, die in intereſſan⸗ ten Zeitungscorreſpondenzen zum Ausdruck und zur allgemei⸗ nen Kenntniß gekommen waren, durfte man an einen unheil⸗ baren Bruch glauben. Aber die Brüche bei Schauſpielern ſind nicht ſo ſchlimm wie in andern Berufsklaſſen, wenn nur goldene Worte oder andere goldene Apparate zum Schienen⸗ verband verwendet werden. Jedenfalls freuen wir uns der geſchehenen Heilung, freuen wir uns, daß die Strike der Königlichen endlich ein Ende genommen. Schauſpiel und Oper ſind Lebensbedingungen einer großen Stadt. Nach langer Diätcur iſt der Heißhunger ein ſehr natürlicher und berechtigter. Hoffentlich findet er ſeine volle Befriedigung. Betz iſt da, die kleine Lucca kommt und Wachtel iſt wieder engagirt. Alſo auf dem Felde der Oper blüht unſer Wei⸗ zen. Wachtel wird, wie wir hören, fünf Monate hinter⸗ einander der Unſere ſein. Wir haben nie daran gezweifelt, daß ſeine Stimme Metall hat, aber wenn wir an ſeine En⸗ gagementskdingungen denken, müſſen wir ſie mit vollem Recht als eine Kapitalſtimme bezeichnen. Für jede Vor⸗ ſtellung(und acht mal muß er monatlich ſingen) erhält er 300, ſage, dreihundert Thaler, eine Summe, mit der man⸗ cher Schullehrer das ganze Jahr auskommen muß. Die Ver⸗ mittelung ſeines Engagements ſoll einem Theateragenten eine Proviſion von 1500 Thalern gebracht haben. Das ſind Zahlen, von denen mancher beſchränkte Unterthanenverſtand kaum eine Ahnung hat. Solcher Theateragenten gibt es mehrere in Berlin, und ſie machen alle ihr Geſchäft. Dieſen Berufszweig hat die neue Zeit geſchaffen, die faſt in jede Stadt ihren Thespiskarren hinſchiebt. Der Theateragent iſt die Brücke zwiſchen Nachfrage und Angebot, er iſt der Makler der dramatiſchen Börſe, er fertigt die Schlußſcheine aus, er regulirt die Curſe und macht den Curszettel. Ein ſolcher Curszettel(den wir leider nicht zu leſen bekommen) muß viel Intereſſantes bieten; z. B. Soubretten— flau; erſte Tenöre 1000— 5000 Thaler; Intriganten— ſehr begehrt erſte Liebhaberinnen— Mehreres gemacht; Mütter— mehr Brief als Geld u. dgl.
Similia similibus! Aehnliches führt zu Aehnlichem! Sn kommen wir noch vor Thoresſchluß, d. h. vor Schluß dieſes Artikels, zu einem ſeltenen Feſte, das vor einigen Tagen in unſern Mauern begangen wurde. Urania, die bekannte Privattheater⸗-Geſellſchaft, feierte ihr fünfundſiebzigjähriges Be⸗ ſtehen. Große Künſtler und Künſtlerinnen haben hier ihre erſte Schule gehabt und den erſten Grund gelegt au ihrer künftigen Größe. Stich u. ſ. w., hier gaſtirten, wenn es einem wohchätigen Zwecke galt, die beſten Kräfte aller andern Bühnen Berlins. Daher die große Theilnahme, die das ſchöne Jubiläum erregte, und die Mitwirkung ſo vieler Talente, dem Feſte ſei⸗ nen Glanz, ſeine Bedeutung zu geben.„Menſchenhaß und Reue“ wurde mit Berndal und Döring, mit Frau Hiltl und Fräulein Ulrich vortrefflich zur Darſtellung gebracht, daſſelbe Drama, mit dem der Verein 1792 ſeine dramatiſchen Be⸗ ſtrebungen in Hoffnung begonnen hatte. Erfreulich iſt ſein Rückblick auf ſeine vergangene Thätigkeit und berechtigt der Wunſch, daß ſich die Roſe mit ihen 75 duftigen Blättern zu einer echten Centifolie entwickele. Aus vollem Herzen ſtim⸗ men wir den Schlußworten des Prologs bei, der meiſterhaften Schöpfung Rudolf Löwenſtein's:
Geſegnet ſeiſt du Volk, du liebes Haus, Bis du einſt ſtrahlſt in hundertjährigem Glanze! A L.
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Hier debütirten Lemm, Blume, Fleck, die
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