Jahrgang 
1868
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Wobei? fragte der Schulmann verwundert. Nun, bei der Probelection. Dies Vergnügen ſteht mir noch bevor ich bin ge⸗ rade im Begriff, die nöthigen Beſuche zu machen.

O, das thut mir leid, ſagte der Wirth.Ich glaubte ganz ſicher, daß Sie Derjenige ſeien, zu deſſen Probelection der Sohn meines Nachbars hier nach dem Gymnaſium be⸗ ſchieden worden iſt, und daß die Sache bereits abgethan ſei.

Wie? Ein anderer Bewerber um die Conrectorſtelle hält heute Morgen eine Probelection? fragte Jener, durch dieſe Mittheilung ſichtlich unangenehm überraſcht.

Ja, ſo iſt es, beſtätigte der Nachbar des Wirthes. Mein Sohn ging vor zwei Stunden mit ſeinen lateiniſchen und griechiſchen Büchern fort und ſagte, er werde heute wahr⸗ ſcheinlich nicht zur gewöhnlichen Zeit nach Hauſe kommen.

Wenn die Dinge ſo ſtehen, erwiderte der Schulmann, ſo bitte ich Sie, Herr Wirth, mir ſogleich einen Wagen nach Seehauſen beſtellen zu laſſen.

Der Wirth blickte ſeinen Gaſt erſtaunt an.

Einen Wagen nach Seehauſen? wiederholte er.Wol⸗ len Sie denn nicht...

Ich will Niemandem in den Weg treten, fiel ihm der Conrector in die Rede,und eben ſo wenig hab' ich Luſt,

demüthig um eine Stelle zu betteln, die vielleicht ſchon einem Andren zugeſagt iſt. Wenn man meiner zu bedürfen glaubt, mag man mich rufen.

Nach dieſen Worten wiederholte er nachdrücklich ſeine Bitte, ihm einen Wagen beſtellen zu laſſen, ſetzte ſich an den Tiſch, auf dem ein Schreibzeug ſtand, warf raſch einige Zei⸗ len auf ein Blatt Papier, faltete und verſiegelte dieſes und überreichte es dem Wirth mit dem Erſuchen, daſſelbe ſo bald wie möglich an den Rector des Gymnaſiums zu befördern, da er dem Letzteren darin anzeige, daß er von der Bewerbung um die Conrectorſtelle in Salzwedel zurücktrete.

Eine halbe Stunde ſpäter raſſelte der Wagen vor die Thür; der Conrector bezahlte ſeine beſcheidene Rechnung, ſagte dem Wirth Lebewohl und fuhr ſeinem einſamen Aufenthalts⸗ ort unweit der Elbe zu.

Am Abend war in dem Gaſthofe faſt von nichts Ande⸗ rem die Rede als von dem Conrector aus Seehauſen und von deſſen eigenthümlichem Weſen, und als einer der Stamm⸗ gäſte fragte, wie der ſo plötzlich zurückgetretene Bewerber heiße, erwiderte der Wirth:Johann Joachim Winckel⸗ mann.*)

) Schöpfer der Kunſtwiſſenſchaft, nicht blos für Deutſchland, ſondern für Europa.

Berliner

Wieder 25 Grad! Wir hatten uns ſchon ſo hübſch im Juli an den Plaid und an den Paletot gewöhnt und uns durch ein gehöriges Schmieren mit dem Gedanken vertraut gemacht, unſern zur Dispoſition geſtellten Ofen zu einem frühen Winterfeldzug wieder in Activität zu verſetzen! Auf einmal macht Zeus unſerm ſo berechtigten Ideengang ein ſchnelles Ende. Wie geht das zu? Was bringt Herrn Reaumur ſo urplötzlich in die Hitze und in die Höhe? Ihr gelehrten Meteorologen, gebt Antwort! Ihr ſchweigt. Oüber die Armſeligkeit der Wiſſenſchaft in unſerm vielgeprieſenen Jahrhundert! Da waren die griechiſchen Naturforſcher doch ganz andere Leute. Sie nahmen(ich habe das einmal ir⸗ gendwo geleſen) die Exiſtenz eines Gottes an, dem das Reſſort der Temperatur zuertheilt war. Dieſer junge Gott hatte verſchiedene Säcke mit Kälte und Wärme im Olymp aufgeſtapelt, die er, wie Aeolus ſeine Winde, ad libitum auf die Erde losließ. Warum geſtern kalt, warum heute warm, das war den Hellenen höchſt gleichgültig. Aöroc ea: Jupi⸗ ter hat's einmal ſo haben wollen! Das waren doch prakti⸗ ſche Leute, die Hellenen. Wir würden uns dabei wahrhaftig nicht beruhigen. Wir würden uns den Kopf zerbrechen über die Motive, die den allerhöchſten jovialen Befehlen wol zu Grunde liegen, wir würden uns in Reflexionen, Deductionen, Combinativnen, Concluſionen, Ventilationen und Calculationen vertiefen und auf analytiſch⸗ſynthetiſchem Grunde fortbauend, dahin gelangen, die Conſtruction jener olympiſchen Wärme⸗ ſäcke annähernd feſtzuſtellen und über ihre phyſikaliſche Be⸗ ſchaffenheit, ihre Expanſion, ihren Flächenraum, ihren Ver⸗ ſchluß die gelehrteſten Anſchauungen zu Tage fördern. Ja, wir würden der Möglichkeit Raum geben, es habe die catoriſche Gottheit, um die in dieſem Sommer ausſchwei fende Reiſeſucht zu ironiſiren und zu ſtrafen, alle Wärme in ihrem Arnheim feſt verſchloſſen gehalten und ſie zu⸗ erſt wieder über Salzburg ausſtrömen laſſen, wo ſie in den warmen Händedrücken der Kaiſer und den glühenden Küſſen

der Kaiſerinnen zum idealen, internationalen Ausdruck ge⸗ kommen ſei. Ja, die griechiſche Harmloſigkeit iſt uns leider verloren gegangen, wir leben in einer kritiſchen Zeit, und ſchütteln ſelbſtbedenklich und zweifelnd den Kopf, wenn der Moniteur, dem die Wahrheit doch über Alles geht, der Belt die Verſicherung gibt: Salsebourg c'est la paix! Wie dem auch ſei, die große Wärme des Spätſommers gehört nicht in das Gebiet der Mythologie. Wir haben ſie und empfinden ſie nirgends ſchwerer als in der Metropole er Intelligenz. Sie iſt ganz dazu geeignet, die Blüte un⸗

S. Schnitzel.

ſerer Rinnſteine zu entfalten, die, wie andere Pflanzen zumal des Abends, mit unerträglichen Düften die Luft er⸗ füllen. Sie ſind freilich, daß wir der Wahrheit die Ehre geben, nicht allein die Träger dieſer Parfüms. Wer Berlin kennt, kennt auch jene langgeſtreckten, düſtern Wagen, die Abends nach 10 Uhr die Straßen der Reſidenz unſicher machen. Wie Leichenwagen ſchleichen ſie in langſamem Schritt dahin, von magiſchem Scheine kleiner Laternen beleuchtet, die in den Händen dämoniſcher Weiber hin und her flunkern. Ab und zu verſchwinden dieſe Nachtgeſtalten, dieſe ſonderba⸗ ren Vertreterinnen des ſchönen Geſchlechts, dieſe Demi⸗Monde der ſchmuzigſten Art, um neue Opfer zu holen und neuen Weihrauch zu ſtreuen dem Gott der Lüfte. Das ſind Mo⸗ mente, in denen man geneigt iſt, die Natur in Anklageſtand zu verſetzen, dafür, daß ſie uns mit fünf, ſtatt mit vier Sinnen ausgeſtattet hat. Das ſind Augenblicke, in denen man wol die Väter der Stadt herbeiwünſcht, um ſie mit den Bedürfniſſen der Bürger bekannt zu machen und ihnen Dinge zu ſagen, die ihnen in die Naſe gehen ſollten. Ach, die guten Väter der Stadt haben entweder kein Herz für ihre Kinder, oder ſie erfreuen ſich eines undurchdring⸗ lichen Stockſchnupfens. Da oben ſtehen ſie auf der höchſten Spitze des Rathhausthurmes, die in dieſen Tagen fertig ge⸗ worden, und freuen ſich ihrer Höhe und vergeſſen die Höhe der ſtädtiſchen Schulden und danken Gott in der Höhe, der Alles zum Beſten lenket. Da unten aber iſts fürchter⸗ lich! Hier wäre ein großes Feld für communale Thätigkeit, hier müßten ſtadträthliche Herkuleſſe eingreifen, um ſo viele Augiasſtälle zu reinigen und den gröblich verletzten Geſetzen der Aeſthetik und Diätetik Achtung und Geltung zu verſchaffen. Unter ſolchen Verhältniſſen kann die Geſundheit der Reſidenz⸗ ler unmöglich gedeihen. Dabei iſt die Cholera vor der Thür. Alles iſt zu ihrem Empfange bereit. Lazarethe ſind einge⸗ richtet, Aerzte beſtellt, Tragkörbe warten ihrer Beſtimmung, Desinfectionsmittel der beſten Art ſind aufgeſpeichert. Das iſt Alles ganz ſchön und anerkennenswerth. Aber viele Tau⸗ ſende könnten geſpart werden, wenn man die erſte Grund⸗ bedingung der Geſundheit im Auge behielte und daran dächte, das Bischen freie Luft, das wir athmen ſollen, uns nicht durch Wohlgerüche aller Art zu verkümmern.

Ich hee oben von einem neuen griechiſchen Gott ge⸗ ſprochen, deſſen Auffindung mir gelungen, von dem Gott der Wärme. Dieſe Bemerkung, das ſehe ich kommen, wird Epoche machen in der gelehrten und ungelehrten Welt. Die große philologiſche Zunft wird mich beſtürmen, mich in Belage⸗