Jahrgang 
1868
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und ein Geſpräch mit ihm anknüpften, um zu erfahren, wer er ſei, woher er komme, und was ihn nach Salzwedel führe. Nach einer kurzen Converſation über das Reiſen im Allgemeinen begann der Wirth den Angriff mit folgendem Fühler:

Der Weg von Gardelegen nach Salzwedel iſt gegen⸗ wärtig entſetzlich ſchlecht nicht wahr?

Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, Her Wirth, verſetzte der Fremde;ich komme von Seehauſen.

Ah, Sie kommen von Seehauſen! rief Jener.Da iſt etwas Anderes!

Wie geht es denn dem dicken Tuchhändler Billendorf? fragte der älteſte der Stammgäſte, ein wohlhabender Tuch⸗ fabrikant.

Ich habe nicht das Vergnügen, zu kennen, gab der Fremde zürück.

O, dann häb ich meine Wette gewonnen! rief ſchlaue Stammgaſt.

Was für eine Wette? Nun, ich habe mit meinem Tiſchnachbar hier gewettet, daß Sie ein Handlungsreiſender ſeien.

Ueber die bleichen Züge des Fremden flog ein eißen⸗ thümliches Lächeln, und mit einem Anflug von Wehmuth ſver⸗ etzte er: Ich habe mich einem weniger lucrativen Beruf gwid⸗ met ich bin Gymnaſiallehrer.

Ah ſo! Sie ſind Lehrer an der Schule in Seehalſen! conſtatirte der Wirth.Ein Lehrer hat einen ſehr ſehren⸗ vollen Beruf.

Aber auch einen ſehr mühevollen! bemerkte der Fremde.

In den erſten zehn Jahren mag das wohl der Fall ſein, ſagte einer der beiden andern Stammgäſte, ei Eiſen⸗ waarenhändler;aber wers erſt zum Rector gebracht hat, iſt ein gemachter Mann.

Ja, ſo ein Rector oder Direktor ſteht ſich ſehr gut! fügte der dritte Stammgaſt, ein reicher Oekonom ufid Bren⸗ nereibeſitzer, hinzu.

Dann hätt ich die Ausſicht, mich noch eine Reihe von Jahren plagen zu müſſen, erwiderte der Schulmann ſeuf⸗ zend;ich habe es erſt bis zum Conrector gebracht,

Nichts für ungut, lieber Herr Conrector, ſagte der Tuchfabrikant;aber ich meine, wenn man Eins in's Andre rechnet, dürfen ſich die ſtudirten Herren eigentlich nicht be⸗ klagen. So lange ſie Gymnaſiaſten ſind, brauchen ſie gerade nicht übermäßig viel zu arbeiten, haben jährlich zwei bis drei Monate Ferien und leben überhaupt ganz bequem. Hernach beziehen ſie die Univerſität, verjubeln dort drei bis vier Jahre, gucken gegen das Ende ihrer ſogenannten Studienzeit hin und wieder ein wenig in ihre Bücher und Collegienhefte, machen ihr Examen und erhalten dann früher oder ſpäter eine An⸗ ſtellung, die ihnen ein anſtändiges Auskommen ſichert. Daß ſie ſich in den erſten Jahren ihrer Amtsthätigkeit mitunter etwas anſtrengen müſſen, bringt das Leben nun einmal ſo mit ſich.

Der Conrector von Seehauſen blickte den wohlgenährten Tuchfabrikanten ſchmerzlich an und erwiderte mit tiefem Ernſt:

Sie ſcheinen nur die glänzende Seite des Lebens Der⸗ jenigen zu kennen, welche ſich den Studien gewidmet haben oder vielleicht haben Sie nur ſolche ſtudirte Leuthikennen ge⸗ lernt, welche ſo viel Vermögen beſaßen, daß ſie wen Wiſſen⸗ ſchaften nur oblagen, um doch irgend etwas zu treiben! Es gibt aber auch Viele, ſehr Viele, die von Jugend auf mit Entbehrungen und Noth zu kämpfen haben die als Gym⸗ naſiaſten weder Freiſtunden noch Ferien kennen, ſondern Un⸗ terricht geben müſſen, um die Mittel zu ihrer eignen Fort⸗ bildung zu gewinnen die als Studenten den Jubel Andrer nur von ferne hören, ohne jemals in denſelben einſtimmen zu können, und vom Morgen bis tief in die Nacht unter Büchern und Papieren vergraben ſitzen, und die in das Berufsleben nur eintreten, um zu den Sorgen für das tägliche Brot auch noch Verantwortlichkeit aller Art auf ſich zu laden.

Der Tuchfabrikant griff mit einem Anflug von Verlegen⸗

den genannten Herfn

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heit nach dem vor ihm ſtehenden vollen Glaſe, der Schulmann aber fuhr mit ſteigender Wärme fort:

Und dennoch würden viele von dieſen Jüngern der Wiſſenſchaft nicht mit Denen tauſchen, welche Gott ſo über⸗ reich mit irdiſchen Gütern geſegnet hat, daß deren Genuß ihnen als der Zweck des Lebens erſcheint; denn die Wiſſen⸗ ſchaft gewährt Denen, welche ſich ihr mit voller Seele hin⸗ geben, Freuden und Genüſſe, die ſich mit keinen andern ver⸗ gleichen laſſen. Auch ich habe früh das Bittere der Dürftig⸗ keit kennen gelernt, denn mein Vater war ein armer Hand⸗ werker in Stendal, der wenig für meine Ausbildung thun konnte aher trotz aller Widerwärtigkeiten, womit ich zu kämpfen gehaht, bereue ich es keinen Augenblick, pas Gebiet der Wiſſenſchaften betreten zu haben, und würde mit keinem jener A tauſchen, denen geiſtige Güter gleichgültig ſind.

Die drei Stammgäſte und der Wirth ſchauten dem Re⸗ denden, deſſen Augen von edler Begeiſterung leuchteten, ver⸗ wundert in das bleiche Antlitz ſie ſchienen nicht recht zu begreifen, daß ein Menſch, der offenbar in gedrückten Ver⸗ hältniſſen lebte) ſo ſprechen könne. Der gewandte Wirth fühlte indeſſen ſahr bald, daß es beſſer ſei, dem Geſpräch eine andre Wendung zu geben, und ſo fragte er den Schulmann denn, ob er in/ Salzwedel bekannt ſei.

O jaerwiderte der Conrector;von meinem neun⸗ zehnten bis zu meinem einundzwanzigſten Jahre habe ich das hieſige Gymnhſium beſucht und bin auch ſpäter dann und wann hier geweſen.

Sie haben jetzt wohl Ferien, Herr Conrector? lautete der nächſte Fühler des Wirthes.

Ich habe mir zu einem beſondern Zweck für einige Tage Ferien erbeten, verſetzte Jener.

Ah, Sie haben gewiß ein Bräutchen hier, welches Sie demnächſt zum Altare führen wollen? warf der Oekonom und Brennereibeſitzer hin.

Die Züge des Schulmannes nahmen bei dieſer Frage einen ſchmerzlichen Ausdruck an, und nach kurzem Schweigen entgegnete er mit erzwungenem Lächeln:

Wenn Sie mir einmal das Vergnügen machen wollen, mich in meinem Conrectorpalaſt zu beſuchen, ſo werden Sie ſich beim erſten Blicke davon überzeugen, daß der Gedanke, ein Weib heimzuführen, nicht in meiner Seele auftauchen kann.

Warum bleiben Sie denn in dem kleinen Neſte, dem Seehauſen, wo nichts zu holen iſt? rief der Wirth⸗Man hört es Ihnen an, daß ſie tüchtig gearbeitet und viel gelernt haben warum bewerben Sie ſich nicht um eine Stelle in einer größern Stadt? Hier iſt gerade die Conrectorſtelle va⸗ cant wenn Sie dieſelbe erhalten, ſtehen Sie ſich weit beſſer als in Seehauſen.

Was Sie mir da rathen, hab ich bereits Fechan, verſetzte der Schulmann.Ich bin zu einer Probelection aufgefordert worden, und der nächſte Tag wird über mein ferneres Schickſal entſcheiden.

Das ganze Weſen des Conrectors von Seehauſen hatte einen ſo günſtigen Eindruck auf alle Anweſenden hervorge⸗ bracht, daß dieſe die lebhafteſte Freude über ſein Vorhaben äußerten und ihm für den nächſten Tag den beſten Erfolg wünſchten.

Nachdem die drei Stammgäſte und der Wirth ſich noch über Mancherlei mit dem Salzwedeler Conrector in spe unter⸗ halten hatten, ſuchte dieſer ſein Zimmer auf und begab ſich zur Ruhe, während Jene noch eine gute Weile ihre Angriffe auf die von einem dienſtbaren Geiſt auf den Kampfplatz po⸗

ſtirten friſchen Flaſchen fortſetzten.

Als der Conrector von Seehauſen am folgenden Mor⸗ gen gegen elf Uhr in ſeinem beſten Arzug in's große Gaſt⸗ zimmer trat, wo er Abends zuvor mit den drei Stammgäſten und dem Wirth geplaudert, fand er dort den letzteren in einem Geſpräch mit einem Bürger Salzwedels. Beim Anblick ſeines Gaſtes ſprang der Wirth uüf, eilte ihm entgegen und forſchte halb theilnehmend u halb neugierig:

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Wie iſt es hnen ergangen, Herr Conrector? 3

MW