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Glanz ſelbſt durch die vielen Blutflecken, welche daran hafteten, nicht ganz hatte verdunkelt werden können.
Als er auf die lichtere Stelle hinaustrat, ſah er ſich zuerſt vorſichtig nach allen Seiten um; da er jedoch nirgends ein lebendiges Weſen gewahrte, eilte er ein paar Schritte in den Wald zurück, und gleich nachher er⸗ ſchien er wieder auf dem Schneefelde mit einem fetten Rehbocke belaſtet. Mit hurtigen Schritten eilte er vorwärts, indem er nicht unterließ, dann und wann ſeine kleinen funkelnden Augen nach allen Richtungen zu entſenden, um zu bemerken, ob ihn auch ein unberufener Zeuge ſeines Diebſtahls verfolge.
Schon zitterte ihm von Ferne ein matter Lichtſchein aus dem väterlichen Hauſe entgegen, als ein Schlitten dicht hinter ihm ſein Ge⸗ läute luſtig durch die unheimliche Stille des Abends erklingen ließ. Raſch warf Paul ſeinen Raub und ſeine Flinte in einen Graben und verſteckte das Pulverhorn unter ſeinem Kittel.„Verdammtes Pack!“ murmelte er, während der Schlitten mit ſeiner feſtlich ge⸗ putzten Laſt an ihm vorüberglitt,„was ſtört Ihr einen armen Burſchen in ſeinem müh⸗ ſeligen Gewerk?“ Damit hob er die geladene Flinte wieder empor und ein böſer Gedanke durchzuckte ſein Inneres, als er das Mord⸗ wertzeug in den Händen hielt.„Hochmüthige Lyrannen!“ dachte er,„was prahlt Ihr mit Eurer Mo und dem todten Glanze, der Ere Paliſte ſchmückt? Sind Wir nicht die Eures Lebens, iſt die Macht nicht in
unſere Hände gegeben? Ein Zucken meiner Hand und wenigſtens Einer von Euch lebt nicht mehr! Wozu habt Ihr denn den Schweiß des Volkes in Perlen und Edelſteine ver⸗ wandelt, wenn ein Fingerdruck Euch den Würmern überliefert, vor denen Ihr uns armen Teufeln gleich ſeid?— Aber ſammelt immerhin in Eure Kiſten und Schränke! Ihr müht Euch nur für Uns und bald wird die Zeit kommen, wo das in den Staub ge⸗ tretene Volk ſeine Anſprüche geltend macht an die Erbſchaft, die Ihr ihm ſo lange mit
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Pfiffen und Ränken vorenthalten habt! Noch eine kurze Weile und Ihr werdet umſonſt
Euch vor Euren Sklaven im Staube winden und vergebens um Friſt zum letzten Gebete
flehen!“—„Dumme Geſellen,“ ſprach er bald nachher vor ſich hin,„mit den Schellen Eurer Narrenkappe läutet Ihr hin auf Eure Wege: aber wißt Ihr nicht, daß der Wahn⸗ witzige ſein Vermögen nicht verſchleudern darf, daß man ihn unter Aufſicht ſtellt und, wenn
kein Verwandter rechtmäßige Anſprüche auf
ſeine Reichthümer erhebt, dieſe dem Gemein⸗ wohl anheimfallen? Wir, die Volksmaſſe, ſind Eure einzig rechtmäßigen Erben und wollen uns nicht länger gutmüthig um unſer Eigenthum von Raſenden betrügen laſſen.!“
Unter dieſem Selbſtgeſpräche hatte Paul die Fiſcherhütte erreicht und trat gebückt mit ſeiner Beute unter das niedrige Dach. Die nackten Lehmwände des elenden Hauſes hielten faſt nirgends mehr dicht und man hatte die Riſſe hie und da ſpärlich mit Feldſteinen, Erde und Heu verſtopft. In dem einzigen Fenſter an der linken Seite des Zimmers waren nur wenige blinde Scheiben noch er⸗ halten, die mangelnden hatte man durch Holz und Papier erſetzt. Die Diele beſtand aus hartgetretenem Erdboden und das Dach war dürftig aus Röhricht und Stroh zuſammen⸗ geflochten. Ein Schornſtein fehlte ganz und der dicke Rauch qualmte aus vielen Löchern in der obern Hälfte der Mauern. In der NMitte des Zimmers brannte ein helles Feuer, um das eine zahlreiche Familie zuſammenhockte. In der einen Ecke des Zimmers ſtand ein ſargähnlicher Kaſten, in dem ein nacktes todtes Kind auf einigen welken Blättern und etwas Heu gebettet lag. Ein blaſſes Weib ſaß ſtill weinend an der Bahre und betrachtete ſchweigend ihr todtes Kleines, indeß ein un⸗ ſäglicher Schmerz über ihr Geſicht ver⸗ breitet war.
Als Paul eintrat, ſtellte er ſeine Flinte an die Wand und warf das Wild auf den Fußboden.„Wo iſt mein Abendbrod?“ fragte er mit' barſcher Stimme ſein Weib,


